mini|Joseph von Eichendorff Sehnsucht ist ein Gedicht von Joseph von Eichendorff. Es wurde 1834 in dem Roman „Dichter und ihre Gesellen“Schillbach und Schultz, S. 334, 21. Z.v.o. publiziert.

Struktur Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je acht Versen mit Kreuzreimen der Gestalt ababcdcd.Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. 2. Auflage. Francke, Tübingen 1993, ISBN 3-7720-2221-9, S. 573. Es handelt sich um verdoppelte Volksliedstrophen mit – gelegentlich zweisilbigem – Auftakt, durchgehend drei Hebungen pro Vers, freien Senkungsfüllungen und abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen.

Wortlaut mini|Ausgabe von 1864 mini|Ausgabe von 1864 Die Schreibung folgt der zitierten Textausgabe, S. 334, 21. Z.v.o.

Sehnsucht.

Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leib entbrennte, Da hab’ ich mir heimlich gedacht: Ach wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshang, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüften, Wo die Wälder rauschen so sacht, Von Quellen, die von den Klüften Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern, Von Gärten, die über'm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht, Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommernacht.

Interpretation In seiner sehr genauen Besprechung geht Seidlin an mehreren Stellen auf das MetrumSeidlin, S. 104, 9. Z.v.u.; S. 107, 18. Z.v.o. bis S. 108 unten ein. Des Weiteren wird der moderate Beleuchtungswechsel der Szenerie – von düsterer Waldesnacht über dämmernde Lauben zu vollem Mondenschein diskutiert.Seidlin, S. 105 unten Das Gedicht zerfalle in drei Teile – ein es-Gedicht (Vers 1), ein ich-Gedicht (Verse 2 bis 8) und ein sie-Gedicht (Verse 9 bis 24).Seidlin, S. 106 unten Adorno stellt Sehnsucht in das Zentrum seiner Eichendorff-Interpretation: „Dies Gedicht, unvergänglich wie nur eines aus Menschenhand, enthält kaum einen Zug, dem man nicht das Abgeleitete, Sekundäre vorrechnen könnte, aber jeder dieser Züge wandelt sich in Charakter durch die Fühlung mit dem nächsten. […] Sehnsucht mündet in sich als in ihr eigenes Ziel, so wie, in ihrer Unendlichkeit, der Transzendenz über alles Bestimmte, der Sehnsüchtige den eigenen Zustand erfährt; so wie Liebe stets so sehr der Liebe gilt wie der Geliebten.“Adorno, S. 131; 132 f. Frühwald zieht eine Parallele zu Goethes Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn. Zudem erinnere das Lob auf die Kunstheimat Italien an die Herzensergießungen. Fiametta, die Sängerin des oben zitierten Textes, singe mit nachtigallfarbener Stimme das Lied der Poesie. Das Lied entstehe in einem erfüllten Augenblick aus der Schau von Erinnerung und Gegenwart. Dabei sei das Lied die Bewegung des Herzens selbst. Die ein solches Lied singe, sage alle Kunst Eichendorffs. FreundFreund, S. 74–81: Der Traum von der metaphysischen Reise ins goldene Reich der Sterne sei ausgeträumt. Der poetische Mensch bleibe einsam am heimatlichen Fenster stehen, „unfähig, seine Enge zu verlassen“.

Vertonung Der Komponist Justus Wilhelm Lyra vertonte das Gedicht und veröffentlichte die Melodie 1843 in dem von ihm mitherausgegebenen Werk Deutsche Lieder nebst ihren Melodien, aus dem dann später das Allgemeine Deutsche Kommersbuch hervorging.

Ausgaben Zitierte Textausgabe Dichter und ihre Gesellen. Novelle. In: Brigitte Schillbach (Hrsg.), Hartwig Schultz (Hrsg.): Dichter und ihre Gesellen. Erzählungen II. In: Wolfgang Frühwald (Hrsg.), Brigitte Schillbach (Hrsg.), Hartwig Schultz (Hrsg.): Joseph von Eichendorff. Werke in fünf Bänden. Band 3. 1. Auflage. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-618-60130-1, S. 105–353; 904 Seiten.

Digitalisate Sehnsucht. In: Joseph von Eichendorff: Werke. Band 1. München 1970 ff., S. 66–67; Sehnsucht. In: Gedichte

Literatur

Helmut Motekat: Reife und Nachklang romantischer Weltfülle. Betrachtungen zu Joseph von Eichendorffs Gedicht ‚Sehnsucht‘. In: Blätter für Deutschlehrer, 4, 1956/1957, S. 97–103. Oskar Seidlin: Joseph von Eichendorff. Sehnsucht. In: Karl Hotz (Hrsg.): Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Interpretationen. 2. Auflage. C. C. Buchner, Bamberg 1990, S. 102–108; 311 Seiten. Entnommen aus: Oskar Seidlin: Versuche über Eichendorff. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, S. 54. Theodor W. Adorno: Zum Gedächtnis Eichendorffs. Vortrag 1957. In: Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1958 (BS 47). Neuauflage: 1969, S. 105–145. Wolfgang Frühwald: Die Poesie und der poetische Mensch. Zu Eichendorffs Gedicht ‚Sehnsucht‘. In: Wulf Segebrecht (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Band 3: Klassik und Romantik. Reclam UB 7892, Stuttgart 1984: Neuauflage: 1994, ISBN 3-15-007892-X, S. 380–393; 464 Seiten. Winfried Freund: Deutsche Lyrik. Interpretationen vom Barock bis zur Gegenwart. Wilhelm Fink Verlag, München 1990, ISBN 3-7705-2649-X; 224 Seiten. Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. 2. Auflage. Francke, Tübingen 1993, ISBN 3-7720-2221-9; 885 Seiten.Die erste Auflage erschien bei Hanser in München.

Weblinks

Von Justus Wilhelm Lyra vertonte Fassung. youtube.com (Interpret: Hermann Prey)

Einzelnachweise

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