Der Zorn Gottes ist ein Motiv im Gottesbild insbesondere der monotheistischen Religionen des Judentums, Christentums und Islams. In den Heiligen Schriften dieser Religionen wird er in der Regel als ein übernatürliches Eingreifen Gottes gegen die Sünde dargestellt, entweder im Sinne einer Strafe oder eines Auslieferns an die eigenen Begierden. Es richtet sich gegen Einzelne oder Teile der Menschheit, so dass die treuen Gläubigen beziehungsweise die Überlebenden als die Auserwählten gelten. mini|hochkant|Peter Paul Rubens: Heilige bewahren die Welt vor dem Zorn Christi (1620)
Polytheistische Religionen In polytheistischen Religionen wird konsequenterweise eher vom Götterzorn gesprochen. Als Beispiele können Homers Ilias und die griechische Tragödie,Johannes Irmscher, Götterzorn bei Homer, Berlin Dissertation 1947; Gerhard Nebel, Weltangst und Götterzorn. Eine Deutung der griechischen Tragödie, Stuttgart 1951 aber auch die Wikingersage Vatnsdœla saga dienen.Vatnsdœla saga Kap. 17. Übersetzung W.H. Vogt und Frank Fischer.
Judentum Am häufigsten ist vom Zorn Gottes die Rede als Reaktion auf menschliches Fehlverhalten, z. B. in Bezug auf die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar II. (587/586 v. Chr.) als Folge von Sünde: Das Volk hat gesündigt, daher entbrennt Gottes Zorn über die Israeliten so sehr, dass sogar der Tempel und die Hauptstadt zerstört werden.
Zu weiteren Beispielen in der jüdischen Tora gehört z. B. die Zerstörung von Sodom und Gomorra (; ; zur Interpretation als göttliche Zorneshandlung vgl. ). Andere Texte handeln nicht explizit vom Zorn, da sich kein Wort darin findet, das zum semantischen Feld von „Zorn/zürnen“ gehört. Dennoch können sie assoziativ mit dem Zorn verbunden werden, auch wenn die Texte selbst diese Zuordnung zum Zorn nicht enthalten: die Sintflut (–), die Zerstreuung der Erbauer des Turms zu Babel () und die Zehn Plagen, die die Ägypter für die Verfolgung der Kinder Israels () trafen. Das biblische Israel selbst steht dabei zwischen Verwerfung und Erwählung.
Christentum Neutestamentliche Aspekte Auch im christlichen Neuen Testament gehört die Warnung vor Gottes Zorn (, ; , ) zu den Glaubensinhalten. Das Jüngste Gericht wird unter anderem als „Tag des Zorns“ () beschrieben. Darüber hinaus ist die Rede von „Zorn und Grimm“ () und den „Gefäßen des Zorns“ (). Michael Theobald: Zorn Gottes. Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt der Theologie des Römerbriefs, in: Ders.: Studien zum Römerbrief (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 136), Mohr Siebeck, Tübingen 2001, ISBN 3-16-147519-4, S. 68–100. hier S. 71. „Zorn“ (ὀργή, orgē) kann als Gegenbegriff zu „Heil“ (σωτηρία, sōtēria) aufgefasst werden (). Michael Theobald: Zorn Gottes. Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt der Theologie des Römerbriefs, in: Ders.: Studien zum Römerbrief (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 136), Mohr Siebeck, Tübingen 2001, ISBN 3-16-147519-4, S. 68–100., hier S. 77.
Der Offenbarung des Johannes zufolge steht eine letzte Stunde großen Zornes Gottes noch aus (; ). Es gibt vor allem zwei neutestamentliche Substantive für den Zorn, nämlich ὀργή und θυμός.Jens Herzer: Teilart. Zorn Gottes. III. Frühjudentum und Neues Testament. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG), 4. Auflage, Band 8, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 978-3-16-146908-4, Sp. 1903–1904. Diese tauchen nicht besonders häufig auf: ὀργὴ insgesamt 36-mal, davon 10-mal im Römerbrief; θυμός insgesamt 18-mal, davon 10-mal in der Offenbarung.
Kirchengeschichtliche Aspekte Seit den Epidemien des 14. Jahrhunderts bis ins 18. Jahrhundert wurde der Gotteszorn häufig in sogenannten Pestbildern dargestellt, auf denen Gott mit Pfeilen, Lanzen oder dem Schwert bei den Menschen die Beulenpest hervorruft, wovor die Schutzmantelmadonna oder ein Pestheiliger schützen sollte.Peter Dinzelbacher: Pestbild. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1128.
Im jüdisch-christlichen Kontext gibt es dabei innerreligiöse und religionskritische Kontroversen sowohl um die göttliche „Gerechtigkeit“ als auch um die polare Emotionalität des Gottesbildes. Insbesondere radikale Prediger und fundamentalistische Religionsgemeinschaften, wie die Westboro Baptist Church, sehen in großen Naturkatastrophen wie den Hurrikan Katrina Anzeichen eines zürnenden Gottes und sprechen von einer „Sünde, sich nicht daran zu erfreuen, wenn Gott seinen Zorn und seine Rache über Amerika ausgießt“.Jüngstes Gericht: „Gott gießt seinen Zorn über Amerika“. Spiegel Online vom 7. September 2005.
Demgegenüber sprechen andere davon, dass der Zorn Gottes mit der Erlösungstat Jesu ein Ende gefunden habe. So formulierte Kardinal Tarcisio Bertone 2007: Die Apokalypse ist also nicht, wie man oft meint, die beunruhigende Ankündigung eines katastrophalen Endes für die Menschheit, sondern die Erklärung des Scheiterns der höllischen Mächte und die großartige Verkündigung des Geheimnisses Christi, der zur Rettung der Geschichte und des Kosmos gestorben und auferstanden ist. (…) Die lateinische christliche Tradition hat aus der Apokalypse gelernt, daß der Zorn Gottes gerade deswegen und nur deswegen besungen wird, weil von dessen Auflösung und Umkehrung durch die Liebe des unschuldigen Lammes erzählt wird, das sich für unsere Rettung geopfert hat.Ansprache bei der Eröffnung der Ausstellung „Apokalypse“ am 18. Oktober 2007.
Systematisch-theologische Aspekte Friedrich D. E. Schleiermacher In seiner Predigt „Daß wir nichts vom Zorne Gottes zu lehren haben“ will Friedrich Schleiermacher aufzeigen, dass es zu den „Unvollkommheiten unseres Glaubensbekenntnisses“ gehört, dass zu viel vom Zorn Gottes die Rede ist, die sich mit der paulinischen Theologie (wie er sie exemplarisch an aufzeigt) nicht vertrage. Die Lehre vom Zorn Gottes gehöre gar nicht zum Christentum, in dem es im Wesentlichen um die Versöhnung der Welt in sich (und nicht etwa der Welt zu Gott) gehe.
Die Lehre vom Zorn Gottes sei für Christen nicht förderlich und auch von Jesus sei kein einziges Wort über den Zorn Gottes überliefert. Manche Gleichnisse könnten dahingehend interpretiert werden, aber nur, wenn man z. B. die Rede vom zornigen König () unzulässigerweise buchstäblich auf Gott übertrage. Der Grund etwa für die paulinische Rede vom Zorn Gottes hänge damit zusammen, dass er zu Menschen des alten Bundes spreche oder zumindest zu solchen, die daher kommen. Und da sei viel vom Zorn Gottes und seinen Drohungen die Rede, für Christen gehöre dies aber zu dem Alten, das vergangen sei (). Der Zorn Gottes sei charakteristisch für die Gesetzlichkeit des alten Bundes, in der Strafandrohungen notwendig gewesen sein sollen, um Sünden zu vermeiden. Im Christentum aber wirke Gott durch Christus seinen Willen durch innere Kraft des Herzens und nicht durch äußeren Druck des Buchstabens. Daher brauche man nun die Vorstellung vom Zorn Gottes nicht mehr, sondern nur das Erinnern an seine Liebe, mit der er unsere Sünden am Kreuz aufgeopfert hat, was dazu führe, vom Bösen abgehalten zu werden. Auch dürfe die Rede vom Zorn Gottes nicht zur Vorbereitung auf den Glauben dienen, denn die Furcht soll durch Liebe ausgetrieben werden. Der Glaube dürfe nicht auf Furcht gründen.
Man dürfe zwar nach menschlicher Weise von Gott reden, aber der menschliche Zorn sei hierfür eine Grenze, denn im göttlichen Wesen gebe es keine Entsprechung dazu. Gott missbillige die Sünde, aber nicht in leidenschaftlichen Aufwallungen. Die Vorstellung, dass Gott Strafen verhänge, gehe auf unvollkommene Gotteserkenntnis zurück. Der Zorn Gottes beziehe sich nicht auf Christen als Kinder des Glaubens, sondern nur auf die Kinder des Unglaubens (), denen es auch überlassen sei, sich zu fürchten. Es sei verwerflich, erst den Zorn Gottes darzustellen, um dann die einzige Rettungsmöglichkeit davor noch eindringlicher zu verkündigen. Auch dürften Christen nicht durch die Unsicherheit gequält werden, ob der Zorn Gottes wirklich gestillt sei. Auch Paulus und Petrus hätten bei ihren Missionpredigten nicht vom Zorn gesprochen (; ). Dass die beiden trotzdem vom Zorn Gottes zu Christen reden, liege nur daran, dass sie sie an ihren früheren Zustand erinnern wollten.
Nichtsdestotrotz habe die Rede vom Zorn Gottes einen Wahrheitsgehalt, weil sie den göttlichen Unwillen gegen die Sünde ausdrückt, der sich dann aber wiederum in göttlichem Erbarmen äußert. Unter dem Zorn Gottes zu sein () sei eine Zustandsbeschreibung derer, die in Feindschaft gegen Gott leben; aber nicht in dem Sinne, dass Gott auf sie zornig wäre, sondern dass ihr Zustand dem entspreche, was das Resultat davon wäre, wenn Gott auf sie zornig wäre (nach menschlicher Vorstellungsweise). Eine Ahnung vom Zorn könne dazu führen, eine Seele aus diesem ihren unheilvollen Zustand zu entreißen; diese dürfe aber nicht von Predigten ausgenutzt werden. Die Verkündigung solle nicht die falsche Furcht vor dem Zorn Gottes bewirken, sondern die Augen für die Erkenntnis öffnen, dass Gott die Liebe sei.
Paul Tillich Band 1: Die Lehre vom Sein und von Gott In den Bänden von Paul Tillichs Systematischer Theologie stehen die ersten beiden Vorkommnisse vom Zorn Gottes im Zusammenhang mit Paraphrasen von Martin Luthers Theologie: Gottes Liebe und Gottes Zorn seien laut Luther keine Gegensätze in Gottes Herz. Vielmehr sind Liebe und Zorn Gottes Ausdrücke für Gegensätze in der göttlich-menschlichen Beziehung.Band 1, Intro, D 12 Daneben verweist Tillich beiläufig darauf, dass Luther manchmal den Zorn Gottes mit Satan identifiziere.Paul Tillich, Systematische Theologie, Band 1, Zweiter Teil, II. A., 1b Am ausführlichsten in Band 1 kommt Tillich auf den Zorn Gottes im Zusammenhang mit Gottes Liebe zu sprechen:Paul Tillich, Systematische Theologie, Band 1, Zweiter Teil, II. B, 6c Es werde ein Konflikt zwischen Gottes Liebe und seiner Gerechtigkeit bzw. zwischen seiner Liebe und seinem Zorn festgestellt. Der Konflikt könne aber nicht in Gottes Wesen selbst liegen, dessen Natur Liebe sei. Der Konflikt entstehe nur in Beziehung zu der Kreatur, die gegen Gerechtigkeit und somit gegen Liebe verstößt, worauf Gericht und Verdammnis folgen, allerdings nicht als Akt göttlichen Zorns oder von Vergeltung, sondern im Sinne einer Reaktion von Gottes liebender Kraft gegen das, was Liebe verletzt. Verdammnis sei also nicht die Negation von Liebe, sondern die Negation der Negation von Liebe. Was sich der Liebe, also der Wiedervereinigung des Getrennten mit Gott, widersetzt, wird in der Trennung von Gott belassen, in der unweigerlich Selbstzerstörung impliziert sei. Dem vermeintlichen Problem, dass Gott Affekte zugeschrieben werden, begegnet Tillich mit dem Verweis darauf, dass etwas, das literal verstanden wenig Sinn ergibt, durchaus im metaphorischen Sinne sinnvoll sein könne. Der Zorn sei weder ein Affekt neben seiner Liebe oder ein Motiv seiner Vorsehung, sondern ein emotionales Symbol für das Werk der Liebe, das dasjenige verwirft und der Selbstzerstörung überlasse, was sich ihr widersetzt. Die Erfahrung vom Zorn Gottes sei die, dass man ein Bewusstsein für das Selbstzerstörerische des Bösen habe, was in dem Getrenntsein vom Grund des Seins begründet liege. Diese Erfahrung sei real und daher die Rede vom Zorn Gottes unverzichtbar. Hat die Liebe aber eine Grenze im eschatologischen Gericht? Ewige Verdammnis heißt aber nicht immerwährende Strafe, sondern das Ende von Existenz, weil die Trennung vom Grund des Seins den Sturz ins Nicht-Sein bedeute. Die einzige Grenze der Liebe liege also im Widerstand endlicher Geschöpfe gegen sie.
Band 2: Harmatiologie und Christologie