Der T-72 ist ein sowjetischer Kampfpanzer, der ab 1972 von dem Unternehmen Uralwagonsawod gebaut und von der Sowjetarmee in Dienst gestellt wurde. Außer in der Sowjetunion wurde der Panzer in Polen, in der ČSSR und in Jugoslawien gebaut, in Indien ab 1980 in Lizenz. Der T-72 ist der gegenwärtig am meisten genutzte Kampfpanzer der Welt.Andrew Hull u. a.: Soviet/Russian Armor and Artillery Design Practices 1945 to Present. S. 102. Er wurde in großen Stückzahlen exportiert, darunter in viele Nahost-Staaten wie Syrien, Libyen, Iran und Irak. So kam er auch in vielen Konflikten zum Einsatz, so im Libanonkrieg 1982, dem Ersten und dem Zweiten Golfkrieg und in den Jugoslawienkriegen. Insgesamt wurden rund 20.000 Exemplare hergestellt;Christopher Foss: Jane’s Armour & Artillery 2009–2010. S. 102. davon unterhielt Russland vor dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 noch rund 9200 Stück, wobei bis dahin nur etwa 1200 noch aktiv waren. Der Exportpreis für einen T-72M1 betrug 1992 etwa 1,2 Millionen US-Dollar; mit dazugehöriger Munition und Ersatzteilen belief sich der Stückpreis auf etwa 1,8 Millionen US-Dollar.Steven Zaloga: M1 Abrams vs. T-72 Ural – Operation Desert Storm 1991. S. 23.
Entwicklungsgeschichte T-64 Die Entwicklung des T-72 war eine unmittelbare Folge der Entwicklung des T-64 und des T-64A. Der T-64 (Objekt 432) war ein technisch sehr ambitioniertes Fahrzeug, das unter der Vorgabe entwickelt wurde, nicht mehr als 36 Tonnen zu wiegen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 38. Der verantwortliche Planer des Charkiwer Konstruktionsteams war Alexander Alexandrowitsch Morosow.
Zahlreiche Innovationen mussten in die Entwicklung einfließen, darunter eine automatische Ladevorrichtung für das Hauptgeschütz und damit einhergehend die Verkleinerung der Besatzung auf drei Mann, eine mehrlagige Panzerung und beim T-64A (Objekt 434) eine bessere Bewaffnung. Das alles führte bei der praktischen Umsetzung, beim Bau und auch beim Betrieb des Fahrzeuges zu Problemen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 30.
Die Serienproduktion des T-64 lief 1964 an, aber bereits 1963 war mit den Planungen zum T-64A mit der 125-mm-Kanone begonnen worden, so dass der T-64 mit der 115-mm-Hauptbewaffnung nur wenige Jahre in geringer Stückzahl produziert wurde.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 33, 34.
Neben zahlreichen Problemen der Serienversion des T-64 mit Fahrwerk und Lademechanismus bereitete das notorisch unzuverlässigeSteven Zaloga: M1 Abrams vs T-72 Ural: Operation Desert Storm 1991. S. 16. 5TDF-Dieseltriebwerk () die größten Schwierigkeiten. Der Wartungsaufwand war hoch und die garantierte Lebensdauer des Motors lag bei so wenigen Betriebsstunden, wie es zuletzt bei Fahrzeugen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges der Fall gewesen war.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 35. Zu ändern war an diesen Problemen zunächst wenig, da die Gewichtsbeschränkungen eine gewisse Größe und Art der Konstruktion der Wanne erzwangen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 39.
Flankiert wurde die Entwicklung von Expertisen, die, in Charkow erstellt, die entscheidenden Regierungsstellen bei Panzerfragen berieten sowie von persönlichen Kontakten, die aus Charkow zu Entscheidungsträgern gepflegt wurden.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 36. Die Entwicklung alternativer Ideen und Lösungen durch andere Konstruktionsbüros wurde so erschwert.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 32 ff.
Umweg Mobilmachungsversion Eine „Mobilmachungsversion“ des T-64 mit dem W-45-Dieselmotor () sollte von Uralwagonsawod entwickelt werden, da das Charkiwer Traktorenwerk im Kriegsfall den dann steigenden Bedarf an 5TDF-Triebwerken nicht hätte decken können.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 39, 40. Der 5TDF war schlicht zu komplex und etwa doppelt so teuer wie der W-45-Motor.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 57. 1967 wurde „Sektion 520“ eingerichtet, die am Ural die für 1970 anvisierte Serienfertigung des T-64 vorbereitete.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 53. Man fand jedoch heraus, dass der stärkere W-45-Motor die Wanne und das Leichtbaulaufwerk des T-64 zu sehr beanspruchte, wodurch es nach einiger Zeit zu Belastungsbrüchen kam. Daher musste eine stabilere Lösung gefunden werden.
Um das Problem zu lösen, griff man auf Ideen aus dem Jahr 1960 zurück, als Überlegungen zu einer Modifikation des T-62 angestellt worden waren. 1961 wurden zwei Prototypen des „Objekts 167“ in Tscheljabinsk bei Uralwagonsawod gebaut, um eine leistungsfähigere Wannen- und Laufwerkskonfiguration zu erproben. Das Modell hatte aber damals – unter dem Einfluss aus Charkow, wo ebenfalls bereits eine Weiterentwicklung zum T-64 angestrebt wurde – keine Fürsprecher bei den Entscheidungsträgern gefunden.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 45, 46. Ebendiese Konstruktion mit ihren großen gummibeschichteten Laufrollen wurde nun Basis der Mobilmachungsversion des T-64.Sergei Suworow: Panzer T-72. Gestern, Heute, Morgen. S. 4.
Eine weitere Änderung wurde am automatischen Lademechanismus vorgenommen, der nun ebenfalls aus einem früheren Projekt, das man ursprünglich für den T-62 entwickelt hatte, übernommen wurde. Die Munition – bestehend aus Geschoss und separater Treibladung – wurde nicht vertikal auf einer Ebene wie im T-64 aus Charkow gelagert, sondern horizontal auf zwei Ebenen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 51. Diese Version galt als zuverlässiger als die Version im T-64.
Da Uralwagonsawod bereits 1964 zwei 125-mm-Kanonen des Typs D-81 erhalten hatte und gleich deren probeweisen Einbau an einem T-62 vornahm, war auch die Adaption der neuen 125-mm-Waffe des T-64A vorbereitet.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 52. Bereits Anfang 1968 begann man damit, die Vorbereitungen für die Produktion des modifizierten T-64 auch mit der Bewaffnung des T-64A zu treffen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 55.
T-72 Der erste Prototyp mit 125-mm-Kanone und W-45K-Dieselmotor aus Tscheljabinsk wurde noch 1968 als „Objekt 172“ hergestellt. Nach ausführlichen Vergleichstests mit dem T-64A wurde Objekt 172 im Jahr 1970 nochmals überarbeitet, um kleinere Mängel abzustellen.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 56.
Da es sich aber noch immer nur um eine „Mobilmachungsversion“ handelte, konnte die Serienfertigung von Objekt 172 im Frieden nicht beginnen. In einem politisch nicht ganz aufgeklärten ProzessSergei Suworow: Panzer T-72. Gestern, Heute, Morgen. S. 6. wurde das Regierungsdekret Nummer 326-113 erstellt, das die Produktion von Objekt 172 in der Sowjetunion als eigenständiges Muster neben dem T-64A zum 1. Januar 1972 genehmigte und die Fabrik Uralwagonsawod im Zuge dieser Maßnahme auch von der Produktion des eigentlichen T-64A freistellte.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 58.
Das erste Baulos wurde unter dem Namen „Objekt 172M“ nach dem Abstellen kleinerer Mängel Anfang 1973 nochmals intensiv getestet und noch im gleichen Jahr per Regierungsdekret als „T-72“ akzeptiert.Sergei Ustjanzew, Dmitri Kolmakow: Gefechtsfahrzeuge des Uralwagonsawods. Panzer T-72. Nischni-Tagil 2004, S. 60.
Weiterentwicklung Wegen der beschränkten Produktionskapazität der Zulieferer von Feuerleitanlagen und des internen Konkurrenzkampfes der Entwicklerbüros erhielt der T-72 nie eine so moderne automatische Feuerleitanlage wie die T-64B und T-80B. Der T-72 war als Ersatz für die älteren Bestände an T-55- und T-62-Panzern der Armeen des Warschauer Vertrages gedachtSteven J. Zaloga, Michael Jerchel, Stephen Sewell: T-72 Main Battle Tank. 1974–1993. S. 14. und wurde neben der Sowjetunion auch in Polen, der ČSSR und in Jugoslawien produziert. Ab 1980 wurde der Panzer auch in Indien in Lizenz gefertigt.
Der T-72 wurde nach dem Beginn der Serienproduktion im Jahr 1974 ständig modernisiert und den unterschiedlichen Anforderungen und Möglichkeiten verschiedener Nutzerstaaten angepasst, so dass zahlreiche Varianten des Fahrzeugs entstanden.
Technik Panzerung mini|alt=T-72 der ehemaligen NVA als Hartziel in Bergen|T-72 genutzt als Hartziel. Das Ausmaß der Turmpanzerung ist sichtbar. Der T-72 war nach dem T-64 der zweite serienmäßig produzierte Kampfpanzer mit einer Verbundpanzerung, was seinerzeit zu einem vergleichbar hohen Panzerschutz führte. Die Wanne sämtlicher T-72-Modelle ist aus gewalztem Panzerstahl zusammengeschweißt. Am unteren Wannenbug und der oberen Wannenseite beträgt die Blechdicke 80 mm. Im abgeschrägten unteren Seitenbereich, an der Unterseite und für die Motorraumabdeckung kommen 20 mm dicke Panzerstahlbleche zum Einsatz. Im oberen Wannenbug ist die Sonderpanzerung integriert. In der ursprünglichen Serienausführung kam dort die gleiche Panzerung wie beim T-64 zum Einsatz, d. h. ein Laminat aus einem 80-mm-Panzerstahlblech an der Außenseite, einer 105 mm starken Mittelschicht aus Steltexolit (einem glasfaserverstärkten Kunststoff) und einem inneren 20-mm-Panzerstahlblech. Die Mittelschicht kann dabei aus mehreren GFK-Platten bestehen, da nicht jeder Zulieferer Werkstücke in passender Größe herstellen konnte. Aufgrund des hohen Anstellwinkels von 68° ergibt sich eine effektive Durchschlagsstrecke von 547 mm bei Frontalbeschuss. Der Turm wurde anders als beim T-64 ursprünglich nur aus Panzerstahlguss gefertigt, eine Verbundpanzerung war nicht vorhanden. Formbedingt variiert die Bautiefe bei Frontalbeschuss zwischen 300 und 475 mm – im Schnitt liegt sie bei 410 mm. Verglichen mit dem Turm des T-64 soll die Schutzleistung des T-72-Gussturms gegen panzerbrechende Munition etwa 2 % höher und gegen Hohlladungen etwa 10 % niedriger ausfallen.
Interessanterweise sollen die Schutzforderungen für den M1 Abrams und dem T-72 vergleichbar sein: für den T-72 wurde Schutz gegen zukünftige 105-mm-Munition (simuliert durch 115-mm-Pfeilmunition mit Stahlkern) und leichte Panzerabwehrlenkflugkörper (Maljutka) gefordert, während für den M1 Abrams Panzerschutz gegen 115-mm-Pfeilmunition (simuliert durch experimentelle 105-mm-Munition) und verschiedene Panzerabwehrlenkflugkörper bieten sollten.