mini|Hieronymus Boschs „Aufstieg der Seligen“ zeigt das Motiv eines Tunnels, wie es auch aus Nahtoderfahrungen berichtet wird Als Nahtoderfahrung (d. h. Nahtod-Erfahrung) oder Nahtoderlebnis (NTE) wird ein breites Spektrum tiefgreifender persönlicher Erfahrungen bis hin zu sogenannten Transzendenzerfahrungen bezeichnet, die von Menschen gemacht werden, die sich in einer lebensbedrohlichen Situation befunden haben. Dieser Umstand hat zur Begriffsbildung wesentlich beigetragen, allerdings sind gleichartige Erfahrungen auch in anderen Zusammenhängen beschrieben worden.

Die Forschung hat eine Reihe von Elementen und Gefühlen identifiziert, die typisch für Nahtoderfahrungen sind. Dazu gehören u. a.: die Erfahrung eines bewussten Seins ohne physischen Körper, Tunnel-, Licht-, Jenseits- und Weltraumerfahrungen, Gefühle von Liebe, Frieden, Geborgenheit und Schmerzlosigkeit und in wenigen Fällen von Angst und Bedrängnis. Einige Betroffene berichten auch von Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen oder Wesen, mit denen sie jeweils kommunizieren.

Die Bandbreite der Erklärungen, die für dieses Phänomen angenommen werden, reicht von naturwissenschaftlichen bis hin zu spirituellen Ansätzen. Nahtoderfahrungen werden unabhängig von der Weltanschauung in fast allen Kulturen der Menschheit erwähnt.

Bezeichnung und Auftreten

Der Begriff „Nahtoderlebnis“ wurde im 19. Jahrhundert geprägt, als der Schweizer Geologe Albert Heim eine Eigenerfahrung und Zeugenaussagen seiner Klettergefährten über Erlebnisse nach Abstürzen protokollierte und publizierte.A. Heim: Notizen uber den Tod durch Absturtz. In: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 27, 1891; zitiert bei V. Charland-Verville, J. P. Jourdan, M. Thonnard, D. Ledoux, A. F. Donneau, E. Quertemont, S. Laureys: Near-death experiences in non-life-threatening events and coma of different etiologies. In: Frontiers in human neuroscience. Band 8, 2014, S. 203, doi:10.3389/fnhum.2014.00203. PMID 24904345, .

Nahtoderfahrungen erhielten also ihren Namen daher, dass das Zusammentreffen mit lebensbedrohenden Situationen besonders auffiel. Später zeigte sich jedoch, dass derartige Erlebnisse auch von Umständen, die nicht lebensbedrohend sind, ausgelöst werden können, wie zum Beispiel Epilepsie oder Meditation. Beim Vergleich von Nahtoderfahrungen in lebensbedrohenden Situationen mit solchen in nicht lebensbedrohenden Situationen wurden bezüglich Intensität und Inhalten der Erlebnisse keine Unterschiede festgestellt.V. Charland-Verville, J. P. Jourdan, M. Thonnard, D. Ledoux, A. F. Donneau, E. Quertemont, S. Laureys: Near-death experiences in non-life-threatening events and coma of different etiologies. In: Frontiers in human neuroscience. Band 8, 2014, S. 203. doi:10.3389/fnhum.2014.00203. PMID 24904345, .

Von den Überlebenden eines Herzstillstands berichteten circa 20 Prozent über typische Nahtoderfahrungen.J. Borjigin, U. Lee, T. Liu, D. Pal, S. Huff, D. Klarr, J. Sloboda, J. Hernandez, M. M. Wang, G. A. Mashour: Surge of neurophysiological coherence and connectivity in the dying brain. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 110, Nummer 35, August 2013, S. 14432–14437. doi:10.1073/pnas.1308285110 PMID 23940340 Nach einer repräsentativen Befragung von über zweitausend Personen in Deutschland durch den Berliner Soziologen Hubert Knoblauch in den Jahren von 1997 bis 1998 hatten etwa 4 Prozent eine Nahtoderfahrung gehabt.Hubert Knoblauch, Ina Schmied, Bernt Schnettler: The different experience: A report on a survey of near-death experiences in Germany. In: Journal of Near-Death Studies. Band 20(1), S. 15–29; tu-berlin.de (PDF; 124 kB) abgerufen am 4. Juli 2016

Es gibt keine einheitliche und umfassende Klassifizierung der Umstände und Elemente von Nahtoderfahrungen. Erschwerend für die Klassifizierung ist die Nähe einiger Nahtoderfahrungen zu Träumen, Oneiroid-Syndromen, Halluzinationen, Illusionen, Wahnvorstellungen, autosuggestiven Elementen und dem Erleben während einer diagnostizierten Depersonalisation.

Erlebnisinhalte mini|Darstellung des göttlichen Lichtes

Themen und Inhalte in Nahtoderfahrungen Außerkörperliche Erfahrung: Im Rahmen von Nahtoderfahrungen haben die Betroffenen oft das Gefühl, über ihrem Körper zu schweben und zu beobachten, was geschieht.Olaf Blanke, Nathan Faivre, Sebastian Dieguez: Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience. In: Steven Laureys, Olivia Gosseries, Giulio Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology. 2. Ausgabe. Academic Press, Amsterdam 2015, ISBN 978-0-12-801175-1, S. 332 und 341. elsevier.com (PDF) abgerufen am 14. Juni 2016. Ein großer Teil der Betroffenen beschreibt einen Übergang, der am häufigsten als Durchgang durch einen Tunnel beschrieben wird, an dessen Ende helles Licht zu sehen ist. Manche Betroffene berichten vom Jenseits; je nach Studie in einem Zehntel bis zwei Drittel der Nahtod-Erlebnisse. Bereits verstorbene Verwandte oder übernatürliche Gestalten kommen, um den Betroffenen abzuholen: Schon in den von Papst Gregor dem Großen gesammelten Berichten erscheinen Apostel, Verwandte oder Freunde zur Abholung. In den von Osis und Haraldson untersuchten Totenbettvisionen aus Indien und Amerika kommen solche Wesen in etwa 78 % der Fälle vor; bei den Amerikanern überwiegend verstorbene Verwandte, in Indien eher religiöse Figuren. Auch Lebende können in Nahtoderfahrungen auftauchen. Licht: In 40–77 % der Nahtoderfahrungen nimmt die Person ein helles, weißes Licht wahr. Das Licht wird je nach Religionszugehörigkeit als Sonne, Gott, Engel oder als Widerspiegelung des allerhöchsten Bewusstseinszustandes des Menschen identifiziert.Hubert Knoblauch, Ina Schmied: Berichte aus dem Jenseits. Eine qualitative Studie zu Todesnäheerfahrungen im deutschsprachigen Raum. Als Lebensbilderschau, Lebensrückblick oder -film können während des Nahtod-Erlebnisses Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit vor dem inneren Auge ablaufen. Diese Phase des Nahtod-Erlebnisses tritt etwa in einem Drittel der Berichte über Nahtoderfahrungen auf. In Nahtoderfahrungen vor Beginn der europäischen Neuzeit oder aus bestimmten Kulturen, wie z. B. der indischen, tritt dieses Motiv in Form einer Bewährungsprobe, einer Gerichtsszenerie oder eines Lebensbuches auf. Gefühl, Ereignisse der Zukunft vorhersagen zu können (Präkognition), und Allwissenheitsempfinden: In etwa 3 bis 6 % der Nahtodeserlebnisse glaubten die Betroffenen, in die Zukunft zu sehen. mini|Eine Mauer um den Himmel In 8 bis 41 Prozent der Nahtoderfahrungen taucht eine Grenze, Mauer oder etwas Ähnliches auf, das der Betroffene nicht überschreiten darf, wenn er nicht endgültig sterben soll.Olaf Blanke, Nathan Faivre, Sebastian Dieguez: Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience. In: Steven Laureys, Olivia Gosseries, Giulio Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology. 2. Ausgabe. Academic Press, Amsterdam 2015, ISBN 978-0-12-801175-1, S. 335. elsevier.com (PDF) abgerufen am 14. Juni 2016. Rückkehr: In einigen Nahtoderfahrungen erscheinen die Wiederbelebungsmaßnahmen als Grund der Rückkehr. Es kann aber auch eine bewusste Entscheidung zur Rückkehr erlebt werden.Olaf Blanke, Nathan Faivre, Sebastian Dieguez: Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience. In: Steven Laureys, Olivia Gosseries, Giulio Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology. 2. Ausgabe. Academic Press, Amsterdam 2015, ISBN 978-0-12-801175-1, S. 331 und 333. online (PDF) abgerufen am 14. Juni 2016.

Emotionen Glücksgefühl: Für viele Menschen sind starke Gefühle von Schmerzfreiheit, Frieden, Freude und Glückseligkeit der bemerkenswerteste Teil ihrer Erfahrung.Olaf Blanke, Nathan Faivre, Sebastian Dieguez: Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience. In: Steven Laureys, Olivia Gosseries, Giulio Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology. 2. Ausgabe. Academic Press, Amsterdam 2015, ISBN 978-0-12-801175-1, S. 331 und 334. elsevier.com (PDF) abgerufen am 14. Juni 2016

Mystische Erfahrung und Folgen Nahtoderfahrungen können religions- und kulturunabhängige mystische Erfahrungen und Transzendenz-Erfahrungen beinhalten: ein Erleben von Einheit, einer Realität jenseits von Zeit und Raum, tief empfundene positive Stimmung, Gefühl der Heiligkeit, Unaussprechlichkeit, Paradoxie und Flüchtigkeit des Erlebens. Damit sind Nahtoderlebnisse die häufigsten mystischen Erfahrungen überhaupt.Werner Thiede: Lust auf Gott. Einführung in die christliche Mystik. LIT, Berlin 2019, S. 50–56.

Viele Menschen sind nach einem Sterbeerlebnis auch von der Existenz Gottes überzeugt und geben religiösen und ethischen Werten in ihrem Leben Vorrang. Eine Hinwendung zu sozial-karitativen Tätigkeiten, eine höhere Wertschätzung von Sinnfragen, aber auch der eigenen Person und der Kürze und Kostbarkeit der Lebenszeit werden beschrieben.

Erklärungsversuche: Grundpositionen

In der Beschreibung und Erforschung von Nahtoderfahrungen gibt es verschiedene Versuche, die sich in ihren erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Grundannahmen unterscheiden.

Deutung als Wahrnehmung eines Weiterlebens nach dem Tod Eine verbreitete Deutung ist die oft religiös motivierte „Überlebenshypothese“, die Nahtoderfahrungen als Beleg für das Weiterleben einer Seele nach dem Tod sieht.Ina Schmied-Knittel: Nahtod-Erfahrungen. In: Gerhard Mayer, Michael Schetsche, Ina Schmied-Knittel, Dieter Vaitl: An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Schattauer Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-7945-2922-3, S. 164f. Solche Erklärungen betrachten Nahtoderfahrungen als einen Ausdruck der Unabhängigkeit des Bewusstseins von Gehirn und Körper. In Weltanschauungen außerhalb religiöser Tradition werden auch Deutungen angeboten, wonach das Gehirn sozusagen eine Art Empfangsgerät für ein unkörperlich existierendes Bewusstsein sei.Dick Swaab: Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben. Knaur-Taschenbuch, München 2013, ISBN 978-3-426-78513-3, S. 379ff. Die These von einer Fortexistenz des Bewusstseins nach dem Tod wurde auch von einer Reihe von Medizinern vertreten, darunter Pionieren der Nahtodforschung wie Raymond A. Moody und Elisabeth Kübler-Ross, ferner Maurice S. Rawlings, Pim van Lommel, Sam Parnia, Walter van Laack und in ähnlicher Weise auch Bruce Greyson.Bruce Greyson: Implications of near-death experiences for a post materialist psychology In: Psychology of Religion and Spirituality, vol. 2, S. 37–45. doi = 10.1037/a0018548B. Online (PDF)