mini|hochkant=1.6|Panorama von NO Die Stiftskirche St-Pierre ist eine mittelalterliche Kirche inmitten der französischen Stadt Le Dorat im Département Haute-Vienne, in der Région Nouvelle-Aquitaine, 12 km nördlich von Bellac, 48 km nordwestlich von Limoges und 76 km südöstlich von Poitiers.

Die Stiftskirche wird in Kunst-Reiseführern zu den schönsten romanischen Kirchen im Limousin gerechnet. Sie wurde im Wesentlichen im Laufe des 12. Jahrhunderts aus grauem Granit erbaut. Ihr Grundriss steht auf einem lateinischen Kreuz. Sie ist ein geräumiges aber im Innern besonders dunkles Bauwerk, vor allem sein Mittelschiff ohne Obergadendurchfensterung. Bei der äußeren Erscheinung fallen die im 15. Jahrhundert errichteten, überwiegend noch intakten wehrtechnischen Befestigungseinrichtungen auf, wie etwa der Wehrturm über der östlichen Scheitelkapelle und die Wehrattiken über den Dachtraufen und auf den Seiten des westlichen Uhrenturms. Durch sie erhielt das Bauwerk seinen ungewöhnlich massiv wirkenden Charakter. Es wurde im Jahr 1846 unter Denkmalschutz gestellt.

Auf einem in der Kirche ausgehängten älteren Informationsblatt wird die Kirche Collégiale St-Pierre-aux-Liens genannt. Das bedeutet so viel wie Stiftskirche Sankt Peter in Ketten und soll auf die Inhaftierung der Apostel Petrus und Paulus vor ihrer Hinrichtung hinweisen.

mini|Uhrenturm, Langhaus und Glockenturm von NW Historisches

Im Jahr 866 wurden Kirche und Klostergebäude des ehemaligen Scotorum von den Normannen geplündert und niedergebrannt. Ihren Namen erhielt die Siedlung von den schottischen Missionaren, die als ihre Gründer gelten. Aus dieser oder einer der anderen Vorgängerbauten der heutigen Stiftskirche stammt wohl das große karolingische Taufbecken im zweiten Mittelschiffjoch, in dem wahrscheinlich noch die Erwachsenentaufe praktiziert wurde.

950 errichteten oder rekonstruierten sie dort wieder eine Kirche, die sie Saint Michel (Erzengel Michael) widmeten.

Um 980 richtete Boson I. le Vieux (der Alte) (958–988), der erste Earl (Graf) der Marche und Graf vom Périgord, in der Nähe von St-Michel ein Kollegiatstift von Le Dorat mit 20 Kanonikern ein, und baute ihnen eine Kapelle, die dem Hl. Petrus geweiht war. Unter ihren Nachfolgern waren die Mönche Israël (950–1014), aus einer adeligen Familie von Le Dorat und sein Schüler Theobald (990–1070), aus einer angesehenen Familie eines Landwirts in Nähe der Stadt, die beide wegen ihrer Zuwendungen zu Bedürftigen und den Heilungen und Wundern an ihrer Grabstelle später zu den Schutzheiligen von Le Dorat ernannt wurden.

1013 wurde von den Einwohnern von Magnac-Laval (6 km westlich von Le Dorat) an der Stiftskirche ein neuer Brand gelegt, befehligt von Stephan de Muret, Baron de Magnac, während eines Krieges zwischen Comte Bernard (Graf) de la Marche (1010–1041) und Hughues V. (Hugo) de Lusignan († 1060).

1063 wurde die daraufhin neu errichtete Stiftskirche eingeweiht, die bereits 17 Jahre später im Jahr 1080 wieder eingeäschert wurde.

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien ein. Ihre große Blütezeit fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So formierte sich der Jakobsweg in Frankreich, aus vier Hauptrouten, begleitet von einem Netz zahlreicher Nebenrouten. An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, und vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem große Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, sowie möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.

mini|links|hochkant=0.5|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 mini|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela

Le Dorat befand sich in der Nähe eines der Nebenwege zwischen den beiden Hauptrouten Via Touronensis und Via Lemovicensis, etwa zwischen Poitiers und Limoges, und sein Stift wollte natürlich auch an den Spenden der Jakobspilger teilhaben. Dazu war allerdings der Neubau einer großen Pilgerkirche erforderlich.

Im Jahr 1107 folgte noch ein heftiger Konflikt zwischen dem Kapitel von Le Dorat und der Comtesse Almodis de la Marche (1079/1132 bezeugt).

Im Jahr 1112 begannen die Kanoniker des Stifts mit der Errichtung der heute bekannten Stiftskirche St-Pierre. Die erste Ausführungskampagne umfasste das gesamte Chorhaupt mit drei Radialkapellen und den beiden Querhauskapellen. Vermutlich gehörte dazu auch die vorherige Erbauung der großen Krypta unter dem Chorhaupt, die der St-Anne geweiht war. In den französischen Quellen findet sich ein Hinweis, dass mit dem Bau der Krypta bereits im späten 11. Jahrhundert begonnen worden sein soll.

Am 27. Januar 1130, etwa mit Fertigstellung dieses ersten Abschnitts, hat man die Gebeine des Hl. Israel und des Hl. Theobald aus ihren Grabstätten erhoben und mit einer Prozession in den neuen Chor der künftigen Stiftskirche überführt. Ihre Reliquien wurden zur Verehrung durch die Gläubigen auf dem Altar ausgestellt. Schließlich brachte man sie in die Krypta, wo sie in zwei Grabmale aus Granit gelegt wurden, die von einem Steinmetz namens Legros geschaffen worden sind. Der Chor und die Krypta wurden ihnen als Schutzpatrone von Le Dorat gewidmet.

Jeweils mit Fertigstellung eines der vier Ausführungsabschnitte hat man diesen auf seiner Westseite provisorisch verschlossen, um ihn der stetig anwachsenden Pilgerschar zu Gottesdiensten und zur Verehrung von Reliquien zugänglich zu machen und ihn abschnittsweise nach Westen zu erweitern.

Gegen 1130 begann die zweite Ausführungskampagne, die das Querhaus, mit der Vierung und den beiden Querhausarmen, und das fünfte Joch des Langhauses umfasste. Der Vierungsglockenturm konnte erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts fertiggestellt werden, möglicherweise schon mit dem spitzen gotischen Helm.

Gegen 1145 begann man mit der dritten Ausführungskampagne, und zwar mit Teilen des ersten Jochs und den Jochen zwei und drei des Langhauses, die um 1160 in die vierte Ausführungskampagne überging, in der das erste Joch des Langhauses fertiggestellt, der Turm des Westwerks und die Fassade erbaut wurden.

Im Jahr 1170 erfolgte, nach einer Bauzeit von knapp sechzig Jahren, die Einweihung der neuen Stiftskirche St-Pierre du Dorat.

Es ist davon auszugehen, dass die ursprünglich kleineren Konventsgebäude der Vorgängerkirchen im Zuge des Neubaus der Stiftkirche auf deren Südseite deutlich erweitert oder gar gänzlich neu und umfangreicher erbaut worden sind. Das gilt auch für Räumlichkeiten zur Betreuung der Jakobspilger. mini|hochkant=0.7|Hundertjähriger Krieg, Zeitgenössische Miniatur der Schlacht von Auray (1364) Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die späteren Kriege des 13./15. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch und führte zu nahezu völligen Erliegen der Pilgerströme nach Spanien. Dementsprechend konnte das Kapitel von St-Pierre nach Fertigstellung seiner großen Pilgerkirche nicht mehr lange an den Spendeneinnahmen von Jakobspilgern teilhaben.

In den folgenden Jahren wurde Le Dorat immer wieder von kriegerischen Überfällen heimgesucht und wechselte oftmals die Fronten der streitenden Parteien, mal in Hand der Franzosen, mal in der der Engländer. mini|hochkant=0.7|Philippe IV. le Bel In diesen Zeiten besaß Le Dorat lediglich hölzernen Festungseinrichtungen aus Palisaden und Schranken, die im Laufe der Jahre verschiedene Änderungen erfuhren.

So wurden sie im Jahr 1298 von Hugo de Lusignan (1270–1303), Graf der Marche, zerstört und kurz danach auf Veranlassung von Philippe IV. le Bel (der Schöne) (1268–1314), ein König von Frankreich, wieder errichtet. mini|hochkant|links|Ansicht von O, Grafik 19. Jh.

Im Jahr 1424 verpflichtete sich der Abt William de Dorat, „der Einsiedler“, in der Stadt massive steinerne Befestigungsanlagen zu errichten, um Abtei und Stadt vor neuen Invasionen zu schützen. Die Kirchen St-Michael und St-Peter wurden in das Festungssystem einbezogen. Die Arbeiten an den Verteidigungseinrichtungen dauerten von etwa 1420 bis 1431. Davon zeugen heute noch etliche wehrtechnische Um- und Aufbauten an der Stiftskirche. mini|Le Dorat, Stadttor Zuerst fällt der auf der östlichen axialen Scheitelkapelle errichtete Wehrturm auf, der den Umriss der Kapelle übernimmt und diese fast um die gleiche Höhe überragt. Seine fast gänzlichen Geschlossenheit, wenige Schießscharten und drei Wehrerker mit Zwillings-Maschikulis verraten seine ehemalige militärische Bedeutung. Er wird auch Tour Notre-Dame genannt.

mini|links|Wehrattika (Umrüstung einer Traufe), Handskizze Weitere Einrichtungen zur Verteidigung des Gebäudes sind die Umbauten der ehemaligen romanischen Dachtraufen in Wehrattiken aus Brüstungsmauern und dahinter mit breiten begehbaren Dachrinnen, die über steinerne Wasserspeier nach außen entwässert werden. Hinter diesen konnten die Verteidiger Deckung finden. Damit wurden die Traufen des Langhauses, sowohl des Mittelschiffs, wie auch der Seitenschiffe, ausgerüstet, wie auch die des Querhauses und des Chorhauptes. Der Chorumgang und die Kapellen wurden ausgespart und haben noch ihre ursprüngliche Form.

Eine andere Wehreinrichtung befindet sich über dem nördlichen Seitenschiff neben dem Turm im ersten Langhausjoch, die ebenfalls im 15. Jahrhundert nachträglich errichtet worden ist. Dort gibt es offensichtlich ein zweites Geschoss, das sich hinter Wehrmauern verbirgt, die oberseitig als Wehrattika über das Geschoss hinausragen. Darin war vermutlich ein zusätzlicher Raum untergebracht, der den Verteidigern zur Aufbewahrung ihres Waffen- und Geschossarsenals gedient hat.

Im heutigen Garten auf der Südseite der Kirche hat sich noch der runde Stumpf des St-Antoine-Turms erhalten, der einmal Bestandteil der städtischen Wehrmauer war. Die massiven Stadtmauern erstreckten sich über eine Gesamtlänge von etwa sechshundert Metern, die von zwanzig großen Wachtürmen, vier Stadttoren und sechs weiteren Türmen bestückt waren.

Die Religionskriege von 1562 bis 1598 zwischen der katholischen Liga und den Hugenotten verschonten trotz ihrer wehrhaften Befestigungen die Stadt und ihre Kirchen nicht. Am 2. November 1567 wurde die Stadt nach dreitägiger Belagerung von einer Truppe aus 15.000 Hugenotten, unter dem Kommando des 83-jährigen Seigneur de Saint-Cyr eingenommen. Dabei wurden 400 Menschen getötet, und 3.600 Pfund Lösegeld mussten bezahlt werden. Die Verwüstungen dauerten vier Tage, bei denen geplündert und zahlreiche Reliquien, Ornamente, Statuen, die Orgel und andere Kostbarkeiten meist durch Verbrennen zerstört wurden.

Bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Einwohner Opfer von Erpressungen und Ausschreitungen aller Art durch die durchziehenden Truppen.

Im Jahr 1572 wurde in der damals noch erhaltenen Kapelle St-Michel der Gerichtssaal des Seneschall von Le Dorat eingerichtet. Diese Kapelle befand sich auf dem heutigen Standort des Besucherzimmers des Carmel. mini|hochkant|Das Edikt von Nantes Mit dem Edikt von Nantes vom 13. April 1598 endeten die Religionskriege. Auch in Le Dorat, inzwischen zur Hauptstadt der Basse Marche ernannt, kehrte wieder Ruhe ein.

Im Jahr 1624 kamen drei Benediktinerinnen der Abtei La Trinité de Poitiers und fanden eine neue Heimat im Konvent von Le Dorat. Unter ihnen war Catherine Pidoux, die dafür sorgte, dass hier im Jahr 1656 eine Mädchenschule gegründet und betrieben wurde, deren Besuch kostenlos war. Sie starb im gleichen Jahr im Alter von 66 Jahren. An der Schule arbeiteten dann 22 Nonnen des Klosters, sie hatte Bestand bis zur Inhaftierung der Nonnen im Jahr 1792, drei Jahre nach Ausbruch der Französischen Revolution.