mini|Raffael: Der Erzengel Michael (1518; Louvre)

Michael (; DMG „Mīkā’īl“ bzw. „Mīkāl“, deutsch „Wer ist wie Gott?“) ist nach dem Tanach ein Erzengel und kommt in den Traditionen des Judentums, Christentums und Islams vor. Anders als im Christentum wird der Engel Michael im Judentum nie mit „Attributen der Göttlichkeit“ versehen.Max Wiener: Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Bd. II, S. 213ff., neu hrsg. v. Walter Homolka, Knesebeck, München 1999. In der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes tritt Michael in einem eschatologischen Kontext als Bezwinger Satans auf, den er auf die Erde hinabstürzt (). Der Erzengel wurde nach der siegreichen Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 zum Schutzpatron des Ostfrankenreichs und später der Deutschen erklärt.

Der Koran und die arabische Literatur rezipierten die Gestalt des Erzengels Michael seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. unter den Namen Mikal bzw. Mika'il.

Erwähnungen in der Bibel Das himmlische Wesen Michael wird sowohl im Tanach als auch im Neuen Testament erwähnt.

Tanach (Altes Testament) Im Tanach kommt Michael ausschließlich in der „hebräischen Apokalypse“ des Buches Daniel vor. In kämpft Michael gegen den „Fürsten des Perserreiches“, worauf Daniel seine Vision erhält:

Später erscheint Michael wiederum als Verteidiger des Volkes Gottes :

Neues Testament mini|Der Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen (10./11. Jh.), Tympanon am Southwell Minster In der Vision des Sehers Johannes () besiegt der Erzengel Michael den Teufel in Gestalt eines Drachen und stößt ihn hinab auf die Erde:

Der Brief des Judas, ein kurzer Mahn- und Trostbrief des Neuen Testaments, berichtet von einem Disput des Erzengels Michael mit dem Teufel über den Leichnam des Mose ():

Apokryphen links|mini|Michael rettet die Seele Evas, Detail aus der Illustration L’homme devant son juge suprême (Grandes Heures de Rohan, 1430; Bibliothèque nationale de France), Blatt 159v

Im apokryphen 1. Buch Henoch (1,20), dessen älteste Teile ins 3. Jhd. v. Chr. reichen, wird Michael als vierter der sieben Erzengel und Schutzpatron Israels benannt und als „barmherzig und langmütig“ bezeichnet (2,40). Im Vers 1,11 beauftragt Gott Michael damit, den gefallenen Engel Semjasa und sein Gefolge „für 70 Geschlechter“ zu binden, die „Geister der Verworfenen“ zu vernichten und „alle Gewalttat und Unreinheit von der Erde zu tilgen“. Auch legt Gott den Eid Aqae, der die Geheimnisse der Schöpfung enthält, in die Hände des Erzengels (2,69). Außerdem fungiert Michael als Führer und Lehrer des Henoch und zeigt ihm unter anderem den Baum des Lebens (1,24) sowie „alle Geheimnisse der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, […] alle Geheimnisse der Enden des Himmels und alle Behälter aller Sterne und Lichter“ (2,70).

Eine zentrale Rolle spielt Michael auch in der apokryphen Moses-Apokalypse. So überbringt er etwa mehrfach Botschaften Gottes an Adam und seinen Sohn Seth (3,2; 13,2). Nach Vers 22,1 bläst Michael die Trompete zum Gericht Gottes über den sündigen Adam. Michael ist es aber auch, der danach Adam auf Gottes Geheiß in den „dritten Himmel“ bringt (37,4) und dort mit Leinen und Salböl versieht (40,1). Später hilft er Seth bei der Beerdigung seiner Mutter Eva (43,1).

Auf das apokryphe Nikodemusevangelium (4. Jhd. n. Chr.) schließlich geht die Vorstellung von Michael als Hüter des Paradiestores zurück.

Auch wird Michael mit dem „Engel des Angesichts“ in Verbindung gebracht, der nach dem apokryphen Buch der Jubiläen zunächst von Gott als Chronist der Weltgeschichte eingesetzt wurde (Jub 1,27), dann aber, wiederum auf Gottes Geheiß, Mose beauftragte, die Schöpfungsgeschichte für die Menschen niederzuschreiben (Jub 2,1).

In den 1947 entdeckten Schriftrollen vom Toten Meer wird Michael als „Fürst des Lichts“ bezeichnet, der die Heerscharen Gottes gegen die Mächte des Bösen unter Belial führt. Auch trägt er dort den Titel „Vizekönig des Himmels“.

Jüdische Tradition Der Name des himmlischen Wesens Michael ist eindeutig jüdisch-hebräischer Herkunft. Mi kamocha elohim bedeutet „wer“ (mi) „ist wie du“ (ka(mocha)), „Gott“ (El(ohim)). Das Judentum wies früh und stetig die mögliche Mittlerrolle der „Erzengel“ zu Gott, z. B. als Fürbitter zurück. Ebenso verwies es früh und stetig die Vorstellung als falsch, Engel bzw. „Erzengel“ („Himmelsfürst“, „Himmelsprinz“) seien eigenständig handelnde Wesen, wie etwa der gefallene Engel Luzifer im Christentum. Das Verbot des Götzendienstes wird auf Michael und andere „Erzengel“ ausgedehnt, wie auch die Lehre des Dualismus der zwei ewigen streitenden Mächte, des Reichs des Bösen/der Dunkelheit und des Reichs des Guten/des Lichts, verboten wird.Mechilta, Abschn. Jitro 10

Die Verfasser der jüdischen Midrasch-Texte interpretierten Michael häufig auch in namentlich nicht näher bezeichnete biblische Engelsgestalten hinein, so etwa

in den Cherub, der den Menschen die Rückkehr ins Paradies verwehrt in einen der Engel, die nach Sodom gingen , um Lot zu retten in den Engel, der Isaak vor dem Opfertod errettet hat in den Engel, mit dem Jakob gekämpft hat in den Engel, der sich der Eselin des Bileam in den Weg stellte , in den „Fürsten über das Heer des Herrn“ , in den Engel, der die Armee des Assyrer-Königs Sennacherib vernichtet hat , in den Engel, der die drei Jünglinge aus Nebukadnezars Feuerofen errettet hat .

Im Judentum wird Michael zusammen mit Gabriel bildhaft als Schutzengel des Volkes Israel benannt. Im Buch Daniel wendet sich der Engel Gabriel in einer Vision an den Propheten Daniel: „Vorher aber will ich dir mitteilen, was im Buch der Wahrheit aufgezeichnet ist. Doch keiner hilft mir tatkräftig gegen sie außer eurem Engelfürsten Michael.“ (Dan 10,21) In den eschatologischen Erzählungen des Buches Daniel hat Michael eine Schlüsselfunktion für das Volk Israel. „In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.“ (Dan. 12, 1) Des Weiteren schreiben die jüdische und christliche Tradition Michael auch die Verrichtung von Diensten im Auftrag Gottes zu: Er führt die himmlischen Bücher und vollzieht die Gerichtsurteile. Nach einer rabbinischen Erzählung besteht Michael ganz aus Schnee, weshalb ihm das Metall Silber zugeordnet ist.

Christliche Tradition

Vorstellungen mini|links|Der Erzengel Michael erschlägt den Drachen (spanische Illustration um 1400; Metropolitan Museum of Art) mini|Albrecht Dürer: Michaels Kampf mit dem Drachen, Holzschnitt (1498; Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Im Christentum gilt Michael insbesondere als Bezwinger des Teufels in Gestalt des Drachen (Höllensturz) sowie als Anführer der himmlischen Heerscharen. Das geht auf eine Formulierung der Septuaginta () zurück: „der oberste Heerführer der Streitmacht des Herrn“ (). Die letzten Worte, die der Satan vor seinem Sturz hörte, sollen „Wer (ist) wie Gott?“ gewesen sein – eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Mi-ka-el. Schon früh wird Michael als Hüter des Paradiestores dargestellt. Nach der kirchlichen Tradition kommt ihm auch die Rolle des „Seelenwägers“ am Tag des jüngsten Gerichts zu.

In den eschatologischen Erzählungen des Buches Daniel hat Michael eine Schlüsselfunktion, da er die apokalyptischen Visionen des Daniel (im Judentum gilt er nicht als Prophet) entschlüsselt und damit eine Botenfunktion zum Volk Israel einnimmt. In den Visionen Daniels wird Michael auch als „Schutzengel Israels“ benannt.John J. Collins: Art. „Daniel/Danielbuch“. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Vierte, völlig neu bearbeitete Auflage. Hrsg. von Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski, Eberhard Jüngel. Bd. 2, C–E. Sp. 556–559, hier Sp. 558. „Und in jener Zeit wird Michael auftreten, der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Und es wird eine Zeit der Bedrängnis sein, wie sie noch nie gewesen ist, seitdem eine Nation entstand bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, den man im Buch aufgeschrieben findet.“ () Die Bezeichnung „Söhne“ oder „Kinder deines Volkes“ hat irrtümlicherweise in der christlichen Tradition dazu geführt, dass Michael als Schutzpatron der Kinder galt.

mini|Der Erzengel Michael als Seelenwäger, Antiphonale Cisterciense (zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts; Stiftsbibliothek, Stift Rein)

Daneben spielt Michael eine wichtige Rolle im Volksglauben. Er ist es, der ein Verzeichnis der guten und schlechten Taten eines jeden Menschen erstellt, das diesem zunächst am Tag des Sterbens (Partikulargericht), aber auch am Tage des Jüngsten Gerichts vorgelegt wird und auf dessen Basis er über ihn richtet. Er erscheint hier in der wichtigen Position des Seelenwägers. Auch geleitet er die Seele des Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits. Dementsprechend wird er mit den Attributen Waage und Flammenschwert dargestellt. Die darstellende Kunst ordnet ihm die Farbe Rot in allen Schattierungen zu (für Feuer, Wärme und Blut).

Die christliche Vorstellung vom Erzengel Michael wurde vor allem von der Offenbarung des Johannes beeinflusst, aber auch von Gedanken aus dem 1. Buch Henoch und anderen Apokryphen. Dazu bestehen Ähnlichkeiten mit verschiedenen antiken Gottheiten anderer Kulturkreise: Zu nennen ist etwa der ägyptische Mondgott Thot, der das Ergebnis der Herzenswägung beim Totengericht notiert, der mit dem Planeten Merkur verbundene akkadische Weisheitsgott Nabu, der Schreiber und Inhaber der Schicksalstafeln, sowie dessen sumerisches Gegenstück, die Göttin Nisaba. Als Seelenführer und Seelenwäger kann man Michael schließlich mit Hermes PsychopomposAltgriechisch Ψυχοπομπός („die Seelen geleitend“), den zoroastrischen Göttern Sraosha und Rashnu, den ägyptischen Göttern Horus und Anubis sowie den mandäischen Göttern Hibil und Abathur vergleichen.

Wesen und Natur mini|Francesco Botticini: Drei Erzengel und Tobias (1470; Uffizien, Florenz)

Das Judentum, der Islam und das Christentum betrachten Michael als einen der vier Erzengel; die anderen sind Gabriel, Raphael und Uriel. Umstritten war unter den Kirchenvätern die Einordnung des hl. Michael in die himmlische Hierarchie: Während Salmeron, Robert Bellarmin sowie Basilius der Große und andere griechische Patriarchen ihm den höchsten Rang unter den Engeln einräumen, betrachtet ihn etwa Bonaventura lediglich als Haupt der Seraphim, des ersten der neun Engelschöre. Nach Thomas von Aquin steht er der untersten Ordnung vor, den einfachen Engeln. Einer Legende nach entstanden die Cherubim aus den Tränen des Erzengels Michael, die er über die Sünden der Gläubigen vergoss. Der Mozarabische Ritus reiht ihn unter die 24 Ältesten ein.

Martin Luther und Philipp Melanchthon begannen die exegetische Tradition innerhalb des Protestantismus (und dominante Lesart innerhalb der lutherischen Exegesetradition), welche Michael in und , mit Christus selbst identifiziert und damit als ungeschaffen definiert und in und mit einem geschaffenen Engel mit dem gleichen Namen.Christian A. Preus: Michael as Christ in the Lutheran Exegetical Tradition. In: Concordia Theological Quarterly 80 (2016), S. 257–267.