Ein echter Wiener geht nicht unter ist der Titel einer von 1975 bis 1979 vom ORF produzierten Fernsehserie von Ernst Hinterberger. Zur Zeit ihrer Erstausstrahlung spaltete die Serie (insgesamt 24 Folgen) rund um die fiktive Arbeiterfamilie Sackbauer die österreichische Nation. Die Reaktionen darauf reichten weit über die des Fernsehpublikums hinaus und nach jeder Folge war der polternde Elektriker Edmund „Mundl“ Sackbauer heiß diskutiertes Tagesthema. Beim ORF-Kundendienst gingen damals unzählige – insbesondere aus der dargestellten Arbeiterschicht – ein.
Später wurde Ein echter Wiener geht nicht unter zur Kultserie; sie erfreut sich seither bei Wiederholungen immer wieder fast ungeschmälerter Zustimmung beim Publikum.orf.at: echoonline.at:
Die Serie basiert auf Ernst Hinterbergers 1966 erschienenem Roman Salz der Erde, weist aber auch markante Parallelen zur britischen Serie Till Death Us Do Part (BBC, 1965–1976) sowie ihren Ablegern Ein Herz und eine Seele (WDR, 1973–1976) und All in the Family (CBS, 1971–1979) auf. Letztere sorgte auch für einige Kontroversen, weil sie erstmals heikle Themen wie Rassismus, Homosexualität, Vergewaltigung und Krebs zur Sprache brachte.
Hintergrund Produktionsgeschichte Die ersten beiden Teile der Serie waren ursprünglich als zweiteiliger Fernsehfilm konzipiert worden, der im Rahmen der ORF-Sendereihe Impulse gezeigt wurde. Dieser Sendeplatz war von Kuno Knöbl für Avantgardekünstler und Jungfilmer entwickelt worden. Dort sollte auch dem Arbeiterschriftsteller Hinterberger die Möglichkeit geboten werden, seinen Roman Das Salz der Erde als Drehbuch für das Fernsehen zu adaptieren. Die sozialrealistische Darstellung war ein bewusster Bruch mit dem Bild von Familie, das zu jener Zeit in den aus den USA und Großbritannien importierten Seifenopern geboten wurde.
Buch und Regie Buch: Ernst Hinterberger, nach seinem 1966 entstandenen Roman „Salz der Erde“
Regie: Reinhard Schwabenitzky (Folgen 1–13) Rudolf Jusits (Folgen 14–16) Kurt Ockermüller (Folgen 17–24)
Inhalt der Serie Protagonist der Serie ist der jähzornige und derbe Elektriker Edmund „Mundl“ Sackbauer, der mit seiner Familie in einem typischen Wiener Mietshaus in Favoriten lebt. Die Serie beschäftigt sich mit Alltagssituationen wie Schulden- und Geldproblemen, Renovierung, Ehekrisen, Familienstreitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, Klassenunterschieden und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Der Erfolg
Nach dem Zweiten Weltkrieg war man in Österreich um einen dringenden Imagewechsel bemüht. Der Heimatfilm prägte ein stark romantisiertes Bild der österreichischen Bevölkerung und das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre brachte einen neuen Wohlstand und Fortschritt ins Land, mit dem man gerne angab. In den 1970ern geriet der Heimatfilm zunehmend aus der Mode und an seine Stelle traten vermehrt importierte Programme aus den USA oder England. Was zwar einen willkommenen Eskapismus mit sich brachte, das Bild des Österreichers allerdings auch ins Hintertreffen geraten ließ.
Als die entstandene Lücke ausgerechnet mit Ein echter Wiener geht nicht unter gefüllt wurde, war dies natürlich ein herber Schlag in die stolze Österreicher-Seele. Aber auch ein wichtiger Schritt weg vom verklärten Eskapismus hin zu mehr hässlichen, aber relevanten Themen, die gerade in der lange ignorierten Arbeiterschicht eine Rolle spielen und auch jedem abseits davon einige wichtige Denkanstöße ermöglichen.
Ein echter Wiener geht nicht unter war richtungsweisend für die damalige österreichische Medienlandschaft und der Umstand, dass wir noch heute darüber mit großer Begeisterung sprechen, sich die lustigen Sprüche des Edmund Sackbauer im österreichischen Sprachschatz verankert haben, bilden ein Zeugnis für den enormen Erfolg. Darüber hinaus gewährt die Serie einige interessante Einblicke in eine Kultur und eine Zeit, wie es sie kein zweites Mal gibt: Es geht um die Herausforderungen des Alltags einer Arbeiterfamilie in den 1970er Jahren in Wien-Favoriten. Die besondere Genauigkeit des Buches und der Regie, vor allem aber die exakte Abbildung der lokalen Mentalität und des Wiener Dialektes machen die Serie zu einem interessanten, kulturell wertvollen Zeitzeugnis. Nicht umsonst gilt Ein echter Wiener geht nicht unter als eine der wichtigsten Dramaproduktionen der ORF-Geschichte. Noch heute wird die 12. Folge Jahreswende jedes Jahr kurz vor Mitternacht am letzten Tag des Jahres (Silvester) auf ORF 1 ausgestrahlt.
Zwanzig Jahre später gelang Autor Ernst Hinterberger mit dem Kaisermühlen-Blues ein ähnlicher Erfolg.
Figuren Edmund Sackbauer Die Hauptperson der Serie macht im Laufe der Serie eine Entwicklung durch. In den ersten 13 Folgen wird er als sehr tyrannisch und zornig dargestellt. Als ein gröberer Streit mit seiner Frau sowie ein schwerer Arbeitsunfall folgen, ändert er sich grundlegend und die Serie büßt so etwas von ihrem Witz ein, da Mundls „Anfälle“ doch sehr belustigend scheinen.
Er ist leidenschaftlicher Gewichtheber bei einem Verein, genauso wie sein Vater, auf den er häufig Bezug nimmt. In der 13. Folge wird aber bekannt, dass er das tyrannische Verhalten seines Vaters trotzdem nicht gut fand. Als stolzer Großvater mischt er sich aber immer in die Angelegenheiten seiner Kinder ein. Zur Räson wird er meist nur durch seine Frau Antonia oder durch seinen älteren Bruder Schani gebracht. Er hat eine Abneigung gegen Intellektuelle, somit ist ihm auch der Zukünftige seiner Tochter Hanni, Franz Vejvoda, zuwider.
Allerdings akzeptiert er ohne Widerspruch, dass sein Sohn Karli eine Tochter aus besseren Kreisen, Irmi Werner, heiratet.
Antonia Sackbauer Antonia „Toni“ Sackbauer ist die schwer geprüfte Ehefrau von Edmund Sackbauer. Sie befleißigt sich eigentlich nie vieler Worte, hat aber meistens das letzte Wort und trifft im Gegensatz zu ihrem Mann durchwegs vernünftige Entscheidungen. Sie ist eigentlich Hausfrau, beginnt allerdings aufgrund finanzieller Engpässe als Raumpflegerin in einer Apotheke zu arbeiten. Sie ist äußerst human und vernünftig. Ihre Gastfreundschaft wird von vielen Bekannten geschätzt. Sie dient zudem als Ansprechpartner für Freunde und Bekannte.
Man erfährt zudem, dass der Hausmeister Kurt Blahovec früher ebenfalls mit dem Gedanken gespielt hatte, sie zu heiraten, sich aber anders entschieden hat.
Karl Sackbauer Karl „Karli“ Sackbauer ist der Erstgeborene der Familie und gerät sehr dem Vater nach. Er trinkt wie Mundl gerne Bier und erhebt oft grundlos seine Stimme. Er heiratet sehr früh in der Serie Irmi Werner, die schließlich ein Kind (René) bekommt. Er streitet manchmal mit seiner jüngeren Schwester Hanni und erweist sich seinen Eltern, besonders seinem Vater, gegenüber als äußerst respektlos. Er ist zunächst Staplerfahrer, steigt aber später zum Hallenmeister auf, was ihm auch ermöglicht, eine eigene Wohnung zu finanzieren. Wie sein Vater verwendet Karli oft obszöne Ausdrücke und bringt sich damit in Schwierigkeiten.
Johanna Sackbauer Die Tochter der Sackbauers, Hanni, beginnt ein Verhältnis mit dem Nachwuchsdichter Franz Vejvoda, was zu großen Problemen innerhalb der Familie führt. Sie ist oft launisch und leicht beleidigt.
Seit der Folge „Jahreswende“ beschäftigt sie sich weiters mit dem Thema Emanzipation, was in der männlich dominierten Familie Sackbauer zu Problemen führt. Um den intellektuellen Ansprüchen von Franzi, mit dem sie sich in der ersten Folge gleich verlobt, gerecht zu werden, belegt sie später Kurse in Literatur und Maschinschreiben an der Volkshochschule.
Johann Sackbauer Der Bruder von Edmund Sackbauer, genannt Schani, zeigt sich immer sehr verständnisvoll gegenüber der Familie. Oft weist er Mundl zurecht, wenn dieser einen seiner Wutanfälle bekommt. In der Folge „Der Enkel“ ist dies besonders augenscheinlich, als Mundl sich vor der Taufe seines Enkels über dessen Namen René beschwert. Später überrascht Schani die Familie Sackbauer, als er für René ein Sparbuch eröffnet. Weiters steht Schani der Frau Pribil, welche die Sackbauers im Urlaub in Podersdorf am See kennengelernt haben, nach dem Tod ihres Mannes bei, was allerdings zu kleineren Konflikten mit Irene Vejvoda führt.
Franz Vejvoda Franz „Franzi“ Vejvoda wird von Mundl auch „Nudlaug“ oder „Dioptrienotto“ genannt. Der Nachwuchsdichter und Intellektuelle arbeitet zunächst als Buchhalter in einer größeren Firma, wo er auch Mundl einen Posten verschafft. Obwohl er von Mundl anfangs angefeindet wird, akzeptiert dieser ihn schließlich.
Später widmet Franzi sich ganz dem Schreiben und feiert schließlich einen großen Erfolg. Als ein Stück von ihm verrissen wird, muss er sich aber nach einem Posten umsehen. Nachdem Hanni einen Heiratsantrag von ihm abgelehnt hat, kühlt das Verhältnis der beiden ab; sie kommen aber wieder zusammen und beschließen, nach Hamburg zu ziehen, wo er einen Posten als Lektor in Aussicht hat.
Irene Vejvoda Die in der Folge „Der Besuch“ eingeführte Mutter von Franz Vejvoda wird als liebevolle Frau dargestellt. Als Witwe findet sie in Schani, dem Bruder von Mundl, einen neuen Partner. Sie kommt aus Tirol und hat einen Bruder, Vitus Egger, der sie auch besucht.
Irmi Werner Die Tochter zweier Bürgerlicher wird als sehr emotional und respektvoll dargestellt. Sie befleißigt sich der gehobeneren Sprache und integriert sich relativ schnell in die Familie Sackbauer. Sie bekommt zwei Kinder, fühlt sich aber später von Karli etwas vernachlässigt.
Martha Werner Die Mutter von Irmi Werner ist sehr bürgerlich eingestellt und hegt zunächst eine Aversion gegen die sehr proletarischen Sackbauers. Sie gibt in ihrer Familie den Ton an und ist anfangs gegen die Beziehung ihrer Tochter mit Karli Sackbauer.
Franz Werner Ehemann von Martha Werner und Vater von Irmi Werner. Obwohl er sein Studium aufgrund des Krieges nicht beenden konnte, zählt er zu den Intellektuellen der Serie. Er streitet des Öfteren mit seiner Ehefrau, wobei seine Argumente vernünftiger wirken. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er ein Strickwarengeschäft und gehört somit dem Bürgertum an, was sich im Bezug auf die Familie Sackbauer häufig als schwierig gestaltet. Aufgrund der wachsenden Konkurrenz sieht er sich letzten Endes gezwungen, eine Arbeit als Lagerarbeiter anzunehmen.
Seit der Folge „Jahreswende“ verbindet ihn und Edmund Sackbauer eine Art Freundschaft. Im Krieg erreichte er den Rang eines Leutnants, was er auch oft voller Stolz erwähnt, jedoch von seiner Frau infrage gestellt wird, da sie meint, ihn als Fähnrich in Erinnerung zu haben. Seine Frau war noch unberührt, als er sie heiratete, und auch das wirft sie ihm vor.
Kurt Blahovec Wachmann mit „geschultem Auge“ und Ehemann von Josefine „Fini“ Blahovec. Der korpulente Alkoholiker dreht jede Nacht seine Runden, um Betriebe der Großindustrie zu bewachen. Der ehemalige Hausbesorger wird dadurch sogar einmal als Held gefeiert. Das Trinken führt aber dazu, dass er seinen Posten verliert, doch das Glück ist auf seiner Seite. Er neigt zur Gewalt und schlägt einmal sogar seine Frau, als er dahinterkommt, dass sie ihm untreu war.
Er besorgt sich einen Hund, einen „Wolf“, zu dem er ein liebevolles Verhältnis hat. Als langjähriger Freund Mundls kommt es einige Male vor, dass er indirekt um Rat gefragt wird, den er aber meistens in einem Wirtshaus gibt, nachdem er getrunken hat. Er wirft oft mit Fremdwörtern um sich, verwechselt sie im Gegensatz zu Franzi aber zum großen Teil. Von seiner Frau wird er als impotent bezeichnet und an den Barthaaren gerissen, was er besonders „gern“ hat.
Josefine Blahovec Josefine „Fini“ Blahovec ist die Ehefrau von Kurt Blahovec und Hausfrau. Sie ist dem Alkohol zugetan und flirtet hemmungslos mit anderen Männern. Als sie Kurti eines Tages betrügt, schwanger wird und dieser fast ein Unheil anrichtet, hilft die gesamte Familie Sackbauer mit, ihre Ehe wieder zu kitten.
Episoden Insgesamt gibt es 24 Folgen, deren Länge sich zwischen 40 und 50 Minuten bewegt. Alle Folgen sind mittlerweile auf DVD erschienen.