mini|Rafi Pitts (2007) Rafi Pitts (* 1967 in Maschhad) ist ein britisch-iranischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er zählt zu den renommiertesten Vertretern des aktuellen iranischen Kinosvgl. Kurzprofil zur Berlinale 2009 bei berlinale.de (aufgerufen am 6. Februar 2010). und seine Filme wurden mit einer Vielzahl an internationalen Festivalpreisen bedacht. Obwohl Pitts im Ausland studierte und arbeitete, kehrte er für seine Regiearbeiten immer wieder in den Iran zurück. Als „Chronist der Krisen“ betitelt, sind seine Filme autobiografisch gefärbt und gekennzeichnet durch starke Frauenfiguren, während die Männer oft als Zauderer oder Fliehende dargestellt werden.

Biografie Kindheit und Ausbildung Rafi Pitts wurde 1967 im Iran in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Sein Vater stammt aus England und war Maler, seine Mutter Malak Khazaivgl. Frodon, Jean-Michel: Rafi Pitts, cinéaste, réalisateur de Sanam. In: Le Monde, 3. Mai 2001 (aufgerufen am 31. Januar 2010 via LexisNexis Wirtschaft). ist Iranerin und von Beruf Szenenbildnerin.vgl. Frois, Emmanuelle: 'Cinquième Saison' : Rafi Pitts, retour au pays. In: Le Figaro, 7. Januar 1998 (aufgerufen am 30. Dezember 2010 via LexisNexis Wirtschaft). Pitts’ Eltern hatten sich in London kennengelernt, wo seine Mutter ein Stipendium an der Slade School of Arts erhalten hatte.vgl. Azoury, Philippe; Séguret, Olivier: 'D'abord des individus, ensuite des pays' . In: Libération, 2. Mai 2001, Nr. 6208, S. 32. Beide übersiedelten später in den Iran. Seine Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war, woraufhin sein Vater den Iran verließ. Pitts wuchs daraufhin bei seiner Mutter in Teheran auf, zu der er laut eigener Aussage aufgrund des geringen Altersunterschieds von 17 Jahren eine enge, geschwisterliche Bindung empfand.

Im Alter von acht Jahren erhielt er seine erste Filmrolle in dem neorealistischen iranischen Film The Nightingale, was ihm einen Fußball, einen Hund und ein Fahrrad als selbst ausgehandelte Gage einbrachte. Obwohl er negative Erinnerungen mit seinem ersten Auftrag verband,vgl. Dupont, Joan: An Iranian Toys With the Limits of Film. In: International Herald Tribune, 19. Dezember 2000, S. 22. erschien er bis zu seinem zwölften Lebensjahr in drei weiteren Filmen. Auch bezog die Familie eine Wohnung unter einem Schneideraum, woraufhin die dort arbeitenden Filmeditoren gelegentlich auf den Jungen aufpassten und ihn mit von Zensoren beanstandeten Filmmaterial spielen ließen.vgl. Nicodemus, Katja: Der Mann, der zurückschlägt. In: Die Zeit, 21. Januar 2010, Ausg. 4, S. 48. Früh machte Pitts die Bekanntschaft mit vielen iranischen Filmemachern, darunter Abbas Kiarostami, den er als einen seiner Lehrer betrachtet.vgl. Baudin, Brigitte: Cinéma : Le cinéaste iranien présente 'Sanam', son deuxième film. In: Le Figaro, 4. Mai 2001 (aufgerufen am 31. Januar 2010 via LexisNexis Wirtschaft).

Nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 verließ Pitts gemeinsam mit seiner Mutter den Iran (anderen Angaben zufolge bereits 1978)vgl. bei berlinale.de, 2006 (aufgerufen am 30. Dezember 2010). und sie emigrierten über Paris nach London. Er besuchte fortan in England die Schule, wo er dreisprachig erzogen wurde. Obwohl er seine Ausbildung ursprünglich als Editor begonnen hatte, studierte Pitts später am Londoner Harrow College of the Polytechnic Film und Kamera. Danach war er als Requisiteur bei Theaterregisseur Peter Brook beschäftigt.

Erste Kurzfilme und Spielfilmarbeiten Aufgrund der besseren Berufsaussichten im Filmgeschäft übersiedelte Pitts im Jahr 1991 nach Frankreich. Dort war er als Line Producer an dem Kompilationsfilm Amnesty International – Schreiben gegen das Vergessen (1991) beteiligt, der anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Menschenrechtsorganisation unter Mitwirkung von so bekannten Künstlern wie Patrice Chéreau, Jacques Doillon, Jean-Luc Godard, Alain Resnais und Bertrand Tavernier entstand.vgl. bei arte.tv, 6. Dezember 2006 (aufgerufen am 30. Dezember 2010). Im selben Jahr assistierte er bei den Dreharbeiten zu Leos Carax’ preisgekrönten Spielfilm Die Liebenden von Pont-Neuf, ehe er mit In Exile (1991) seinen ersten eigenen Kurzfilm realisierte. Der elfminütige Streifen, für den Pitts auch das Drehbuch verfasst hatte, stellte einen im französischen Exil lebenden Schriftsteller in den Mittelpunkt.

Als „echte Erfahrung“ beschrieb Pitts die Zusammenarbeit mit Jacques Doillon, den er bei den Dreharbeiten zu seinem Spielfilm Le jeune Werther (1993) assistierte. Ein Jahr später machte er mit seinem 38-minütigen Kurzfilm Salandar (1994) erstmals international auf sich aufmerksam, der in Russland entstand. Die vor dem Hintergrund des Krieges im Mittleren Osten angesiedelte Geschichte um zwei Soldaten, die in der Wüste auf einen alten Mann treffen, brachte Pitts Preise auf dem San Francisco International Film Festival und dem französischen Entrevues Film Festival ein. An diesen Erfolg konnte er mit seinem Spielfilmdebüt Die fünfte Jahreszeit (1997) anknüpfen, für das er nach 17 Jahren wieder in den Iran zurückkehrte und das historische Dorf Abyaneh als Drehort aussuchte.

Pitts erzählt in seiner Gesellschaftskomödie von zwei verfeindeten Familien im iranischen Hinterland, die durch eine arrangierte Hochzeit besänftigt werden sollen. Am Hochzeitstag verweigert sich jedoch der Bräutigam seiner zukünftigen jungen Frau (gespielt von Roya Nonahali), woraufhin diese plant, die Familientradition zu wahren und sich an dem Busunternehmer zu rächen. Anfänglich mit Identitätsproblemen zu kämpfen und im Iran als Ausländer wahrgenommen, hatte Pitts nach einem universellen Thema für seinen ersten Spielfilm gesucht. „[...] ich finde, dass die im Film auftauchenden Konflikte zeitlos sind“, so Pitts. „Die weibliche Figur hat einen sehr starken Charakter, der typisch für die Persönlichkeit der iranischen Frau ist. Es ist eine Tatsache, entgegen der westlichen Vorstellungen über die Stellung der Frau im Iran. Sie ist es, die entscheidet und die Spannung zwischen den Sippen aufrecht hält. Sie hält die Familie fest und lenkt diese.“

Die fünfte Jahreszeit, verfilmt nach einem Roman von Bahram Bayzai, wurde Anfang September 1997 im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt und war die erste französisch-iranische Koproduktion seit der iranischen Revolution. Pitts’ Film wurde wohlwollend von westlichen Kritikern aufgenommen und gewann mehrere internationale Festivalpreise, darunter den Spezialpreis der Jury des Internationalen Filmfestivals von Mannheim-Heidelberg. In Deutschland, wo der Film zwei Jahre später in die Kinos kam, hob Hans Messias (film-dienst) die starken Frauenfiguren hervor, die, im Gegensatz zu den Männern, nicht nur die eigenen Positionen vertreten würden.Filmkritik von Hans Messias im film-dienst 05/1999 (aufgerufen am 31. Januar 2010 via Munzinger Online). Malte Hagener (die tageszeitung) lobte den Regisseur für den Bruch zahlreicher Stereotype und die Darstellung „eines Dorfkosmus, an dem die reaktionäre Moderne der Ajatollahs spurlos vorübergegangen ist“.Malte Hagener: Bewaffnet auf Kundenfang. In: die tageszeitung vom 29. April 1999, S. 2.

Seit seinem Spielfilmdebüt kehrte Pitts für seine Filme immer wieder in den Iran zurück („Weil meine Geschichten und Ideen aus diesem Land kommen und dorthin gehören. Und weil meine Filme dort gesehen werden sollen.“), wo er regelmäßig mit der Zensur zu kämpfen hat („Zensur ist unsere Sprache“). Schon Die fünfte Jahreszeit wurde nach einer erfolgreichen Startwoche aufgrund der „völlig ungehörig“ agierenden Heldin aus den heimischen Kinos verbannt. Später sollte ihm die finanzielle Unterstützung bei Dreharbeiten versagt und weitere Aufführungsbeschränkungen im Iran zuteilwerden. Im Jahr 2000 widmete sich Pitts mit Sanam seinem zweiten, autobiografisch geprägten Spielfilm, den er in Ahmad Abad, dem Dorf seines Großvaters, an der iranisch-afghanischen Grenze abdrehte. In dem Drama vertraute er erneut auf seine frühere Hauptdarstellerin Roya Nonahali, die als Witwe und allein erziehende Mutter zu sehen ist, deren Ehemann wegen angeblichen Viehdiebstahls erschossen wurde. Obwohl dessen Unschuld beteuernd, zieht sie mit ihrem traumatisierten Sohn zur Schwägerin, wo sie eine erneute Heirat abzuwägen beginnt. Von der französischen Tageszeitung Le Monde für seine grandiosen Landschaftsaufnahmen und seine „starke und flüssige Regie“ gelobt,vgl. Frodon, Jean-Michel: Sur le cheval noir de la vengeance. In: Le Monde, 3. Mai 2001 (aufgerufen am 31. Januar 2010 via LexisNexis Wirtschaft). gewann Pitts erneut mehrere Preise auf europäischen Filmfestivals, darunter den Hauptpreis des Filmfestivals von Paris.

„Chronist der Krisen“ 2003 begleitete Pitts für den Dokumentarfilm Abel Ferrara: Not Guilty den gleichnamigen US-amerikanischen Filmregisseur durch dessen Heimatstadt New York. Der Film entstand im Rahmen der Reihe Cinéma de notre temps des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE. Drei Jahre später legte Pitts mit It’s Winter seinen dritten Spielfilm vor, der 2006 eine Einladung in den Wettbewerb der 56. Internationalen Filmfestspiele von Berlin erhielt, aber unprämiert blieb. Das Drama basiert auf einem Roman von Mahmoud Dowlatabadi bedient sich jedoch als Leitmotiv eines melancholischen Gedichts von Mehdi Achawan Sales. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes aus einem Dorf im Umland von Teheran, der Frau und Kind verlässt, um sich als Arbeiter in der Fremde zu verdingen. Als Briefe und Geld monatelang ausbleiben, wird er für tot erklärt, woraufhin ein junger Fremder aus dem Norden erfolgreich um die Witwe wirbt. Das Glück ist jedoch nur von kurzer Dauer.

Pitts erklärte, bewusst seinen dritten Spielfilm aus der Sicht der Männer gedreht zu haben, während die Frauen wie in seinen vorangegangenen Werken unter schwierigen Bedingungen ihre Stärke beweisen.vgl. Kammerer, Dietmar: Lähmung hat das Land erfasst. In: die tageszeitung, 1. November 2007, S. 16. Fast zwei Jahre nach der Premiere auf der Berlinale kam der auf ein Ensemble aus Laiendarstellern vertrauende Film in kleiner Kopienzahl und untertitelt in die deutschen Kinos und erfuhr großes Lob seitens der Kritiker. Nach Hans-Jörg Rother (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hätte Pitts wie seine Landsleute Amir Naderi und Majid Majidi dem Thema des Neorealismus zu neuem Glanz verholfen und er würde wie manche seiner iranischen Kollegen, die bei herausragenden Filmemachern des früheren Ostblocks in die Schule gegangen sind, die Kunst der Verschlüsselung beherrschen.vgl. Rother, Hans-Jörg: Kunst der Verschlüsselung: „It's Winter“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Januar 2007, Nr. 253, S. 44. Dietmar Kammerer (die tageszeitung) interpretierte It’s Winter als direkten Gegenentwurf zum Kino seines Mentors Abbas Kiarostami. Wie sein Landsmann sei Pitts auch „ein Chronist der Krisen“, seine Figuren seien aber „existenzielle Fußgänger am Rande verschneiter Straßen“ oder in einem Labyrinth aus verwinkelten, menschenleeren Gassen, die den Kämpf längst aufgegeben hätten. mini|Pitts 2010 in Tokio|hochkant