Regionaler Verlauf der Weltfinanzkrise

Europa Europäische Union

Infolge der Finanzkrise ab 2007 verstießen im Dezember 2008 fünf Mitgliedsstaaten gegen den Stabilitäts- und Wachstumspakt, ebenso wie das Vereinigte Königreich. Für die Mitgliedsstaaten Litauen, Lettland und Frankreich wird 2009 ebenfalls mit dem Überschreiten des Maastricht-Kriteriums der Neuverschuldung von 3 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes gerechnet.Thorsten Denkler: Steinbrück gegen den Rest der Welt: Der Bad Guy im Recht, sueddeutsche.de, 11. Dezember 2008. Ähnliches erwartet Deutschlands Finanzminister, der mit einer Staatsverschuldung von 4 % rechnet. sueddeutsche.de, 14. Januar 2009. Die Prognosen der EU sehen für die EU/Eurozone für 2009 im Wirtschaftswachstum ein Minus von durchschnittlich 4 %, für 2010 von 0,1 %.Prognose der EU vom 3. November 2008: Für Deutschland, Frankreich und Italien 2009 ist mit einem Nullwachstum zu rechnen, während in England, Irland und Spanien sogar eine negative Zahl erwartet wird. Genaue Zahlen siehe im Artikel Wirtschaftswachstum: Europa.

Die Europäische Zentralbank senkte zum 12. November 2008 den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 3,25 %,EZB: Monetary policy decisions. 6. November 2008. am 4. Dezember auf 2,5 %,EZB: Monetary policy decisions, 4. Dezember 2008. am 15. Januar 2009 auf 2,0 %,EZB: Geldpolitische Beschlüsse, 15. Januar 2009. am 2. April 2009 von 1,5 % auf 1,25 %EZB: Geldpolitische Beschlüsse, 2. April 2009. und am 7. Mai 2009 auf 1,0 %.EZB: Geldpolitische Beschlüsse, 7. Mai 2009.

EZB-Präsident Trichet verkündete am 7. Mai neben der Zinssenkung auch einige „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahmen: So wird die EZB ab dem 23. Juni den Geschäftsbanken Tender mit einer Laufzeit von zwölf Monaten (statt bisher maximal sechs) anbieten. Zudem stellte Trichet den Kauf von gedeckten Schuldverschreibungen (etwa Pfandbriefe), die in Euro denominiert sind, über 60 Mrd. EUR in Aussicht. Details dazu würden nach der Ratssitzung am 4. Juni veröffentlicht. Die Europäische Investitionsbank (EIB) werde ab dem 8. Juli als Gegenpartei bei Refinanzierungsgeschäften mit der EZB zugelassen. Damit solle diese in die Lage versetzt werden, sich leichter zu finanzieren, um so europäische Unternehmen besser mit Krediten versorgen zu können. Trichet unterstrich, dies sei keine „quantitative Lockerung“, sondern eher ein „credit easing“; alle Entscheidungen seien im EZB-Rat einstimmig gefallen.

Insgesamt genehmigte die Europäische Union von Oktober 2008 bis Mitte Juli 2009 staatliche Garantien für bedrohte Banken im Umfang von 2,9 Billionen Euro (ohne Staatsgarantien, die bereits in Anspruch genommen wurden), das waren 31,2 % der damaligen Wirtschaftsleistung aller 27 Mitgliedsstaaten. Die höchsten Stützungen gemessen am Bruttonationalprodukt hatten dabei Dänemark (259,4 %) und Irland (231,8 %). Österreich lag mit 32,8 % knapp über, Deutschland mit 24,4 % unter dem EU-27-Durchschnitt.

Benelux Am 28. September 2008 wurde bekannt, dass die Regierungen der Benelux-Staaten – Belgien, Luxemburg und die Niederlande – den Finanzdienstleister Fortis mit 11,2 Milliarden Euro stützen.Benelux-Staaten retten Finanzriesen Fortis mit Milliardenspritze, Spiegel Online, 28. September 2008 (abgerufen am 1. Mai 2009). Zwei Tage später griff die belgische Regierung zusammen mit Luxemburg und Frankreich erneut ein, um die drohende Schieflage von Dexia mit einer Kapitalerhöhung von 6,4 Milliarden Euro zu verhindern.Finanzkrise in Belgien: Dexia Bank bekommt staatliche Hilfe, Spiegel Online, 30. September 2008 (abgerufen am 1. Mai 2009). Im Februar 2009 musste Dexia einen Verlust von rund 3,3 Milliarden Euro für 2008 melden. Im Dezember 2009 verkaufte die Dexia ihre Lebensversicherungsparte „Dexia Epargne Pension“ an die BNP Paribas.Dexia trennt sich von Lebensversicherung. Luxemburger Wort Als Folge der Finanzkrise gab Dexia am 10. Oktober 2011 ihre Aufspaltung bekannt, gleichzeitig wurden 95 Milliarden Euro an riskanten Wertpapieren in eine Bad Bank ausgelagert. Belgien, Luxemburg und Frankreich gaben im Zuge der Auflösung eine Staatsgarantie in Höhe von 90 Milliarden Euro. RTL - 13. März 2009, 12:36 - Fir d'lescht aktualiséiert: 19. März 2009, 09:15.

Nach ernsten finanziellen Problemen im Jahr 2008 wurde die belgische Großbank KBC Group mit 7 Milliarden Euro von Belgien und der flämischen Regierung gerettet.KBC: rembourse par anticipation une nouvelle tranche d’aide publique. Boursier.com vom 8. Januar 2014

Am 3. Oktober 2008 übernahm die niederländische Regierung (Kabinett Balkenende IV) für weitere 16,8 Milliarden Euro die restlichen 100 Prozent der niederländischen Bank- und Versicherungsaktivitäten von Fortis einschließlich des Anteils an ABN AMRO, nachdem zahlreiche Großkunden ihr Geld trotz der ersten Rettungsmaßnahme abgezogen hatten und die Fortis-Gruppe im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust von zirka 22 Milliarden Euro angehäuft hatte. Die französische BNP Paribas übernahm am 6. Oktober 2008 75 Prozent des belgisch-luxemburgischen Teils der Fortis-Gruppe für 14,5 Milliarden Euro.

Am 19. Oktober 2008 musste die ING Groep ebenfalls Staatshilfen im Volumen von 10 Milliarden Euro in Anspruch nehmen; diese wurden von der Niederländischen Regierung zur Verfügung gestellt. Zusätzlich übernahm die Niederlande 80 % des Immobilienkreditportfolios der ING im Gesamtwert von 28 Milliarden Euro.ING Groep

Der niederländische Ministerpräsident Balkenende gab am 13. Oktober 2008 bekannt, „eine beachtliche Summe“ zu investieren, „mit der das Vertrauen in das Finanzsystem gestärkt und der Geldfluss wieder belebt werden soll“. Die niederländische Regierung wolle eine Bürgschaft bis zu 200 Milliarden Euro übernehmen, die für Kredite der Banken untereinander vorgesehen sind. Der niederländische Staat investierte im Jahr 2008 etwa 85,4 Milliarden Euro zur Stabilisierung des Finanzsystems.www.minfin.nl

Im Februar 2013 wurde das niederländische Finanzunternehmen SNS Reaal wegen Systemrelevanz für 3,7 Milliarden Euro verstaatlicht. Es war bereits 2008 vom Staat gestützt worden.faz.net 1. Februar 2013 „Niederlande verstaatlichen Finanzkonzern SNS Reaal“

Dänemark Die Dänische Nationalbank änderte ihren Diskontsatz für die Dänische Krone von 4,5 % auf 0,75 % (Januar 2010).nationalbanken.dk

Deutschland 2007 mini|hochkant=1.3|Verlauf des Auftragseingang der deutschen Industrie seit 1952 Die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten und der Liquiditätsengpass des Marktes mit forderungsbesicherten Wertpapieren brachten im Jahre 2007 die IKB Deutsche Industriebank und Sachsen LB in existenzbedrohende Krisen, da sie ihre angekauften Forderungen nicht mehr im Geldmarkt refinanzieren konnten. Die BayernLB und WestLB. tagesschau.de, 7. Februar 2008 (abgerufen am 3. April 2009). mussten wegen fehlender Marktwerte Milliardenbelastungen verbuchen. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank verfügten die „Finanziellen Kapitalgesellschaften“ 2007 insgesamt über ein Geldvermögen von 9.387,4 Milliarden Euro, dem Verbindlichkeiten in Höhe von 9.267,7 Milliarden Euro gegenüberstanden, so dass ein Nettogeldvermögen (Geldvermögen abzüglich Verbindlichkeiten) von 119,8 Milliarden Euro verblieb. Dabei hatten die „Monetären Finanzinstitute“ (Kreditinstitute, Bausparkassen, Geldmarktfonds) ein Nettogeldvermögen von 226,3 Milliarden Euro mit einem Geldvermögen insgesamt von 6.686,5 Milliarden Euro, während „Sonstige Finanzinstitute“ (z. B. Investmentfonds) und „Versicherungen“ negative Nettogeldvermögen (−29,8 Milliarden Euro und −76,8 Milliarden Euro) aufwiesen.Deutsche Bundesbank: Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung für Deutschland 1991 bis 2007. Sonderveröffentlichung, 4. Juni 2008.

2008 Auch private deutsche Banken wie die Deutsche Bank mussten Abschreibungen in erheblicher Höhe vornehmen.. reuters.de, 1. April 2008 (abgerufen am 3. Mai 2009). Der Referenzzinssatz Euribor lag zeitweilig deutlich über den Refinanzierungssätzen der EZB. Die EZB steuerte dem mit einer erhöhten Liquiditätsbereitstellung auf dem Geldmarkt entgegen, indem sie den Banken über kurzfristige Refinanzierungstender bis zu 258 Mrd. € zur Verfügung stellte.

Am 27. Juni 2008 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Begrenzung der mit Finanzinvestitionen verbundenen Risiken. Es regelt die Gestaltung von Kredit- und Sicherungsverträgen und die Abtretung von Kreditforderungen.

Die BaFin untersagte Mitte September 2008 ungedeckte Leerverkäufe von Aktien für elf Unternehmen der Finanzwirtschaft (Deutsche Bank, Commerzbank, Allianz SE, Deutsche Börse, Münchener Rück, Hannover Rück, Hypo Real Estate, AMB Generali, Aareal Bank, Postbank, MLP AG) – zunächst begrenzt bis zum 31. Dezember 2008. (abgerufen am 3. Mai 2009). Das Verbot der BaFin bezog sich nur auf Leerverkäufe, die nicht durch eine Wertpapierleihe gedeckt sind. Später verlängerte die BaFin diese Maßnahme zunächst bis Ende März 2009 und dann bis Ende Mai 2009.Bafin verbietet Leerverkäufe noch länger. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. März 2009, S. 21.siehe auch Ein Leerverkaufsverbot, das fast nichts verbietet, FAZ 19. Mai 2010

Ende September 2008 drohte der Hypo Real Estate (HRE) die Insolvenz wegen Refinanzierungsschwierigkeiten der irischen Tochter Depfa am Interbankenmarkt.Dax-Konzern Hypo Real Estate kämpft ums Überleben. Spiegel Online, 28. September 2008. Abgerufen am 3. Mai 2009.Finanzkonsortium stützt Hypo Real Estate mit Milliardenkredit. Spiegel Online, 29. September 2008 (abgerufen am 3. Mai 2009). Zunächst hieß es, für Ausfälle bis 14 Milliarden Euro werde der deutsche Staat zu 40 Prozent und der Bankenverband zu 60 Prozent bürgen. Für weitere 21 Milliarden Euro bürge allein der Staat. Später wurde bekannt, dass die Hypo Real Estate einen größeren Finanzierungsbedarf hatte als zunächst angenommen. tagesschau.de, 5. Oktober 2008. Abgerufen am 3. Mai 2009. Ein Krisengipfel am 5. Oktober 2008 zwischen Bundesregierung und Finanzindustrie führte zu einer Aufstockung des Paketes um weitere 15 Milliarden Euro.Bund und Finanzbranche erreichen Einigung – 15 Milliarden Euro mehr Kredit für HRE. tagesschau.de, 6. Oktober 2008.

Am 5. Oktober 2008 gaben Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück eine Garantieerklärung für die Spareinlagen in Deutschland ab. Die Garantie gilt für jedes Institut und für jeden Sparer eines Institutes, das Teil der deutschen Einlagensicherung ist.Merkel und Steinbrück im Wortlaut: "Die Spareinlagen sind sicher", spiegel.de

Am 9. Oktober 2008 gab Steinbrück bekannt, dass der Börsengang der Deutschen Bahn wegen der Unsicherheiten auf den Finanzmärkten verschoben werde.

Der IWF prognostizierte Anfang November 2008 für 2009, dass in Deutschland die Wirtschaftsleistung gemessen am Bruttoinlandsprodukt um preisbereinigt 0,8 Prozent zurückgehen werde.IWF: Deutsche Wirtschaft schrumpft 2009. FAZ.net vom 6. November 2008. Im Oktober 2008 hatte der Währungsfonds noch für Deutschland eine Veränderungsrate von 0,0 Prozent erwartet.Bericht des IWF. Abgerufen am 6. November 2008. Im Januar 2009 wurde im Jahreswirtschaftsbericht 2009 für 2009 für Deutschland ein Schrumpfen des BIP von 2,25 % prognostiziert. S. 11.

Das Kabinett Merkel I reagierte auf den Konjunkturabschwung mit einem Konjunkturprogramm und anderen Maßnahmen: