Geschlechtsdysphorie des Kindes- und Jugendalters bezeichnet eine mit klinisch relevanten Leiden oder Beeinträchtigung einhergehende Geschlechtsinkongruenz zwischen dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht und dem von einem transgeschlechtlichen Kind oder Jugendlichen als richtig empfundenen Geschlecht. Auch das Leiden von intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen, das aufgrund seines Geburtsgeschlechts empfunden wird, fällt unter den Begriff Geschlechtsdysphorie des Kinder- und Jugendalters.
Nicht alle transgeschlechtlichen Menschen empfinden im Zusammenhang mit geschlechtlicher Unstimmigkeit einen Leidensdruck und erleben somit Geschlechtsdysphorie. Das Wort Dysphorie kommt vom griechischen Begriff dysphoria, welcher u. a. „schwer zu tragendes Leid“ bedeutet und ist das Antonym zu Euphorie. Anders als im Falle von Erwachsenen stehen bei der Geschlechtsdysphorie des Kinder- und Jugendalters die von einer Geschlechtsdysphorie Betroffenen noch vor oder unmittelbar in der Pubertät.
Schätzungen gehen von 50 bis 100 betroffenen Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus, die sich im Jahr 2007 in Behandlung befanden.Bettina Maierhofer: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Juli 2007, abgerufen am 1. März 2021. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti) bezifferte 2018 den Anteil Jugendlicher aus Anfragen auf 15 %. Dies entsprach etwa 270 betroffenen Jugendlichen bezogen auf die Zahl der Anträge nach § 4 Abs. 3 des Transsexuellengesetzes, die jedes Jahr hinzukamen.Bundesamt für Justiz (BfJ):
Klassifikation und Diagnostik
Historische Entwicklung Die Diagnose Transsexualismus war erstmals 1975, bzw. 1980 in ICD-9 und dem von der American Psychiatric Association herausgegebenen diagnostischen Handbuch DSM-III enthalten. Im DSM-III waren erstmals im Kapitel „psychosexuelle Störungen“ drei sogenannte „Geschlechtsidentitätsstörungen“, darunter Transsexualismus und Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter aufgeführt. In der überarbeiteten Fassung DSM-III-R wurde wieder zwischen „Transsexualismus“ und „Störung der Geschlechtsidentität in der Adoleszens oder beim Erwachsenen, nicht-transsexueller Typ“ sowie „Störungen der Geschlechtsidentität NNB“ (nicht näher bezeichnet) unterschieden, allerdings im Kapitel „Störungen der Geschlechtsidentität“. Ausgehend von der damals vorherrschenden, aber falschen Annahme, dass Geschlechtsidentitätsstörungen fast immer in der Kindheit beginnen, waren die Geschlechtsidentitätsstörungen entsprechend eingeordnet. Die schon zuvor unterschiedlichen Diagnosekriterien für Jungen und Mädchen in Bezug auf Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindesalter wurden im DSM-III-R noch prominenter unterschieden. In der DSM-IV von 1994 wurde ganz auf die Diagnose „Transsexualität“ verzichtet und von „Störung(en) der Geschlechtsidentität“ geschrieben, wobei jeweils unterschiedliche Diagnosekriterien für Kinder, Heranwachsende und Erwachsene vorgeschlagen wurden. Die Diagnosekriterien für Jungen und Mädchen, insbesondere in Bezug auf den verbalisierten Wunsch, dem anderen Geschlecht anzuhören, wurden angeglichen.
Geschlechtsdysphorie löste 2013 im DSM-5 die Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ ab, welche wiederum bereits 1994 die Diagnose „Transsexualität“ abgelöst hatte. Das Ziel beider Änderungen war, die Stigmatisierung transgeschlechtlicher Menschen zu verringern. Mit der Diagnose Geschlechtsdysphorie erhält nur noch das Leiden von transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen, welche noch im für sie falschen Geschlecht leben, Krankheitswert, und nicht mehr die wie zuvor ihre Transgeschlechtlichkeit an sich. In der seit 2022 gültigen ICD-11, dem von der WHO herausgegebenen und weltweit gebräuchlichen Diagnosehandbuch, wurde „Transsexualität“ stattdessen durch „Geschlechtsinkongruenz“ ersetzt. Die neue Diagnose fällt nicht mehr in die Kategorie psychischer Störungen, sondern wird als „Zustand mit Bezug zu sexueller Gesundheit“ eingeordnet. Diese Klassifizierung folgt der Erkenntnis, dass eine fälschliche Einordnung von geschlechtlich vielfältigen Identitäten als psychisch ungesund die Betroffenen stigmatisiert.
DSM-5 Im DSM-5 wurde erstmals auf den Störungsbegriff verzichtet und die Diagnose zu „Geschlechtsdysphorie“ umbenannt, um eine Pathologisierung einer gegengeschlechtlichen Identifikation zu vermeiden und den Fokus auf das verspürte Unbehagen zu legen. Unterschieden wird zwischen „Geschlechtsdysphorie bei Kindern“ und „Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen und Erwachsenen“. Zur Definition gehört „eine seit mindestens 6 Monaten bestehende Diskrepanz zwischen Gender und Zuweisungsgeschlecht“ und das Erfüllen von sechs Kriterien eines Kriterienkatalogs aus 8 Punkten, der u. a. ein „ausgeprägtes Verlangen oder Insistieren, dem anderen (oder einem alternativen Gender, das sich vom Zuweisungsgeschlecht unterscheidet) anzugehören“ oder „ausgeprägte Vorliebe für Spielgefährten des anderen Geschlechts“ enthält.
ICD-11
In der seit 2022 gültigen ICD-11 wird Transgeschlechtlichkeit als „Geschlechtsinkongruenz in der Jugend oder im Erwachsenenalter“ (HA60), Nichtübereinstimmung des Identitätsgeschlechts mit dem zugewiesenen Geschlecht in der Pubertät und als Erwachsener, bezeichnet und wird eingeordnet in der neuen Kategorie 17 „Zustände mit Bezug zu sexueller Gesundheit“, welche keine Kategorie psychischer Störungen oder Krankheiten ist. Die Diagnose kann mit Beginn der Pubertät gestellt werden. Für Kinder vor der Pubertät ist die eigenständige Diagnose „Geschlechtsinkongruenz im Kindesalter“ (HA61) vorgesehen. Diagnosekriterien sind:
Starker Wunsch oder Insistieren, einem anderen als dem zugewiesenen Geschlecht anzugehören starke Abneigung gegenüber eigenen anatomischen Geschlechtsmerkmalen starker Wunsch nach körperlichen Geschlechtsmerkmalen, die der subjektiven Geschlechtszugehörigkeit entsprechen Spielaktivitäten und Spielkameraden, die typisch für das erlebte Geschlecht sind
AWMF Seit 2025 gibt es die S2k-„Leitlinie Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“ der AWMF, um Behandelnden einen Leitfaden für den Umgang mit Betroffenen zu geben.
Behandlung
Zur Behandlung jugendlicher Patienten wird „eine über mehrere Jahre kontinuierliche psychologische und medizinische Begleitung [...], bei der einzelfallbezogen explorative Selbstfindungsprozesse, Schritte einer sozialen Transition und abgestufte somatomedizinische Interventionen mit schrittweise zunehmender Irreversibilität gemeinsam mit den Patienten und ihren Sorgeberechtigten im Verlauf evaluiert werden sollten“ empfohlen. Der Deutsche Ethikrat veröffentlichte 2020 eine Ad-Hoc-Stellungnahme, in der er betonte, dass in die komplexe einzelfallbezogene Abwägung der Folgen eingreifenden Handelns (z. B. durch Hormongaben) einerseits und des Unterlassens der Behandlung andererseits die betroffenen Kinder und Jugendlichen eingebunden werden sollten. Es solle außerdem ein „entstigmatisierender Umgang mit Trans-Identität bei Kindern [...] gefördert und einer diskriminierenden Pathologisierung von Geschlechtsinkongruenz entgegengewirkt werden.“
Soziale Folgen Durch den gesellschaftlichen Druck sind die Jugendlichen gezwungen, ihre Identität zu unterdrücken und ein geheimes Doppelleben zu führen. Dies kann zu Depressionen und bei schlimmeren Verlauf zum Suizid führen. Durch das unterdrückte Verlangen, dem anderen Geschlecht anzugehören, entwickelt sich ein gestörtes Sozialverhalten. Instabile Partnerschaften und ein gestörtes Sexualleben bis hin zur völligen Isolation von der Außenwelt können die Folge sein. Die Verzweiflung wegen des als unpassend wahrgenommenen Körpers entwickelt sich oft zu Hass auf den eigenen Körper. Dem folgt in Einzelfällen die Selbstverstümmelung, in seltenen Fällen bei trans Mädchen, die selbst vorgenommene Entfernung des Penis (Penektomie). Eine Transgeschlechtlichkeit bei Kindern hat oft in der Schule anhaltendes Mobbing des betroffenen Kindes zur Folge. Dadurch kann es zu schweren psychischen Schäden kommen.
Auch bei einem Outing als transident kommt es oft zur Ausgrenzung des Betroffenen durch sein Umfeld wie im Kindergarten oder in der Schule. Spannungen innerhalb der Familie können auftreten. Oft wird versucht, durch therapeutische Maßnahmen oder religiös motivierte „reparative“ Therapien das betroffene Kind in die für sein biologisches Geschlecht typischen Verhaltensweisen zu zwingen. Solche so genannten Zwangssozialisierungsmaßnahmen sind u. a. die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder Beteiligung an Veranstaltungen, die für das körperliche Geschlecht typisch sind. Im Falle eines trans Mädchens kann dies zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Fußballverein sein, die das männliche stereotype Verhalten des Kindes fördern soll. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts gaben 96 % der befragten transidenten und nicht-binären Jugendlichen an, in der Öffentlichkeit Diskriminierung erfahren zu haben.
StudienJohanna Olson, Sheree M. Schrager u. a.: Baseline Physiologic and Psychosocial Characteristics of Transgender Youth Seeking Care for Gender Dysphoria. In: Journal of Adolescent Health. Band 57, Nr. 4, 1. Oktober 2015, S. 374–380 (englisch; Volltext: doi:10.1016/j.jadohealth.2015.04.027).Association of Gender-Affirming Hormone Therapy With Depression, Thoughts of Suicide, and Attempted Suicide Among Transgender and Nonbinary Youth, auf jahonline.orgEvaluation of Anxiety and Depression in a Community Sample of Transgender Youth belegen, dass Depressionen und Suizidgefahr in erster Linie von einem unterstützenden (aus Sicht der betroffenen Jugendlichen) oder ablehnenden familiären, schulischen und medizinischen Umfeld nebst Verfügbarkeit einer qualifizierten Versorgung bestimmt werden.
Debatte um Rapid Onset Gender Dysphoria Das 2016 erstmals in Blogs verwendete Konzept Rapid Onset Gender Dysphoria (ROGD, deutsch etwa: „plötzlich auftretende Geschlechtsdysphorie“) wurde durch ein Poster und einen Artikel von Lisa Littman in PLoS One in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. In der Studie sammelte sie durch eine in Online-Foren beworbene Befragung von Eltern von trans Kindern deren Erfahrungen. An der Studie nahmen 256 Eltern teil und füllten das Formular mit 90 Fragen aus. Darin beschrieben sie ihre Perspektiven auf eine scheinbar plötzlich eintretende Geschlechtsdysphorie ihrer Kinder. Littman stellte die Hypothese auf, dass diese Entwicklung einer Geschlechtsdysphorie sich von den zuvor beobachten Formen ihres Auftretens im Hinblick auf den zeitlichen Verlauf unterscheide. Der Unterschied liege im Fehlen von Anzeichen einer Geschlechtsinkongruenz im Kindesalter. Als Ursache postulierte Littman maladaptive Bewältigungsstrategien und Eltern-Kind-Konflikte sowie soziale Einflussfaktoren wie insbesondere eine „soziale Ansteckung“ durch Kontakte zu trans Menschen im Freundeskreis und der Peer Group. Vertreter der ROGD-Hypothese argumentieren, dass die Betroffenen irrtümlich annehmen, transgeschlechtlich zu sein, und eine medizinische Transition daher vermutlich nicht helfe, sondern ihnen womöglich sogar schaden könne.
Nachdem Aktivisten und Wissenschaftler die Studie kritisiert hatten, unterzog PLoS One den Artikel einem erneuten Review und veröffentlichte eine korrigierte Version.
Rezeption des Konzepts