Sozialraumorientierung (SRO) ist die Bezeichnung für eine bestimmte wissenschaftliche Ausgestaltung von Sozialer Arbeit. Dabei geht es darum, zusätzlich zu den Hilfen für die einzelnen Menschen andere Lebenswelten in der Stadt oder dem Dorf zu gestalten. Das Ziel sind Verhältnisse, in denen Menschen in schwierigen Lebenslagen besser zurechtkommen. Fachdiskussionen in diese Richtung werden seit Mitte der 1990er Jahre im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ und der Umorganisation der kommunalen Jugendhilfe in verschiedenen deutschen Städten geführt. Hinzugekommen sind Reformprojekte in der Eingliederungshilfe für mehr Inklusion und Dezentralisierung. Der Wille der Menschen steht bei der Umsetzung im Vordergrund.
Diese Theorie kombiniert psychologisches und pädagogisches Wissen aus der Fallarbeit mit soziologischem und ökonomischem Wissen über die Entwicklung von Organisationen. Im behördlichen Sinne meint Sozialraumorientierung dagegen hauptsächlich eine von Verwaltung und Politik bestimmte Raumeinteilung in Stadtteile oder Regionen, die häufig mit der Einrichtung von Sozialraumbudgets verbunden wird.
Wissenschaftliche Grundlagen Die Sozialraumorientierung der Sozialarbeit ist eine Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit, die in den 1970er Jahren erstmals aus grundlegenden Anfragen an institutionelle soziale Arbeit begann. Deren Grundmotiv besteht darin, dass die Ursachen von Armut und sozialer Ungerechtigkeit nur gemeinsam mit den Betroffenen bekämpft werden können. Außerdem knüpft das sozialraumorientierte Handlungskonzept an die von Hans Thiersch geprägte Lebensweltorientierung an, wonach auf klassische Einzelfallhilfe (Anamnese – Diagnose – Therapie) verzichtet wird. Zudem wird auf Sozialkapitalkonzepte von Pierre Bourdieu, James S. Coleman und Robert D. Putnam zurückgegriffen, wie auch auf die Bourdieu’sche Vorstellung des Sozialen Raumes und sozialökologische Erkenntnisse der frühen Chicagoer Schule. Sozialraumorientierung ist somit auch als Ent-Pädagogisierung und Ent-Therapeutisierung Sozialer Arbeit zu verstehen.Wolfgang Hinte: (PDF; 92 kB), auf amt-suedtondern.de
Sozialräume können verstanden werden als „relationale Anordnungen von Lebewesen und sozialen Gütern und Strukturen an bestimmten Orten, die dynamisch und interaktiv veränderbar sind“.
Sozialraumorientierung wurde seit Ende der 1980er Jahre zu einem bestimmenden Fachdiskurs, einerseits durch das Programm „Soziale Stadt“, andererseits durch die sozialräumlichen Umbauprozesse der kommunalen Jugendhilfe (z. B. in Stuttgart, Frankfurt/O., Nordfriesland, Rosenheim, Berlin). Mittlerweile gibt es auch Reformprojekte in der Eingliederungshilfe, die mit Inklusions- und Dezentralisierungskonzepten verbunden werden. Sie ist eine Folge kritischer Selbstvergewisserung Sozialer Arbeit, die man auch eine reflexive Theorie nennen könnte. Um die Jahrtausendwende wurde dieser Gedanke einer Veränderung der Dienstleistungsorganisation in der Stadtverwaltung von München wie auch Stuttgart aufgegriffen, um die Hilfen zur Erziehung flexibler zu gestalten. Unterschiedliche Fachlichkeitsvorstellungen sowie konkurrierende Einschätzungen der Machbarkeit führten zu diesem bis heute andauernden Diskurs.
Dabei werden als Möglichkeiten eine solide Analyse und konzeptionelle Grundentscheidungen innerhalb der kommunalen Verwaltung empfohlen mit dem Ziel, Strukturen, Formulare, Finanzierungsstränge und Qualifizierungsmaßnahmen zu verändern. Dies soll die Abteilungen, Paragraphen, Immobilien und Fälle als Leitmotive der Steuerung ablösen. Als strukturelle Grundlage zur Verwirklichung des Fachkonzeptes „Sozialraumorientierung“ könne dadurch Identifikation geschaffen, Geld sinnvoll verteilt, Ordnung hergestellt und Energie gebunden werden.
Auf theoretischer Ebene ist das eigentlich Neue der SRO ihr Ansatz über einzelne Disziplinen hinweg: Psychologisches und pädagogisches Wissen aus der Fallarbeit (Stärkemodell) wird mit soziologischem (Sozialkapitalmodell) und ökonomischem Wissen (Sozialraumbudget) sowie Wissen aus der Organisationsentwicklung (Flexibilisierung) und dem Organizing (fallunspezifische Arbeit) kombiniert. Mit dieser Verknüpfung soll der disziplinäre Reduktionismus der klassischen Arbeitsformen (Säulenmodell) überwunden werden.
Hierbei bildet der konsequente Bezug auf die Interessen und den Willen der MenschenWolfgang Hinte: Eigensinn und Lebensraum - zum Stand der Diskussion um das Fachkonzept ‚Sozialraumorientierung‘, in: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete (VHN), 1/2009, 78. Jg., S. 20–33, hier S. 24. den Kern des Handlungskonzeptes, dem die anderen Aspekte logisch folgen. Mit der Orientierung am Willen der Menschen, denen die Hilfe zukommen soll, wurde eine konzeptionelle Leitlinie entwickelt, mit der ein an Selbstbestimmung und Freiheit orientiertes Denken und Handeln begründet werden kann. Sozialraumorientierte Soziale Arbeit ist somit einerseits ein personenbezogenes Konzept, andererseits aber auch eines mit sozialökologischen und auf die Veränderung von Verhältnissen angelegten Zielen. Damit werden zwei verschiedene, aber elementare Handlungsansätzen der Sozialen Arbeit in das Konzept integriert.
Prinzipien Die sozialraumorientierten Arbeit ist eine entwickelte Perspektive, die verschiedene theoretische und methodische Blickrichtungen nutzt und weiterentwickelt. Sie dient als Fachkonzept für das Handeln in zahlreichen Feldern Sozialer ArbeitWolfgang Hinte: , S. 13 (PDF; 190 kB), auf fulda.de und wahrt dabei folgende Grundprinzipien: Orientierung am Willen der Menschen der von Wünschen beziehungsweise wissenschaftlich definierten Bedarfen abzugrenzen ist, so Wolfgang Budde und Frank Früchtel: (PDF; 16 kB) Aktivierende Arbeit vor betreuender Tätigkeit Aus eigener Kraft erreichbare Ziele, unter Verwendung personeller und sozialräumlicher Ressourcen Zielgruppen- und bereichsübergreifend arbeiten Vernetzung und Kooperation verschiedener Dienste Lebenswelten: subjektzentriert und lebensraumbezogen erkennen und fördern
mini|Grafische Darstellung des SONI Modells Durch die Selbstkonfrontation mit ihren nicht beabsichtigten Nebenwirkungen gewinnt die Soziale Arbeit neue Handlungsansätze. Kern sozialräumlicher Theorie ist folglich das Infragestellen etablierter Strukturmerkmale des Hilfesystems auf vier Ebenen, die im SONI-Modell dargestellt werden:
SONI-Modell der Sozialraumorientierung SONI-FelderBezugRisiko / KritikStrategie / FunktionRolle von SozialarbeiternMethodenSSozialstrukturKommunalpolitikIndividualisierung der HilfeInklusion durch Aktivierung und EinmischungSozialplaner, Lobbyist, OrganizerÖffentlichkeitsarbeit, Leserbriefe, Unterschriftenlisten, Storytelling, Beiräte, Bürgerbegehren, Lobbying, Wissensmanagement, aktivierende Befragung, OrganizingOOrganisationHilfesystemStandardisierung der HilfeReflexivität durch Form follows functionOrganisationsentwickler, EvaluatorFremdbilderkundung, Zielgruppen-Sampling, Sozialraumteams, Aufmerksamkeit ausrichten, Perspektivwechsler, Ideenkonferenz, provokative Operation, Inklusionsmanagement, Beschwerdemanagement, SozialraumbudgetierungNNetzwerkSozialer RaumDesozialisierung der HilfeResozialisierung der HilfeNetzwerkerAktivierende Beratung, Organisationen gewinnen, Sozialraumprojekte, One-to-Ones, Kompetenzkartierung, Ressourcenkartei, Cliquenraster, subjektive Landkarten, Weitwinkelscan, Nadelmethode, Village Storming, Organization MirrorIIndividuumLebensweltEntwertung durch HilfeAnerkennung durch das Stärkemodell des HelfensPerspektivwechsler, AnwaltHeimspiele, Familienrat, Ressourcencheck, Arbeit mit dem Willen, Eco-Mapping, Genogramm als Ressourcenfinder
Kritikfelder der Sozialraumorientierung In den Kritikfeldern der SRO an vorherigen Formen Sozialer Arbeit wird schwerpunktmäßig der Umstand betrachtet, dass Probleme, die strukturelle Ursachen haben, mit der Förderung einzelner Menschen verdeckt werden. Ein Mangel an Arbeitsplätzen, die Verschuldung und Barrieren, denen Behinderte gegenüberstehen, werden als durch Therapien und pädagogische Intervention unlösbar gesehen. Es fehlt dabei an sozialpolitischer Auswertung der Einzelfälle, so dass finanzielle und personelle Ressourcen nicht effektiv genutzt werden.
Desozialisierung-Kritik Die Desozialisierung-Kritik der SRO thematisiert das Phänomen, dass professionelle Hilfe in der Regel die natürlichen Netzwerkbeziehungen von Menschen und die Ressourcen des sozialen Raums nur als nebensächlich begreift und die Hilfeleistungen durch spezialisierte Experten in den Mittelpunkt stellt. Experten und ihre Organisationen handeln nicht wie Menschen in Alltagsbeziehungen nach Prinzipien von Nähe, Zugehörigkeit oder Gemeinschaft, sondern nach den Mechanismen von Recht (gesetzliche Ansprüche, Zuständigkeiten), Wissenschaft (diagnostische Spezialisierungen) und Wirtschaft (Unterstützung wird marktmäßig produziert). SRO stellt in Frage, ob sich die Probleme einzelner Menschen allein durch technisch und marktmäßig erbrachte Hilfeleistungen am einzelnen Menschen lösen lassen. Gelingendes Leben ist in hohem Maße von sozialen Einbindungen und Zugehörigkeiten abhängig, die professionell nicht direkt hergestellt werden können, sondern aus Bezügen im sozialen Raum erwachsen. Die Wahrscheinlichkeit Inklusion durch Hilfe zu erreichen steigt, wenn Inklusion bereits das Mittel der Hilfe ist und nicht nur ihr Ziel. Deswegen präferiert SRO inklusive (d. h. gemeinschaftliche, resozialisierende) Hilfeformen, die den bisherigen Crowding-Out-Prozess des professionellen Helfens auf Crowding-In umstellt (Hilfesysteme werden konsequent für die Mitwirkung von Bürgern geöffnet). Sozialstaatliche Hilfearrangements bestehen dann nicht nur aus professionellen Leistungen, sondern auch aus den Ressourcen der Familiennetzwerke, der Bürger und Zusammenschlüsse des Stadtteils. Qualitätskriterium von Hilfe ist nicht allein der technische Zielerreichungsgrad (Problemlösung), sondern auch die soziale Inklusion (Gemeinschaftsbildung, Sozialkapitalbildung). Ein methodischer Ansatz dazu ist fallunspezifische Arbeit. Sie entdeckt und pflegt Ressourcen, um im Bedarfsfall darauf zurückgreifen zu können, allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht absehbar ist, ob und wie diese Gelegenheiten genutzt werden können. Sie liegt folglich quer zum klassischen Muster linearer Planung und Behandlung (Bedarfsfeststellung, Zielplanung, Mittelfestlegung, Umsetzung, Evaluation). Ressourcen werden stattdessen (im Rahmen von Sozialraumprojekten, Kompetenzkartierungen, One-to-ones, aktivierender Beratung, Gewinnen von Organisationen und Zusammenschlüssen) „breit“ gesammelt und in Ressourcenkarteien gespeichert, in der Erwartung, dass die darin steckenden nützlichen Gelegenheiten Einfluss auf Zielbestimmung und Lösung zukünftiger Fälle nehmen können.
Entwertungskritik