mini|Armand Gatti Armand Gatti, eigentlich Dante Sauveur Gatti, (* 26. Januar 1924 in Monaco; † 6. April 2017 in Saint-Mandé) war ein französischer Schriftsteller sowie Theater- und Filmregisseur. Er wurde vor allem durch seine Dramen bekannt.
Leben und Werk Gatti entstammte einer italienisch-russischen Familie von teilweise jüdischer Herkunft und war der Sohn von Laetitia Luzona, einer Putzfrau, und des Auguste Reinier Gatti, eines Straßenkehrers. Als Armand 15 Jahre alt war, verstarb sein Vater an den Folgen von Verletzungen, die Polizisten ihm im Einsatz gegen Streikende zugefügt hatten.siehe sein Drama Auguste G. 1941 erwarb er das Abitur. Seit 1942 lebte er mit anderen jungen Männern im französischen Untergrund. Die G.M.R. „Groupe mobile de réserve“ des Vichy-Regimes verhaftete Gatti. Er wurde zum Tod verurteilt; aufgrund seines Alters (17) wurde das Urteil in Zwangsarbeit umgewandelt.Da andere Gleichaltrige sofort hingerichtet wurden, hängt die Begnadigung eher mit Gattis italienischer Staatsbürgerschaft zusammen. Vichy war darauf bedacht, die Italiener nicht zu verprellen, die zu dieser Zeit noch einen kleinen Teil Frankreichs besetzt hielten und Nazi-Verbündete waren.
Gatti wurde 1943 nach Hamburg deportiert, wo er bei dem Schiffsausrüster und Schiffszimmermanns-Betrieb Lindemann in einem Zwangsarbeiterlager wohnte.in der Literatur auch „Linderman“, „Lintermann“ oder „Lindermann“ geschrieben. Das ist evtl. eine falsche Übertragung von Gehörtem, oder eine Folge davon, dass der Firmenname damals in Fraktur geschrieben wurde, wobei ein Ungeübter leicht den ersten Bogen des m für ein r halten kann, siehe: . Gattis Lager-Nummer war 17.173 (nach anderen Quellen: 171 173), sie erscheint in der Variante 173.173 in Tatenberg (engl. Fass. S. 81); abgerufen am 15. Mai 2023 Es gab in Hamburg „Lindemann“, meistens „John Lindemann“ oder „John M. Lindemann“ genannt, ein sogenanntes „Zivilarbeiterlager“ oder „Wohnlager“ auf der Veddel, eines der zahlreichen Zwangsarbeitslager in der Stadt,zugehörig zu einem ganzen Konglomerat von Arbeitslagern unter der gemeinsamen Signatur „Zwangsarbeiterlager 79“, derzeit bekannt sind fünf Firmen, darunter auch eine zum Konzern Blohm und Voss gehörende, welcher im Bau unterirdischer U-Boot-Bunker aktiv war. Gatti erinnert sich, während einer Bombardierung Hamburgs von vier Tagen und Nächten bei Lindemann gewesen zu sein; diese schweren Bombardements fanden vom 25. bis 30. Juli 1943 statt. Auf der Strecke vom KZ Neuengamme zur Veddel per Marschlandbahn lag der Bahnhof Tatenberg; die Stadt Hamburg als Eigentümerin hatte 1942 eigens einen Gleisanschluss zur schnellen Zu- und Abfahrt zum KZ geschaffen. Gatti musste, nach seinen Angaben, von Lindemann aus an der Ostsee, u. a. in einer Taucherglocke, unter Wasser arbeiten, mit einer Schaufel am Meeresboden. Er gibt „nördlich von Rostock“ an. Ihm gelang durch Mut und glückliche Umständeein Unfall mit der Taucherglocke hatte die Deutschen abgelenkt. Da Gatti klar war, dass er bei solchen Einsätzen ohnehin nicht mehr lange leben würde, er hatte wegen des Druckgefälles schon Nasen- und Ohrenbluten, riskierte er lieber die Flucht, mit einer Schaufel auf der Schulter getarnt, als wäre er zu einer Arbeit unterwegs. die Flucht zurück nach Südfrankreich (in die Corrèze), überwiegend zu Fuß.zum symbolischen Gehalt seiner Lebensberichte aus dem Jahr 1944 siehe die spätere Anmerkung zur Diskussion im Jahr 2010. Im Umkreis von Rostock, bis hin nach Peenemünde, gab es keine bis dato bekannten Unterwasserarbeiten mit Taucherglocken; sehr wohl aber in der Kieler Förde beim U-Boot-Bunkerbau. Es müsste dann heißen „nördlich von Lübeck“ Die Résistance schickte ihn von dort nach England, zu einer Ausbildung als Fallschirmjäger.Fallschirmtruppen spielten eine entscheidende Rolle für die Verbindung von Résistancekräften inner- und außerhalb Frankreichs, insbes. von England aus, zur Versorgung des Maquis mit Medikamenten, Informationen und Waffen. Er war an der Befreiung der Niederlande durch die Operation Market Garden in Arnheim beteiligt. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Gerichtsjournalist für den Parisien Libéré, später unternahm er weite Reisen als Reporter verschiedener renommierter Zeitungen. Neben Dramen verfasste er auch Drehbücher.Siegfried Kienzle, Otto C. A. zur Nedden (Hrsg.): Reclams Schauspielführer. Stuttgart 1993, S. 1020f.
Joseph Long fasst sein Werk so zusammen: Sowohl „Tatenberg“ als auch „Le Cigogne“ beziehen sich auf die Geschichte und die Erfahrungen von Zeitgenossen im 20. Jahrhundert. In Gattis Werk finden wir immer wieder die gleichen Themen …: Die Parallelwelt der Lager, ob in Nazideutschland, Sowjetrußland oder anderswo; Ortsverlust, Zerstörung; und hinter diesen Ereignissen die umfassenderen Themen der Identität, des Überlebens, der Menschenwürde; und die Notwendigkeit, eine Sprache zu finden, um das eigentlich Unsagbare auszudrücken.Long, S. 19. Aus dem Englischen übers.
Gatti selbst schreibt über seine Zwangsarbeit in Norddeutschland:die genaue Lokalisierung von Gattis Orten der Zwangsarbeit steht noch an Diese Verbissenheit,Er bezieht sich darauf, dass er 7 Jahre lang tagtäglich an 2 Vorläuferstücken gearbeitet hat, sie sind nicht erschienen. diese Aufgabe ohne Ende: das war meine Weise, in das KZ zurückzukehren. … Später habe ich dann versucht, die Erinnerung auszutreiben, indem ich ‚Die zweite Existenz des Lagers Tatenberg‘ schrieb.Aus dem Französischen. Längere Fassung: Je travaillais toujours sur mon livre, le même dont le titre avait changé en cours de route. Au debut cela s’intitulait „La Traque des assis“, maintenant „Bas relief pour un décapité.“ Sur le mur de ma chambre j’avais épinglé tous mes personnages et dessiné avec des fils de laine des différents couleurs leurs itinéraires, leurs destins, leur références minérales, végétales, cosmiques … Je t’ai dit: quarante-neuf versions. J’y travaillais chaque nuit. Je ne pensais qu’à ça. Pendant sept ans. Je ne l’abandonnais que lors des reportages, mais dès mon rétour je me précipitais à la table … Cette acharnement, cette tâche sans fin … c’était ma manière de retourner dans la camp de concentration … Plus tard j’ai essayé d’exorciser le souvenir en écrivant ‹La deuxième existence du camp de Tatenberg›. in Marc Kravetz & Gatti: L’aventure de la parole errante. Patrice Thierry-L’Ether Vague, Toulouse 1987, wieder Verdier, Lagrasse 1991, ISBN 2-904620-10-9, S. 18; zuerst in Libération 16.–22. juillet 1979 in 7 Ausgaben.
Im Dialog mit Marc Kravetz führt Gatti aus: Ich betrat die Welt des Konkavengemeint ist eine Arbeitstaucherglocke von innen, siehe das Bild hier (und zwar als ein Pionier dieser Welt, wie er feststellen wird).Anm. von Kravetz Esnämlich das Konkave ist für mich zu einer Art Kleid geworden. Bisweilen habe ich das Gefühl – auch deshalb, weil sich der Wind von der Ostsee her niemals legte –, dass ich es niemals abgelegt habe. Manchmal macht sich dieses Kleid selbständig. Es unternimmt eine Weltreise,eine Anspielung auf das „Univers concentrationnaire“ bei David Rousset in einer einzigen Nacht; und das ist immer eine KZ-Nacht.Gatti & Kravetz: L’aventure de la „Parole errante“. Multilogues.- Patrice Thierry, L’Éther vague, Toulouse 1987, S. 75. Übers. aus d. Franz. Noch 1961 empfand er Beklemmung, als in Moskau von seinem Leidensgenossen Vladimir in der Taucherglocke die Rede war: Die Glocke stülpte sich schwer über mich, in jenen Tagen, als ich auf dem Grund der Ostsee mit einer dreieckigen Schaufel im Sand grub.Gatti & Kravetz: L’aventure de la „Parole errante“. Multilogues.- Patrice Thierry, L’Éther vague, Toulouse 1987 S. 78. Aus dem Franz.
Zu seiner Dramaturgie und zum Umgang mit der Erinnerung schreibt Gatti im Vorwort zu „Tatenberg“: Ihrem Lauf (sc. dem der Erinnerung) zu folgen, das führt dazu: einen Weg zu bahnen, der zur sichtbaren Wirklichkeit parallel verläuft, der mit ihr jedoch nur durch Zufall Bezüge herstellt. Noch genauer: die sichtbare Wirklichkeit wurde zu einer Folie, einer Kinoleinwand, auf welche die Erinnerung Schatten warf. Die Schatten wurden (dann) durch die eigenen, erinnerten Gedanken in Bewegung gesetzt. Wenn aber das Vorführgerät gedreht wird, gehen die Schatten von der Leinwand weg und setzen ihr Spiel auf den Wänden oder den Türen (des Kinos) fort.frz. Ausg. 1962, S. 243, eig. Übers. aus dem Franz. - Etwas anders: dt. Ausg. Henschelverlag Berlin 1970, Übers. Eugen Helmlé
Marc Kravetz fasste Gattis Weg so zusammen: Die Geschichte beginnt in einem eiskalten Loch in einem Buschwald von Berbeyrolle (Corrèze) im Winter 1942, mit einem einsamen Dialog zwischen einem jungen Partisanen ohne Waffen und dem Gott der Unendlichen. … Die Geschichte beginnt in einem Konzentrationslager, mit der Häftlingsnummer 17173 von Linderman, und auf dem Fluchtweg aus der Gefangenschaft, den ein junger Mann zu Fuß zurücklegt, und (der), ohne es zu wissen, den Weg zu Hölderlin wiedergefunden hatte.
An Alain Resnais’ Film Nacht und Nebel übt Gatti eine solidarische Kritik, was die Darstellung von schwer erträglichen Szenen aus der Zeit, als die KZs von den Alliierten befreit wurden, angeht (z. B. von den Bulldozern, die Leichenberge schieben), also an der Bildsprache: Mich stört nicht nur, daß es sich um ein fälschlich typisiertes Bild von der Vernichtung handelt, weil […] die Wahrheit der Vernichtung gerade in der Nicht-Existenz solcher Bilder besteht. In der Logik des nationalsozialistischen Vernichtungsprozesses mußten alle Spuren verwischt werden. Alles verlief ordentlich und streng geregelt. Die Bilder … drücken einen, wenn auch realen, Aspekt der Grausamkeit des Lagers aus, einen Aspekt, der jedoch nicht im Zentrum des Vernichtungsprozesses steht. Das eigentlich Inakzeptable an diesen Bulldozern ist, daß sie allen Opfern genau das verweigern, was ihnen auch die Nazis nicht gewähren wollten, nämlich eine Bestattung. Sie sind nur noch Körper, ›Figuren‹. Welche Erinnerung kann es für die Nachkommen jener so übereinander geschichteten Männer und Frauen geben? Alles verliert sich in der Uniformität und Anonymität des Grauens.Catrin Corell: Arno Gisinger: online (PDF; 134 kB) Gattis Text aus: La sépulture et le propre de l’homme. Programmheft zu Adam quoi?, Marseille 1993