mini|Samuel Ryan Curtis als Generalmajor, 1864 Samuel Ryan Curtis (* 3. Februar 1805 bei Champlain, New York; † 26. Dezember 1866 in Council Bluffs, Iowa) war ein amerikanischer Ingenieur, Politiker und Offizier.
Curtis wurde als Sohn einer Farmerfamilie geboren, die während seiner Kindheit von New York an die Frontier in Ohio auswanderte. Nach seinem Studium an der United States Military Academy arbeitete er in Ohio als Ingenieur und Anwalt, wobei er sich insbesondere bei der Kanalisierung des Muskingum River hervortat. Bei Ausbruch des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges meldete er sich freiwillig und diente ein Jahr lang als Oberst eines Infanterieregiments, kam dabei allerdings nur im rückwärtigen Gebiet zum Einsatz. Nach dem Krieg siedelte er nach Iowa über und arbeitete weiter als Anwalt, an mehreren Bauprojekten und als Investor und Geschäftsmann.
Für die Republikaner wurde er 1856 zum Bürgermeister von Keokuk, Iowa, gewählt, und im gleichen Jahr ins Repräsentantenhaus. Als Abgeordneter setzte er sich insbesondere für den Bau einer transkontinentalen Eisenbahnverbindung ein. Nach zwei erfolgreichen Wiederwahlen gab er seinen Sitz bei Ausbruch des Sezessionskrieges ab und wurde Brigadegeneral des Unionsheeres. Curtis erhielt den Befehl über die „Südwestarmee“ in Missouri und drängte die Konföderierten aus dem Staat. Einen Gegenangriff konnte er in der Schlacht am Pea Ridge erfolgreich abwehren, wofür er zum Generalmajor befördert wurde. Im Juli 1862 eroberte er Helena am Mississippi. Noch vor Inkrafttreten der Emanzipationsproklamation verhalf er dort Tausenden von Sklaven zur Freiheit.
Im September 1862 erhielt er den Oberbefehl über den Großteil der Unionstruppen auf dem Kriegsschauplatz westlich des Mississippi. In dieser Funktion koordinierte er unter anderem die Truppenbewegungen, die schließlich zur Schlacht bei Prairie Grove führten. Diese endete mit einem Sieg seiner untergebenen Generale Herron und Blunt und sicherte Nordwestarkansas für die Union. Als Anhänger der radikalen Fraktion der Republikaner überwarf sich Curtis jedoch zunehmend mit Missouris konservativem Gouverneur Gamble, was schließlich zu seiner Ablösung im Mai 1863 führte. Anfang 1864 erhielt er mit dem Befehl über die Unionstruppen in Kansas, Colorado und Nebraska ein neues Kommando. Schwerpunkte waren hier zunächst der Kampf gegen konföderierte Guerillas und gegen Kriegszüge der Plains-Indianer. Im Herbst 1864 nahm Curtis mit einer eilig ausgehobenen Feldarmee an der Abwehr von Sterling Price’ Raid durch Missouri teil. Er besiegte Price in der entscheidenden Schlacht bei Westport und verfolgte ihn danach bis an den Arkansas River.
Anfang 1865 wurde Curtis zum Kommandeur über die Truppen in den Bundesstaaten Iowa, Wisconsin und Minnesota ernannt und nahm später als militärischer Vertreter an Friedensverhandlungen mit den Plains-Indianern teil. Nach seinem Ausscheiden aus dem Heer 1866 arbeitete er als Inspekteur für die sich im Bau befindliche transkontinentale Eisenbahnlinie und starb auf einer Dienstreise.
Leben Kindheit und Ausbildung Samuel Ryan Curtis wurde am 3. Februar 1805 in der Nähe von Champlain, New York, geboren – unweit der kanadischen Grenze. Seine Eltern Zarah und Phally Curtis besaßen und bewirtschafteten dort eine Farm. Er war das jüngste von neun Geschwistern, von denen zwei bereits im Kindesalter verstarben. 1809 zog die Familie nach Ohio und erwarb eine Farm am Licking River. Hier, im Licking County, wuchs Curtis mit seinen Geschwistern auf. Wie seine beiden älteren Brüder Hosmer und Henry besuchte Curtis die schlichten örtlichen Schulen und erhielt darüber hinaus Privatunterricht von Geistlichen und Privatlehrern. Während Hosmer und Henry erfolgreiche Anwälte und Geschäftsleute wurden, half Curtis zunächst auf der elterlichen Farm aus. Auf Fürsprache seiner Brüder erhielt er 1823 eine Stelle als Schreibkraft in der Verwaltung von Licking County. Zwei Jahre später zog er nach Mansfield und arbeitete dort als kaufmännischer Angestellter für den Kurzwarenhändler McComb. Aus Briefen seiner Brüder und Eltern wird deutlich, dass der junge Curtis nicht immer den sparsamen und puritanischen Idealen seiner Familie entsprach und gerne feierte und sich vergnügte. Die beiden Brüder waren deswegen positiv überrascht, als Curtis ihnen 1826 eröffnete, gerne die US-Militärakademie West Point besuchen zu wollen. Hosmer und Henry blieben für Curtis zeitlebens wichtige und kritische Vertraute und Ratgeber.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 1–4
mini|West Point (links) und der Hudson River von Osten her betrachtet, Gemälde von William James Bennett, 1831. Curtis studierte von 1827 bis 1831 an der Militärakademie, deren Hauptaugenmerk auf Ingenieurwissenschaften lag. Unter Superintendent Sylvanus Thayer lag der Schwerpunkt der US-Militärakademie auf dem militärischen Festungsbau und deswegen auf der mathematisch-naturwissenschaftlichen und insbesondere ingenieurwissenschaftlichen Ausbildung der Kadetten. Entsprechende Fächer machten mehr als die Hälfte des Curriculums aus: Die Kadetten lernten Geometrie, Algebra, Trigonometrie, Differenzial- und Integralrechnung, Chemie, Physik, topographisches Zeichnen und zahlreiche Aspekte des Bauingenieurwesens wie Straßenbau, Be- und Entwässerung, den Bau von Tunnels und Kanälen und Hochwasserschutz. Zahlreiche Absolventen verließen die Armee deswegen bald nach ihrem Abschluss, um der lukrativeren Arbeit als Ingenieure nachzugehen.Emory M. Thomas: Robert E. Lee. A Biography. W. W. Norton, New York und London 1995, S. 47–53. Allen C. Guelzo: Robert E. Lee: Life. Alfred A. Knopf, New York 2021, S. 37ff. Auch Curtis schien kein besonderes Interesse an einer Militärkarriere gehabt zu haben, war aber stark von den damaligen Infrastrukturmaßnahmen (internal improvements) fasziniert, die das interne Transportwesen der Vereinigten Staaten verbesserten. Eigentlich war er mit 22 Jahren jedoch zu alt für eine Berufung an die Militärakademie. Er löste dies, indem er sein Geburtsjahr kurzerhand mit 1807 statt 1805 angab. Erst als er 1866 starb, wurde sein tatsächliches Alter publik. Seine Brüder unterstützten ihn tatkräftig beim Bewerbungsprozess, und 1827 wurde er an die Militärakademie berufen.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 5f.
In West Point bemerkte Curtis bald, dass die meisten seiner Kameraden besser auf das Studium vorbereitet waren als er: „Ich hatte eine sehr gleichgültige Ausbildung in den Volksschulen des Westens genossen,“ erinnerte er sich später. In manchen Fächern konnte er deswegen nicht mit anderen Kadetten mithalten, von denen viele bereits ein College besucht hatten. In den militärischen Fächern dagegen waren alle Kadetten Neulinge, und hier strengte sich Curtis besonders an. Am Ende des ersten Jahres wurde er zum First Corporal seiner Kadettenkompanie befördert. Weitere Beförderungen zum First Sergeant und Ersten Hauptmann folgten in den nächsten Jahren.Joseph E. Chance, Mexico Under Fire, 1994, S. 99f. Als Aufseher des Speisesaals musste er außerdem darüber wachen, dass seine Kameraden sich beim Essen anständig benahmen.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 9 „Ich bin überrascht über meine Geduld und Ausdauer,“ erinnerte sich Curtis später an seine Kadettenzeit. „Vier Jahre ohne meine Freunde und meine Heimat.“Joseph E. Chance, Mexico Under Fire, 1994, S. 100 Während seiner Zeit in Mansfield hatte er Belinda Buckingham kennengelernt und sich später als Kadett mit ihr verlobt. Eine Heirat kam allerdings erst nach seinem Abschluss in Frage.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 9f. Dies stellte seine Geduld zusätzlich auf die Probe: „Oh! Ich erinnere mich gut an diese trüben Monate und Tage, die sich hinzogen. Und ich erinnere mich auch an die Gefühle meiner schmerzenden Brust, die täglich[,] monatlich und für Jahre hin und hergeschleudert wurde, mit Hoffnung und Furcht.“Joseph E. Chance, Mexico Under Fire, 1994, S. 100
Die Ausbildung in West Point war rigoros und stark von Auswendiglernen geprägt. Die Kadetten wurden im Unterricht der Reihe nach zu den Inhalten der Lehrbücher abgefragt. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Kursen mussten sie außerdem Übungsaufgaben an den Tafeln vorrechnen und wurden dazu befragt. Das System zielte auf das Aneignen von Fakten und Denken in Schemata anstatt auf unabhängiges Denken. Im Vergleich zu anderen amerikanischen Universitäten der Zeit war es jedoch durchaus fortschrittlich und erfolgreich.Emory M. Thomas: Robert E. Lee. A Biography. W. W. Norton, New York und London 1995, S. 52f. Das System siebte die Kadetten auch stark aus: Als Curtis im Juli 1831 abschloss, waren von den ursprünglich 86 Kadetten nur noch 33 übrig. Unter ihnen belegte er den 27. Rang.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 6, 10
Werdegang vor dem Sezessionskrieg Ingenieur, Anwalt und Milizoffizier in Ohio Nach seinem Abschluss wurde Curtis als Brevet-Leutnant zum 7. Infanterieregiment in Fort Gibson im Indianerterritorium beordert. Schon nach kurzer Zeit erhielt er Heimaturlaub, da seine Mutter im Alter von 69 Jahren verstorben war. Während dieses Urlaubes heiratete er am 3. November 1831 die sechs Jahre jüngere Belinda. Anfang 1832 kehrte er nochmals nach Fort Gibson zurück, wo gerade die Umsiedlung der „Fünf Zivilisierten Stämme“ ins Indianerterritorium im Gange war. Zu Curtis’ Aufgaben gehörten unter anderem der Straßenbau und das Vermessen von Stammesgrenzen. Schon sechs Monate nach seiner Rückkehr schied er jedoch aus dem Dienst aus und kehrte nach Ohio zurück, um dort eine Zivilkarriere zu beginnen.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 11f.
mini|Kanal des Muskingum in bei Zanesville, Ohio. Curtis arbeitete zwei Jahre als Leitender Ingenieur an der Kanalisierung des Flusses.
Seine erste Anstellung war als Bauingenieur für einen Abschnitt der National Road. In diese Zeit fiel die Geburt seiner ersten Tochter Amanda am 16. September 1832. Von 1833 bis 1837 bekleidete Curtis das Amt des staatlichen Landvermessers, was jedoch zahlreiche Reisen und viel Abwesenheit von seiner Familie bedeutete. Amanda starb im Alter von nur 20 Monaten, wahrscheinlich an der Cholera. Sohn Henry Zarah kam am 14. Oktober 1836 auf die Welt.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 13f. 1837 wurde Curtis Leitender Ingenieur für die Kanalisierung des Muskingum River.George W. Cullum, Biographical register of the officers and graduates of the U.S. Military Academy at West Point, N.Y., from its establishment, in 1802, to 1890 : With The early history of the United States Military Academy, Band 1, Boston : Houghton, Mifflin, 1891, S. 491 Die Stellung bot ein jährliches Gehalt von 1.000 Dollar sowie monatliche Zulagen von 36 Dollar, womit Curtis und seine Frau ein komfortables Leben in der Mittelschicht führen konnten. Curtis’ politische Ausrichtung half ihm dabei, diese Stelle zu erhalten: Er unterstützte die Whigs, die zu diesem Zeitpunkt die für Infrastrukturmaßnahmen in Ohio zuständige Behörde kontrollierten. Die politische Gemengelage änderte sich 1839, und Curtis wurde, gemeinsam mit all seinen Assistenten, entlassen. Die Kanalisierung wurde unter Leitung anderer Ingenieure fortgeführt und 1849 abgeschlossen – nach fast unveränderten Plänen Curtis’.William L. Shea. Union General: Samuel Ryan Curtis and Victory in the West, 2023, S. 15, S. 18.