mini|Neue Kirche mit Friedhof mini|hochkant|Südansicht der Kirche Die Neue Kirche in Emden (Ostfriesland) ist eine evangelisch-reformierte Predigtkirche. Sie wurde in den Jahren 1643–1648 als erster nachreformatorischer Kirchenbau in Norddeutschland im gemäßigten Barockstil errichtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie bis auf die Außenmauern zerstört und anschließend in abgewandelter Form wieder aufgebaut.Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. 2010, S. 51.

Baugeschichte mini|links|Grundriss der Neuen Kirche mit der Bestuhlung von 1818 Die Stadt Emden hatte um die Mitte des 17. Jahrhunderts schätzungsweise 20.000 Einwohner, darunter zwischen 5.000 und 6.000 niederländische Flüchtlinge. Längst reichten die Kirchen der Stadt dafür nicht mehr aus. 1642 beschlossen Magistrat und Kirchenrat der Stadt den Bau eines dritten Gotteshauses (nach der Großen Kirche und der Kirche des ehemaligen Franziskanerklosters). Diese sollte in Faldern errichtet werden. Der Ort war seit 1570 ein Stadtteil von Emden. Eine Kirche fehlte hier bislang.Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. 2010, S. 50.

Planung und Bauleitung wurden dem Emder Ratsbaumeister Martin Faber übertragen. Der gebürtige Emder hatte sich lange in Italien, Frankreich und in den Niederlanden aufgehalten und dort seine Ausbildung vertieft. Insbesondere in Rom hatte er als Baumeister und Maler gewirkt.Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0, S. 277. Inmitten des Dreißigjährigen Krieges, in dem das übrige Ostfriesland große Not zu leiden hatte, wurde die Kirche in den Jahren 1643 bis 1648 erbaut. Finanziert wurde der Bau ausschließlich durch Spenden.Monika van Lengen: Neue Kirche Emden, abgerufen am 18. Dezember 2022. Zunächst hatte sie keine Bestuhlung, die Gottesdienstbesucher standen während der Predigten. 1818 wurden eine erste Orgel und ein festes Kastengestühl eingebaut.

Am 6. September 1944 wurden bei der schwersten Bombardierung Emdens während des Zweiten Weltkriegs mehr als 80 Prozent des Stadtgebiets zerstört. Auch die Neue Kirche wurde stark in Mitleidenschaft gezogen und brannte bis auf die Grundmauern nieder. In den Jahren 1947 bis 1950 wurde die Kirche mit stark verändertem Innenraum wieder errichtet. So wurde ein Versammlungsraum in das Gebäude eingebaut, die Konsistorienkammer. Anstelle des ursprünglichen Tonnengewölbes wurde eine Flachdecke eingezogen. Durch diese Deckenkonstruktion wurde der Lichteinfall in der Kirche stark verändert, da die großen Rundfenster in den drei Giebeln nun den Dachboden belichten, der als Bibliothek genutzt werden sollte, was aber nur zeitweilig umgesetzt wurde.

mini|Innenraum nach der Renovierung 1998 wurde der 350. Jahrestag des Kirchenbaus begangen und im selben Jahr der Bauverein gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Kirche in ihrer ursprünglichen Form zu gestalten.neue-kirche-emden.de: Historie, abgerufen am 18. Dezember 2022. Die Umbaumaßnahmen begannen am 18. Juni 2012 und wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Bauverein Neue Kirche und der Gemeinde Emden durchgeführt. Sie beinhalteten die Freistellung der Doppelsäulen durch den Rückbau der Emporen. Nicht realisiert wurde der Plan, den Lichteinfall durch die vier Rosettenfenster wiederherzustellen, indem die beiden sich kreuzenden Holztonnengewölbe rekonstruiert wurden. Auch wurde die Wand hinter der Orgel nicht zurückgebaut und die Fenster im Norden nicht freigelegt.Neue Kirche Emden. Hrsg.: Vorstand des Bauvereins Neue Kirche Emden e. V. 2008, S. 4, 26. Eingebaut wurden eine moderne Klima- und Heizungsanlage, Kommunikationsleitungen sowie sanitäre Anlagen. Zudem wurde die gesamte Elektro-Installation erneuert. Das feststehende Kastengestühl von 1818 blieb nur unterhalb der Ost- und Westempore erhalten. Die technische Ausstattung und 320 neue Einzelstühle sollen eine multifunktionale Nutzung für vielfältige kirchliche und kulturelle Zwecke, für Kongresse und öffentliche repräsentative Veranstaltungen ermöglichen. Der große Innenraum bietet 570 Personen Platz. Die Renovierungskosten umfassten insgesamt 1,3 Millionen Euro.Bau-Brief. Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V. Letzte Ausgabe 2013. (PDF; 1,9 MB) neue-kirche.de, S. 34; abgerufen am 18. Dezember 2022. Nach 15 Monaten Restaurierung erfolgte am 6. September 2013 die Wiedereröffnung der Neuen Kirche mit einer Gedenkfeier und einem Festakt.Bau-Brief. Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V. Letzte Ausgabe 2013. (PDF; 1,9 MB) neue-kirche.de, S. 20–21; abgerufen am 18. Dezember 2022.

Baubeschreibung Das Äußere mini|hochkant|Kirche von Westen mini|links|hochkant|Portal im Nordosten mit Siegel der reformierten Gemeinde im Tympanon Die Kirche wurde im Stil des Frühbarock errichtet und ist vom Niederländischen geprägt. Sie ist ein roter Backsteinbau mit hellen Werksteingliederungen. In ihrem Inneren birgt sie einen für den frühen protestantischen Kirchenbau einmaligen Predigtraum mit zentralistischer Tendenz.Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0, S. 278.

Bei den Plänen für die Neue Kirche in Emden orientierte sich Faber am Vorbild der 1621–1623 in Amsterdam als Zentralbau errichteten Noorderkerk, gestaltete den Bau jedoch noch konsequenter im Sinne der calvinistischen Lehre.Gottfried Kiesow: Die reine Lehre und die Macht der Bilder. monumente-online.de; abgerufen am 18. Dezember 2022. Grundlage der Norderkerk war das Griechische Kreuz, das Faber für die Kirche in Emden leicht abwandelte. Hier verzichtete er auf den südlichen der vier gleich langen Kreuzarme, da ein besonderer Chor nicht gewünscht war. Dieser Arm ist zu einem Risaliten verkürzt. Dies war im Barock ein beliebtes Mittel zur Fassadengliederung. Zudem konnte das Gebäude so in seiner größten Längsausdehnung, also Ost-West, parallel zur Brückstraße angeordnet werden. Die drei Arme des Kreuzes sind in ihrem Abschluss identisch. Die Außenwände werden durch helle, umlaufende Sandstein-Bänder und je zwei Rundbogenfenster gegliedert und sind etwas über die Dachfläche gezogen. In den Giebelquadraten, die mit einem Tympanon abgeschlossen werden, befindet sich jeweils ein Kreisfenster in einer großen Rundblende mit Maßwerk.Noah: Gottes Häuser in Ostfriesland. 1989, S. 67.

mini|Dachreiter mit Habsburger Krone Den so entstandenen T-förmigen Grundriss löste Faber durch niedrigere Anbauten in den Winkeln auf. Hier befinden sich die repräsentativen Eingangsportale und die Treppen zu den Emporen. Die Rundbogenportale werden von zwei Pilastern mit Architrav flankiert. Die Umrahmungen sind im Nordwesten ganz aus hellem Sandstein, im Nordosten abwechselnd in Rot und Weiß. Im rundbogigen Tympanon der Nordwestseite ist in den Stadtfarben Gelb-Rot-Blau das Emder Wappen eingelassen, das eine gekrönte und geflügelte Harpyie mit Brüsten („Engelke up de Mür“) hinter einer zinnenbewehrten Mauer und den Wellen der Ems zeigt. Das Wappen wird von zwei Voluten flankiert und von einem stilisierten Lorbeerkranz umgeben, der von der Kaiserkrone zusammengehalten wird.Georg Sello: Das Stadtwappen von Emden. In: Emder Jahrbuch. Band 14. 1902, S. 236–279, hier: S. 266; . Über dem Portal im Nordosten ist das Siegel der reformierten Gemeinde angebracht, das die Inschrift trägt: . Über dem zentralen Schnittpunkt des Kreuzes befindet sich ein aufragender sechseckiger Dachreiter mit Galerie und offener Laterne. Er wird durch eine Nachbildung der Habsburger Kaiserkrone Rudolph II. durch den Emder Bildhauer Fritz Liebsch bekrönt. Damit unterstrichen die Emder ihre Autonomie und ihre (nie erreichte) Reichsunmittelbarkeit, ordneten sich also nur dem Kaiser, nicht aber dem ostfriesischen Landesherrn unter.Neue Kirche Emden. Hrsg.: Vorstand des Bauvereins Neue Kirche Emden e. V. 2008, S. 7. Der über der Krone sitzende Hahn ist ein Zeichen für eine reformierte Kirche. Der Dachreiter beherbergt zwei Glocken. Die kleine bronzene Schlagglocke in der Turmspitze ist ohne Inschrift. Die Haupt- und Läuteglocke im Turmschaft wurde 1724 von Jan Albert de Grave aus Amsterdam gegossen, worauf die Inschrift hinweist: . Die der heiligen Katharina geweihte „Nikolausglocke“ von 1356 ist verschollen.Hans-Helge Jürgens: Zu den Glocken der Neuen Kirche. In: Bau-Brief. Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V. Letzte Ausgabe 2013. (PDF; 1,9 MB) neue-kirche.de, S. 6–12, abgerufen am 18. Dezember 2022.

Das Innere Die Vierung des Gebäudes ist der quadratische Raum, der durch dorische Doppelsäulen am Schnittpunkt der Kreuzarme und gleichartige Halbsäulen als Wandvorlagen an der Südwand gebildet wird. Ursprünglich wurde er oben durch ein Kreuzrippengewölbe der sich durchdringenden Holztonnengewölbe abgeschlossen.Hans-Peter Glimme: Die aufgenommenen Traditionen in der Neuen Kirche Emden. In: Bau-Brief. Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V. Ausgabe 2, 2007. (PDF; 2,7 MB) neue-kirche.de, S. 5; abgerufen am 18. Dezember 2022.

Kanzel und Abendmahlstisch wurden an der Mitte der Südwand angeordnet. Das Kirchengestühl ist im Sinne einer Predigtkirche so gruppiert, dass von überall der Blick auf die Kanzel an der Südwand fällt. Einen Altar gibt es hingegen nicht, da nach dem reformierten Verständnis des Abendmahles am Altar kein Opfer dargebracht wird.

Ausstattung mini|Innenraum mit Blick nach Westen Der Großteil der ursprünglichen Einrichtung der Neuen Kirche ist im Krieg zerstört. Die heutige Einrichtung ist, bis auf den Taufstein, die Kronleuchter und einige Grabplatten, modern.

Taufstein mini|links|Romanisches Taufbecken Der Taufstein der Neuen Kirche stammt aus der Kirche in Jennelt und wurde vermutlich in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Bentheimer Sandstein geschaffen. Nachdem der Taufstein lange im Garten der Jennelter Pastorei aufgestellt war, fand er im Jahr 1902 seinen Aufstellungsort im Ostfriesischen Landesmuseum Emden. Nach dem Wiederaufbau der Neuen Kirche wurde er ihr als Leihgabe überlassen. Vor der Aufstellung musste der Taufstein restauriert werden, da der obere Rand der Kuppa zerstört oder abgearbeitet war.Neue Kirche Emden. Hrsg.: Vorstand des Bauvereins Neue Kirche Emden e. V.' 2008, S. 20.

Das Becken ist mit schlichten Ranken mit Blättern, die durch inzwischen stark verwitterte Tauornamente begrenzt wurden, verziert. Getragen wird das Becken von Löwen auf einer quadratischen Platte, deren Köpfe in der Neuen Kirche jedoch abgeschlagen sind. Den Löwen wurde apotropäische Wirkung zugeschrieben. Zugleich dienten sie als Symbol für Christus, unter dessen starken Schutz sich die Täuflinge begaben.Neue Kirche Emden. Hrsg.: Vorstand des Bauvereins Neue Kirche Emden e. V. 2008, S. 20–21.

Kronleuchter mini|Böttcherkrone von 1648 Der mittlere Kronleuchter wurde der Kirche zu ihrer Fertigstellung 1648 von der Böttcherzunft gestiftet, worauf zwei Stiftertafeln hinweisen, die oben am Kronleuchter angebracht sind: – Eine dritte Tafel erinnert an eine Renovierung im Jahr 1714: Die Krone zeigt eine Hand mit einem sogenannten Kuiper-Hammer, dem Handwerkszeichen der Böttcherzunft. Diese „Böttcherkrone“ ist ein Geschenk der Zunft an die Kirche und der älteste erhaltene Messingleuchter in Emden.Die Böttcher-Krone. In: Bau-Brief. Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V. Letzte Ausgabe 2013. (PDF; 1,9 MB) neue-kirche.de, S. 19; abgerufen am 18. Dezember 2022.

Orgel mini|Schuke-Orgel von 1958