Radif () bezeichnet innerhalb der klassischen persischen Musik (sowie in der aserbaidschanischen Kunstmusik)Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 288–329, insbesondere S. 290. eine Sammlung traditioneller, in bestimmter Reihenfolge aufzuführender melodischer Figuren, die sich über mehrere Generationen durch mündliche Weitergabe von Meistern (Ostāds) an ihre Schüler erhalten haben.
Die etwa 300 Musikstücke bzw. „Melodien“ (Guschehs; von mit der Bedeutung „Modulus“ bzw. „Modulation“ innerhalb des entsprechenden Maqāms) der jeweiligen Instrumental- bzw. Vokalradifs sind innerhalb mehrerer Tonsysteme, genannt Dastgāhs (oder Āwāz als Bezeichnung für einen kleineren bzw. untergeordneten Dastgāh), angeordnet. Wesentliche Elemente bei der Aufführung und Interpretation sind improvisierte Verzierungen der Motive mit teils komplexen Ornamenten.Edith Gerson-Kiwi: The Persian Doctrine of Dastga-Composition. A phenomenological study in the musical modes. Israel Music Institute, Tel-Aviv 1963, S. 22 f.Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 98–125 (Improvisation) Bis in die Gegenwart entwickeln herausragende Meister zusätzliche Interpretationen, die dann nach ihnen benannt werden und den traditionellen Melodienbestand dieses „kanonischen Registers“Nasser Kanani: Die persische Kunstmusik. Geschichte, Instrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. (Mussighi'e assil'e irani). Förderkreis der Freunde Iranischer Kunst und Traditioneller Musik, Berlin 1978, S. 11 f. erweitern, so dass jedes dieser Stücke (Guscheh) durch seine Zugehörigkeit zu einem der zwölf Modalsysteme (Dastgāh bzw. Āwāz, auch Maqām) und zu einem Meister (bzw. dessen Radif für Gesang oder ein bestimmtes Instrument) charakterisiert ist.
Das Erlernen der – durch Noten nur unzureichend darstellbarenJean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 294. – Radīfs erfordert viel Übung (wobei der direkte Kontakt mit dem Meister, der einzelne Passagen vorspielt, welche der Schüler exakt imitiert und sich einprägt, wesentlich istJean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006, S. 294 f.) und Praxis. Nur so kann deren Essenz vom Interpreten erfasst und verinnerlicht werden, so dass er Teile davon jederzeit wiedergeben kann. Die Rhythmen dieser Radīfs sind stark von Versmaßen der persischen Literatur, deren Vertonungen einen hohen Stellenwert in der iranischen Musik haben,Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 230–237. beeinflusst. 1965 wurde an der Universität Teheran der erste Studiengang für klassische iranische Musik eingerichtet und als Dozent für Radīf Nur-Ali Borumand (1905–1977) ernannt.
Die Ursprünge der Radifs liegen vermutlich in sassanidischer Zeit, als der Hofmusiker Bārbad für Chosrau II. (reg. 590–628) bestimmte Kompositionen erstellte. Bārbad soll die grundlegende Einteilung der Dastgahs entwickelt haben.Margaret Caton: Performance Practice in Iran: Radīf and Improvisation. In: Virginia Danielson, Dwight Reynolds, Scott Marcus (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 6: The Middle East. Garland, London 2002, S. 129. Eine erstmalige systematische Zusammenstellung der mündlich überlieferten, jedoch im Laufe der Jahrhunderte auch veränderten Melodien (bzw. Guschehs)During, Mirabdolbaghi (1991), S. 33 f. erfolgte durch Mirza Abdollah Farahani (1843–1918), der für diese Guschehs auch eine für Aufführungen verbindliche Reihenfolge festlegte und diese als „Radif“ bezeichnete.Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 189 f. Dieser „Radif“ wurde in moderner Notenschrift erstmals vollständig von Musā Ma’rufi im Jahr 1963Musa Ma'rufi: Radif-e Musiqi-ye Iran. Honarha-ye Ziba, Teheran 1963. sowie 1973Mehdi Barkechli (wissenschaftl. Text und Hrsg.): Les Systèmes de la Musique Traditionelle de l'Iran (Radif). Teheran 1973. (Vgl. auch Literaturliste.) veröffentlicht. 2006 gab Jean During eine weitere Fassung des Radifs über das Kulturinstitut Mahur heraus,Jean During: The Radif of Mirzâ Abdollâh. A Canonic Repertoire of Persian Music. Hrsg. von Jean During, Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2006. und am 28. September 2009 wurden die Radīf-hā in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 191, Anm. 243Radif of Iranian music. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2023.
Bedeutende Radif-Meister waren z. B. (Mirzā) Hossein-Gholi (Radif für Tar)Daryush Pirniakan (Hrsg.): Radif of Mirza Hoseyn-Qoli. According to the version of Ali Akbar Shahnazi. 2001 (288 Seiten). und dessen Bruder (Mirzā) Abdollāh Farāhāni (Radif für Saiteninstrumente, nach dem der von ihm erstmals im 19. Jahrhundert kodifizierte Radif, Radīf des Mīrzā ‘Abdollāh, benannt ist), Abdollāh Davāmi (1899–1980; Radif für GesangFarâmarz Pâyvar (Hrsg.): Vocal Radif and Old Tasnifs, according to the Version of Ostâd Abdollâh Davâmi. Mahoor Institute of Culture and Art, Teheran 2005, ISBN 964-6409-37-7.), Yusef Forutan, Faradsch Rezāiev, Asadollah Nayeb („Asadollah Esfahani“; Radif für Ney), Ziā ol-Zākerin (gestorben 1973; Radif für Gesang) und Ali Akbar Schahnāzi (1897–1985; Radif für Tar) sowie der schon genannte Nur-Ali Borumand, der den Radif des Mirza Abdollah überlieferte.
Einer der maßgebendsten Musiker, Musikwissenschaftler und -autoren als Glied in der Überlieferungskette des Radīfs war Ali-Naghi Vaziri (1887–1979), der die europäische Notenschrift für die persische Musik übernahm und für die „Viertelton“ genannten Mikrotonstufen gesonderte Vorzeichen erfand.Vgl. sein Hauptwerk Dastūr-e tār (, s. auch hier).
Darauf aufbauend, verfasste sein für die Weiterentwicklung der persischen Kunstmusik bedeutsamer Schüler Abolḥasan Ṣabā (1902–1957) umfassende Schulwerke für Santur, Violine/Kamantscheh und Tār/Setār, die zum klassischen Musikunterricht landesweit herangezogen wurden, so dass auch vom Radīf des Abolhasan Saba gesprochen wird. Seine Kompositionen sind Bestandteile des klassischen Musikrepertoires, die immer wieder auch öffentlich zu Gehör gebracht werden.
Aufführungspraxis Zur Aufführung gelangt jeweils ein Dastgāh (meist aus dem überlieferten Radif eines Meisters) mit allen oder einem Teil der dazugehörigen Guschehs. Der suitenartigen Ablauf beginnt mit der einleitenden Vorstellung des Grundmodus des jeweiligen Dastgāhs bzw. Āwāz, der , wörtl. „das, was herauskommt“Vgl. Junker/Alavi: Persisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 303. genannt wird. Diesem kann ein im langsamen 4/4-Takt gehaltenes durchkomponiertes instrumentales Vorspiel, von , und dar-āmad. vorangesetzt werden. Danach folgen weitere definierte Teilstücke (Guscheh), z. B. Tschahār-Mezrāb‚Vier Plektrumschläge‘; abgeleitet von persisch tschahār (‚vier‘) und mezrāb (‚Schlag, Schlägel, Plektrum‘); vgl. dazu Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 133. (ein rhythmisch-virtuoses, im 6/16-TaktAhmad Ebadi: 10 Pieces of Chaharmezrab. Hrsg. von M. R. Gorginzadeh, ISBN 964-5842-50-6, S. 5–26. gehaltenes Instrumentalstück der Dastgah-"Suite")Edith Gerson-Kiwi: The Persian Doctrine of Dastga-Composition. A phenomenological study in the musical modes. Israel Music Institute, Tel-Aviv 1963, S. 15 f.Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 209–211 („Pisch Daramad“) und 212 f. („Tschahar Mezrab“) und Zarbi (ein improvisiertes rhythmisches Musikstück).Hormoz Farhat: The Dastgāh Concept in Persian Music. Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 21–23. Den Abschluss einer Dastgāh-Darbietung bildet oft eine (Lied-)Komposition (, auch genannt) und eine lebhafte Tanzmelodie ()Nasser Kanani: Die persische Kunstmusik. Geschichte, Instrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. (Mussighi'e assil'e irani). Förderkreis der Freunde Iranischer Kunst und Traditioneller Musik, Berlin 1978, S. 13 („Pischdarâmad“), S. 14 („Tschahar Mezrab“) und S. 18 („Reng“).Hörbeispiel: Hörbeispiel: Reng-e Koroghli, Sueran Ensemble, San Diego 2015. deren Ursprünge auf regionale Tänze zurückgehen.
Die klassische, aus improvisierten und nichtimprovisierten Stücken bestehende Abfolge von Pischdaramad, Tschahar Mezrab, Awaz (frei improvisierter Gesang mit unbestimmtem Metrum), Tasnif (balladenartige Liedkomposition)Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge/Massachusetts 1973, S. 138–143.Hormoz Farhat: The Dastgāh Concept in Persian Music. Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 23. und Reng wird bei heutigen Darbietungen in Bezug auf Zahl und Reihenfolge der Formteile auch abgeändert angetroffen.Ella Zonis: Classical Persian Music – An Introduction. Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1973, S. 147 f.Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 205–226. Es gibt rein instrumentale, aber häufiger aus Gesang- und Instrumental-Abschnitten zusammengesetzte Darbietungen.
In den Radifs benutzte Guschehs