Das Lutherhaus in Eisenach ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser Thüringens. Hier wohnte Martin Luther nach der Überlieferung bei der Familie Cotta während seiner Schulzeit von 1498 bis 1501. Das Lutherhaus ist offizielles europäisches Kulturerbe und eine der bedeutendsten Reformationsstätten in Europa. Es wird von der Stiftung Lutherhaus Eisenach der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland als kulturhistorisches Museum betrieben.
Historische Grundlage Martin Luther hielt sich in seinem Leben mehrere Male in seiner „lieben Stadt“ Eisenach auf. Hier verbrachte er drei Jahre seiner Schulzeit und übersetzte das Neue Testament auf der Wartburg.
Martin Luther als Schüler in Eisenach (1498 bis 1501) Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren. Zunächst besuchte Luther die Mansfelder Lateinschule, bevor er 1497 für ein Jahr nach Magdeburg zog und dort in die Domschule ging. Bereits ein Jahr später zog der junge Luther nach Eisenach.Martin Brecht: Martin Luther, Bd. 1: Sein Weg zur Reformation, 1483–1521. 2. Aufl., Stuttgart 1983, S. 24–28; Thomas Kaufmann: Martin Luther, München 2006, S. 28f.; Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, München 2012, S. 68f. In der Heimatstadt seiner Mutter kam er zunächst bei Verwandten der Familie unter. Trotzdem musste er sich selbst noch etwas zum Lebensunterhalt dazu verdienen, weshalb er – damals für Schüler durchaus nicht unüblich – als Kurrendesänger von Haus zu Haus zog. Luthers erstem Biographen Johann Mathesius zufolge gefiel der Gesang des Schülers einer „andechtige[n] Matron“ so gut, dass sie ihn in ihr Haus aufnahm.Johann Mathesius: Historien von des ehrwirdigen inn Gottseligen theuren Manns Gottes, D. Martin Luthers Anfang, Lehre, Leben […] Sterben, Nürnberg 1588, S. 3r. Bei der Matrone handelte es sich um die junge Ratsherrengattin Ursula Cotta, die mit Conrad I. (Cunz) Cotta verheiratet und eine Tochter von Heinrich Schalbe war. Ihr Vater gehörte zu den einflussreichsten Eisenachern seiner Zeit.Ernst-Otto Braasch: Die Familie Schalbe in Eisenach, in: Amtsblatt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen 34 (1981) Nr. 10, S. 85–87, hier: S. 86. Auch die Cottas verfügten damals in Eisenach über viel Einfluss und Besitz. Sie besaßen zu Beginn des 16. Jahrhunderts mehrere Häuser in der Stadt, zu denen auch das heutige Lutherhaus zählt. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Martin Luther als Schüler dort zeitweilig Unterhalt und Herberge gefunden hat.Braasch: Schalbe, S. 86f. Neben dem Schulunterricht an der Pfarrschule St. Georg beeinflussten ihn in seine Eisenacher Zeit vor allem die spirituellen Erfahrungen im Collegium schalbense. Dieser fromme Kreis von Laien um Heinrich Schalbe stand in enger Verbindung mit den Franziskanern und wurde von deren Frömmigkeit geprägt. Zudem nahm Luther an Treffen im Haus des Säkularpriesters Johannes Braun teil, bei denen gemeinsam musiziert, gebetet und über geistliche, aber auch humanistische Bücher diskutiert wurde.Jochen Birkenmeier: Das/The Lutherhaus in Eisenach, Eisenach 2015, S. 9–12; Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63741-4; 4. aktualisierte Auflage, München 2016, ISBN 978-3-406-70105-4, S. 69; Brecht: Luther I, S. 30f. Im Frühjahr 1501 verließ Luther Eisenach, um an der Erfurter Universität zu studieren. Die Schulzeit „ynn meiner lieben Stad“Martin Luther: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 30/2, Weimar 1909, S. 576. behielt Luther immer in positiver Erinnerung und mit einigen Eisenachern blieb er zeitlebens in Kontakt.Herbert von Hintzenstern: Vorspiele zur Reformation in Eisenach, in: Amtsblatt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen 34 (1981) Nr. 10, S. 79–85, hier: S. 81.
Luther auf der Wartburg (1521 bis 1522) Im März 1521 wurde Martin Luther vom neu gewählten Kaiser Karl V. aufgrund seiner reformatorischen Schriften vor den Reichstag nach Worms zitiert. Hier wurde er aufgefordert, seine Schriften zu widerrufen (17. April 1521), was der Wittenberger Mönch nach eintägiger Bedenkzeit aber ablehnte (18. April 1521). Am 26. April 1521 verließ Martin Luther Worms wieder und machte sich auf den Rückweg nach Wittenberg. Am 4. Mai 1521 wurden er und seine Begleiter bei der Burg Altenstein von bewaffneten Reitern zum Halt gezwungen. Der vorab eingeweihte Luther wurde von ihnen „entführt“ und auf die Wartburg gebracht. Tatsächlich wurde er zu seiner eigenen Sicherheit versteckt, da ihm infolge des verweigerten Widerrufs in Worms die Reichsacht drohte. Mit dem kurze Zeit später publizierten Wormser Edikt wurde Luther dann nicht nur selbst mit dem Bann belegt und zum Ketzer erklärt, sondern auch die Herstellung und Verbreitung seiner Schriften war fortan offiziell verboten.Friedrich Battenberg: Art. Worms, in: Volker Leppin, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Das Luther-Lexikon, Regensburg 2014, S. 773f., hier: S. 774. Die Zeit der Einsamkeit und Abgeschiedenheit auf der Wartburg nutzte Luther, der sich hier – in Anlehnung an den Heiligen Georg, den Stadtheiligen von Eisenach und Mansfeld – den Tarnnamen „Junker Jörg“ zugelegt hatte, um die neutestamentlichen Schriften der Bibel intensiv zu studieren. Beim Überfall am Altenstein hatte er noch rasch die hebräische Bibel und das griechische Neue Testament mitgenommen. Mit ihrer Hilfe führte Luther zunächst seine Auslegungen einzelner Bibelstellen fort, bevor er dann seine epochemachende Arbeit begann: Ab Mitte Dezember 1521 übersetzte er innerhalb von nur elf Wochen das gesamte Neue Testament aus dem Griechischen ins „Deutsche“. Da es zu seiner Zeit noch keine einheitliche deutsche Sprache gab, verwendete Luther für seine Übersetzung die sächsische Kanzleisprache, die durch ihre Verwendung im diplomatischen Schriftverkehr relativ verbreitet war. Anders als seine Vorgänger übersetzte Luther die Bibel nicht auf Grundlage der lateinischen Vulgata, sondern er ging vom griechischen Urtext aus und zog die Vulgata nur ergänzend hinzu. Dadurch gelang es ihm, sich vom lateinischen Sprachduktus zu lösen und einen eingängigen, aber dennoch anspruchsvollen Bibeltext zu schaffen. Im Zuge der Bibelübersetzung kreierte Luther zahlreiche neue Wörter und Redewendungen, da er für viele biblische Begriffe keine passenden Entsprechungen in der deutschen Sprache fand.Birkenmeier: Lutherhaus, S. 40f.; Kaufmann: Luther, S. 64–73. Als Luther Anfang März 1522 nach Wittenberg zurückkehrte, da dort Unruhen ausgebrochen waren, hatte er bereits das fertige Übersetzungsmanuskript im Gepäck. Zusammen mit Philipp Melanchthon, der in Wittenberg Professor für Griechisch und gleichzeitig ein Vertrauter Luthers war, unterzog er es einer gründlichen Revision, bevor er es im Sommer bei Melchior Lotter d. J. in den Druck gab. Am 20. September 1522 erschien dann die erste Auflage des sog. Septembertestaments.Heinrich Bornkamm: Martin Luther in der Mitte seines Lebens. Das Jahrzehnt zwischen dem Wormser und dem Augsburger Reichstag. Aus dem Nachlaß herausgegeben v. Karin Bornkamm, Göttingen 1979, S. 81. Unterdessen hatte sich Luther bereits der Übersetzung des Alten Testaments zugewandt. Es dauerte jedoch noch bis zum Jahr 1534, bis Luther in Zusammenarbeit mit zahlreichen Experten eine vollständige Bibelübersetzung vorlegen konnte.Schilling: Luther, S. 272f.
Baugeschichte des Lutherhauses mini|Eine Anzeige des Lutherhauses aus dem Jahre 1927 Im Vorfeld der umfangreichen Restaurierung und Sanierung des Lutherhauses (2013–2015) fand eine umfassende bauhistorische Untersuchung des historischen Gebäudes statt, die in einer Dokumentation festgehalten wurde.Dokumentation zur bauhistorischen Untersuchung des Lutherhauses in Eisenach. Erstellt vom Restaurierungsatelier Wolfgang Petzholdt, März 2012. Die in diesem Zuge vorgenommenen dendrochronologischen Untersuchungen haben ergeben, dass der kleinere Vorgängerbau auf das Jahr 1269 zurückgeht. Damit zählt das Eisenacher Lutherhaus zu den ältesten Fachwerkhäusern Thüringens. 1356 wurde das südliche Wirtschaftsgebäude dann erheblich erweitert und das Lutherhaus damit zu seiner heutigen Kubatur vergrößert. Wann genau das Lutherhaus, das anfangs noch aus mehreren Einzelgebäuden bestand, in den Besitz der Familie Cotta gelangte, ist urkundlich nicht nachweisbar. Als sicher gilt jedoch, dass das heutige Lutherhaus um 1500 bereits Eigentum der Cottas war.Hans Eberhard Matthes: Das Eisenacher Lutherhaus mit einem Anhang ‚Das Geschlecht Cotta‘, Eisenach 1939, S. 25. Anfang der 1560er-Jahre erwarb der Eisenacher Renaissancebaumeister Hans Leonhard das damals als Brauhof genutzte Gebäude. Lange Zeit ging man davon aus, dass es auch Leonhard war, der die prachtvolle Renaissancefassade am Lutherhaus schuf. Neuere bauhistorische Forschungen lassen es aber auch als möglich erscheinen, dass das Renaissanceportal zwar aus seiner Hand stammt, ursprünglich aber zur angrenzenden kurfürstlichen Residenz gehörte und erst nach deren Abriss 1742 am Lutherhaus angebracht wurde.Dokumentation Petzholdt, S. 45f. Auch der Zeitpunkt des Fachwerkaufsatzes ist umstritten. Während in älteren Darstellungen zum Lutherhaus behauptet wird, dieser sei erst nach dem großen Stadtbrand von 1636 errichtet worden,Hans-Dieter Meister: Das Lutherhaus in Eisenach, (Ost-)Berlin 1989, S. 8–10; Willy Quandt: Martin Luther als Schüler in Eisenach und das Eisenacher Lutherhaus, (Ost-)Berlin 1965, S. 13. sprechen aktuelle Untersuchungen dafür, dass diese Baumaßnahme bereits im 16. Jahrhundert vorgenommen wurde.Dokumentation Petzholdt, S. 51. Im Laufe der Frühen Neuzeit wechselte das Lutherhaus seine Besitzer vielfach, womit auch unterschiedliche Nutzungen einhergingen. Seit 1898 befand sich eine Gaststätte, der sogenannte „Lutherkeller“, in dem Gebäude. Der Wirt, Adolf Lukaß, richtete sein Lokal im „altdeutschen Stil“ ein und zeigte seinen Gästen gegen einen Aufpreis auch die historischen „Lutherstuben“, in denen Luther als Schüler gewohnt haben soll. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte das Lutherhaus alle Kriege und Stadtbrände weitgehend unbeschadet überstanden. Am 23. November 1944 detonierte jedoch eine britische Luftmine über dem Lutherplatz. Die Detonation beschädigte die Nordfassade des Gebäudes erheblich, der südliche Teil, in dem sich die Lutherstuben und die Fachwerkhalle befinden, blieb indes intakt. Nach Kriegsende wurde das beschädigte Haus rasch wieder instand gesetzt.Jochen Birkenmeier: Das/The Lutherhaus in Eisenach, Eisenach 2015, S. 7.
Museumsgeschichte Das Lutherhaus von 1956 bis 2013 mini|Lutherhaus, 1956 Nach dem Wiederaufbau des Hauses betrieb die Familie Lukaß (Lucas, Lukass) den „Lutherkeller“ noch bis 1953 als Restaurant weiter. Nachdem ein Teil der Familie in die Bundesrepublik geflüchtet war, mietete sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen 1955 in das Haus ein. Sie baute die bestehende Luthergedenkstätte weiter aus, brachte hier das „Evangelische Pfarrhausarchiv“ unter und eröffnete 1956, unter der Leitung von Willy Quandt, im Lutherhaus einen Erinnerungsort, der eine Mischung aus Gedenkstätte, Sammlung und Museum darstellte. 1965 erhielt die thüringische Landeskirche die Hälfte des Hauses als Vermächtnis von Karoline Schneider, verwitwete Lukaß, die bis zu ihrem Tod Besitzerin einer Haushälfte war. Den zweiten Teil erwarb die Kirche 1997 von den Erben der Familie Lukaß. Auch nach der Wiedervereinigung blieb das Lutherhaus im Besitz der Thüringer Landeskirche und wurde als Reformationsstätte genutzt. Von 2006 bis 2013 wurde das Lutherhaus von der Wartburg Verlag GmbH betrieben.Uta Schäfer: Das Jubiläum als Chance, in: Glaube + Heimat, 29. Oktober 2010, online unter: (abgerufen am 21. Dezember 2015).