mini|Heinrich Eduard Jacob,Aufnahme um 1928 Heinrich Eduard Jacob (* 7. Oktober 1889 als Henry Edward Jacob in Berlin-Friedrichstadt; † 25. Oktober 1967 in Salzburg) war ein deutscher und amerikanischer Journalist und Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Henry E. Jacob und Eric Jens Petersen.

Familie Heinrich Eduard Jacob war der Sohn des Bankdirektors und Chefredakteurs der „Deutschen Konsularzeitung“ Richard Jacob (Breslau 1847 – Berlin 1899) und dessen Ehefrau Martha Jacob, geb. Behrendt (Deutsch-Eglau 1865 – KZ Theresienstadt 1943), Tochter eines Rittergutsbesitzers. Nach der Scheidung der Eltern 1895 heiratete die Mutter im selben Jahr den Wiener Bankier Edmund Lampl; die Übersiedlung nach Wien erfolgte 1898.

Leben Jugend, Ausbildung, erste Tätigkeit Mit seinem älteren Bruder Robert Jacob (Berlin 1883 – Berlin 1924) und seiner Halbschwester Alice Lampl (Berlin 1898 – Wien 1938) wuchs Jacob in einer Bildungsbürgerfamilie der alten deutsch-jüdischen Geisteswelt auf. Nach dem Besuch von Gymnasien in Berlin und Wien legte Jacob 1909 sein Abitur am „Askanischen Gymnasium“ in Berlin – wo er durch seinen Lehrer Otto Gruppe (1851–1921) altphilologisch geprägt wurde – ab und begann an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin Germanistik, Literatur-, Geschichte und Musikwissenschaft zu studieren.

Bereits während des Studiums stand er in Verbindung mit dem Berliner Kreis der Frühexpressionisten; mit Georg Heym, dessen erste Gedichtveröffentlichungen er im Berlin-Charlottenburger Wochenblatt „Herold“ vornahm, verband ihn eine Freundschaft. Ab April 1912 war er Theaterkritiker der „Deutschen Montagszeitung“.

Im Jahre 1912 erschien eine erste Novellensammlung „Das Leichenbegängnis der Gemma Ebria“, 1915 das Tagebuch „Reise durch den belgischen Krieg“ und im letzten Kriegsjahr der erste Roman unter dem Titel „Der Zwanzigjährige“.

Weimarer Republik In der Zeit der Weimarer Republik arbeitete Jacob vor allem als Journalist und Feuilletonist. Im September/Oktober 1926 nahm er als Delegierter und Sonderkorrespondent des „Berliner Tageblatts“ am internationalen Filmkongress in Paris teil, der auf Veranlassung des Völkerbundes einberufen worden war und sich mit dem neuen Medium Film als Propagandainstrument befasste. Als Beispiel eines verhinderten „Hetzfilms“ variierte Jacob einen 1924 produzierten und am 2. Juli 1926 in den Kinos angelaufenen Film über einen korsischen Räuberhauptmann, „Romanetti. Le Roi du maquis“ (Regie: Gennaro Dini). In seinem Roman „Blut und Zelluloid“ (1929) verarbeitete Jacob den Pariser Filmkongress sowie den Film über den Räuberhauptmann.Zur zeitgenössischen Rezeption siehe die ausführliche Besprechung von Kurt Münzer aus der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung von 1930: .

Von 1927 bis 1933 war Jacob Leiter des „Mitteleuropäischen Büros“ des „Berliner Tageblatts“ in Wien. Er war dort Mitglied der Freimaurerloge Humanitas.Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurer Lexikon. 5. Auflage, Herbig Verlag, 2006, ISBN 3-7766-2478-7, S. 431. Daneben veröffentlichte er eine Reihe von Romanen, Erzählbänden und Theaterstücken. In fast allen seinen Werken kann man Jacob als einen Autor kennenlernen, „der die Krisenerscheinungen der modernen Welt präzise diagnostiziert; dies ist auch in den Texten der Fall, deren Stoffe nicht aus der Zeitgeschichte stammen, sondern historischen Texten oder Themen entlehnt sind.“ (Isolde Mozer, 2005.)

Neben Schauspielen, „Dialogen“ und weiteren Novellen, deren Erstveröffentlichung zum Teil im „Berliner Tageblatt“ erfolgte, erschienen in diesen Jahren, neben „Blut und Zelluloid“, die Romane „Jacqueline und die Japaner“ (1928), „Die Magd von Aachen“ (1931), „Liebe in Üsküb“ (1932) und „Ein Staatsmann strauchelt“ (1932).

Drittes Reich, KZ, Emigration Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland verlor Jacob im März 1933 seine Stellung beim „Berliner Tageblatt“. Er lebte nunmehr als freier Schriftsteller in Wien und konzentrierte seine literarische und literaturwissenschaftliche Wahrnehmung neben Biographien vor allem auf das Sachbuch.

Anlässlich des XI. Internationalen PEN-Kongresses in Ragusa (Dubrovnik) stritt er in vorderster Reihe gegen die nationalsozialistisch eingestellten Schriftsteller und trug damit zur Spaltung des österreichischen PEN bei. Während seiner anschließenden Bemühung – gemeinsam mit Raoul Auernheimer, Paul Frischauer u. a. –, die „Völkischen“ zum Austritt aus dem PEN zu bewegen, kam es zur Kontroverse mit Stefan Zweig, der sich sehr zögerlich zeigte. Seine erzählerischen Werke standen während der Zeit des Nationalsozialismus auf der Liste unerwünschter Bücher.

Dagegen konnte das erste Sachbuch „Sage und Siegeszug des Kaffees“ 1934 im Berliner Rowohlt-Verlag erscheinen (1952 legte Jacob eine überarbeitete Neuauflage vor; 2006 erschien eine von Jens Soentgen besorgte und thematisch ergänzte Neuausgabe). Weitere belletristische Werke erschienen nur noch in schweizerischen bzw. niederländischen Verlagen (u. a. im Exilverlag Querido in Amsterdam).

mini|Registrierungskarte von Heinrich Eduard Jacob als Gefangener im KZ Dachau Nach dem „Anschluss Österreichs“ wurde Jacob am 22. März 1938 verhaftet und seine umfangreiche Bibliothek und Privatkorrespondenz, aber auch sein sonstiges Hab und Gut, beschlagnahmt. Der Autor wurde in „Schutzhaft“ genommen. Man deportierte ihn mit dem 1. Wiener Transport von „Schutzhäftlingen“, dem sogenannten „Prominententransport“, in das KZ Dachau und am 23. September 1938 in das KZ Buchenwald. Durch die ständigen Bemühungen seiner späteren Frau Dora Angel-Soyka (Wien 1889 – Berlin 1984), Schwester des österreichischen Dichters Ernst Angel (1894–1986) und in erster Ehe mit dem Wiener Schriftsteller Otto Soyka (1881–1955) verheiratet, sowie mit Hilfe eines amerikanischen Onkels, Michael J. Barnes, einem Bruder von Jacobs Mutter, gelang es, seine Ausreise zu ermöglichen. Am 10. Januar 1939 wurde er aus Buchenwald entlassen, heiratete am 18. Februar 1939 in Wien Dora Angel und gelangte mit ihr über Großbritannien in die Vereinigten Staaten. Dort ließ er sich in New York nieder.

Trotz all seiner furchtbaren Erfahrungen und Erlebnisse blieb Jacob auch später stets um Versöhnung und Ausgleich mit den in Hitler-Deutschland verbliebenen Kolleginnen und Kollegen – und mit den Deutschen insgesamt – bemüht.

Das literarische Werk dieser Jahre umfasst unter anderem den Novellenband „Treibhaus Südamerika“ (1934) und den Roman „Der Grinzinger Taugenichts“ (1935). 1937 erschien in Amsterdam eine Johann Strauss-Biographie („Johann Strauss und das neunzehnte Jahrhundert“), die eine ganze Reihe von Musikerbiographien einleitete, für die Jacob, neben einzelnen Sachbüchern, bis heute bekannt ist. Von der Strauss-Biographie erschienen später Übersetzungen in den USA, Ungarn, Schweden, Argentinien, Brasilien, Frankreich und den Niederlanden.

Weitere Musikerbiographien waren Joseph Haydn („Joseph Haydn. His Art, Times, and Glory“, 1950; Deutsch: 1952), Mozart („Mozart oder Geist, Musik und Schicksal“, 1955) und Felix Mendelssohn („Felix Mendelssohn und seine Zeit“, 1959) gewidmet, die alle ebenfalls mehrfach (und auch als Taschenbuch) erschienen.

USA, Remigration, Tod In den Vereinigten Staaten schrieb Jacob für deutschsprachige Exilzeitschriften wie zum Beispiel für die jüdische Wochenzeitung „Aufbau“, aber auch für die „New York Times“. Am 28. Februar 1945 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Seinen größten literarischen Erfolg stellte die 1944 in New York erschienene Kulturgeschichte des Brotes unter dem Titel "Six thousand Years of Bread. Its Holy and Unholy History". Dieses Buch gilt bis heute als Standardwerk. Es wurde in seiner Originalversion mehrfach nachgedruckt, zuletzt 2007. 1954 brachte der Rowohlt-Verlag in Berlin, bei dem schon in den Weimarer Jahren die meisten größeren Werke Jacobs erschienen waren, eine deutsche Fassung heraus: "Sechstausend Jahre Brot". Auch hiervon kamen mehrere Neuauflagen heraus, zuletzt 1985.

Im Sommer 1953 kehrte Jacob wieder nach Europa zurück und hielt sich zeitweise auch in Deutschland auf. Insgesamt war sein Leben seit 1938 jedoch von großer Rastlosigkeit geprägt, er lebte mit seiner Frau von Hotel zu Pension. Seine angegriffene Gesundheit, vor allem bedingt durch die Internierung in den Konzentrationslagern, verhinderte ab 1959 die Entstehung weiterer literarischer Werke.

Die Ruhestätte von Heinrich Eduard Jacob und seiner Frau Dora befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße in Berlin-Westend, Heerstraße 141 (Scholzplatz).

Nachwirkung Während er als Erzähler und Romancier nach 1945 nicht mehr an die Wirkung der Zeit vor 1933 anknüpfen konnte – vielleicht auch nicht mehr wollte (vgl. dazu Jacobs Aufsätze Genau genommen begann alles mit dem Salz. Neue Literatur oder Mode? – Was ist, woher kommt, wozu nützt das Sachbuch?, in: „Die Welt“, Hamburg, 3. Dezember 1960, und Wie ich Sachbuchautor wurde, in: „Die Welt“, Hamburg, 7. Oktober 1964) –, erzielte Jacob mit seinen Sachbüchern großen Erfolg – einem Genre, das er einst mitbegründet hatte.

Es liegen mehrere Manuskripte in druckfertigem Zustand vor, die bisher nicht publiziert worden sind (siehe die Auflistung unten).

Jacob in der Literaturwissenschaft Eine eigene Studie hat die Literaturwissenschaftlerin Isolde Mozer Jacob 2005 gewidmet („Zur Poetologie bei Heinrich Eduard Jacob“). Mit seinem erzählerischen und dramatischen Werk habe er „der Moderne ein unerwartetes, nämlich ein mystisches Profil“ verliehen. „Denn die Diagnose einer beschädigten, fragmentierten Welt inspiriert den jüdischen Autor zu welthistorischen Erlösungserzählungen, die einem einzigen Ziel verpflichtet sind: der Restitutio ad integrum“. In seiner Ästhetik nimmt Jacob ihr zufolge den Gedanken der mimetischen Repräsentation der Selbstaufopferung Gottes durch das kabbalistische Arkanum auf. In der okkulten jüdischen Theosophie habe Jacob einen Weg aus der Krise der Moderne gesehen (was ihn nach Mozer in die Nähe von Walter Benjamin bringt).

Für den Literaturwissenschaftler Jens-Erik Hohmann („Unvergänglich Vergängliches. Das literarische Werk Heinrich Eduard Jacobs“, 2006) ist „die Geschichte Heinrich Eduard Jacobs und seines Werks [...] mehr als die Geschichte eines deutschen Künstlers jüdischer Abstammung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Sie sei „ein Teil der Geschichte Deutschlands. Und als solches ist sie auch die Chronik des Versuchs, diese Geschichte zu überleben und sich in ihr zu behaupten – als Mensch und als Künstler.“

Auszeichnungen 1935 Honorary Membership der prestigeträchtigen Universität Tokio. 1966 Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Stufe: Verdienstkreuz 1. Klasse).

Werke Erzählerisches Werk, Romane, Sachbücher Das Leichenbegängnis der Gemma Ebria (Novellen), Berlin 1912 Reise durch den belgischen Krieg (Tagebuch), Berlin 1915 Das Geschenk der schönen Erde (Idyllen), München 1918; letzte Neuauflage in "Die neue Reihe" (Nachdruck der Ausg. 1–8 der Roland-Bände), hrsg. von Martin Sommerfeld: Nendeln/Liechtenstein 1973 Der Zwanzigjährige (Roman), München 1918; 2. Aufl. 1918; letzte Neuauflage: Berlin 1983, ISBN 3-87008-106-6 Beaumarchais und Sonnenfels (Schauspiel), München 1919 Die Physiker von Syrakus (Dialog), Berlin 1920 Der Tulpenfrevel (Schauspiel), Berlin 1920 Das Flötenkonzert der Vernunft (Novellen), Berlin 1923; 2. Aufl. 1924 Der Untergang von dreizehn Musiklehrern (Erzählung), Stuttgart 1924 Dämonen und Narren (Novellen), Frankfurt am Main 1927; 2. Aufl. 1929; letzte Neuauflage: Hamburg 1957; als Fortsetzungsabdruck im Jahre 1931 im Berliner Tageblatt erschienen Jacqueline und die Japaner (Roman), Berlin 1928; 2. Aufl. 1929; letzte Neuauflage: Reinbek 1989, ISBN 3-499-12460-2 Blut und Zelluloid (Roman), Berlin 1929; letzte Neuauflage: Bad Homburg 1986, ISBN 3-925844-02-3