Michael Bielicky (* 12. Januar 1954 in Prag, Tschechoslowakei) ist ein tschechisch-deutscher Medienkünstler. Er war Professor für Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) in Karlsruhe.

Biografie

Bielický lebte nach der Kindheit in Prag. Seine Eltern hatten in der Slowakei mit Hilfe gefälschter Ausweise den Holocaust nur knapp überlebt.Interview in der FAZ vom 13. Mai 2024. Abgerufen am 14. Mai 2024. Ab 1969 wohnte er in der Bundesrepublik Deutschland, wo er in eine jüdische Gemeinde aufgenommen wurde. Von 1975 bis 1978 studierte er Medizin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Zwischen 1980 und 1981 war er für lange Aufenthalte in den USA und fotografierte dort Architektur und Personen. In New York City arbeitete er als Droschkenkutscher im Central Park. Viel dokumentarisches Fotografie- und Filmmaterial entstand in dieser Zeit, das sich (teils bearbeitet) in seinem späteren Hauptwerk wiederfindet. 1981 kehrte er nach Deutschland zurück. Von 1981 bis 1984 arbeitete er als Fotograf für das Magazin Monochrom.Michael Schürmann (Hrsg.): Monochrom. CT-Verlag, Krefeld, Kaiserstraße 113. Redaktion: Ika Groeger, MiSCH, Jost Ertl, Bettina Bartsch, Michael Melter. Impressum aus Ausgabe Nummer 4, November/Dezember 1984. S. 3. 1984 bis 1990 studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf, zunächst bei Bernd Becher und 1987 als Meisterschüler von Nam June Paik, dessen Assistent er nach dem Abschluss bis 1991 blieb.Michael Bielicky – Lebenslauf. Website des Fachbereichs Postdigitale Narrativität der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Abgerufen am 23. Juni 2017. mini|Digital Andy, Fotodrucke

Bielicky wurde 1991 als Professor an die Akademie der Bildenden Künste Prag (AVU) berufen, um die Abteilung für Neue Medien zu gründen, und blieb bis 2006. Parallel arbeitete er eng mit dem Goethe-Institut Prag zusammen und organisierte seit 1991 mehrere SymposienPrague Media Symposium - Monoskop. Website der Seite Monoskop. Abgerufen am 23. Juni 2017. zum ebenfalls in Prag geborenen Vilém Flusser, dem Philosophen und Kommunikationswissenschaftler, dem er auch im experimentellen Dokumentarfilm Flussers Fluss (1990) kurz vor dessen Tod (1991) ein Denkmal setzt.Michael Bielicky - Vilém Flussers Fluß. Website des ZKM Karlsruhe. Abgerufen am 23. Juni 2017. Er konzipierte im Auftrag des Soros Centre for Contemporary Art in vielen Teilen Osteuropas neue Medienkunstabteilungen und -labs. Website des SCCA. Abgerufen am 20. Juni 2014.

Von 1995 bis 1996 war er wissenschaftlicher Berater für Kultur und Technologie für den Europarat in Straßburg.Michael Bielicky - Lebenslauf. Website des Fachbereichs Postdigitale Narrativität der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Abgerufen am 23. Juni 2017. 1996 war Bielicky Mitbegründer des Institute of Unstable Thoughts in Kiev,Institution of Unstable Thoughts - Monoskop. Monoskop-Website. Abgerufen am 23. Juni 2017. Ukraine. 1997 arbeitete er mit dem High-Tech-Center Babelsberg in Potsdam zusammen. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet Bielicky im ZKM an zwei innovativen Forschungsprojekten: zum einen am Virtual Set Project aus dem u. a. das Werk Delvaux’s Dream (1998–99) hervorgegangen ist, Website des ZKM, Karlsruhe. Abgerufen am 23. Juni 2017.; zum anderen an einem interaktiven 360°-Environment-Projekt für Volkswagen an der Autostadt Wolfsburg mit dem Namen Room with a View (1999–2000). Seit 2002 trug er zur Etablierung des ersten Neue-Medien-Abteilung an der Chiang Mai Universität in Nordthailand bei.ICECA - Cultural Exchange and Computer Arts - activities. culturebase.org-Website. Abgerufen am 23. Juni 2017.

Von 2006 bis zu seinem Ruhestand 2023 war Bielicky Professor für Neue Medien an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe mit Schwerpunkt Digital Media Arts. Die Verlängerung seines Vertrags vor dem Ruhestand war Gegenstand eines Rechtsstreit mit der Hochschule, der im Mai 2024 entschieden wurde. Bielický hatte sein Engagement gegen die BDS-Kampagne für den Konflikt verantwortlich gemacht. mini|Der Name, Nationalgalerie Prag.

Werke

1986 war »Perpetuum Mobile«MedienOperative (Hrsg.), Micky Kwella, Jörg Himstedt (Rd.). VideoFilmFest ’88 des 18. Internationalen Forums des jungen Films. Berlin, Internationales Forum des jungen Films. 1988. S. 19. eines von Michael Bielickys ersten in Düsseldorf produzierten Videoarbeiten. Bielicky nutzte in seiner künstlerischen Praxis viele technische Möglichkeiten, angefangen von Stop-Motion über U-Matic, Time Base Corrector mit DOC (Drop-Out-Kompensation) bis hin zu GPS, Internet und Echtzeitdaten.

In den 1980er Jahren entwickelte er Techniken, um die ersten digitalen Videobearbeitungsmaschinen kreativ zu gebrauchen, um sein Videomaterial zu verändern, zu verzerren und neu zu arrangieren, ähnlich wie 1966 in der ersten Ausstellung seines Mentors Nam June Paik, bei der dieser Magnete benutzte, um die Wiedergabe seiner eingesetzten Fernsehgeräte zu verzerren. Werke wie Four SeasonsMichael Bielicky – Four Seasons. LIMA website. Gesichtet 26. Juni 2018. (1984), Circulus viciosus (1985) und Paik-Hat (1986) stellten lineare Schnitttraditionen durch Schnitttechniken und Stop-Motion in Frage, wohingegen Perpetuum MobileMedienOperative (Hrsg.), Micky Kwella, Jörg Himstedt (Rd.). VideoFilmFest ’88 des 18. Internationalen Forums des jungen Films. Berlin, Internationales Forum des jungen Films. 1988. S. 19.Michael Bielicky – Perpetuum Mobile. LIMA website. gesichtet 26. Juni 2018. (1986), Next Year in JerusalemPetra Unnützer (Hg.). 3. Videonale : 11. - 16.9.1988. Bonn, Videonale. 1988. S. 53.Michael Bielicky - Next Year in Jerusalem. LIMA website. Gesichtet 26. Juni 2018. (1988) und Golem is AliveDario Ghanai. Videonale 5. Bonn, Videonale. 1992. S. 110.Michael Bielicky - Golem Is Alive. LIMA website. Gesichtet 26. Juni 2018. (1989) schon auf digitale Schnitttechniken setzten, um Videos zu schaffen, die von den Gespenstern der frühen osteuropäischen Medienkultur heimgesucht scheinen. 1989, im selben Jahr, in dem Golem Is Alive erschien, erweiterte Michael Bielicky die zweidimensionale Leinwand in den Ausstellungsraum. Mit seiner Menorah/InventurKarl Gerbel, Peter Weibel (Hrsg.). Die Welt von innen, Endo & Nano (Ars Electronica 92). Linz, Veritas-Verlag. 1992. S. 126 ff. (1989) ließ er den Bildschirmrahmen in den Hintergrund treten und löste ihn in einer symbolträchtigen Skulptur auf, einem der Hauptsymbole der Jüdischen Religion.Jennifer Hansen-Glucklich. Holocaust memory reframed: museums and the challenges of representation. New Brunswick, NJ, Rutgers University Press. 2014. S. 178–180. ISBN 978-0-8135-6323-7. Sein Werk Menora/Inventur ist das erste Werk, das der Gründer Heinrich Klotz für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe in seinem Gründungsjahr 1989 erworben hat. Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ist das erste Museum weltweit, das sich seit seinem Gründungsjahr auf Medienausstellungen konzentriert. Mit seinen Werken Exodus (1995) und Intelligent Mailman (1994), die Mithilfe von – im ersten Fall – israelischer Militärtechnik entstand und damals als Werke der Telepräsenz (1995), bzw. Intelligentem Ambiente (1994) auf der Ars Electronica präsentiert wurden, ist er für die ersten beiden Werke innerhalb des Kunstkontextes überhaupt verantwortlich, die unter der Verwendung der GPS-Technik entstanden. Ein Jahr später, 1990, hob er die religiöse Symbolik auf und brachte seine Videokunst im universellen wissenschaftlich-technischen Symbol, der Spirale, unter:

„Die Information bewegt sich durch den Raum und die Zeit immer in der gleichen Form. Sie manifestiert sich in einer Spirale. Der genetische Code wird in der Doppel-Helix-Spirale gespeichert genauso wie die Information in den zwei Rollen der Thora. der heiligen Schrift des Judentums. Wie die Laute der menschlichen Sprache in Form von Wellen (Spiralen), so bewegt sich unser Sonnensystem in gleicher Weise durch den Raum. Computerdisketten und Videobänder speichern Information spiralförmig.“Ginette Major (Ed.). Images du futur '91: 31 mai - 22 septembre, cité des arts et des Nouvelles technologies de Montréal. 1991. S. 18.

Der Name (1990),Axel Klepsch (Hg), Vilém Flusser, Nam June Paik (Autors). Discover European Video: Anthology Film Archives, New York November 17-November 25, 1990. Düsseldorf, 1990. S. 11, 46.Wendelin Renn (Hg.). "Schirm-Herrschaft" Video Kunst: 27. Juni bis 25. Juli 1993, Städtische Galerie Lovis-Kabinett Villingen-Schwenningen. Villingen-Schwenningen [u. a.], Städtische Galerie [u. a.]. 1993. S. 16. ein Werk, das rein technisch zwar der Menorah/Inventur ähnlich ist (die kleinen Fernseher sind Empfänger für eine Videoquelle in der Nähe, Feuer und Bildschirme sind als Symbol und Mittel der Kommunikation verflochten), ist die bei näherer Betrachtung die perfekte Balance von technischer Expertise und historisch-kultureller Mystik. Bielicky entlarvte die Technologie als ein Metanarrativ unter vielen. 1987 untersuchte Bielicky filmisch die Zerstörung von Joseph Beuys’ 'Fettecke’ in Zusammenarbeit mit Ricardo Peredo Wende. Die daraus entstandene dokumentarische Videoskulptur ist ein Who’s who von Beuys Schülern und Anhängern sowie eine Kaskade teils absurder, teils faszinierender Erklärungen, warum und wie dieser Fall der völligen Kunstunkenntnis eines Hausmeisters Auswirkungen auf die Zukunft der Kunst als Kunst hat.Freunde der Deutschen Kinemathek e. V. (Ulrich Gregor, Peter B. Schumann) (Hrsg.). 17. Internationales Forum des jungen Films. Berlin, Felgentreff & Goebel. 1987. S. 58.Christoph Blase (Hg.). 40jahrevideokunst.de - Teil 2. Ostfildern, Hatje Cantz. 2010. S. 86 ff, 411 ff. In einem einzigartigen und wieder technologisch wegweisenden Projekt versuchte Bielicky den biblischen Exodus im Prototyp dessen zu verewigen, was wir heute alle als Internet kennen. 1995 machten sich Bielicky und einige Kollegen – in einem Jeep, der mit High-End-Technik ausgestattet war – auf, um die Exodusroute in der Wüste Negev nachzufahren und nachzuvollziehen, indem sie GPS-Daten sammelten und sie auf einer der ersten Websites speicherten.Karl Gerbel, Peter Weibel. (Hrsg.): Exhibition Catalogue: Ars Electronica 95: Mythos Information. Welcome to the Wired World. Springer, Vienna. 1995. pp. 214 ff. ISBN 978-3-7913-1869-1 Dieses Projekt, wieder an der Schnittstelle von Religion und Technologie, markiert einen Wendepunkt in Bielickys Arbeit: die ausgestellte Technik scheint nicht mehr von (Medien-)Gespenstern verfolgt – das mit The Name (1990) erreichte Gleichgewicht kippt hin zur Technik: Bielicky zeichnet die biblische Geschichte wissenschaftlich nach, objektiv und ohne mythologische Bemühungen. 1994 beginnt er dann mit GPS im Kunstkontext zu experimentieren: Seine Arbeit Intelligent Mailman (1994) ist weltweit die erste ihrer Art und markiert den Beginn zahlreicher Grundlagenforschungsprojekte zur interaktiven Medienkunst.mini|Columbus 2.0, interaktive Installation von Kamila B. Richter und Michael Bielicky (Software, Steuerrad, Projektoren), ZKM, Karlsruhe

Seit 2005 entwickelt Bielicky – in Kooperation mit Kamila B. Richter Website des Künstlers. Abgerufen am 23. Juni 2017. – webbasierte, oft interaktive Projekte, gesteuert von Echtzeitdaten aus dem Internet. Markt- und Börsendaten, Nachrichten-, Twitter- und viele andere Datenströme steuern die animierten Geschichten des Künstlerduos. Die ersten zwei webbasierten Projekte mit Richter sind Columbus 2.0 und Falling Life / Times (mit einem Vorgänger namens Falling Stars). Columbus 2.0 wurde in Wuhan (2007), SevillaDavina Jackson. SuperLux, Smart Light Art, Design & Architecture for Cities. Thames & Hudson. 2015. pp. 92 ff. ISBN 978-0-500-34304-3 (2008) und Thessaloniki (2011) gezeigt, während Falling Life / Times in Barcelona (2007), São Paulo (2008) und New York (2008) gezeigt wurden.mini|Falling Times, Go Public Avenida Paulista, Sao Paulo. Software (Flash), Projektoren, Wolkenkratzer