mini|Die Marienkirche in Marienhafe – heutiger Zustand

Die heute evangelisch-lutherische Marienkirche in Marienhafe war bis zu ihrem Teilabbruch im Jahre 1829 der größte und bedeutendste Sakralbau Ostfrieslands.Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Verlag Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2010, ISBN 978-3-86795-021-3, S. 223ff. Sie wurde im 13. Jahrhundert im Flecken Marienhafe, der zu dieser Zeit etwa 500 Einwohner hatte, im Stil der Frühgotik errichtet und erreichte damals die Ausmaße des Osnabrücker Doms und galt als größte Kirche zwischen Groningen und Bremen. Lange Zeit war die Kirche ein bedeutendes Seezeichen. Die Leybucht, die ihren Namen der alten Bezeichnung des heutigen Norder Tiefs verdankt,Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft: Leybuchtpolder, abgerufen am 26. Januar 2016. reichte bis unmittelbar an das Gebäude heran. Später war die Kirche über das Störtebeker Tief mit der Nordsee verbunden. Im ausgehenden 14. Jahrhundert soll der Seeräuber Klaus Störtebeker in der Kirche gewohnt haben, was aber bis dato nicht nachweisbar ist. Nach der Reformation erfolgte in Marienhafe 1593 ein letzter Versuch, für die religiös in einen lutherischen Osten und einen reformierten Westen gespaltene Grafschaft Ostfriesland eine gemeinsame Kirchenordnung aufzustellen. Diese wurde zwar beschlossen, aber nie umgesetzt. Im 17. und 18. Jahrhundert verfiel die Kirche immer mehr, so dass sie 1829 größtenteils abgebrochen wurde, auch aus Unkenntnis. Bei dem anschließenden Umbau erhielt sie ihre heutige Gestalt.

Geschichte Vorgeschichte Das Brookmerland wurde erst ab dem 12. Jahrhundert besiedelt, als durch schwere Sturmfluten und den Einbruch der Leybucht viele Menschen von der Küste in das Landesinnere Ostfrieslands gedrängt wurden. Die Leybucht reichte in jener Zeit bis an den heutigen Ort Marienhafe. Die Kirche wird urkundlich erstmals am 16. Februar 1250 als curia sancte Marie (= Hof der heiligen Maria) erwähnt. In dieser Urkunde wurde die Loslösung des Brookmerlandes von der Propstei Hinte und die Bildung einer eigenen, dem bischöflichen Offizial in Münster direkt unterstellten Propstei „Brokmannia“ vereinbart.

Marienhafe ist vermutlich geplant als Marktort angelegt worden,Harm Bents, Peter Seidel, Arbeitsgruppe der Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft: Marienhafe, Samtgemeinde Brookmerland, Landkreis Aurich (PDF; 0,9 MB), abgerufen am 3. Juni 2026. war aber zunächst wohl kein eigenständiger Ort. Das älteste erhaltene Kirchensiegel von 1460 enthält die Umschrift sigillum ecclesie S. Marie de Uppagent.Ernst Friedländer: Ostfriesisches Urkundenbuch. Band 1: 787—1470. Haynel, Emden 1878, S. 650, Nr. 753 online. Dies hat zu der Vermutung Anlass gegeben, dass der Kirchenbereich zur Gemeinde Upgant gehörte.Rudolf Folkerts, Jakob Raveling: Das Land um den Störtebekerturm. SKN, Norden 1983, ISBN 3-922365-33-7. Zum Kirchspiel Marienhafe gehörten seit jeher Upgant mit Schott und Tjüche.Kirchengemeindelexikon, abgerufen am 23. März 2022.

Die erste Holzkirche Die Kirchwarft ist vermutlich älter als die heutige Kirche. Nach dem Ergebnis von Ausgrabungen wurde wahrscheinlich vor dem Jahre 800 an der höchsten Stelle der Warft eine Holzkirche mit gerade eingezogenem Chorabschluss errichtet. Ostfriesland war zu diesem Zeitpunkt von den Franken erobert worden und sollte nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen nun endgültig christianisiert werden. Der neue Herrscher Karl der Große forderte daher die großgrundbesitzenden Geschlechter auf, Kirchen zu stiften. Für Marienhafe wird vermutet, dass hier die Familie Idzinga für den Bau der Kirche verantwortlich ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde die Kirche anstelle eines heidnischen Heiligtums errichtet.Ostfriesland-Magazin. Nr. 9, 1991: Der Schatz im Turm.

Die Tuffsteinkirche Zwischen den Jahren 1000 und 1050 wurde die Holzkirche durch eine Kirche aus Tuffstein ersetzt, die am Hang der Marienhafer Kirchwarft, dort wo die heutige Kirche steht, errichtet wurde. Vermutlich war dieser Bau eine Einraumkirche, die exakt die Ausmaße des heutigen Kirchenschiffes besessen hat. Beim Teilabbruch der Kirche wurden 1.000 Tonnen Tuffstein, die von diesem Kirchenbau stammten, verkauft.

Bau der spätromanischen Kirche mini|Die Marienkirche im Mittelalter (historisierende Darstellung) Urkundliche Belege über den Beginn des Kirchbaus fehlen.Gottfried Kiesow: Ostfriesische Kunst: Von der Romanik bis zur Neugotik. Schuster, Leer 2000, ISBN 3-7963-0343-9 (Nachdruck der Ausgabe von 1969), S. 29ff. Auch die Stifter der Kirche sind unbekannt. Diese könnten die im 13. Jahrhundert weitgehend politisch autonome Landesgemeinde Brookmerland, der Bischof von Münster als Landesherr oder der Prämonstratenserorden gewesen sein. Für einen Ort wie Marienhafe, der damals etwa 500 Einwohner zählte, ist die Kirche wie viele andere im Brookmerland (etwa die Kirche Victorbur oder die Kirche von Osteel) unverhältnismäßig groß.

Für die Stiftung durch die Landesgemeinde spricht das Verbot des Brokmerbriefes, welches den Bewohnern des Brookmerlandes untersagte, sich feste Häuser (Turmburgen wie etwa das Steinhaus Bunderhee) zu errichten. Erlaubt war nur der Bau von Kirchen und anderen religiösen Bauten aus Stein. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts erlebte das Brookmerland seine Blütezeit. In diese Zeit fällt der Bau der großen Kirchen, von denen die (ehemals dreischiffige) Kirche Marienhafe die größte ist, die damit dem Geltungsbedürfnis der Landesgemeinde Rechnung trugen. Abgesehen von den Kirchen ist das Brookmerland arm an älteren Gebäuden.

Eine weitere Theorie sieht die Bischöfe von Münster als mögliche Stifter. Vermutet wird, dass hierbei ein nie öffentlich gewordener Anspruch auf ein friesisches Bistum in Stein gemauert werden sollte, wie dies viel später mit dem Bau des Fuldaer Doms ab 1704 erfolgreich umgesetzt worden sei, da 1752 die Fürstabtei zum Bistum erhoben wurde.

Auch die These, wonach der Ursprung der Kirche ein Wallfahrtsort für einen ostfriesischen Marienkult gewesen sein könnte, ließ sich bisher nicht belegen. Wallfahrten zur Marienhafer Kirche sind erst ab 1462 nachgewiesen. Der Sage nach reichen die Wallfahrten noch weiter zurück.

Die Prämonstratenser kommen als Bauherren in Betracht, da die Kirche noch bis ins 14. Jahrhundert hinein von Kanonikern dieses Ordens betreut wurde. In unmittelbarer Nähe der Kirche lag zudem das Kloster Aland, ebenfalls unter dem Patrozinium Marias. Dabei handelte es sich um ein Nonnenkloster, das zeitweise aber auch Chorherren beherbergte.Rudolf Folkerts, Jakob Raveling: Das Land um den Störtebekerturm. ISBN 3-922365-33-7, hier zitiert aus brookmerlandarchiv.de: , abgerufen am 23. März 2022.

Aufgrund des Baustils wird vermutet, dass die Ostteile in den Jahren 1240–50, die Westteile 1250–1260 errichtet wurden.

Weitere Geschichte mini|hochkant|Klaus-Störtebeker-Denkmal Im Jahre 1387 wurde die Kirche bei einem durch Blitzschlag verursachten Brand teilweise zerstört. Beim Wiederaufbau wurden Material und Ausstattung der Kirche des kurz zuvor in der Leybucht untergegangenen Westeels verwendet.Homepage der Kirchengemeinde Marienhafe, abgerufen am 23. März 2022. Welche Änderungen die Kirche dabei erfuhr, ist nicht bekannt. Von 1396 bis 1400 fand der Seeräuber Klaus Störtebeker Unterschlupf in Marienhafe. Er soll in dieser Zeit im Kirchturm gewohnt haben. Dies ist aber weder durch Eintragungen in den Kirchenbüchern noch durch sonstige Aufzeichnungen belegt. Zum Gedenken daran wurde am 27. Juni 1992 auf dem Marktplatz südlich der Kirche eine Skulptur aufgestellt, die der Leeraner Bildhauer Karl-Ludwig Böke nach einer Radierung von Daniel Hopfer entworfen hat, die angeblich das Bildnis Störtebekers, in Wirklichkeit aber Kunz von der Rosen, den Berater und Hofnarren des deutschen Königs und späteren Kaisers Maximilians I., zeigt, der 100 Jahre nach Störtebeker lebte.

Spätestens seit 1427 war die Kirche Zentrum eines eigenen Kirchspiels. 1437 wird erstmals eine Orgel erwähnt, die damit zu den ersten in Ostfriesland zählt. Um das Jahr 1460 wurde der Turm auf sechs Stockwerke erhöht. Zu dieser Zeit war die Kirche ein bedeutendes Seezeichen. Ihr Turm und alle drei Kirchenschiffe waren auf der Nordseite mit Kupfer („Kuiper“ = friesisch-niederländisch für Kupfer) und auf der Südseite mit Schiefer („Ley“ = altdeutsch für Schiefer) gedeckt, sodass die Kirche von See her durch den wechselnden Blick auf die Kupfer- und die Schieferseite für Eingeweihte einen Hinweis auf die auch bei Niedrigwasser befahrbar bleibenden Priele und sonstigen Wasserflächen gab. Ohne dieses Spezialwissen waren der Ort und sein tideabhängiger Hafen vom Meer her uneinnehmbar.

Im Jahre 1462 spendete Papst Pius II. einen Ablass für den Besuch der Kirche, für Spenden an Einrichtungsgegenständen sowie für Geldspenden zur Erhaltung der Kirche curia beate Marie. Ab 1467 sind Wallfahrten zur Kirche bezeugt und 1500 hatte die Kirche vier Priester.

1527 hielt die Reformation Einzug in Marienhafe. Ostfriesland war in der Folge religiös in einen lutherischen Osten und einen reformierten Westen gespalten. Die Landesherren aus dem Hause Cirksena versuchten, diese Spaltung zu überwinden. 1593 ließ der lutherische Graf Edzard II. durch seinen Hofprediger Petrus Hesse eine Kirchenordnung aufstellen, die für die gesamte konfessionell mehrschichtige Grafschaft Geltung haben sollte. Diese Kirchenordnung wurde noch im selben Jahr in der Kirche von Marienhafe unterschrieben, aber infolge politischer Auseinandersetzungen in Ostfriesland nicht umgesetzt.

Verfall mini|Die Kirche unmittelbar vor ihrem Teilabbruch Die Bedeutung der Kirche als Seezeichen ging nach dem Ende des Mittelalters durch die Verlagerung der Küstenlinie zurück. Dadurch schwand auch Marienhafes Bedeutung als Wirtschaftsort, und die Bevölkerung konnte sich den Unterhalt der großen Kirche nicht mehr leisten. Die Kirche wurde nur noch unregelmäßig renoviert und Schäden nur notdürftig renoviert, weshalb sie langsam zu verfallen begann. Weitere Faktoren für den Niedergang der Kirche waren die mangelhafte Gründung auf der Warft und Witterungseinflüsse. Über undichte Dachkehlen lief Regenwasser in die Sparrenfüße des Dachstuhls und in die Gewölbe, die dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Gemeinde fehlten die Mittel für eine Reparatur, und die Landeskirche Hannover wie auch das in Personalunion mit Großbritannien regierte Königreich Hannover beteiligten sich nicht. Im Jahre 1819 stürzte ein Teil des Chores ein. Dabei wurde auch der um 1593 oder kurz danach entstandene Altar mit einem Schriftretabel zerstört, der dem Norder Altar ähnelte. Zur Wiederherstellung des Chores fehlten der Gemeinde 9000 Hannoversche Taler. In den folgenden zehn Jahren beriet die Gemeinde, wie sie weiter vorgehen solle. Die Kirche verfiel indes weiter. 1820 wurde das oberste Stockwerk des Kirchturmes nach einem Blitzschlag durch einen Brand beschädigt. Im August 1829 lösten sich die Mauern der Ostapsis vom Giebel. Aus dem Gewölbe fielen Steine herunter und durchschlugen die Fliesen.

Teilabbruch der Kirche 1829 1829 beschloss eine Mehrheit der Gemeindemitglieder, die Kirche teilweise abzubrechen. Zur Finanzierung dieses Vorhabens bot ein Unternehmer an, die Arbeiten gegen Überlassung des Abbruchmaterials durchzuführen, was dann auch geschah. Die Abbrucharbeiten wurden vom Emder Stadtbaumeister Martin Heinrich Martens beaufsichtigt, der zuvor genaue Pläne und Einzelskizzen des Bauwerks angefertigt hatte.