Das Kloster Walkenried ist eine ehemalige Zisterzienserabtei in Walkenried, gelegen am Südrand des Harzes nahe dem Dreiländereck Niedersachsen – Sachsen-Anhalt – Thüringen.
Der Gebäudekomplex umfasst die Ruine der Klosterkirche sowie das größtenteils erhaltene gotische Klausurgebäude. Dieses wurde 2006 zum Zisterziensermuseum Kloster Walkenried ausgebaut. Seit 2010 gehört die Klosteranlage als Teil der Stätte Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe. Deutsche UNESCO-Kommission e. V. August 2010, abgerufen am 5. November 2015.
Das Kloster Walkenried ist Bestandteil der Welterbe-Route des UNESCO-Welterbes im Harz.Die Welterbe-Route im Harz
Geschichte des Klosters Gründung Im Jahr 1127 stiftete Adelheid (vermutlich eine Schwester des Grafen Berengar I. von Lohra) das dritte Zisterzienserkloster im deutschsprachigen Raum. Während einer Pilgerreise hatte sie Mönche des neugegründeten Zisterzienserklosters Kamp am Niederrhein kennengelernt und ihnen Land zur Besiedlung angeboten. Der Bachlauf der Wieda und die unmittelbare Nähe zum Harz erfüllten die Standortkriterien der Zisterzienser: ausreichende Entfernung zu Siedlungen, Lage an einer Niederung mit Wasserlauf und Möglichkeit zur wirtschaftlichen Entfaltung, so dass der Gründungskonvent mit zwölf Mönchen und einem Abt aus Kamp 1129 einzog und mit dem Bau der romanischen Kirche beginnen konnte. Der spätere Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg bestätigte die Klosterstiftung 1132. Im selben Jahr wurde das erste Tochterkloster Pforta bei Naumburg gegründet. 1141 erfolgte die Gründung des zweiten Tochterklosters Sittichenbach bei Eisleben.
Ausgestattet mit wassertechnischem Know-how begannen die Mönche 1144 mit der Trockenlegung und Urbarmachung des Oberen Rieds in der Helmeniederung am südlichen Harzrand, der heutigen Goldenen Aue. Durch das Prinzip der Subsistenzwirtschaft, das straffe, zentralistische Ordnungsgefüge und weiteres Startkapital, vor allem durch Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg wuchs das Kloster innerhalb kürzester Zeit.
12. bis 19. Jahrhundert mini|Merian-Stich der Klosteranlage um 1654
Die Blütezeit des Klosters lag im 12. und 13. Jahrhundert. Ab 1150 unterhielt Walkenried rund 30 Grangien und sechs Stadthöfe am südlichen, später auch am nördlichen Harzrand, sowie eine Grangie bei und einen Stadthof in Würzburg. Es betrieb Bergbau und Verhüttung am Rammelsberg, bei Gittelde und im Harz. Neben der Agrarwirtschaft bildeten die Montanwirtschaft und später auch die Geldwirtschaft weitere wichtige wirtschaftliche Standbeine. Über zwei Jahrhunderte waren die Walkenrieder Mönche Berg- und Hüttenherren im Harz und besaßen umfangreiche Waldgebiete vor allem zur Herstellung von Holzkohle für ihre Kupferhütten. Das Kloster hatte sich zu einem mittelalterlichen Klosterkonzern entwickelt. Im 13. Jahrhundert lebten, beteten und arbeiteten rund 100 Chormönche und über 200 Konversen im Kloster. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Tätigkeiten wurde das Kloster Walkenried zu einem der reichsten und politisch bedeutendsten Klöster des Reformordens der Zisterzienser.
Die gotische Klosterkirche, eine der größten Kirchen Norddeutschlands, wurde nach rund achtzigjähriger Bauzeit im Jahr 1290 geweiht. Auch der Lesegang (der nördliche zweischiffige Kreuzgang) wurde zu dieser Zeit fertiggestellt. Die gotische Klausur wurde nach rund 40 Jahren Bauzeit um 1330 vollendet.
Mitte des 14. Jahrhunderts begann der Niedergang. Das Walkenrieder Kerngeschäft des Montanwesens stagnierte durch die Krise im Oberharzer Bergbau, zudem kam die Landwirtschaft durch die Pest und durch ökologische Probleme in eine schwierige Situation. Zur Kompensation der wirtschaftlichen Einschnitte verlegte sich das Kloster auf die Zinswirtschaft.
Der Konvent sank im Jahr 1509 auf das kanonische Minimum von 12 Mönchen und einem Abt. Die Klosterkirche wurde in den Bauernkriegen 1525 stark beschädigt. Mehrere hundert aufständische Bauern stürmten das Kloster und brachten den hölzernen Dachreiter der Klosterkirche zum Einsturz, der daraufhin durch das Gewölbe fiel und ein Loch hinterließ, das nicht mehr abgedichtet wurde. Im Jahr 1546 trat das Ordenskapitel zur Reformation über. Mit der Gründung einer Lateinschule 1556 gab sich die Klosteranlage Walkenried eine neue Funktion.
1578 übernahmen die Grafen von Hohnstein die Verwaltung des Klosters, 1593 fiel Walkenried an die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg. Das Domkapitel von Halberstadt belehnte 1593 die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg mit der Grafschaft Hohnstein. Damit fielen Klostergebäude, verbliebene Ländereien und Schutzherrschaft an die neuen Landesherren. Heinrich Julius wurde Administrator. Der evangelische Konvent bestand formal noch weiter, bis er 1648 aufgelöst wurde.
mini|Liska Schroeder, geb. Kurz: Die Ruine des Klosters Walkenried im 19. Jahrhundert
Von 1557 bis zu ihrer Schließung im Jahr 1668 befand sich eine Lateinschule im Kloster. Daraus ging Heinrich Eckstorm hervor, der lange Rektor war. Nach ihrer Schließung wurde die Klosterkirche für rund 150 Jahre als Steinbruch genutzt und mehrere Gehöfte innerhalb der Kirchenruine errichtet. Nur die Klausur blieb fast vollständig erhalten. 1817 erfolgte ein Verbot des weiteren Abrisses der Kirchenruine. Im Jahr 1876 fanden Renovierungsmaßnahmen im Kreuzgang und in der Klausur statt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Walkenried dank der aufkommenden Ruinenfaszination zu einem regelrechten Malerparadies. Die Klosterruine begeisterte zahlreiche Architektur- und Landschaftsmaler der Romantik. Zu ihnen zählten Carl Hasenpflug, Heinrich Stuhlmann, Carl Friedrich Lessing, Wilhelm Steuerwaldt, Eugen Bracht oder Fritz von Wille. Auch der berühmte Schriftsteller Wilhelm Raabe besuchte Walkenried und ließ sich von seinem Aufenthalt inspirieren.
20. und 21. Jahrhundert Der Landkreis Osterode am Harz erhielt 1977 von der Eigentümerin der Klosteranlage Walkenried, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz (SBK) die Trägerschaft und leitete umfangreiche Sanierungs- und Restaurierungsmaßnahmen ein. Archäologische Grabungen der Niedersächsischen Landesdenkmalpflege begleiteten die Arbeiten. 1983 wurden die Walkenrieder Kreuzgangkonzerte ins Leben gerufen. Die Eröffnung des im Wesentlichen von Oberkonservator Reinhard Roseneck geprägten und gestalteten Zisterziensermuseums Kloster Walkenried folgte im Jahr 2006.
Seit 2010 gehört die Klosteranlage unter der Bezeichnung Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe.Deutsche UNESCO-Kommission: UNESCO-Welterbe Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft
Durch die Fusion der Landkreise Göttingen und Osterode am Harz ging die Trägerschaft 2016 auf den neuen Landkreis Göttingen über. Im Kapitelsaal wurde 2017 eine neue Orgel mit 1714 Orgelpfeifen eingebaut. Am 1. Januar 2019 ging die Trägerschaft des Zisterziensermuseums Kloster Walkenried vom Landkreis Göttingen auf die Stiftung UNESCO-Welterbe im Harz über, der Landkreis war bis 2023 noch für das Gebäudemanagement im Kloster verantwortlich.Harz Kurier, Ausgabe vom 11. Dezember 2018. Eigentümerin der Liegenschaft blieb die Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz. Im denkmalgeschützten Herrenhaus der ehemaligen Klosterdomäne wurde im Juli 2020 das erste Welterbe-Informationszentrum der Stiftung UNESCO-Welterbe im Harz eröffnet. Das Welterbe im Harz misst eine Gesamtfläche von 220 Quadratkilometern und weist zahlreiche museale Standorte und öffentlich zugängliche Bodendenkmäler auf.Die Welterbe-Infozentren im Harz, abgerufen am 22. Juli 2020.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) in Kooperation mit den Universitäten Heidelberg, Hannover und Göttingen sowie der Hochschule Hildesheim wurden auf dem Gelände des Klosters zwischen 2019 und 2023 archäologische und bauhistorische Untersuchungen durchgeführt. Im Mittelpunkt standen dabei die Baugeschichte der romanischen und gotischen Klosteranlage sowie die Nachnutzung der Klostergebäude in der frühen Neuzeit. Ergänzende Forschungen auf Wüstungen und Burgen im Umland gaben Aufschluss über die Siedlungs- und Kulturlandschaft und deren Entwicklung. Das Projekt wurde finanziert mit Forschungsmitteln des Landes Niedersachsen und der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz.Kloster Walkenried – Archäologie und Bauforschung, Infotafel zum Tag des offenen Denkmals, 13. September 2020.
Im Januar 2021 erfolgte die Eröffnung eines Spirituellen Klosterrundganges in Walkenried.Spiritueller Klosterrundgang in Walkenried eröffnet Der Loewe 12. Februar 2021. Initiiert wurde das Projekt von der evangelischen Kirchengemeinde, die den Kapitelsaal des Klosters seit 1570 als Gottesdienstraum nutzt.Der spirituelle Klosterrundgang Ev.-luth. Kirchengemeinde Walkenried. Im September 2023 wurde vor dem Westportal der Kirchenruine ein 1,50 × 1,50 Meter großes Klostermodell aufgestellt. Der barrierefrei aufgebaute Bronzeguss mit Blindenschrift zeigt die Klosteranlage zur Mitte des 14. Jahrhunderts u. a. mit Kirche, Kreuzgang, Krankenhaus und Klausur. Hier ist auch der Startpunkt zum neuen 1,7 Kilometer langen Kloster-Erkenntnisweg, der auch per App erkundet werden kann.Kloster-Erkenntnisweg und Klostermodell offiziell eingeweiht auf Walkenrieder Nachrichten.de 16. September 2023.Neue Attraktion in Walkenried: Erkenntnisweg rund ums Kloster auf harzkurier.de 19. September 2023.
2025 wurde das Brunnenhaus und der Kapitelsaal Teil des Ausstellungsprojektes „LICHTwege“ des Künstlers Ludger Hinse.Brunnenhaus im Kloster Walkenried
Architektur Kirche mini|Blick auf die Ruine der Klosterkirche Im Jahre 1137 wurde der Vorgängerbau der gotischen Klosterkirche geweiht. Bei dieser romanischen Kirche handelte es sich um eine 50 Meter lange, kreuzförmige Basilika mit fünf Apsiden.
Der gotische Kirchenneubau wurde vor 1209 von Abt Heidenreich initiiert und zunächst durch Kaiser Otto IV. mitfinanziert. Der Bau folgte einem französischen frühgotischen Schema, wobei sein Grundriss direkt von der Primarabtei Morimond übernommen wurde. Es handelte sich um eine dreischiffige Basilika mit fünf Jochen, mit sechsteiligen Gewölben im Mittelschiff und einem fünfschiffigen Chor. Bereits im Jahre 1253 wurde der Ostteil für den Gottesdienst genutzt. Im Jahre 1290, nach 80 Jahren Bauzeit, konnte die Kirche durch den Hildesheimer Bischof Siegfried II. geweiht werden. Mit fast 100 m Länge war sie damals eine der größten Kirchen Norddeutschlands.
Der ursprünglich gerade Chorschluss wurde im 14. Jahrhundert wegen statischer Schwierigkeiten durch ein 5/8-Polygon ersetzt. Im 15. Jh. richtete man im Ostteil des Chors die Grabkapelle der von Werthern ein.Oskar Doering: Nordhausen, in: Deutsche Kunstführer Bd. 30, Verlag Filser, Augsburg, S. 68 An der Innenseite des Chorpolygons befinden sich Ritzzeichnungen, die Angehörige der Familie in Ritterrüstung zeigen. Drei Grabplatten aus der Zeit um 1400 sind noch erhalten.
Nachdem die Vierung der Klosterkirche im Bauernkrieg (1525) beschädigt worden war, war sie dem Verfall preisgegeben.
Teile der Westfassade, der südlichen Seitenschiffwand sowie der Ostteil der südlichen Mittelschiffwand sind erhalten. 1902 stürzte ein Teil des Polygons ein. Nach einem weiteren Teileinsturz wurden 1987/88 die oberen Mauerpartien neu aufgemauert.
Klausurgebäude mini|Blick in den Kreuzgarten (Innenhof) des Klausurgebäudes Das Klausurgebäude, das spätestens um 1330 fertiggestellt wurde, schließt sich südlich an die gotische Kirchenruine an und ist in sehr gutem Zustand.
Kreuzgang mini|Doppelschiffiger nördlicher Kreuzgangflügel (Lesegang) Der Kreuzgang gilt als einer der schönsten der Gotik in Norddeutschland.