Die Seherin und die Hörerin ist eine im zweiten Jahrhundert n. Chr. niedergeschriebene Tierfabel, die im Rahmen einer altägyptisch-demotischen Erzählung im Papyrus Die Heimkehr der Göttin geschildert wird. Die Erzählung fußt auf einer älteren Vorlage, deren Abfassungsdatum jedoch schwer einschätzbar ist. Einige ältere Sprachformen, die der Schreiber dem Leser wegen der Unverständlichkeit erklären muss, lassen die Möglichkeit zu, dass Teile des Originaltextes bis in die Zeit des Neuen Reiches (1550 v. Chr. bis 1070 v. Chr.) zurückreichen.

Mythologische Verbindungen Die Göttin Tefnut, die im Mythos Die Heimkehr der Göttin als Sonnenauge sowie Tochter des Re und Schwester des Schu auftritt, nahm vor Beginn der Erzählung der Tierfabel Die Seherin und die Hörerin in einem Wutanfall die Gestalt eines zornigen Löwen an, als ihr Begleiter Thot, der in der Erscheinungsform eines Affen auftrat, Tefnut an einer zügigen Rückkehr nach Ägypten mit seinen Geschichten hinderte:

Thot, der Tefnut als zornige Löwin mit Sachmet verglich, entschuldigte sich für seinen Zeitverzögerungsversuch und bat sie, wieder die vorherige Gestalt einer Katze anzunehmen. Nachdem Tefnut die Entschuldigung angenommen hatte und sich wieder als „schnurrende nubische Katze“ präsentierte, leitete Thot die zweiteilige Tierfabel ein.

Inhalt Die Fabel beschäftigt sich mit dem Funktionsprinzip der Vergeltung: Wer tötet, den tötet man. Wer zu töten befiehlt, dessen Vernichtung befiehlt man. Ein bedeutender Herr beraubt einen Herren oder Großen nicht in seinen Häusern. Insbesondere wird darauf verwiesen, dass keine Handlung dem Sonnengott Re verborgen bleibt. Tefnut als Sonnenauge müsse sich vor keinem Gott hinsichtlich der vollbrachten Taten rechtfertigen. Ihr wird als „Tochter des Re“ deshalb auch keine göttliche Vergeltung für „alle ihre Taten“ folgen, wobei sie selbst unter anderem auch die Erscheinungsform der „göttlichen Vergeltung“ darstellt.

Vorgeschichte In der Vorgeschichte geht es um zwei Geierinnen, die sich gegenseitig ihre besonderen Fähigkeiten bewundernd erzählen.

Die Vergeltung Eines Tages erzählte die Hörerin der Seherin, dass eine göttliche Hörerin zu ihr auf die Erde gekommen sei und über das mit der göttlichen Seherin Iirif geführte Gespräch im Himmel berichtet habe: „Ein Skink verschluckte eine Eidechse, eine Schlange verschluckte danach den Skink. Der Falke nahm die Schlange zum Meer.“ Da die Hörerin jedoch nicht in das Meer schauen konnte, bat sie die Seherin, den Fortgang dieser Handlungen zu erzählen. Die Seherin bestätigte, dass sie die geschilderten Dinge beobachtet habe und berichtete über den weiteren Verlauf:

Die Seherin und Hörerin flogen zum Berg und sahen das, was zuvor geschildert wurde. Die Seherin erklärte der Hörerin, dass Re-Harachte die Entscheidungen treffe. Wer eine gute Tate vollbringt, dem wird ebenfalls Gutes gegeben werden. Eine schlechte Tat sucht jedoch denjenigen heim, der sie begangen hatte. Die Hörerin fragte nun die Seherin neugierig, was jetzt wohl mit dem Greif geschehen werde, der den Löwen und den Wels getötet hatte. Die Seherin antwortete:

Die Seherin erklärte der Hörerin außerdem das Gleichheitsprinzip der Vergeltung: Der Sonnengott Re nimmt Vergeltung für jede Tat, auch das geringste Geschöpf der Erde unterliegt dem Gleichheitsprinzip „Gutes wird mit Gutem vergolten, Schlechtes mit Schlechtem.“ Keine Tat, keine Handlung kann vor dem Sonnengott geheim gehalten werden, alles wird gesehen. Abschließend weist die Seherin auf die Kennzeichnung eines Mörders hin, damit das Geschöpf erkannt wird, das diese Tat beging und sich jeder von ihm fernhalten möge. Der Makel dieses Mals verfolgt ihn in alle Ewigkeit, auch über den Tod hinaus; es lässt sich nicht abwaschen oder anderweitig entfernen.

Siehe auch Der Löwe und die Maus Die zwei Schakale

Literatur Friedhelm Hoffmann, Joachim Friedrich Quack: Anthologie der demotischen Literatur (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Band 4). LIT, Berlin 2007, ISBN 3-8258-0762-2.

Weblinks Darstellung des Sonnenauges mit den Füßen eines Greifs (daneben zwei Schlangenhalspanther beim Töten einer Gazelle)

Anmerkungen

Kategorie:Demotische Literatur Kategorie:Tierfabel