mini|Gottfried Wilhelm Leibniz,Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700; Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Gottfried Wilhelm Leibniz mini|Leibniz-Denkmal, 2009 anlässlich 600 Jahre Alma Mater lipsiensis in den Neuen Campus der Universität Leipzig umgesetzt

Gottfried Wilhelm Leibniz (gelegentlich auch Leibnitz, lateinisch Leibnitius, fälschlich von Leibniz,Die Namensvariante mit Adelsprädikat findet sich in der älteren Literatur, bei manchen Korrespondenzpartnern und bisweilen sogar in der ersten Person; eine tatsächliche Nobilitierung ist jedoch nicht belegt. Zu Quellenlage und möglichen Hintergründen vgl. Kurt Müller, „Gottfried Wilhelm Leibniz“, in Wilhelm Totok/Carl Haase (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz. Sein Leben – sein Wirken – seine Welt, Hannover 1966, 1–64, hier 8–10. * in Leipzig, Kurfürstentum Sachsen; † 14. November 1716 in Hannover, Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg) war ein deutscher Philosoph, Mathematiker, Physiker, Ingenieur, promovierter Jurist, Historiker, Bibliothekar und politischer Berater der frühen Aufklärung. Neben Newton ist er einer der Erfinder der Infinitesimalrechnung.

Leibniz war der universale Geist seiner Zeit. Er gilt als einer der „größten Denker aller Zeiten“Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes (Übersetzung des Originals History of Western Philosophy (1948) von E Fischer-Wernecke, R. Gillischewski), Darmstadt 1953 (Neuauflage), Seite 483, wo Russell fortgesetzt„..., wenngleich als Mensch nicht bewunderungswürdig“. Originalwortlaut S. 604: “Leibniz was one of the supreme intellects of all time, but as a human being he was not admirable”. sowie einer der wichtigsten Vordenker der Aufklärung. Er hatte einen starken Einfluss auf die nachfolgenden Aufklärer, die klassische deutsche Philosophie, den deutschen Idealismus und die Literatur der Weimarer Klassik.

Leibniz Nachlass gehört zu den umfangreichsten handschriftlichen Nachlässen seiner Zeit. Den geringsten Anteil seines Werks hat er selbst zu Lebzeiten veröffentlicht. Die Herausgabe in einer Gesamtausgabe ist bis heute nicht abgeschlossen.

Leben mini|Leipzig: Alte Nikolaischule, die Leibniz sechs Jahre besucht hat mini|Gedenktafel an der Universität Jena mini|hochkant|Leibnizhaus in Hannover, Neubau mit originalgetreu nachgebildeter Fassade (linkes Gebäude) mini|hochkant|Kopie der Leibniz-Büste im Leibniztempel in Hannover Leibniz wurde am 21. Juni 1646 in Leipzig geboren und am 23. Juni in der Leipziger Nikolaikirche getauft.Rolf Schneider, Wilhelm Totok (Hrsg.): Der Internationale Leibniz-Kongress in Hannover. Hannover 1968, S. 46; Daten gemäß dem damals in den protestantischen Territorien des Heiligen Römischen Reiches gültigen Julianischen Kalender. Sein Vater war der aus Altenberg im Erzgebirge stammende Jurist, Notar und Professor für Moralphilosophie (Ethik) Friedrich LeibnützDiese Schreibweise des Nachnamens wird in früheren Schriften anderer Autoren gelegentlich auch für den Sohn verwandt, der sich um 1671 für die heute übliche Schreibweise entschied. (1597–1652), seine Mutter Catharina war die Tochter des Leipziger Professors und Rechtswissenschaftlers Wilhelm Schmuck. Zu der Bibliothek, die Leibnütz und dessen Schwiegerväter angesammelt hatten, hatte der Sohn nach dem frühen Tod des Vaters weitgehend unbeaufsichtigten Zugang – Initialzündung für einen autodidaktischen und unorthodoxen Bildungsweg. Latein und Griechisch lernte er so selbständig; als Dreizehnjähriger beschäftigte er sich – wegweisend für das weitere Leben – mit logischen Fragestellungen.Maria Rosa Antognazza: Leibniz. An Intellectual Biography, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-80619-0, S. 17–46; autobiographische Darstellung in Leibnizens gesammelte Werke, hrsg. von Georg Heinrich Pertz, Bd. I.4, Hannover 1847, S. 167 f.

Leibniz besuchte von 1655 bis 1661 die Nikolaischule in Leipzig. 1661 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität und betrieb philosophische Studien beim Theologen Johann Adam Schertzer sowie vor allem dem Philosophiehistoriker Jakob Thomasius, Vertreter eines eklektischen christlichen Aristotelismus. 1663 verbrachte er ein Semester an der Universität Jena, wo Erhard Weigel wirkte, Vertreter einer an der Mathematik orientierten Methode in der Philosophie. Thomasius’ wie Weigels Ansatz finden sich in Leibniz’ späterem Werk wieder.Maria Rosa Antognazza: Leibniz. An Intellectual Biography, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-80619-0, S. 50–59. Leibniz verfasste selbst – damals nicht selbstverständlich – die Dissertationen, über die im Verlauf seines Studiums disputierte und auf denen zugleich seine ersten Veröffentlichungen basieren: zunächst über die Frage, was ein Individuum ausmache; dann mehrfach über rechtstheoretische Fragen; Der erste Teil dieses letzteren Werks war Gegenstand von Leibniz’ juristischer Baccalaureus-Disputation. schließlich über die Ars Combinatoria, die „Kunst der Kombinatorik“. Der erste Teil dieses Werks war Gegenstand der zur Lehrberechtigung führenden pro-loco-Disputation im selben Jahr. Ungewöhnlich war seine parallele Spezialisierung in Philosophie und Jurisprudenz: Nach der für alle Studierenden üblichen philosophischen Baccalaureus-Promotion erwarb er auch einen juristischen Baccalaureusgrad sowie Magistergrad und akademische Lehrberechtigung in Philosophie.Maria Rosa Antognazza: Leibniz. An Intellectual Biography, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-80619-0, S. 57–65. Die Lehrberechtigung – analog zur heutigen Habilitation – erwarb Leibniz durch eine pro-loco-Disputation:

1666, mit 20 Jahren, wollte sich Leibniz zum Doktor der Rechte promovieren lassen, doch die Leipziger Professoren lehnten ihn als zu jung ab. So reiste er an die Universität Altdorf bei Nürnberg, um dort mit der Schrift De casibus perplexis in jure das Verwehrte nachzuholen. Vorübergehend war er in Nürnberg für eine alchemistische Gesellschaft tätig – ein Wissenschaftszweig, den er später bisweilen verspottete.Vgl. George MacDonald Ross: „Leibniz and the Nuremberg Alchemical Society“, in Studia Leibnitiana 6 (1974), S. 222–248; ders.: „Leibniz and Alchemy“, in Magia naturalis und die Entstehung der modernen Wissenschaften. Symposion der Leibniz-Gesellschaft, Hannover, 14. und 15. November 1975, red. v. Albert Heinekamp u. Dieter Mettler, Wiesbaden 1978 (Studia Leibnitiana Sonderheft 7), S. 166–177. Nach Leibniz’ eigener Darstellung bot ihm die Altdorfer Universität nach der Promotion eine Professur an, die er jedoch ablehnte.

Stattdessen trat er bis 1672 in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Schönborn. Er lebte während seiner Mainzer Zeit im Boyneburger Hof, der Wohnstätte des kurmainzischen Oberhofmarschalls Johann Christian von Boyneburg, der ihm eine Stelle als Mitarbeiter des Hofrats Hermann Andreas Lasser verschafft hatte. Mit Lasser arbeitete er im Auftrag des Kurfürsten an einer Reform des römischen Rechts (Corpus juris reconcinnatum). Sein Werk Nova methodus discendae docendaeque jurisprudentiae (‚Eine neue Methode, die Jurisprudenz zu lernen und zu lehren‘) erlangte in einschlägigen Kreisen starke Rezeption. Im Jahre 1670 stieg Leibniz trotz seiner lutherischen Konfession zum Rat am kurfürstlichen Oberrevisionsgericht auf. 1671 erschienen zudem zwei Traktate zur Physik. Entwürfe und Fragmente zur Metaphysik – die im Sinne der traditionellen Natürlichen Theologie Grundthesen des christlichen Glaubens philosophisch belegen sollte – und zur Politik zeigen die große Spannweite des intellektuellen Projekts, in dem diese Schriften verortet waren.

1672 reiste Leibniz auf eigenen Wunsch nach Paris, wo er als Hofmeister für Boyneburgs jungen Sohn sowie als Rechtsvertreter Boyneburgs tätig war. Ziel war zudem, dem „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. einen Plan für einen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten unterbreiten, um ihn von den geplanten Eroberungskriegen in Europa abzubringen. Bei Leibniz’ Ankunft in Paris hatte der Holländische Krieg freilich schon begonnen; es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Plan bei Hof Gehör fand.Lloyd Strickland: „Leibniz’s Egypt Plan (1671–1672): From Holy War to Ecumenism“ in Intellectual History Review 26.4 (2016), S. 461–476, ; ebd. auch eine alternative Schwerpunktsetzung gegenüber der communis opinio, dass der Plan primär der Friedenssicherung innerhalb Europas gedient habe. 1672/73 vollendete Leibniz erste Arbeiten an seiner Rechenmaschine mit Staffelwalze für die vier Grundrechenarten, führte diese vor der Royal Society in London vor und wurde am 9. April 1673 als Mitglied („Fellow“) in die Royal Society gewählt. Die Behandlung von infinitesimalen Größen bei englischen Mathematikern weckte sein Interesse, das er nach seiner Rückkehr nach Paris im Kontakt mit Christiaan Huygens vertiefen konnte. In dieser Zeit der persönlichen Gespräche entstanden Leibniz’ erste Entwürfe zur Infinitesimalrechnung.Siehe R. Finster, G. van den Heuvel (1990), hier in der Literatur, S. 16–17. In die Pariser Zeit fällt wohl auch seine erste Beschäftigung mit dem dualen Zahlensystem, das den Grundstein zur rechnergestützten Informationstechnologie des 20. Jahrhunderts legte.Eberhard Knobloch: „Determinant Theory, Symmetric Functions, and Dyadic“, in Maria Rosa Antognazza (Hrsg.): The Oxford Handbook of Leibniz, Oxford 2018, ISBN 978-0-19-974472-5, S. 225–246, hier 242 f. Seit 1675 war er auch Mitglied der Académie des sciences in Paris.

mini|hochkant=2|Kurfürstin Sophie von Hannover ehrt Leibniz symbolisch mit dem Lorbeerkranz, Relief von Karl Gundelach, Teil des Geschichtsfrieses am Neuen Rathaus von Hannover

Schon Jahre zuvor, ab 1668, hatte sich unterdessen der welfische Herzog Johann Friedrich bemüht, Leibniz als Bibliothekar an seine Residenzstadt Hannover zu berufen. Doch erst nach mehreren Absagen sagte Leibniz, mittlerweile in finanziellen Nöten, dem Herzog schließlich im Jahr 1676 zu.Annette von Boetticher (Red.): Leibnizstätten und Leibniz-Institutionen in Hannover. In: Leibniz und Hannover – dem Universalgenie auf der Spur, hrsg. vom Präsidium der Leibniz Universität Hannover, Hannover: [o. D., 2009], S. 22–25; hier: S. 23. Auf der – sehr ausgedehnten – Rückreise aus Paris besuchte er die Gelehrten Henry Oldenburg in London und Baruch de Spinoza in Den Haag. Das Aufeinandertreffen mit Spinoza war für Leibniz’ philosophischen Werdegang insofern prägend, als er zum einen viele grundsätzliche Elemente übernommen hat (etwa dessen objektives Ordnungsprinzip der Wirklichkeit),Siehe dazu W. Röd, Baruch des Spinoza. Seite 205 in: Klassiker des philosophischen Denkens, Band 1 (hrsg. v. N. Hoerster). (dtv) München 62001. aber andererseits zeit seines Lebens einige seiner Voraussetzungen vehement ablehnte, wie vor allem den Standpunkt des geistigen Monismus in der Leib-Seele-Debatte, oder Spinozas Voraussetzungen zur Affektenlehre.Man vergleiche dazu etwa Seite 401 in Leibniz’ Schrift No. XXXII, Erwiderung auf die Betrachtungen über das System der prästabilierten Harmonie in der zweiten Auflage des Bayleschen «Dictionaire historique et critique» (Artikel: Rorarius), von 1702. In: G. W. Leibniz, Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie, Band II, hrsg. u. übers. von A. Buchenau und E. Cassirer. (Meiner) Hamburg 31966.Man vgl. ebenso D. Garber (2011), hier unter Einführende Sekundärliteratur: S. 230.