mini|Wappen der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft mini|Lotterielos der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft vom April 1905

Die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft war die zweite Gründung einer Rettungsorganisation in Wien.Der 1. Wiener Rettungs-Verein zur Abwendung der plötzlichen Gefahr und Rettung des Lebens von Menschen (Societas Viennensis I in resuscitationem intermortuorum instituta 1867) wurde 1867 durch Ludwig Josef Melicher gegründet. Sie wurde im Dezember 1881 auf Privatinitiative gegründet und war bis 1938 tätig. In der Folge wurden ihre Aufgaben von der Stadt Wien übernommen.

Geschichte 1881 / 1882: Gründung mini|hochkant|Johann Nepomuk Graf Wilczek in Uniform der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft Die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft wurde am 9. Dezember 1881, einen Tag nach dem Ringtheaterbrand, gegründet.

An die Spitze der neuen Organisation traten die drei Gründer Johann Nepomuk Graf Wilczek als Ehrenpräsident, Eduard Lamezan-Salins als Präsident und Jaromír Mundy als Generalsekretär. Unterstützt wurden sie von einem neunköpfigen Aktionskomitee. Zu den Mitbegründern gehörte der Chirurg Theodor Billroth.Austria-Forum Während Jaromír Mundy die Statuten ausarbeitete, überreichten Wilczek und Lamezan bei einer Audienz Kaiser Franz Joseph I. eine Denkschrift und baten ihn um Schutz und Protektion für die Rettungsgesellschaft, die dieser auch gewährte. Die am 9. Jänner 1882 bei der k.k. niederösterreichischen Statthalterei eingereichten Statuten der Gesellschaft wurden bereits am nächsten Tag genehmigt. Unverändert angenommen wurde auch der von der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft gemachte Vorschlag zum Verhältnis der Rettungsgesellschaft zu den verschiedenen Behörden.

Zwecks Mitgliederwerbung wurden in der Stadt Plakate mit der Aufforderung, der Rettungsgesellschaft beizutreten, affichiert und in Wohnhäusern Formulare zur Beitrittserklärung verteilt. Die Zahl der Beitrittswilligen blieb jedoch hinter den Erwartungen zurück. Zu den neuen Mitgliedern des freiwilligen Sanitätsdienstes zählten vor allem Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren aus den (zehn Jahre später eingemeindeten) Vororten Wiens (150 Mann), Angehörige verschiedener Ruderklubs (80 Mann) und 60 Turner des Ersten Wiener Turnvereins.

Zur ersten Versammlung der fast 400 angemeldeten Mitglieder am 18. Mai 1882 erschienen 232. Bei einer weiteren Sitzung am 21. Oktober im Akademischen Gymnasium fand sich niemand, der bereit war, zur Tageszeit Dienst zu tun, und lediglich ein Mann war bereit, seinen Sonntag zu opfern. Von dieser Personalnot gezwungen, rief die Rettungsgesellschaft Medizinstudenten dazu auf, sich am Dienst in den zukünftigen Rettungsstationen zu beteiligen.

Ab November 1882 hielt Albert Mosetig von Moorhof als Chefchirurg der Rettungsgesellschaft die österreichweit ersten Samaritervorträge zur Ausbildung von Sanitätspersonal für die Rettungsgesellschaft.

Im Dezember 1882 wurde mit dem k.u.k. Reichs-Kriegsministerium eine Vereinbarung über die Unterstützung der Militärsanitätspflege und am 12. Jänner 1883 ein weiteres Abkommen mit dem k.k. Handelsministerium über die Hilfeleistung bei Eisenbahnunfällen getroffen. Im Rahmen dieser Vereinbarung wurden den Bahnhöfen Wiens kostenlos 100 Tragbahren zur Verfügung gestellt.

1883: Die ersten Rettungsstationen mini|Sanitätsstation Fleischmarkt Nach der erfolgten Ausbildung der ersten Samariter wurden im Haus Fleischmarkt 1 (Ecke Rotenturmstraße, nahe dem Schwedenplatz) im 1. Bezirk zwei Räumlichkeiten angemietet und darin die erste Sanitätsstation eingerichtet. Erstmals besetzt wurde diese Station am 1. Mai 1883, erstmals wegen eines Unfalls in Anspruch genommen wurden die dort stationierten Sanitäter am 2. Mai. Zur Erleichterung der Alarmierung erhielt die Sanitätsstation später auch eine direkte Telefonverbindung mit der Polizeidirektion.

Eine zweite Sanitätsstation wurde im Haus Giselastraße 1 (heute Bösendorferstraße; Ecke Kärntner Straße, nahe der Wiener Staatsoper), ebenfalls im 1. Bezirk, eingerichtet und am 20. Mai 1885 eröffnet.

Trotz des Wohlwollens, das Kaiser Franz Joseph I. und andere hochgestellte Persönlichkeiten, beispielsweise Kronprinz Rudolf, Erzherzog Rainer, Erzherzog Wilhelm, Erzherzog Karl Ludwig, die deutsche Kaiserin Augusta, Ismail Pascha, König Milan von Serbien und der japanische Kronprinz, der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft entgegenbrachten, wurde diese immer wieder in ihrer Entwicklung behindert. Von der Gemeinde Wien etwa wurde nur in der Gründungszeit eine niedrige Subvention gewährt, die später gänzlich eingestellt wurde. Teile der Ärzteschaft sahen in der neuen Organisation zunächst eine Konkurrenz, die den eigenen Interessen schadete.

Ab 1886 wurden an 20 belebten Orten der Stadt Tragbahren für den öffentlichen Gebrauch aufgestellt, um im Notfall für plötzlich Erkrankte oder Verunfallte rascher Transportmittel zur Verfügung zu haben.

1889–1896: Zentralsanitätsstation Stubenring mini|Zentralsanitätsstation Stubenring Steigender Platzbedarf in den beiden Rettungsstationen am Stubenring und in der Giselastraße sowie die steigende Belastung durch die Mietzinse führten schließlich zur Errichtung der ersten Rettungszentrale.

1889 wurde die Zentralsanitätsstation am Stubenring 1 (dem späteren Bauplatz des k.u.k. Kriegsministeriums) eröffnet. Sie wurde nach Plänen des Architekten Ferdinand Hrach vom Stadtbaumeister Josef Tischler errichtet. Noch vor der Fertigstellung der Zentralsanitätsstation wurden die beiden bisherigen Rettungsstationen geschlossen und provisorisch in Baracken in der Nähe des künftigen Standortes untergebracht.

Am 25. März 1890 besichtigte Kaiser Franz Joseph I. die neue Zentrale. Noch im gleichen Jahr folgten Besuche durch Erzherzog Carl Ludwig, Kronprinzessin-Witwe Stephanie sowie den damaligen Prince of Wales, Albert Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, später König Eduard VII. Nach seinem Selbstmord wurde Jaromír Mundy 1894 hier aufgebahrt.

Die Eingemeindung der Vororte 1892 vergrößerte den Zuständigkeitsbereich der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Dazu wurde das Personal in der Zentralsanitätsstation aufgestockt. Provisorisch wurden einige Baracken als Dependance eingerichtet.

Das Wiener Stadtbauamt riet von der baulichen Erweiterung der Sanitätszentrale ab. Diese würde in einigen Jahren der Errichtung neuer Verkehrsanlagen ohnehin zum Opfer fallen. Der Wienfluss war damals nämlich noch nicht fertig reguliert, der Stubenring nicht in seine definitive Lage gebracht, weil auf der anderen Straßenseite noch die Franz-Joseph-Kaserne im Weg war, die Wiener Stadtbahn, die das Grundstück unterqueren sollte, war noch nicht gebaut.

Anfang 1896 schließlich wurde die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft darüber informiert, dass das Areal, auf dem sich die Zentralsanitätsstation Stubenring befand, bis Jahresende vollständig geräumt werden musste. Grund dafür war der Bau der Wiener Stadtbahn.

Seit 1897: Zentralsanitätsstation Radetzkystraße mini|Zentralsanitätsstation Radetzkystraße, bis heute in Betrieb Auf Intervention von Kaiser Franz Joseph I. wurde vom Wiener Stadterweiterungsfonds jenseits des Wienflusses an der Radetzkystraße eine Parkanlage als Ersatzgrundstück zur Verfügung gestellt. So wie schon die erste Zentralsanitätsstation wurde auch diese von Ferdinand Hrach geplant. Errichtet wurde sie von der Wiener Union-Baugesellschaft. Am 18. Juni 1897 konnte das neue Gebäude im 3. Bezirk, Radetzkystraße 1, in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum, eingeweiht werden.Tageszeitung Neue Freie Presse, Wien, 18. Juni 1897, Abendblatt, S. 1–2 Die Weihe erfolgte durch Titularerzbischof Eduard Angerer in Gegenwart des Kaisers und weiterer hoher Würdenträger. Die Station ist bis heute in Betrieb.

1900: Eisenbahnambulanzwagen Mit der Eröffnung der Wiener Stadtbahn stellte die Rettungsgesellschaft 1900 einen vom Eisenbahnministerium zur Verfügung gestellten und entsprechend adaptierten Eisenbahnambulanzwagen in Dienst. Stationiert wurde dieser mit acht Liegeplätzen und Sanitätsmaterial ausgestattete Waggon als Bestandteil des technischen Hilfszuges in der der Zentralsanitätsstation nahegelegenen Station Hauptzollamt der Stadtbahn. Zum Einsatz kommen sollte dieser Eisenbahnambulanzwagen bei Unglücksfällen im Netz der Wiener Stadtbahn. Am 21. November 1900 wurde dieser Waggon dem k.k. Ministerpräsidenten Ernest von Koerber, k.k. Eisenbahnminister Heinrich von Wittek, k.k. Statthalter Erich Graf von Kielmansegg und weiteren Gästen vorgeführt.

1905: Erstes Rettungsauto Aus Anlass des 20-jährigen Bestandsjubiläums der Rettungsgesellschaft wurde 1901 an neun Orten an der Donau und dem Donaukanal Rettungsgerät zur Rettung Ertrinkender installiert. Zusätzlich wurden an Häusern Blechtafeln mit Instruktionen zur Wiederbelebung Ertrinkender angebracht.

In einer Sitzung am 30. September 1903 wurde wegen der großen räumlichen Ausdehnung Wiens die probeweise Einführung von Automobilen, aber auch die Errichtung von Filialen in den Außenbezirken beschlossen. Das erste Filialgebäude wurde am 1. Februar 1905 in Betrieb genommen. Am gleichen Tag wurde der neue Ambulanzwagen der Österreichischen Daimlermotoren-Gesellschaft in Wiener Neustadt, das erste Rettungsauto, in Dienst gestellt und in der Zentralsanitätsstation stationiert.

1905: Filialsanitätsstation Graf-Wilczek-Stiftungshaus mini|Filialsanitätsstation „Graf Hans Wilczek“, Mariahilfer Gürtel, heute meistbeschäftigte Wiener Rettungsstation Einem Beschluss vom 30. September 1903 folgend, wurde auf einem Baugrund am Mariahilfer Gürtel nach Plänen des Architekten Bernhard Pichler von der Union-Baugesellschaft unter der Leitung des Architekten Humbert Walcher von Molthein die erste Filialsanitätsstation errichtet. Der Spatenstich erfolgte am 20. Juli 1904, am 1. Februar 1905 wurde das Gebäude dem Sanitätsdienst übergeben.

Nathaniel Meyer von Rothschild, der die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft immer wieder mit großen Summen unterstützte und ihr so wie sein Nachfolger Alfons von Rothschild auch jahrelang die Erträge aus der Besichtigung seiner Glashäuser zukommen ließ, unterstützte auch die Errichtung dieser Filialsanitätsstation finanziell.

Aus dem sogenannten Graf-Wilczek-Stiftungshaus entwickelte sich die heutige Rettungsstation Mariahilf der Berufsrettung Wien. Sie zählt zu den meistfrequentierten Rettungsstationen Österreichs und liegt auch im europaweiten Vergleich im Spitzenfeld.

Am 1. November 1906 verfügte das Reichskriegsministerium (wie es bis 1911 hieß), in Ausbildung stehende Militärärzte zur praktischen Ausbildung in Erster Hilfe bei Unfällen turnusmäßig den beiden Sanitätsstationen der Rettungsgesellschaft zum Dienst zuzuteilen.

1914–1918: Hilfe im Ersten Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs organisierte die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft entsprechend dem Abkommen vom Dezember 1882 mit dem Kriegsministerium sowohl den Transport von Verwundeten zwischen den Bahnhöfen, Krankenhäusern und Sanitätsanstalten in Wien als auch die Verpflegung der Verwundeten durchreisender Truppen auf dem Nordwestbahnhof.

Außerdem organisierte die Rettungsgesellschaft einen eigenen Lazarettzug mit 138 Plätzen, um Verwundete aus dem Kriegsgebiet in Krankenhäuser im Hinterland zu bringen. Das Kommando über diesen Lazarettzug hatte Hans Graf Wilczek inne. Auf insgesamt 165 Fahrten wurden 44.821 Verwundete transportiert und eine Strecke von 159.640 Kilometern zurückgelegt.

Nach Kriegsende wurden Kleidersammlungen für Bedürftige organisiert und öffentliche Ausspeisungen beim Stadtpark abgehalten.

1918–1938: Finanzielle Probleme