Die Adolf Bleichert & Co., oft auch Adolf Bleichert & Co., Fabrik für Drahtseilbahnen, Leipzig-Gohlis genannt, war ein insbesondere im Seilbahnbau tätiges Unternehmen. Sie wurde 1876 von Adolf Bleichert gegründet und hatte ihren Sitz ab 1881 in Leipzig-Gohlis. In der DDR ging daraus der Volkseigene Betrieb VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen Leipzig hervor bzw. ab 1973 VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig „Paul Fröhlich“ (abgekürzt VTA). Der Betrieb überlebte die Wende nicht und wurde 1991 eingestellt. Das ehemalige Betriebsgelände steht unter Denkmalschutz (siehe Liste der Kulturdenkmale in Gohlis-Mitte).
Geschichte 1874 bis 1918 mini|Adolf Bleichert – Gründer des Bleichertschen Drahtseilbahn Systems (BDS) mini|Adolf Bleichert & Co., Fabrikgelände 1881–1908 in Leipzig-Gohlis mini|hochkant|(Zweite) Kohlererbahn bei Bozen, Südtirol, erbaut 1913
Nachdem eine 1874 von Adolf Bleichert gegründete Seilbahnfabrik durch den Wechsel seines Gesellschafters Theodor Otto zu Julius Pohlig in Siegen beendet wurde, gründete Adolf Bleichert 1876 zusammen mit seinem Schwager, dem Kaufmann Peter Heinrich Piel, die Adolf Bleichert & Co. in Leipzig-Neuschönefeld, die sich bald einen Ruf als Hersteller und Erbauer von Drahtseilbahnen erwarb.Drahtseilbahnen war der damals übliche Begriff, worunter insbesondere Materialseilbahnen für den industriellen Transport zu verstehen waren. Leistungsfähige Lkw und entsprechende Straßen wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt – vgl. Geschichte der deutschen Nutzfahrzeugindustrie von 1895 bis 1945 1881 wurde der Betrieb nach Leipzig-Gohlis verlegt, von wo er mit zunächst 20 technischen und kaufmännischen Angestellten („Beamten“) und 70 Arbeitern Seilbahnen in alle Welt lieferte. Vor allem die Rohstoff- und Schwerindustrie zeigte großes Interesse an den neuen Anlagen.Die Seilbahnen wurden ursprünglich von Dampfmaschinen angetrieben, da leistungsfähige Elektromotore samt der erforderlichen Stromversorgung erst Ende des 19. Jahrhunderts und Verbrennungsmotore noch etwas später verfügbar waren.
1888 erteilte Adolf Bleichert & Co. der amerikanischen Firma Cooper, Hewitt & Co., der Muttergesellschaft der Trenton Iron Company eine Lizenz zum Bau und Vertrieb von Bleichert-Seilbahnen in den USA. Trenton Iron konnte bald darauf eine große Zahl von Seilbahnen in den USA bis nach Alaska absetzen.Wire Rope Haulage. In: Engineering, 25. August 1893, S. 232 ()Trenton Iron ging später in der United States Steel Corporation bzw. deren Tochter American Steel and Wire Company auf. 1896 brachte das Unternehmen eine verbesserte Exzenter-Klemmkupplung für Drahtseilbahnen mit der selbsttätigen Klemme Automat auf den Markt, die die Grundlage für die kuppelbaren Materialseilbahnen und Gondelbahnen bildete, deren Loren, Eimer oder Gondeln an den Stationen automatisch am Förderseil ein- und ausgekuppelt werden. Als 1901 Adolf Bleichert verstarb, hatte das Unternehmen mehr als 1000 Seilbahnen geliefert und gebaut, unter anderem in Frankreich, Spanien und Japan. Das Unternehmen wurde von seinen Söhnen Max und Paul erfolgreich weitergeführt.
Bis zum Ersten Weltkrieg hat die Firma Adolf Bleichert & Co. unter anderem folgende Seilbahnen gebaut, darunter einige, die als Bleichertsche Rekordbahnen weithin Beachtung fanden: 1876: Erste Luftdrahtseilbahn Deutschlands zum Eisenerztransport im Lahn-Dill-Gebiet, errichtet zwischen Tiefenbach und Stockhausen (350 m). 1880: Seilbahn zum Transport von Eisenerz (Minette) von der Grube Doihl zu den Stahlwerken in Rodingen, Luxemburg 1883: Seilbahnen zum Materialtransport für die Festungsbauten von Thorn, Ulm und Masua in SardinienDrahtseilbahnen nach dem System Bleichert In: Deutsche Bauzeitung No. 44 vom 2. Juni 1883, S. 257 und 261 1890: Holztransportbahn Baina-Buschta in Serbien 1900: Seilbahn vom Kappler-Stollen der Grube Schauinsland bei Freiburg im Breisgau 1902: Drahtseilbahn der Kohlezechen Le Grand Hornu, Belgien 1902: „Industriegleis“ in Blosdorf (Mladějov na Moravě) bei Mährisch Trübau (Moravská Třebová) (Mähren, Österreich-Ungarn; heute Tschechien) 1904: Loren-Seilbahn für die Harpener Bergbau AG in Dortmund (4.810 m lang)F. Schulte: Die Drahtseilbahnen für Versatzmaterial der Zechen Courl und Scharnhorst der Harpener Bergbau-Aktien-Gesellschaft. In: Glückauf – Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift, 43. Jahrgang 1907, Seiten 875 bis 879. 1905: Materialseilbahn Chilecito-La Mejicana, Argentinien (auch Drahtseilbahn von der Grube Famatina genannt) 1906: Nickelerz-Verladeanlage für die Société Le Nickel (mit Hängebahn- und Seilbahn-Anlagen) an der Pazifikküste bei Thio (Neukaledonien)Teilanlage in der Erzgrube zur Verladung auf die Eisenbahn; Teilanlagen an der Küste zur Entladung, zur Beschickung eines Lagerplatzes und zum Transport zur im Meer gelegenen Verladebrücke; damals längste Über-Wasser-Seilbahn; Seilbahnstützen auf Pfahlgründung in weichem Meeresboden; nachts mit Bogenlampen beleuchtet; lokaler mechanischer Antrieb der Verladebrücke durch Dampfkraft 1906: Alsensche Drahtseilbahn, Drahtseilbahn der Alsenschen Portland-Zementfabrik in Itzehoe–Agethorst / Wacken (12,554 km lang) 1907: Winkelstation einer Transportanlage am Storhaugen bei Oslo, Norwegen 1908: Kohlenseilbahn in Longyearbyen, Spitzbergen, Norwegen 1908: Kohleförderanlage im Kraftwerk Rummelsburg, Berlin 1909: Drahtseilbahn Mkumbara – Neu Hornow, Deutsch-Ostafrika (heute Tansania)Holztransport; 9,125 km über das Goatal/Ngoha Valley im Schumewald/Shume Forest 1909: Drahtseilbahn im Shandonger Kohlerevier, ChinaDrahtseilbahn vom Schantunger Kohlengebirge zur Eisenbahnstation Toli, die zirka 100 km von Peking an der Strecke Peking–Hankau gelegen ist. Gesamtbetriebslänge rund 26 km 1910: Materialseilbahn für Eisenerz in Flamanville an der französischen Atlantikküste 1911: Materialseilbahn und Verladestationen auf ElbaA.C.: Installations de transbordement des minerais de la Société Elba, à l'Ile de Elba. In: Le Génie Civil, Band LX, n° 10 vom 6. Januar 1912, Nr. 1543, S. 181–183 () 1913: Zweite Kohlerer Bahn in Bozen, Südtirol (Österreich-Ungarn, seit 1919 Italien) 1913: Kabelkrananlagen zum Bau der Jahrhunderthalle in Breslau
mini|Postkarte aus 1910 mit Fabrikgelände der Adolf Bleichert & Co Leipzig-Gohlis mini|Einstige Bergbau-Ladeschaufel an einer Drahtseilbahn in den Blue Mountains, nahe Katoomba, NSW Die Adolf Bleichert & Co. war seinerzeit der weltweit führende Seilbahnbauer, der sämtliche Weltrekorde hielt: die längste (34 km) und höchstgelegene (4630 m ü. M.) Seilbahn in Argentinien, die längste über Wasser in Neukaledonien, die leistungsstärkste in Flamanville (Frankreich; 500 t/h), die steilste im damaligen Deutsch-Ostafrika (86 %), die nördlichste in Spitzbergen (79°) und die südlichste in Chile (41°). Die Firma hatte Büros in Leipzig, Brüssel, Paris und London.
Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts leistungsfähige Elektromotoren verfügbar waren, wurde 1895 das Produktionsprogramm auf den Bau von Kranen, Schiffsver- und -entladeanlagen, Elektrohängebahnen, Lagerplatzbrücken etc. erweitert. Dabei wurden die Erfahrungen aus der Drahtseilbahnpraxis und die neuen Antriebe durch Elektromotore kombiniert, um werksinterne Kranbahnen, Hebezeuge und andere Transportmittel herzustellen, die nicht an Seilen, sondern an festen Hängeschienen liefen und mit den Elektromotoren enge Kurven fahren konnten. Da damit nur Steigungen bis zu 5 % möglich waren, wurden die steileren Strecken mit umlaufenden Seilen bewältigt, an die die Wagen automatisch angekuppelt wurden. 1901 wurde für diesen Geschäftszweig die Bleichert Transportanlagenbau GmbH gegründet und in Großbritannien die Bleichert's Aerial Transporters Ltd. (bis 1914).Antje Hagen: Deutsche Direktinvestitionen in Grossbritannien 1871–1918. (Digitalisat bei Google Bücher)
Durch den Ersten Weltkrieg gingen die internationalen Geschäftsverbindungen weitgehend verloren. Das Unternehmen stellte in diesen Jahren eine große Zahl von Feldseilbahnen her, die in Leipzig nach einem Baukastensystem gefertigt wurden. Max und Paul Bleichert wurden im März 1918 zur Anerkennung der Verdienste ihrer Gesellschaft von König Friedrich August III. von Sachsen in den Adelsstand erhoben.Königlich sächsischer Adelsstand Dresden 24.03.1918 – Eintragung in das sächsische Adelsbuch 14.07.1919 unter Nummer 549a
Adolf Bleichert engagierte sich auch in der Braunkohlenindustrie und beteiligte sich ab 1891 im Bornaer Revier an der Grube Wyhra und der Brikettfabrik Neukirchen, die ab 1897 als Adolf Bleichert Braunkohlenwerke Neukirchen-Wyhra und ab 1905 als Bleichert’sche Braunkohlenwerke AG firmierte.Rudolf Kraemer: Deutsches Industrie-Adreßbuch. Band 1. Rheinisch-Westfälische Verlags-Anstalt, 1909, S. 18. Während des Ersten Weltkriegs übernahm Ignaz Petschek die Aktienmehrheit der Bleichert’sche Braunkohlenwerke AG und integrierte die Gesellschaft als Tochterunternehmen in die Niederlausitzer Kohlenwerke AG.Maximilian Müller-Jabusch (Hrsg.): Handbuch des öffentlichen Lebens. Band 6. Verlag Karl Friedrich Koehler, 1931, S. 242.
1918 bis 1932 mini|Elektrokarren Bleichert „Eidechse“ (1950) Nach dem Ersten Weltkrieg verlagerte sich das Geschäft auf die Konstruktion und den Bau von Luftseilbahnen zur Personenbeförderung; insbesondere wurde 1924 ein Lizenzvertrag mit dem Südtiroler Ingenieur und Unternehmer Luis Zuegg abgeschlossen und in der weiteren Zusammenarbeit das System „Bleichert-Zuegg“ für Seilschwebebahnen entwickelt, das weltweite Beachtung fand. So konnte das Unternehmen mit folgendem Briefkopf auftreten und Bankkonten in Deutschland, Wien, Prag, Budapest, Amsterdam angeben:
mini|Aktie über 1000 RM der Adolf Bleichert & Co AG vom Januar 1927
1920 wurde ein weiteres Werk in Leipzig-Eutritzsch eröffnet. Die Adolf Bleichert & Co. patentierte 1923 eine „Lenkeinrichtung für Kraftkarren“, auf deren Grundlage ab 1926 der Elektrokarren Bleichert „Eidechse“ produziert wurde. Um das Risiko aus dem neuen Geschäft einzugrenzen, wurde 1924 die Adolf Bleichert & Co. Personen-Drahtseilbahnbau GmbH und 1928 die Bleichert Kabelbagger GmbH gegründet, die Seilbagger für den Tagebau herstellte. Die Adolf Bleichert & Co. wurde 1926 von einer offenen Handelsgesellschaft in eine AG umgewandelt. Paul von Bleichert schied 1927 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen aus und verkaufte seine Anteile an Felten & Guilleaume. 1928 beschäftigte das Unternehmen 1200 Angestellte und 2000 Arbeiter und hatte Tochtergesellschaften in Neuss und in Brünn.Der Große Brockhaus, 15. Auflage, Leipzig, 1929
mini|hochkant|(Erste) Tiroler Zugspitzbahn Ehrwald-Obermoos, Tirol, erbaut 1926 In dieser Zeit wurde unter anderem ausgeführt: 1921/1922: Kabelkrananlage des Sägewerks Köster in Parey 1923/1924: Hängebrücke in Grimma
Insbesondere wurden folgende Seilbahnen gebaut, teilweise auch unter der Firma Adolf Bleichert & Co. Personen-Drahtseilbahnbau-Gesellschaft mbH:
mini|Predigtstuhlbahn bei Bad Reichenhall, erbaut 1928 1926: Kreuzeckbahn, Garmisch-Partenkirchen 1926: Raxseilbahn, Hirschwang, Niederösterreich (erste österreichische Seilbahn) 1926: Nordkettenbahn bei Innsbruck (Streckenführung und technisches Konzept), Österreich 1926: Tiroler Zugspitzbahn (form. Österreichische Zugspitzbahn), Ehrwald, Tirol, Österreich 1927: Pfänderbahn, Bregenz, Österreich 1927: Feuerkogelseilbahn im Höllengebirge, Ebensee, Oberösterreich 1927: Engelberg–Trübsee, Schweiz 1927: Schmittenhöhe, Zell am See, Österreich 1928: Predigtstuhlbahn, Bad Reichenhall 1928: Krossobanen, Rjukan, Norwegen 1928: Patscherkofelbahn, Innsbruck, Österreich 1928: Hafelekar, Innsbruck, Österreich 1928: Luftseilbahn Leimbach-Gut Mädikon, Leimbach (Stadt Zürich), Schweiz 1929: Tafelberg-Personenseilbahn, bei Kapstadt, Südafrika in Zusammenarbeit mit Julius Pohlig. 1928: Laaser Marmorbahn inklusive „Schrägbahn“ und Kabelkran, Laas, Südtirol, Italien 1928: Kanzelbahn, Annenheim, Kärnten, Österreich 1929: Wankbahn Garmisch-Partenkirchen