Der Begriff Bildungslandschaft beschreibt im engeren Wortsinn ein Konzept der Jugend- und Bildungspolitik, das darauf abzielt, Schulen und außerschulische Bildungseinrichtungen zu vernetzen und durch verstärkte Kooperationen Kindern und Jugendlichen bessere Bildungsbedingungen und vielfältige Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Diese Vernetzung wird auf verschiedenen räumlichen Ebenen verfolgt, weshalb sich regionale, kommunale und lokale Bildungslandschaften unterscheiden lassen. Synonym spricht man bei dieser Art von Konzepten auch von Bildungsverbünden. Diese Art von Vernetzung ist gleichzeitig eine Form des „Blended Learning“ im Sinn der Europäischen Kommission.
In einem weiteren Wortsinn werden Lernende aller Art im Rahmen des Konzepts „Lebenslanges Lernen“ in Bildungslandschaften einbezogen.
Ziele Bei der Implementierung von Bildungslandschaften werden, je nach den lokalen Gegebenheiten, verschiedene Ziele verfolgt:
Übergangsmanagement: Übergänge zwischen den Bildungseinrichtungen und -etappen sollen durch verstärkte Kooperationen im Sinne einer bruchlosen Bildungskette optimal gestaltet werden.Bildung ist mehr als Schule. Leipziger Thesen zur aktuellen bildungspolitischen Debatte, S. 12. URL: (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010.
Standortfaktor Bildung stärken: Motivationen der Kommunen in Bildungslandschaften zu investieren, resultieren aus dem Wissen, dass qualitätvolle Bildungsangebote einen wichtigen Standortfaktor darstellen können. zugegriffen am 31. Januar 2010.
Integrationsförderung: Bildungsbarrieren und Zugänge sollen auch für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen geöffnet und gestaltet werden (z. B. durch die Teilnahme an kulturellen oder sportlichen Aktivitäten).W. Mack: Bildung in sozialräumlicher Perspektive. Das Konzept Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 64.U. Baumheier, G. Warsewa: Vernetzte Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 25.
Modernem Bildungsauftrag gerecht werden: Der Bildungsauftrag in der Gegenwart ist komplexer als in der Vergangenheit. Es geht unter anderem um die Förderung einer stabilen Persönlichkeitsentwicklung und Vermittlung sozialer Kompetenzen, ein Auftrag dem traditionelle Lern- und Bildungsformen (u. a. Vermittlung von Faktenwissen im Frontalunterricht) nur bedingt gerecht werden. Es bedarf entsprechender Strukturen um diesen zu erfüllen. Eine einzelne Schule kann die vielfältigen Herausforderungen nicht mehr alleine bewältigen.U. Baumheier, G. Warsewa: Vernetzte Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 23.
Individuelle Förderung: Kinder und Jugendliche sollen hinsichtlich ihrer individuellen Potentiale Ausgangspunkt der Organisation von Bildungs- und Lernprozessen sein.Aachener Erklärung des Deutschen Städtetages anlässlich des Kongresses „Bildung in der Stadt“ am 22./23. November 2007, S. 2. URL: ec.europa.eu (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010.
Öffnung der Bildungseinrichtungen in den Stadtteil:Die Rolle der Bildung in der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. Drei Thesen, S. 1. URL: (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010. Um Kindern- und Jugendlichen das gesamte Spektrum an Bildung anbieten zu können, müssen sich Schulen dem Stadtteil öffnen (Schulen als Stadtteilzentren), was die Vernetzung und Kooperation mit anderen Bildungseinrichtungen erfordert.
Die Gestaltung von Bildungslandschaften Für die Gestaltung von Bildungslandschaften wichtig ist die Zusammenarbeit der für die Planung von Schule und Kinder- und Jugendhilfe zuständigen Bereiche. Erste Ansätze hierfür sind erkennbar: So haben bereits mehrere Städte einen Fachbereich für Jugend und Schule eingerichtet, in dem die kommunalen Schulverwaltungsämter und das Jugendamt zusammengeführt werden. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten bezüglich der Abstimmung dieser Ressorts hinsichtlich einer gemeinsamen, integrierten Planung.
Bei der Gestaltung von Bildungslandschaften kann nicht nach einem einheitlichen Schema vorgegangen werden. Der Aufbau muss sich an der Situation vor Ort orientieren, Details müssen sich den lokalen Gegebenheiten anpassen und von allen beteiligten Akteuren ausgehandelt werden.W. Mack: Bildung in sozialräumlicher Perspektive. Das Konzept Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 65. Für das nachhaltige Funktionieren einer Bildungslandschaft ist es von Bedeutung, dass sie nicht einfach per Erlass „von oben“, also z. B. der Kommune, eingerichtet wird. Vielmehr muss der Prozess in einem dialogischen Verfahren zwischen den Beteiligten, die ein Grundinteresse und Mitwirkbereitschaft signalisieren sollten, entwickelt werden.K. Schäfer: Herausforderungen bei der Gestaltung kommunaler Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 237.
Grundsätze Dem Konzept Bildungslandschaft liegt ein ganzheitliches Bildungsverständnis zu Grunde, welches davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche nicht ausschließlich durch formale Lernprozesse in einer Bildungs- oder Ausbildungseinrichtung Kompetenzen erwerben.Aachener Erklärung des Deutschen Städtetages anlässlich des Kongresses „Bildung in der Stadt“ am 22./23. November 2007, S. 1. URL: ec.europa.eu (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010.Bildung ist mehr als Schule. Leipziger Thesen zur aktuellen bildungspolitischen Debatte, S. 7. URL: (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010. Bildung ist mehr als reine Anhäufung von Wissen und Lernen findet überall in unterschiedlichster Weise statt.S. Maykus: Neue Perspektiven für Kooperation. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 38. Dies muss berücksichtigt werden, sollen Kinder und Jugendliche für alle Bereiche der Gesellschaft handlungsfähig gemacht werden. zugegriffen am 31. Januar 2010. Menschen erfahren Bildung neben formellen ebenso durch informelle Lernprozesse (informelles Lernen – Lernen, das im Alltag, am Arbeitsplatz, im Familienkreis oder in der Freizeit stattfindet). Im Sinne einer solchen Interpretation können sich Kinder und Jugendliche an vielfältigen Orten ihres Sozialraumes bilden. Demzufolge müssen Bildungsorte wie Einrichtungen der Jugendhilfe, Musikvereine, Nachmittagsbetreuung etc. als wichtige Bildungspartner im Stadtteil neben der Schule begriffen werden.
Schule und Jugendhilfe sind die zentralen Institutionen im Konzept Bildungslandschaft. Als wichtig betrachtet wird die Verzahnung der, bisher eher separat arbeitenden, Ressorts Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung zu einer kommunalen Bildungsplanung.U. Baumheier, G. Warsewa: Vernetzte Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 24. zugegriffen am 31. Januar 2010. Hierbei geht es um integriertes Handeln in Bezug auf die kommunale Bildungspolitik, indem traditionell getrennt voneinander arbeitende Ämter (neben den für Schulentwicklung und Jugendhilfe zuständigen Ämtern u. a. Amt für Stadtplanung, Gebäudewirtschaft etc.) zusammen die Schulentwicklungspolitik für ihre Gemeinde erarbeiten.
Wichtiger Bestandteil in der Diskussion um Bildungslandschaften sind Ganztagsschulen.K. Schäfer: Herausforderungen bei der Gestaltung kommunaler Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 236. Sie bilden eine Art Zwischenstufe zwischen dem traditionell autonomen Agieren von Schulen und der Kooperation mehrere Bildungseinrichtungen in einer Bildungslandschaft.
Hintergründe des Konzepts Bildung fördern: Der 12. Kinder- und Jugendbericht schlussfolgert, dass Städte vielfältige Bildungsorte und -gelegenheiten brauchen, die zahlreichen Bildungs- und Lernmöglichkeiten müssen in ein produktives Wechselspiel gebracht werden.W. Mack: Bildung in sozialräumlicher Perspektive. Das Konzept Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 62.
Sozialwissenschaftlicher Diskurs zu Ansätzen der Regionalisierung: Der Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen in konkreten lokalen Verhältnissen (z. B. auf Stadtteilebene) wird zunehmend betrachtet und diskutiert.W. Mack: Bildung in sozialräumlicher Perspektive. Das Konzept Bildungslandschaften. In: P. Bleckmann, A. Durdel (Hrsg.): Lokale Bildungslandschaften. Perspektiven für Ganztagsschulen und Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 62 f.
Trend und Forderung einer stärkeren kommunalen Steuerung und Gestaltung von Bildung:Die Rolle der Bildung in der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. Drei Thesen, S. 3. URL: (PDF) zugegriffen am 31. Januar 2010. Traditionell sind die Kommunen in Deutschland nur für „äußere“ Schulangelegenheiten zuständig. Das heißt, sie können über die Errichtung und Gestaltung von Schulgebäuden bestimmen, nicht jedoch über inhaltliche Konzepte wie der Unterrichtsgestaltung. Diese Verantwortung liegt bei den Bundesländern. Mittlerweile nehmen Kommunen jedoch auch in diesem Bereich zunehmend Einfluss u. a. im Rahmen der Erstellung von Konzepten für die Ganztagsschule.
Akteure Das Vorhaben eine Bildungslandschaft in einer Region, einer Kommune oder einem Stadtteil einzurichten, kann aus verschiedenen Motivationen heraus entstehen. Dementsprechend gestalten sich die jeweiligen Akteurskonstellationen. Kinder und Jugendliche gelten als wichtige und ernstzunehmende Mitgestalter in Bildungslandschaften, denn sie sind die Hauptadressaten der Bildungsprojekte.
Grundsätzlich können alle Einrichtungen vertreten sein, die Kinder und Jugendliche an formalen und informellen Lernprozessen teilhaben lassen. Dies sind neben Schulen u. a. Einrichtungen und Angebote der Jugendhilfe, Kultureinrichtungen, Institutionen im Bereich der Gesundheitsförderung, des Sports, der Ausbildung und Arbeitsförderung. Weitere Verknüpfungen finden statt in den Feldern Nachmittagsbetreuung, Hausaufgabengestaltung, Medienerziehung, Kinder- und Jugendschutz, musische Bildung, Partizipationsprojekte, interkulturelle Arbeit etc.
Beispiele für Bildungslandschaften Köln: Bildungslandschaft Altstadt-Nord Hamburg: Bildungszentrum Tor zur Welt Website Hamburg-Bildungszentrum Tor zur Welt Berlin: Bildungsmeile Wutzkyallee in der Gropiusstadtwutzkyallee.de Kreis Paderborn: Bildungs- und Integrationsregion
Digitale Bildungslandschaften In den letzten Jahren kommt es immer häufiger vor, dass dem Trend zur Digitalisierung des Bildungswesens dadurch Rechnung getragen wird, dass der Begriff Bildungslandschaft um das Attribut digital ergänzt wird.
In diesem Sinne versteht sich z. B. die Region Malchin in Mecklenburg-Vorpommern als „digitale Bildungslandschaft“. Kernprojekt der Bildungslandschaft ist „die organisatorische und didaktische Kombination von analogem und digitalem Lernen über eine virtuelle Bildungslandschaft“. Die Beteiligten arbeiten gemeinsam an der Beantwortung der Fragen: „1) Wie lassen sich schulische und außerschulische Lernorte zu Lernwelten vernetzen? 2) Wie lassen sich traditionelle Bildungsträger für digitale Lernräume aufschließen und qualifizieren?“