Für Johan Galtungs Friedenstheorie ist der Begriff Entwicklung von zentraler Bedeutung, da Entwicklung das Mittel darstellt, um strukturelle Gewalt und kulturelle Gewalt zu beseitigen und dadurch positiven Frieden zu schaffen. Dabei besteht „das Minimum an Entwicklung […] in der Beseitigung von Elend, wie das Minimum des Friedens in der Abschaffung des Krieges besteht.“Johan Galtung (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln: Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Münster: Agenda, S. 232. Die Beseitigung von Elend lässt sich allerdings nicht als rein ökonomische Entwicklung denken, sondern beinhaltet kulturelle und andere nicht-materielle Dimensionen. Folglich kritisiert Galtung die aktuelle Entwicklungshilfe als wirtschafts- und wachstumszentriert und entwirft einen alternativen Ansatz, die eklektische Entwicklung.
Entwicklung – Definitionen Galtung bietet vielfältige Definitionsansätze für Entwicklung. Drei Hauptansätze lassen sich identifizieren. Sie spiegeln einerseits die inhärente Pluralität des Begriffs wider und sind gleichzeitig das Resultat breiterer intellektueller Änderungen über Zeit in Galtungs Werk. Gegenüber modernisierungstheoretischen, wachstumszentrierten Definitionen betont er, dass Entwicklung ein selbstbestimmter Prozess mit lokal bestimmten Zielen und Mitteln darstellt. Aus der Vielfalt menschlicher Ziele und Gesellschaften folgt, dass Entwicklungstheorie und -praxis vielfältig sein müssen. Eine „richtige“, letztgültige Definition für Entwicklung bietet Galtung daher nicht. Abgeschlossenheit stellt gerade das Gegenteil von Entwicklung dar.
Entwicklung als Autonomie Galtung machte seine ersten entwicklungstheoretischen Überlegungen in den frühen siebziger Jahren im Zuge der Ausweitung seines Gewaltbegriffs, um strukturelle Gewalt einzuschließen.Peter Lawler (1995): A Question of Values: Johan Galtung’s Peace Research. London: Lynne Rienner, S. 77–85. Er legte den Schwerpunkt auf Autonomie als Bedingung und Ziel von Entwicklung. Beeinflusst von einem Forschungsaufenthalt in Lateinamerika, adaptierte er die Überlegungen von Dependenztheoretikern wie Raúl Prebisch und André Gunder Frank für die Friedensforschung.Johan Galtung (2008): Violence: Natural, Structural, Cultural and Direct. In: Johan Galtung: 50 Years: 25 Intellectual Landscapes Explored. Bergen: Transcend University Press, S. 108. Das Ziel von Entwicklung ist demnach wie in der Dependenztheorie die Abschaffung von Abhängigkeiten der globalen Peripherie vom Zentrum und die Schaffung einer Welt, in dem jeder Teil ein Zentrum ist.Johan Galtung (1976): Trade or Development: Some Reflections on Self-Reliance. In: Economic and Political Weekly 11 (5/7) 1976: S. 207. Allerdings betont Galtung, ausgehend von seiner Theorie struktureller Gewalt, auch nicht-ökonomische Formen der Abhängigkeit und wirft Dependenztheoretikern vor, zu sehr auf Handelsbeziehungen fokussiert zu sein, die positiven Externalitäten von Verarbeitung nur ungenügend in Betracht zu ziehen, strukturelle Gewalt innerhalb von Entwicklungsländern zu ignorieren und psychologische Faktoren außenvor zu lassen.Johan Galtung (1976): A Structural Theory of Imperialism. In: Johan Galtung (Hrsg.): Peace and World Structure: Essays in Peace Research IV. Kopenhagen: Christian Ejlers 1976, S. 438, und die Fußnoten auf S. 715 f.
Skeptisch gegenüber dem in den siebziger Jahren propagierten Ideal einer neuen Weltwirtschaftsordnung (NIEO) als zu wirtschafts- und vor allem handelszentriert, forderte Galtung eine Entwicklungspolitik, die statt auf nationale Produktion und Importsubstituierung, auf Produktion nach einem Subsidiaritätsprinzip beruht, wonach die jeweiligen Produkte immer so nah wie möglich am Menschen und in möglichst großer Autonomie und Eigenverantwortung produziert werden sollten. Entwicklung ist damit gerade nicht der Prozess, durch den ein vermeintlich erfolgreiches (westliches) Modell imitiert wird, sondern liegt in lokaler Produktion, die sich selbst Herausforderungen stellt und Lösungen sucht. Entwicklung in diesem Sinne ist ein in gleichen Maßen ökonomischer, psychologischer, und politischer Prozess, der kulturelle und politische Abhängigkeitsmuster ebenso abschaffen soll wie ökonomische.Johan Galtung, Peter O’Brien und Roy Preiswerk: Self-Reliance: a Strategy for Development. London: Bogle-L'Ouverture Publications 1980. Vgl. auch Johan Galtung (1976): Trade or Development, und Johan Galtung: Développement, environnement et technologie: vers une technologie de l'autonomie. New York: UNCTAD 1979.
Entwicklung als Reproduktion von Systemen Galtungs intellektueller Ausgangspunkt in den sechziger Jahren war die strukturell-funktionale Systemtheorie von Talcott Parsons. Obwohl Galtung in den folgenden Jahrzehnten eigenständige Wege ging, blieb die Analyse funktionaler Systeme, die Annahme einer grundsätzlichen Isomorphie, das heißt einer strukturellen Gleichheit oder Entsprechung zwischen Systemen, und eine evolutionstheoretische Sicht auf die Entwicklung von Systemen ein wichtiger und konstanter Teil seiner Arbeiten.Peter Lawler (1995): A Question of Values, S. 39–42. In Kombination mit Galtungs Versuchen, durch eine Theorie der menschlichen Bedürfnisse seinem Konzept der strukturellen Gewalt mehr inhaltliche Substanz zu verleihen, bilden diese Annahmen die Grundlage für sein systemtheoretisches Verständnis von Entwicklung.Dies geschah auch als Reaktion auf Kritiken seines Konzepts als eine zu vage Kategorie in die alles passt, „was der Verfasser nicht mag“ [„The cause of what the user of the term doesn’t like“]. Kjell Eide (1971): Note on Galtung’s Concept of Violence. In: Journal of Peace Research. 8 (1) 1971: S. 71.
Ausgehend von den sechs grundlegenden Räumen seiner Systematik und der Beobachtung natürlicher Entwicklungsprozesse im Raum Natur entwickelt Galtung eine Definition von Entwicklung für die Räume Mensch, Gesellschaft und Welt, die er als isomorphe Systeme mit analogen systemischen Codes, funktionalen Reproduktionsvoraussetzungen und Zielen verstanden wissen will. Entwicklung ist demnach eine Änderung im positiven Sinne, die die Komplexität und Reproduktionsfähigkeit von Systemen erhöht und deren Ziel ein Gleichgewicht im Sinne selbsterzeugender Reproduktion ist.Johan Galtung (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln. S. 323.
Aus dieser Definition kann man laut Galtung ableiten, dass Entwicklung immer bedürfnisorientiert, nachhaltig und vielfältig sein muss. Bedürfnisbefriedigung ist per Definition die Vorbedingung für die Reproduktion eines jeden Systems. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist für die Räume Mensch und Gesellschaft von entscheidender Bedeutung, da ohne die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse Individuen und Gesellschaften nicht überleben können.Johan Galtung: Development Theory—Notes for an Alternative Approach. In: Udo Ernst Simonis (Hrsg.): Entwicklungstheorie – Entwicklungspraxis. Eine kritische Bilanzierung. Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05973-5, S. 79–81. Galtung diskutiert eine mögliche Taxonomie menschlicher Bedürfnisse in Johan Galtung (1980): The Basic Needs Approach. In: Katrin Lederer, David Antal und Johan Galtung (Hrsg.): Human Needs: a Contribution to the Current Debate. Cambridge, MA: Oelgeschlager, Gunn & Hain, S. 66. In keinem seiner Texte setzt sich Galtung mit dem Problem auseinander, dass Bedürfnisse – weit verstanden – notwendigerweise auf einer bestimmten Vision des guten Lebens beruhen. Siehe Kritik. Nachhaltigkeit kommt als Bedingung hinzu, um diese Reproduktion über Zeit zu garantieren. Soziale Vielfalt folgt aus der Annahme, dass Systeme und Subsysteme unterschiedliche Voraussetzungen für ihre Reproduktion besitzen, das heißt, dass unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Gesellschaften unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse haben.Johan Galtung (1980): Development Theory, S. 73–89.
Drei Dimensionen von Entwicklung In seinem synthetisierenden und zusammenfassenden Buch „Frieden mit friedlichen Mitteln“ formuliert Galtung 15 Thesen zur Entwicklung, in dessen Zentrum drei potentiell widersprüchliche Einzeldefinitionen stehen: eine kulturzentrierte, eine bedürfniszentrierte und eine wachstumszentrierte.Johan Galtung (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 229–246. Neu in dieser Trinität sind vor allem Galtungs Überlegungen zu kulturellen Dimensionen von Entwicklung. In Anlehnung an seine systemtheoretischen Ausführungen versteht Galtung Kulturen als systemische Codes des Raums Gesellschaft, so wie genetische Codes und Persönlichkeiten die jeweiligen Systeme Natur und Mensch definieren.Johan Galtung (1981): Western Civilization: Anatomy and Pathology, Alternatives 7: S. 146–147. Für eine Kritik dieses hochgradig essentialistischen Verständnisses siehe Kritik. Demnach ist Entwicklung die Entfaltung einer Zivilisation, ihre Entwicklung im Einklang mit ihrer Kosmologie, ihrer Tiefenkultur. Es sind allerdings nicht alle Kulturen Entwicklungskulturen. Im Gegenteil, viele Kulturen legitimieren direkte und strukturelle Gewalt.Vgl. Galtungs Ausführungen zu kultureller Gewalt in Johan Galtung (1990): Cultural Violence, In: Journal of Peace Research 27 (3): S. 291–305. Die Idee von Entwicklungskulturen und die Produktivität eines Dialogs zwischen Kulturen über unterschiedliche Verständnisse von Frieden findet sich in Johan Galtung (1981): Social Cosmology and the Concept of Peace, Journal of Peace Research 18 (2): 183–199, und in Johan Galtung (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 234. Daher muss die kulturzentrierte Definition durch zwei zusätzliche Bedingungen versehen werden: die „progressive Befriedigung der Bedürfnisse der menschlichen und nichtmenschlichen Natur, beginnend bei den Hauptbedürftigen,“Johan Galtung (2007): Frieden mit friedlichen Mitteln, S. 231. Dieses Prioritätsprinzip diskutiert Galtung ausführlicher in Johan Galtung (1980): The Basic Needs Approach, S. 55–125. und „wirtschaftliches Wachstum, doch auf niemandes Kosten.“ Laut Galtung können diese drei Dimensionen in Konflikt treten, müssen es aber nicht. Entwicklung besteht gerade in dem Finden eines idealen Mittelwegs zwischen ihnen, der kulturelle Entwicklung und Entfaltung und damit Pluralität zulässt, aber die Entfaltung von Kulturen an ihrer Fähigkeit misst, nachhaltiges Wachstum zu fördern und menschliche und nicht-menschliche Bedürfnisse in Betracht zu ziehen.
Gemeinsame Merkmale Diese drei Definitionsansätze sollten nicht als rein historische Progression missverstanden werden. Zwar entwickelte Galtung sie nacheinander, aber ohne zu wollen, dass neuere Definitionen die älteren aufheben. Alle drei finden sich in Galtungs aktuellen Überlegungen als sich ergänzende Definitionen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Diesen Definitionen ist gemein, dass sie Entwicklung als plural und selbstbestimmt verstehen, und betonen, dass das Aufzwingen eines Entwicklungsmodells auf einen anderen Kontext bzw. eine andere Kultur unzulässig ist. Stattdessen muss Entwicklung in erster Linie Selbstentwicklung bedeuten, sei es im Kontext von Entwicklung als Autonomie die Übernahme von Verantwortung in lokalen Produktionsprozessen, im Kontext systemtheoretischer Überlegungen die unterschiedlichen Bedingungen für Systemreproduktion oder ein Resultat kultureller Entfaltung.