Emil Nikolaus Joseph, Freiherr von Reznicek (* 4. Mai 1860 in Wien, Kaisertum Österreich; † 2. August 1945 in Berlin) war ein österreichisch-deutscher Dirigent, Hofkapellmeister, Hochschullehrer und Komponist. mini|rahmenlos

Familie Emil Nikolaus von Reznicek entstammte einer böhmischen Familie aus dem Berauner Kreis. Sein Großvater war der Militärkapellmeister und Komponist Josef Resnitschek (1788–1848). Sein Vater war der k.u.k. Feldmarschallleutnant Josef Reznicek (1812–1887), der am 4. Januar 1853 in Wien in den österreichischen Ritterstand und am 2. Januar 1860 mit Diplom vom 1. Februar 1860 in Wien in den österreichischen Freiherrnstand erhoben worden war.Genealogisches Handbuch des Adels, Adelslexikon Band XI, Seite 366, Band 122 der Gesamtreihe. C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 2000, Seine Mutter, Clarisse Fürstin Ghica-Budesti (1837–1864), entstammte dem rumänischen Hochadel.Emil Nikolaus zum 80. Geburtstag vonreznicek.de Emil Nikolaus von Reznicek war ein Halbbruder des Malers Ferdinand von Rezniček (1868–1909) und Vater der Journalistin, Schriftstellerin und deutschen Widerstandskämpferin Felicitas von Reznicek (1904–1997) sowie Adoptivvater des Sportjournalisten Burghard von Reznicek (1896–1971), Sohn seiner Ehefrau Bertha aus deren erster Ehe.

Leben Wien mini|Standort des Geburtshauses von Reznicek in der Wiener Josefstadt, Buchfeldgasse 19, Ecke Florianigasse Reznicek wuchs in materiell sorglosen Umständen auf. Gleichwohl erlebte er laut eigener Erinnerung eine schwierige Jugend, als er nach dem frühen Tod seiner Mutter mit der Stiefmutter nicht zurechtkam. Zeitweise wurde er in Internate abgeschoben. In dieser Situation fand er früh zur Musik, die ihm eine existentielle Notwendigkeit wurde. Ab dem elften Lebensjahr erhielt er Klavierunterricht, der sich an den Wiener Klassikern orientierte. 1873 machte ihn sein Onkel Eugen Ghika mit der Musik Richard Wagners vertraut. Johannes Brahms wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn ein, nach dem Stimmbruch dem Singverein beizutreten. Dazu kam es nicht, da die Familie 1874 nach Graz übersiedelte.

Graz In Graz erhielt von Reznicek ersten Tonsatzunterricht durch Wilhelm Treiber. In dieser Zeit entstanden die ersten Kompositionen. Seine Matura machte Reznicek 1878 in Marburg an der Drau. Nachdem er für militäruntauglich gemustert worden war, schlug der Vater eine Karriere im Diplomatischen Dienst vor. Reznicek studierte darum ab 1878 Jura an der Universität Graz. Zugleich erhielt er eine musikalische Ausbildung (1878–1881) in Graz bei Wilhelm Mayer (W. A. Rémy), der auch der Lehrer von Wilhelm Kienzl, Felix Weingartner, Ferruccio Busoni und Richard Heuberger war.

Leipzig und weitere Stationen Nachdem er, womöglich absichtlich, durch die erste Juraprüfung gefallen war, gab der Vater seinen Widerstand auf und erlaubte die Komponistenlaufbahn. Gemäß Mayers Rat beendete er sein Studium (1881/82) am Leipziger Konservatorium unter Carl Reinecke und Salomon Jadassohn.Abschlusszeugnis 9. Juni 1882 In der Saison 1883/84 war er Hospitant am Theater Graz bei Alfred Skraup. Damals heiratete er seine erste Ehefrau Milka von Thurn-Valsassina (1864–1897). Danach war er Theaterkapellmeister in Zürich, Stettin, Jena, Bochum und Berlin (1884/1886). Durch sein Engagement am Sommertheater in Stettin verlor er einen großen Teil seines mütterlichen Erbes: fortan war er darauf angewiesen, aus eigenen Einkünften zu leben. In Mainz war er 1886/87 sehr erfolgreicher zweiter Kapellmeister neben Ernst Steinbach. Die Jahre 1887 bis 1895 lebte er in Prag, zunächst als Komponist für das Deutsche Theater unter Angelo Neumann, danach als Militärkapellmeister des Infanterieregiments Nr. 88. In dieser Stellung wurde er nach einem Duell entlassen. Während er auf neue Zivilkleider wartete, schrieb er (1892/1893) die Oper Donna Diana, deren Uraufführung in Prag 1894 zu seinem entscheidenden Durchbruch als Komponist führte. mini|Berliner Gedenktafel am Haus Knesebeckstraße 32, in Berlin-Charlottenburg

Nachdem er sich 1895 zunächst in Weimar als Kapellmeister um die Nachfolge Eduard Lassens bemüht hatte, verbrachte er ein Jahr als Privatier in Leipzig.Landesarchiv Berlin, Beschlussvorlage zur Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung Charlottenburg, 27. Mai 1904

Mannheim Von 1896 bis 1899 war er Hofkapellmeister am Theater in Mannheim. Das Angebot, als Chefdirigent der Metropolitan Opera und des Symphonieorchesters nach New York City zu gehen, lehnte er ab. Im Sommer 1897 wurde er Witwer; lernte aber relativ schnell seine zweite Ehefrau Berta Juillerat-Chasseur (1874–1939) kennen, deren Vater damals Herausgeber des Mannheimer Morgens war. Der Umstand, dass Berta mütterlicherseits jüdischer Abstammung war, sollte die Familie nach 1933 in große Bedrängnis bringen.

Als Reznicek seine künftige Frau Berta kennenlernte, lebte diese zwar schon von ihrem ersten Ehemann, dem Kunstmaler Edgar Meyer getrennt, war aber noch nicht geschieden. Dass das junge Paar dennoch offen zusammenlebte, war für jene Zeit ein Skandal, zumal als 1898 der gemeinsame Sohn Emil-Ludwig (1898–1940) unehelich zur Welt kam.Stadtarchiv Mannheim: Familienbögen Juillerat-Chasseur und Reznicek Reznicek wurde danach aus seiner Mannheimer Stellung weggemobbt.

Wiesbaden 1899 konnte er Berta heiraten und das Paar zog nach Wiesbaden (1899–1902). Im Kaiserreich sollte Reznicek nie wieder eine seinen Fähigkeiten angemessene öffentliche Anstellung erhalten. Seine Mannheimer Erlebnisse indes verarbeitete er in seiner Volksoper Till Eulenspiegel, die Felix Mottl 1902 in Karlsruhe zur Uraufführung brachte und die eine Abrechnung mit der (spieß-)bürgerlichen Gesellschaft der Wilhelminischen Zeit ist.

Berlin Als sich 1903 eine Aufführung des Werkes an der Königlichen Oper in Berlin abzeichnete, übersiedelte die Familie in das damals noch selbständige Charlottenburg bei Berlin, wo Reznicek bis zu seinem Tode 1945 leben sollte. 1904 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, hauptsächlich um seinem ältesten Sohn Eugen zu ermöglichen, als Seekadett in die deutsche Marine einzutreten.

Trotz anfänglicher Erfolge mit Till Eulenspiegel und der von Felix Weingartner uraufgeführten Tragischen Sinfonie hatte Reznicek zunächst Schwierigkeiten, sich in Berlin als Komponist durchzusetzen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil er bewusst darauf verzichtete, seine adelige Herkunft zu nutzen und sich mit der Vertonung von Liedtexten aus der Sammlung der Lieder aus dem Rinnstein sogar bewusst linksliberal positionierte. In der ersten Zeit unterrichtete er Komposition am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium; zudem veranstaltete er (damals eine Novität) Kammermusikkonzerte, bei denen er vorklassische Musik mit (damals) moderner Musik für Streichorchester zur Aufführung brachte. In den Jahren 1906–1908 wirkte er als erster Gastdirigent an der Nationalphilharmonie und an der Oper Warschau. Daran schloss sich von 1909 bis 1911 die Zeit als Erster Kapellmeister an der Komischen Oper des Hans Gregor an der Weidendammer Brücke in Berlin (nicht zu verwechseln mit der heutigen Komischen Oper in der Behrenstraße) an. Diese Tätigkeit endete, als Hans Gregor 1911 zum Intendanten der Wiener Hofoper berufen wurde. Etwa zur gleichen Zeit musste sich Rezniceks zweite Ehefrau einer gefährlichen Operation unterziehen und schwebte mehrere Monate in Lebensgefahr. Reznicek verarbeitete dieses Erlebnis in seiner Sinfonischen Dichtung Der Schlemihl, mit der seine zweite Schaffensphase, die bis 1935 andauerte, begann. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hatte auch Hans Conrad Bodmer, der in dieser Zeit erst Rezniceks Schüler, dann dessen Freund und schließlich dessen Mäzen wurde, der Reznicek ein freies Schaffen ohne Kapellmeisterpflichten ermöglichte.In ihren ungedruckten Memoiren Ich war dabei berichtet Felicitas von Reznicek, dass E. N. eine monatliche Zuwendung erhielt und Bodmer überdies vielfach den Druck seiner Werke vorfinanzierte. Bei Kriegsausbruch 1914 ließ Reznicek sich nicht von dem allgemeinen Hurra-Patriotismus anstecken, sondern komponierte mit In memoriam eine Art überkonfessionelles Requiem für die Gefallenen. 1915/1916 schließlich schuf er sein Hauptwerk mit der Oper Ritter Blaubart nach dem gleichnamigen Skandalstück von Herbert Eulenberg. Reznicek folgt darin einer expressionistischen Dramaturgie, in der sich einerseits seine Erfahrungen mit dem Regietheater Hans Gregors niederschlägt, andererseits ergreift er Partei für die Figur des Blaubart, den er ganz modern als Triebtäter und damit Opfer und Täter zugleich zeichnet. Die Uraufführung wurde durch die Kriegszensur verboten und konnte erst 1920 nachgeholt werden. Mit der Premiere des Blaubart in Darmstadt wandelte sich dann allerdings auch die öffentliche Wahrnehmung Rezniceks: aus dem Donna Diana-Komponisten wurde der Blaubart-Komponist, der neben Richard Strauss und Hans Pfitzner als bedeutendster deutscher Komponist der 1860er Generation gehandelt wurde.Z. B. Alfred Einstein: Reznicek. In: Riemann-Musiklexikon, 11. Auflage 1929 Dem folgte auch die öffentliche Anerkennung: Bereits 1920 wurde er Mitglied, später Senator der Preußischen Akademie der Künste. Das Angebot, Direktor der Hochschule der Künste in Berlin zu werden, lehnte er zwar ab (und machte so den Weg frei für Franz Schreker), übernahm aber von 1920 bis 1926 dort eine Honorarprofessur für Instrumentation. Schon seit 1917 war er Mitglied im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Musikvereins und als Mitglied des Werkprüfungsausschusses an der Programmierung der jährlichen Tonkünstlerfeste maßgeblich beteiligt. Auch sonstige öffentliche Auszeichnungen wurden ihm nun zuteil; seine Uraufführungen in der überregionalen Presse regelmäßig besprochen. Einen überragenden Publikumserfolg erzielte er noch einmal 1930 mit dem Einakter Spiel oder Ernst, der als beste Kurzoper seit Eugen d’Alberts Die Abreise galt und de facto an allen deutschen Bühnen gespielt wurde.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 bedeutete einen tiefen Einschnitt in das Leben der Familie, insofern nunmehr die jüdische Abstammung seiner Ehefrau, die Reznicek nie verleugnet hatte, zum Problem wurde. Das betraf zunächst seinen Sohn Emil-Ludwig, der als Staatsbeamter unmittelbar vom Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 betroffen war. Ein „Nachweis der arischen Abstammung“ gelang erst 1936, als Felicitas von Reznicek gefälschte Dokumente aus der Schweiz besorgt hatte, die der jüdischen Großmutter eine christliche Abstammung bescheinigten. Zu den Unbegreiflichkeiten des Vorganges gehört, dass Emil-Ludwig selbst seit 1930 ein Mitglied der NSDAP, der SA und später der SS geworden war, was, als er dies 1933 vor der Familie offenbarte, beinahe zum Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn geführt hätte.

Einen ganz anderen Weg beschritt Felicitas von Reznicek, die 1933 versuchte, in die Schweiz zu emigrieren. Da sie dort keine Arbeitserlaubnis bekam, musste sie notgedrungen nach Berlin zurückkehren, wo sie sich Ende 1933 dem beginnenden Widerstand um Rudolf Pechel anschloss (Im Jahre 1940 wurde sie dann im vollen Bewusstsein des Hochverrates auch Agentin des britischen Geheimdienstes). Am meisten litt unter dieser Entwicklung Rezniceks Frau Berta, die einen Suizidversuch unternahm, dessen Gelingen gerade noch verhindert werden konnte. Danach zog sie sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück und verfiel in schwere Depressionen, auf die ihre Tochter ihren frühen Herztod 1939 zurückführt. Reznicek selbst versuchte, seine Familie zu schützen, indem er in den von Richard Strauss initiierten Ständigen Rat für internationale Zusammenarbeit der Komponisten eintrat.