Die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) ist eine Technische Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) mit Standorten in Gießen, Friedberg und Wetzlar sowie Außenstellen in Bad Hersfeld, Bad Vilbel, Bad Wildungen, Biedenkopf, Frankenberg (Eder) und Limburg an der Lahn.

Sie wurde 1971 als Fachhochschule gegründet und ist damit eine der jüngeren hessischen Hochschulen. Mit über 14.000 Studierenden (2025) ist sie die größte der fünf staatlichen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Hessen und gehört somit zu den größten Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland. Neben ihrem Namen führt die Hochschule die internationale Bezeichnung University of Applied Sciences. Als erste Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) eröffnete die Technische Hochschule Mittelhessen 2018 ein hochschultypübergreifendes Promotionszentrum für Ingenieurwissenschaften und besitzt damit das Promotionsrecht für den Doktoringenieur. Unter dem Dach des Forschungscampus Mittelhessen (FCMH) führt die THM in Kooperation mit der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) oder der Philipps-Universität Marburg (UMR) Promotionen in den Ingenieurwissenschaften durch. In der Fachrichtung Life Science Engineering hat die THM seit 2019 das Recht zur Durchführung eigenständiger Promotionsverfahren zum Dr.-Ing.

Geschichte miniatur|Gebäude A20 mit dem Audimax und dem „Café CampusTor“ der THM am Campus Gießen

Campus Gießen 1838 Gewerbeschule

Die Technische Hochschule Mittelhessen hat ihre Gießener Anfänge in der am 14. Januar 1838 vom Landesgewerbeverein Darmstadt in Gießen gegründeten „Schule für technisches Zeichnen“. Auslöser für die Gründung dieser Schule waren verbreitete Klagen, dass Handwerker die Baupläne der Architekten nicht lesen und verstehen konnten.

Knapp vier Wochen zuvor war im Dezember 1837 in Darmstadt eine „Gewerbeschule“ gegründet worden, die Vorläuferin der heutigen TU Darmstadt (ehem. TH Darmstadt). Somit ist die „TU Darmstadt“ nur einen Monat älter als die „TH Mittelhessen“, die damit die zweitälteste höhere technische Lehranstalt in Hessen ist.

In Gießen wurde 1838 außerdem eine „Gewerbeschule“ gegründet. Im Jahr 1840 folgte die Gründung des Gewerbevereins Gießen. Dessen Mitglieder waren unter anderem die Professoren Justus von Liebig und Hugo von Ritgen. Die „Gewerbeschule“ wurde 1842 zu einer „Rechenschule für Handwerker“ erweitert. Sie wurde 1846 mit der „Schule für technisches Zeichnen“ zur „Handwerkerschule“ zusammengeführt. Der Gewerbeverein wurde Schulträger.

Hugo von Ritgen, Professor für „Architektur und Ingenieurwissenschaften“ an der Universität Gießen und später deren Rektor, übernahm 1878 sowohl den „Vorsitz des Gewerbevereins“ als auch den der „Handwerkerschule“. Lehrfächer waren 1890: „Konstruktives Zeichnen, Baukonstruktionslehre, Baumaterialienlehre, Baustilkunde, Festigkeitslehre, Kostenberechnung, Maschinenzeichnen, Freihandzeichnen und Modellieren, Darstellende Geometrie, Physik, Mechanik, Rechnen und Deutsch.“

Die Schule bot 1903 Kurse an, die zur Meisterprüfung führten. Die Staatliche Abschlussprüfung wurde 1909 eingeführt. Der Lehrplan wurde um „Kunstgewerbliches Zeichnen“ und „Trigonometrie“ erweitert.

1913 Großherzogliche Gewerbeschule – Bauschule

Die Schule wurde 1913 in „Großherzogliche Gewerbeschule – Bauschule“ umbenannt und 1919 um eine viersemestrige Maschinenbauabteilung erweitert. Im Jahr 1921 erfolgt die Umbenennung in „Staatliche Gewerbeschule Gießen“ mit den Abteilungen: Bauschule, Maschinenbauschule, Kunstgewerbliche Abteilung, Gewerbliche Fortbildungsschule, Schreinerfachschule, Lokomotivführerschule, Eisenbahnwerkmeisterschule und Eisenbahnschule.

1925 Staatliche Gewerbe- und Maschinenbauschule der Stadt Gießen

Eine weitere Umbenennung findet 1925 statt. Die „Staatliche Gewerbe- und Maschinenbauschule der Stadt Gießen“ wurde um das Fach Elektrotechnik erweitert. Die Schule zog 1928 in die „Alte Klinik“ in der Liebigstraße. Am 12. April 1935 beschloss die Reichskulturkammer den Ausschluss jüdischer Mitglieder. Offenbar reagierte auch die – damals noch – Gewerbe- und Maschinenbauschule Gießen, indem sie Lehrer vom Unterricht ausschloss.

Die Schule wurde 1938 eine dreisemestrige Fachschule für: Baugewerbe, Maschinenbau, Maler und Schreiner. Zudem fanden Vorbereitungskurse zur Meisterprüfung für Elektromeister und Schuhmachermeister statt.

Das Schulgebäude in der Liebigstraße (Altes Klinikum) wurde bei dem massiven Luftangriff auf Gießen am 6. Dezember 1944, total zerstört.

1946 Polytechnikum, 1954 Städtische Ingenieurschule Gießen (Polytechnikum)

Am 6. Juni 1946 wurde die Erlaubnis zur Weiterführung der Schule erteilt bei gleichzeitiger Umbenennung in „Polytechnikum Gießen“. Vorlesungsbeginn war am 25. Juli 1946 im „Neuen Schloß“ am Brandplatz (Landgraf-Philipp-Platz) mit 216 Studenten, aufgeteilt in je 2 Maschinenbau-, 2 Hochbau- und 1 Elektrotechnik-Semester, Studiendauer jeweils 5 Semester. 1947 kamen bereits über 400 Studenten zu den Vorlesungen.

Im Jahr 1954 erfolgte die Umbenennung in „Städtische Ingenieurschule Gießen (Polytechnikum)“.

1958 Staatliche Ingenieurschule für „Maschinenbau, Elektrotechnik und konstruktiven Ingenieurbau“, Gießen

Am 5. Mai 1958 übernahm das Land die Trägerschaft bei gleichzeitiger Umbenennung in „Staatliche Ingenieurschule für Maschinenbau, Elektrotechnik und konstruktiven Ingenieurbau, Gießen“. Die Regelstudienzeit wurde auf 6 Semester erhöht.

Die Vorlesungen im Semesterverband wurden abgehalten in acht Unterrichtsräumen im „Alten Schloss“ und in Baracken, davon vier Unterrichtsräume in Baracken im Hof des „Alten Schlosses“ und acht in Baracken hinter dem „Zeughaus“, zwei davon für die „Vorsemester I und II.“, Labor und Werkstätten befanden sich in der „Wiesenstraße“.

Umzug in den Neubau in der Wiesenstraße 1963

Die Ingenieurschule zog am 7. März 1963 aus dem „Neuen Schloß“ am „Landgraf-Philipp-Platz“ aus und auch aus den dortigen Baracken im Hof und aus den Baracken hinter dem „Zeughaus“, und zwar in einen Neubau an der „Wiesenstraße“.

Ende der Ingenieurschule Gießen WS 1970/71

Im letzten Jahr der Ingenieurschule Gießen (im Wintersemester 1970/1971) unterrichteten 59 Dozenten 950 eingeschriebene Studenten.

1971 Fachhochschule Gießen, 1978 Fachhochschule Gießen-Friedberg miniatur|140px|Logo der ehemaligen FH Gießen-Friedberg Mit Wirkung vom 1. August 1971 wurde die „Fachhochschule Gießen“ gegründet, die aus den „Staatlichen Ingenieurschulen Gießen“ und „Friedberg“ sowie aus dem „Pädagogischen Fachinstitut“ in Fulda bestand. Am 1. August 1974 wurde der Bereich Fulda ausgegliedert und dadurch die heutige Hochschule Fulda (damals noch Fachhochschule) geschaffen. Am 1. August 1978 erfolgte die Umbenennung in „Fachhochschule Gießen-Friedberg“, um den Standort Friedberg auch im Namen deutlich zu machen.

2010 Technische Hochschule Mittelhessen Am 21. April 2010 wurde auf der Senatssitzung mit deutlicher Mehrheit beschlossen, den Namen der Hochschule von „Fachhochschule Gießen-Friedberg“ in „Technische Hochschule Mittelhessen“ zu ändern. Der Name spiegelt auf der einen Seite die regionale Ausdehnung wider, auf der anderen Seite symbolisiert er die Gleichstellung mit den universitären Studiengängen durch die Umgestaltung des Studienprogramms in Bachelor- und Masterstudiengänge. Auch der Forschung in den Ingenieurwissenschaften, traditionell ein Schwerpunkt der Hochschule, trägt der Name Rechnung.

Campus Friedberg

1901 Gewerbeakademie

Am 29. Oktober 1901 wurde die von Robert Schmidt (* 1850; † 1928) gegründete Gewerbeakademie Friedberg als Privatanstalt feierlich eröffnet. Als höhere polytechnische Lehranstalt sollte die Gewerbeakademie der Ausbildung von Ingenieuren in den Fachrichtungen Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauwesen und Chemie- und Hüttenwesen dienen.

Im Jahr 1908 verkaufte Schmidt die Gewerbeakademie an die Stadt Friedberg, die trotz großer Bedenken in der Bürgerschaft die Trägerschaft übernahm. Aufgrund dieser Veräußerung erfolgte auch der Namenswechsel in „Städtische polytechnische Lehranstalt“. Zunächst blieb der Zustrom an Studierenden aber gering, so dass es seitens der Stadt Friedberg nicht zu verantworten gewesen wäre, eigene Gebäude für das Polytechnikum zu errichten.

1919 Polytechnikum

Wegen zu geringer Studierendenzahlen musste das Polytechnikum während des Ersten Weltkriegs im Sommersemester 1917 geschlossen werden. Die Wiedereröffnung erfolgte 1919. Im Jahr 1922 wurde die erste Studentenküche durch die Studentenschaft in Friedberg eingerichtet. Gegen Ende 1924 erhielt die Lehranstalt einen staatlichen Prüfungskommissar. 1925 wurde eine Fliegergruppe gegründet, aus der sich die spätere flugtechnische Abteilung entwickelte.

Nach dem Ende der Hyperinflationsphase und der Überwindung der damit verbundenen Schwierigkeiten stiegen die Studierendenzahlen an. Im Jahr 1925 waren mehr als 600 Studierende eingeschrieben. Dadurch wurde die Raumfrage kritisch. Die Stadt beschloss einen großzügig geplanten Neubau auf einem verkehrsgünstig gelegenen, groß bemessenen Grundstück in der Nähe des Friedberger Bahnhofs. Im Frühjahr 1927 wurde ein Maschinenlaboratorium auf der Nordseite und im Herbst 1928 ein Elektrolaboratorium auf der Südseite des Geländes bezogen. Zwischen diesen beiden Laboratorien wurde ein drittes, kleineres Gebäude errichtet, das ein Werkzeugmaschinenlaboratorium und eine Gießerei aufnahm. Das geplante langgestreckte Hörsaalgebäude parallel zur heutigen Friedberger Wilhelm-Leuschner-Straße konnte aufgrund der schlechter werdenden Wirtschaftslage und dem dadurch bedingten Rückgang der Studierendenzahlen nicht realisiert werden. Die im Wintersemester 1927/28 eingeschriebenen 592 Studierenden wurden von elf ordentlichen und sechs außerordentlichen Dozenten unterrichtet.

Im Mai 1933 erfolgte die unrühmliche Umbenennung des Friedberger Polytechnikums in „Adolf-Hitler-Polytechnikum“. 1935 wurde die Allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt, so dass die Räume der Bergkaserne an die Wehrmacht zurückgegeben werden mussten. Daher beschloss die Friedberger Stadtverordnetenversammlung, nun doch das geplante Hörsaalgebäude errichten zu lassen. Dieser Neubau wurde im Sommer 1937 feierlich eingeweiht und verband die beiden schon bestehenden Laborgebäude im Norden und Süden miteinander. Das Hörsaalgebäude wurde dringend benötigt, denn nachdem das Polytechnikum in Oldenburg mit dem Wintersemester 1935/36 geschlossen wurde, wechselten 60 Studenten sowie der spätere Rektor, Oberbaurat Gurk, von Oldenburg nach Friedberg über.

Anfang 1940 erfolgte die Umbenennung in „Adolf-Hitler-Ingenieurschule“. Die Abteilungen Bau sowie Architektur wurden nach Mainz und die flugtechnische Abteilung wurde nach Konstanz verlegt. 1941 erfolgte rückwirkend zum Sommersemester 1939 die Reichsanerkennung des Polytechnikums und die Aufnahme in die Reichsliste der höheren technischen Lehranstalten. Dadurch erfüllten Absolventen, die eine Stellung im öffentlichen gehobenen Dienst anstrebten, ein gefordertes Einstellungskriterium. Während des Zweiten Weltkrieges lief der Studienbetrieb weiter. Nach dem Kriegsende wurde 1945 auf Anordnung der amerikanischen Militärverwaltung das Polytechnikum geschlossen.

1958 Ingenieurschule

Nach einer notdürftigen Behebung der im Krieg entstandenen Gebäudeschäden wurde auf Beschluss der Stadtverwaltung das Polytechnikum im Mai 1946 mit den Abteilungen Maschinenbau, Elektrotechnik als Ingenieurschule sowie Hoch- und Tiefbau als Bauschule wieder eröffnet. Kurzzeitig nahm auch die Abteilung Vermessungstechnik, die aber schon drei Semester später nach Frankfurt wechselte, den Betrieb auf.

mini|Hauptgebäude der THM, Campus Friedberg Aufgrund der zu hohen finanziellen Lasten für die Stadt Friedberg übernahm am 1. April 1958 das Land Hessen die Trägerschaft der Hochschule. Damit ging das Städtische Polytechnikum in die „Staatliche Ingenieurschule Friedberg“ über.