Das Bachhaus Eisenach ist ein Museum im thüringischen Eisenach, das dem dort geborenen Komponisten Johann Sebastian Bach gewidmet ist. In ihm werden auf 600 m² Ausstellungsfläche ca. 250 Originalexponate, darunter ein Bach-Notenautograph, gezeigt. Kern des heute mehrere Gebäude umfassenden Museums ist ein etwa 550 Jahre altes Fachwerkhaus (Frauenplan Nr. 21), welches in der Mitte des 19. Jahrhunderts fälschlich als Bachs Geburtshaus identifiziert wurde. 1907 richtete es die Leipziger Neue Bachgesellschaft als Gedenkstätte und Bach-Museum ein.

Historische Grundlage miniatur|Haus Rittergasse Nr. 11 (vorn: Bachhaus-Garten) (2004) miniatur|Heutiges Haus Lutherstraße Nr. 35 (dunkelgrau) (2011) Die Musiker-Familie Bach war in Mitteldeutschland seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein weit verzweigtes Musikergeschlecht. Bereits 1665 war Johann Christoph Bach Organist der Georgenkirche Eisenachs.

Bachs Vater Johann Ambrosius Bach nahm 1671 eine Stelle als Haußmann (Leiter der Ratsmusiker) in Eisenach an, die Familie wohnte zunächst bei dem Forstdirektor Balthasar Schneider in einem Fachwerkhaus in der Rittergasse Nr. 11 zur Miete, dem heutigen Museumsgarten unmittelbar südlich gegenüber gelegen.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. Fischer, Frankfurt 2000, S. 18–19, 21. Da nur Grundeigentümer das Bürgerrecht erwerben konnten, kaufte Johann Ambrosius Bach 1674 ein Haus in der Fleischgaß (heute wahrscheinlich: Lutherstraße Nr. 35), dieses befand sich 100 Meter nördlich vom heutigen Museum entferntChristoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. 21. und ist nicht mehr erhalten.Martin Petzoldt: Bachstätten. Insel, Frankfurt 2000, S. 68. Weil nicht alle Eisenacher Bürger genau die Häuser bewohnten, die sie zum Zweck des Erwerbs des Bürgerrechts erworben hatten, lässt sich der Standort des tatsächlichen Geburts- und Kindheitshauses von Bach heute nicht mehr mit Gewissheit bestimmen.Vgl. Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. Bachhaus Eisenach, 1983, S. 128: „Das Bachhaus stand zur Zeit von Bachs Geburt im Eigentum des aus Braunschweig stammenden Rektors der Lateinschule Heinrich Börstelmann, der es jedoch an drei Mietparteien vermietet hatte.“ Aufgrund der Lage der ersten Wohnung von Ambrosius Bach in der Rittergasse und der gekauften Immobilie in der Lutherstraße kann Bachs Geburtshaus in diesem Umkreis und somit zumindest in der Nähe des heutigen Bachhauses vermutet werden.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. 21 (benennt das Haus Lutherstr. Nr. 35 als Geburtshaus).

Der am geborene Johann Sebastian Bach verbrachte seine ersten zehn Lebensjahre in Eisenach. Durch die musikalische Tradition der Familie Bach wurde er früh an die Musik herangeführt, sein Vater dürfte ihn im Spiel von Streich- und Blasinstrumenten unterrichtet haben. Der junge Johann Sebastian lernte in der Stadtkirche St. Georg bei seinem Großcousin Johann Christoph Bach eines seiner späteren Lieblingsinstrumente, die Orgel, kennen.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. 30. Von 1692 bis 1695 besuchte Johann Sebastian die örtliche Lateinschule und erhielt hier als Mitglied des Chorus musicus an vier Tagen in der Woche den ersten Musikunterricht.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. 27, 30. Am 1. Mai 1694 starb Bachs Mutter Elisabeth Bach, am 20. Februar 1695 starb auch Bachs Vater Ambrosius. Johann Sebastian und sein Bruder Johann Jakob fanden im Juli 1695 Aufnahme bei ihrem älteren Bruder Johann Christoph in Ohrdruf.Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. S. 42.

Geschichte des Bachhauses miniatur|Relikt eines historischen Irrtums: Gedenktafel am Bachhaus in Eisenach miniatur|Eröffnung am 27. Mai 1907 miniatur|Bachhaus am 6. April 1945 miniatur|Wiedereröffnung am 17. Mai 2007 mini|Der Thomanerchor sang am 17. Mai 2007 im neuen Foyer

1456 bis 1800 Das historische Bachhaus zählt zu den beiden ältesten erhaltenen Wohnhäusern Eisenachs. Es bestand ursprünglich aus zwei Gebäuden, von denen der östliche Teil des Hauses 1456 und der westliche 1458 errichtet wurden; um 1611 wurden beide Teile des jetzigen Hauses verbunden.Jörg Hansen: 100 Jahre Bachhaus Eisenach. 1, S. 101. Zu der zugrundeliegenden dendrochronologischen Untersuchung der Universität Bamberg siehe: Bachhaus – eines der ältesten Fachwerkhäuser. Nachrichtendienst www.eisenachonline.de, 28. August 2006. Abgerufen am 16. November 2011. Zur Zeit von Bachs Geburt 1685 stand das Haus im Eigentum des Rektors der Lateinschule Heinrich Börstelmann, der es jedoch nicht selbst bewohnte, sondern vermietet hatte. Zwischen 1746 und 1779 lebte im Bachhaus die Familie von Caroline Amalie Rausch geb. Bach, die Tochter von Bachs Urgroßcousin und Freund Johann Bernhard Bach und die Schwester des Eisenacher Hofkapellmeisters und Bach-Schülers Johann Ernst Bach.Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. S. 129; Hartmut Ellrich: Bach in Thüringen. Sutton, Erfurt 2011, S. 55. Wie bei Ackerbürgerhäusern üblich, wurde das Erdgeschoss ursprünglich nebenberuflich landwirtschaftlich genutzt: Der heutige Instrumentensaal dürfte als Scheune gedient haben, der heutige Barockgarten hinter dem Haus als Gemüsegarten und als Viehweide.Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. S. 7–8. An diese landwirtschaftliche Nutzung erinnert im Museum heute eine im Bachhaus-Garten gefundene Kuhglocke von 1688. Ein freigelegtes, bauzeitliches und bereits damals teilverglastes Fenster und die heute als Componir-Stube eingerichtete, unter dem Putz mit Holzbohlen gedämmte Bohlenstube belegen im Museum die frühere Wohnnutzung des Obergeschosses durch ein wohlhabendes Bürgertum.

1800 bis 1900 Mit der u. a. durch Felix Mendelssohn und Robert Schumann angestoßenen Bach-Renaissance begann eine Suche nach biographischen Zeugnissen und auch nach der Geburtsstätte des Komponisten. 1857 befragte der Bach-Biograph Karl Hermann Bitter hierzu die noch in Eisenach lebenden Nachkommen von Johann Bernhard Bach und bestimmte aufgrund der erhaltenen Auskünfte das Haus Frauenplan Nr. 21 als Geburtshaus.Vgl. Karl Hermann Bitter: Johann Sebastian Bach. Wilhelm Baensch, Berlin 1881 (2. Aufl.), S. 49–50: „Auf dem Frauenplan daselbst erhebt sich über einer mit grünem Rasen bekleideten hügelartigen Erhöhung des Bodens ein Haus von bescheidner Ausdehnung und behaglich einladendem Aeusseren. Der Blick gleitet von ihm über den freien Platz hinaus auf die bewaltdeten Höhen, welche sich um die Stadt herumziehen. Ein geräumiger Hausflur, wo in den Zeiten des alten Bürgerthums die Familie sich zu versammeln pflegte, empfängt den Eintretenden. Rechts im Hintergrunde führt eine gewundene Treppe zu der in der halben Höhe des Hauses nach hinten zu belegenen Küche und in das obere Stockwerk des Hauses. Durch die Hinterpforte tritt man unmittelbar in ein freundliches Gärtchen. Kleine niedrige Zimmerdeuten auf die geringeren häuslichen Bedürfnisse früherer Zeiten. Das Ganze des Hauses zeigt, dass seine Bewohner sich einer gewissen Wohlhabenheit erfreut haben mochten.“ Vgl. weiter zu den Recherchen Bitters Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach., S. 13: „Bei den Vorarbeiten zu seiner 1865 veröffentlichten Bach-Biografie nahm Carl Heinrich Bitter Beziehungen zu den noch lebenden Nachfahren des Johann Bernhard Bach auf, um den Lebensumkreis von Johann Sebastians Kindheit zu erforschen. Er erfuhr die schon lange in Eisenach mündlich verbreitete Überlieferung, daß Johann Sebastian Bach in eben diesem Haus geboren worden sei und beschrieb es in seiner Bach-Biografie in diesem Sinn. Weiter bezog man sich auf eine angeblich verschollene Familienchronik. Spätere Biografen überprüften das Zustandekommen dieser Aussagen nicht und übernahmen sie einfach.“ Seit 1868 weist eine vom Eisenacher Musikverein am Haus angebrachte Gedenktafel mit der Inschrift Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in diesem Hause geboren das Haus öffentlich als Geburtshaus Johann Sebastian Bachs aus.Vgl. zu der Geschichte der Gedenktafel Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. S. 12. Hierfür existieren jedoch bis heute keine weiteren Belege. Der Irrtum in der mündlichen Überlieferung entstand möglicherweise durch den belegten, allerdings erst zur Mitte des 18. Jahrhunderts erfolgten Einzug von Mitgliedern der Eisenacher Bach-Familie in das Haus.

1900 bis 2000 Die 1900 gegründete Leipziger Neue Bachgesellschaft hatte ursprünglich beabsichtigt, das erste Bach-Museum in der Leipziger Thomasschule einzurichten, in welcher Johann Sebastian Bach mit seiner Familie von 1723 bis zu seinem Tod 1750 als Thomaskantor lebte und wirkte. Diese wurde jedoch 1902 gegen den Protest der Bachgesellschaft durch die Stadt Leipzig abgerissen.Martin Petzoldt: Bachstätten. Insel, Frankfurt 2000, S. 67. Die Eingangstür zur Wohnung Johann Sebastian Bachs in der Thomasschule wurde durch den Musiklehrer der Thomasschule Bernhard Friedrich Richter, dem Sohn des früheren Thomaskantors Ernst Friedrich Richter, mit einigen anderen Erinnerungsstücken vor der Zerstörung bewahrt und nach der Eröffnung des Eisenacher Bach-Museums diesem übergeben.Conrad Freyse: Fünfzig Jahre Bachhaus. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1958, S. 20, Fn. 34. Seit der Neueröffnung des Museums 2007 markiert diese Tür den Eingang in die Ausstellung.

Mit Vertrag vom 15. Mai 1905 erwarb die Leipziger Neue Bachgesellschaft das damals ebenfalls vom Abbruch bedrohte Haus Frauenplan Nr. 21, um nunmehr in Johann Sebastian Bachs vermeintlichem Geburtshaus das weltweit erste Bach-Museum zu eröffnen. Der Ankauf wurde von zahlreichen Förderern unterstützt. Darunter waren neben dem Weimarer Großherzog der Komponist und Violinist Joseph Joachim, der Thomaskantor Gustav Schreck, der Direktor der Sing-Akademie zu Berlin Georg Schumann und die Leipziger Musikverlage Breitkopf & Härtel und C. F. Peters.Vgl. zur Erwerbsgeschichte und zu den Abbruchplänen Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. S. 16–21. Domizlaff konzediert, dass dem historischen Irrtum bei der Bestimmung von Bachs Geburtshaus der Erhalt eines der schönsten noch erhaltenen Renaissance-Bürgerhäuser Eisenachs zu verdanken ist. Am 27. Mai 1907 wurde das Museum feierlich eröffnet. Zur Eröffnung konzertierten unter anderem der Leipziger Thomanerchor unter Thomaskantor Gustav Schreck, die Großherzogliche Hofkapelle in Weimar unter Georg Schumann, Joseph Joachim und der Pianist Ernst von Dohnányi.Neue Bach-Gesellschaft: Drittes deutsches Bach-Fest zur Einweihung von Johann Sebastian Bachs Geburtshaus als Bach-Museum: Fest- und Programmbuch. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1907.

Als der Eisenacher Hobbyhistoriker Fritz Rollberg 1928 bei seiner Recherche in Steuerbelegen herausfand, dass Ambrosius Bach 1674 ein anderes Haus in Eisenach erworben hatte und hierfür bis zu seinem Tod 1695 Steuern zahlte, war das Bachhaus längst als weltweit bekannte Bach-Gedenkstätte etabliert.Zur Recherche Rollbergs und den Ergebnissen siehe Ilse Domizlaff: Das Bachhaus Eisenach. S. 8–9 sowie S. 128–132. Bei der Restaurierung des Hauses in den Jahren 1972–1973 wurde die Gedenktafel am Haus im Museumsarchiv eingelagert; bei der erneuten Restaurierung des Hauses Anfang 2007 kehrte sie an ihren ursprünglichen Platz zurück. Auf den historischen Irrtum wird heute im Museum durch die Ausstellung einer der von Rollberg 1928 aufgefundenen Steuerakten hingewiesen.