Die nordamerikanischen Kulturareale sind geographische Räume, die nach dem Konzept der Kulturareale (culture area) der US-amerikanischen Ethnologen Franz Boas, Robert Lowie und Clark Wissler gebildet wurden, so dass die Indianervölker aufgrund ähnlicher Lebensweisen bei übereinstimmenden Umweltbedingungen eine ähnliche Kultur und Lebensweise aufweisen.Michel Panoff, Michel Perrin (Hrsg.): Taschenwörterbuch der Ethnologie. Begriffe und Definitionen zur Einführung. 3., überarbeitete Auflage. Reimer, Berlin 2000, ISBN 3-496-02668-5, S. 144–145 (französisches Original: Dictionnaire de l'ethnologie). Dieses Konzept der kulturvergleichenden Sozialforschung beruht auf der jüngsten historischen Verbreitung und Lebensweise vor der Kolonialisierung bzw. vor der Bildung der modernen Nationalstaaten.
Die Einteilung Nordamerikas zeigt demnach ein Bild, das so zu keinem Zeitpunkt real existiert hat. Während der europäische Einfluss an der Atlantikküste bereits im 16. Jahrhundert zu einer erheblichen Akkulturation und später Assimilation geführt hat, führte der Einfluss im hohen Norden erst im 20. Jahrhundert zu kulturellen Anpassungen, die das Konzept einheitlicher Kulturen in Frage stellte. Die Problematik der zeitlichen Eingrenzung wird besonders deutlich beim Kulturareal „Prärie und Plains“: Die nordamerikanischen Reiterkulturen entstanden erst durch die europäische Expansion im Laufe des 18. Jahrhunderts, indem einige Stämme das Pferd übernahmen und (auch unter dem Druck nach Westen ausweichender Völker des Ostens) in die bislang fast unbesiedelten Steppen vordrangen.
Obwohl viele Ähnlichkeiten augenfällig sind, ist die konkrete Abgrenzung (vor allem sehr großer) Areale umstritten, weil das Konzept zu viele willkürliche Festlegungen enthält: Welche Kulturgüter werden für die Definition eines Areales herangezogen? Wie wird „Ähnlichkeit“ definiert? Wo beginnt und wo endet sie? Welche Verfälschungen verursacht die europäischen Sichtweise? Wie vereinbart sich das statische Arealmodell mit dem permanenten Kulturwandel? Daher spielen die Kulturareale heute in der Wissenschaft nur noch eine untergeordnete Rolle; etwa, um sich einen Überblick über die (historische) kulturelle Vielfalt eines Kontinentes zu verschaffen.Kulturareal. In: Brockhaus – Enzyklopädie in 30 Bänden. 21. Auflage. In: Munzinger Online. 2013 (aktualisiert mit Artikeln aus der Brockhaus-Redaktion; anmeldepflichtige Ansicht, abgerufen von Stadtbibliothek Wuppertal am 17. September 2013).
Das populärste Modell der Kulturareale Nordamerikas stammt von Clark Wissler (1912) und wurde 1939 von Alfred Kroeber überarbeitet.
mini|300px|Nordamerikanische Kulturareale
Für Nordamerika hat sich die Unterteilung in zehn Kulturareale durchgesetzt: Arktis: nördliche Teile von Alaska und Kanada, Grönland Subarktis: südliche Teile von Alaska und Kanada Pazifische Nordwestküste: Westküste von Alaska und Kanada Plateau: das Interior Plateau in British Columbia, Kanada, – geprägt durch den Fraser River und West Road (Blackwater) River mit dem Fraser-Plateau sowie dem Thompson River und dem Thompson Plateau und das südliche durch den Columbia River geprägte Columbia Plateau in Teilen der US-Staaten Washington, Oregon und Idaho zwischen der Kaskadenkette und den Rocky Mountains (manchmals als Columbia Basin um das Flussgebiet in British Columbia erweitert) Prärie und Plains: zwischen den Rocky Mountains im Westen und dem Mississippi River im Osten sowie dem Rio Grande in Texas im Süden und dem North Saskatchewan River im heutigen Kanada im Norden Nordöstliches Waldland: von den Großen Seen und Neufundland bis North Carolina Südöstliches Waldland: von South Carolina bis an den Golf von Mexiko Kalifornien Großes Becken: umfasst die gleichnamige Landschaft im heutigen Nevada, erstreckt sich jedoch zwischen den Rocky Mountains und der Sierra Nevada in Nevada, einigen angrenzenden Teilen von Oregon, Kalifornien, Idaho, Wyoming und Utah Südwesten: von den US-Staaten der Four Corners Arizona, New Mexico, Colorado und Utah bis zum Norden Mexikos (Sonora, Chihuahua, Coahuila, Nuevo León und Tamaulipas)
David Graeber und David Wengrow ziehen für ihre Definition des Begriffes der Schismogenese insbesondere die Grenzen zwischen den nordamerikanischen Kulturarealen Nordwestküste und (Nord)-Kalifornien sowie (Süd)-Kalifornien und Südwesten heran: Dort finden sich – trotz jeweils ähnlicher ökologischer Lebensbedingungen – deutliche Kulturunterschiede, die durch ein Aufschaukeln bewusst gewählter gegensätzlicher Verhaltensweisen erklärt werden.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Henning Dedekind und Andreas Thomsen, 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 187, 280–281.
Entwicklung der Einteilung Eine erste Einteilung Amerikas in Kulturareale entwarf Otis Mason 1896. Er unterteilte den ganzen Doppelkontinent Amerika in 19 Kulturareale, davon 11 in Nordamerika: Arktis, Athapasken, Algonkin, Irokesen, Muskhogee, Plains, Nördliche Pazifikküste, Columbia-Abfluss, Inneres Becken, Kalifornien-Oregon, Pueblo. Nach einem weiteren Entwurf von 1899 mit 10 Kulturarealen in Nordamerika passt er seine Klassifikation Nordamerikas 1907 erneut den neuesten Erkenntnissen an und kam nun auf 12 Areale: Arktis, Yukon-Makenzie, St. Lawrence-und-See-Region, Atlantik, Golfküste, Mississippi-Tal, Plains, Nördliche Pazifikküste, Columbia-Frazer-Region, Inneres Becken, Kalifornien-Oregon, Pueblo.
1912 erstellte Clark Wissler eine neue Klassifizierung Nordamerikas mit 10 Kulturarealen: Arktis, Mackenzie, Nördliche Pazifikküste, Plateau, Plains, Kalifornien, Südwesten, Südosten, Östliches Waldland, Mexiko und Zentralamerika. William Holmes versuchte sich 1914 in einer Klassifizierung mit 11 nordamerikanischen Kulturarealen, die hauptsächlich auf archäologischen statt ethnographischen Merkmalen basierten.
1939 modifizierte Alfred Kroeber Wisslers Klassifizierung. Er arbeitet kulturelle Kontraste und Gemeinsamkeiten noch exakter heraus. Daraus resultierten die 10 Kulturareale Nordamerikas, die heute weitgehend unbestritten sind.
1976 veröffentlichten die Anthropologen David E. Hunter und Phillip Whitten ein Weltmodell der Kulturareale, das sich stärker an den Vegetationszonen und der traditionellen Landnutzung orientiert als ältere Modelle. Die Einteilung Nordamerikas entspricht jedoch weitgehend den Arealen von Wissler und Kröber.David E. Hunter und Phillip Whitten (Hrsg.): Encyclopedia of Anthropology. Harper and Row, Publishers, New York u. a. 1976, ISBN 0-06-047094-1, Stichworte: „Culture Area“ S. 104, „Culture Areas of the World“ S. 104–111.
Die zehn Kulturareale Jedes der zehn nordamerikanischen Kulturareale weist kulturelle Eigenarten auf, die sich grob zusammenfassen lassen. (Die ausführliche Liste indigener Völker Nordamerikas bietet nach dieser Einteilung einen detaillierten Überblick zu fast allen Ethnien des Kontinentes.)
Arktis Kulturen
mini|Iglu Die vor allem von den beiden sprachlich verwandten Gruppen der Aleuten und Eskimo bewohnte Arktis erstreckt sich von Westalaska bis hin nach Ostgrönland. Der permanent gefrorene Boden dieses Gebietes ist zumeist mit Flechten und Moosen bewachsen. Die Nahrung der Aleuten und Eskimo bestand an der Küste aus Robben, Walrossen und Walen. Ihr Speiseplan wurde durch Schalentiere, Muscheln, Beeren, Wildfrüchte und im Sommer durch Karibus ergänzt, die bei den Inlandstämmen die Hauptnahrung darstellte. Die in kleinen Gruppen zerstreut lebenden Ethnien bewohnten entgegen der allgemeinen Meinung nur während der Jagd und auf Reisen Iglu genannte Schneehütten. Ihre primäre Behausung wurde aus Treibholz, Steinen, Walbarten, Fellen und Rasenziegeln hergestellt. Angepasst an die klimatischen Bedingungen bewegten sie sich entweder in Kajaks oder in von Hunden gezogenen Kufenschlitten. Die Harpune stellte ihr wichtigstes Jagdgerät dar.
Religionen Die ethnischen Religionen der amerikanischen Arktis waren ausgesprochen animistisch, d. h., Naturerscheinungen galten als beseelt und da Tiere in diesen Kulturen die wichtigste Rolle bei der Nahrungsbeschaffung dienten, waren Tiergeister besonders wichtig. Bei den Eskimovölkern waren dies Tierart-Geister („Inua“), nicht etwa Geister von Einzeltieren.Miriam Schultze: Traditionelle Religionen in Nordamerika. In: Harenberg Lexikon der Religionen. Harenberg, Dortmund 2002, ISBN 3-611-01060-X. S. 881–882 (Arktis u. Subarktis), 897 (Nordwestküste), 891 (Prärie), 891–892 (Südwesten). Über diesen Tiergeistern stand häufig ein(e) „Herr(in) der Tiere“ als gottähnliches Wesen (etwa Sedna bei den Inuit). Es gab vielfältige Tabus, die bei der Jagd oder Verarbeitung der tierischen Produkte zu beachten waren, um die entsprechenden Geister zu besänftigen. Der religiöse Kult war in erster Linie individualistisch. Lediglich bei schweren Krankheiten, zur Jagdmagie und bei Tabuverletzungen wurde der bei den Inuit als angakkuq/angatkuq bezeichnete Geisterbeschwörer als Spezialist hinzugerufen.Lindig u. Münzel, S. 34–36. Aufgrund der großen Ähnlichkeiten zu den paläosibirischen Völkern werden die Eskimovölker von einigen Autoren mit zum klassisch sibirischen Schamanismus gerechnet.Günter Lanczkowski: Eskimo-Religion, erschienen in: Horst Balz et al. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 10: „Erasmus - Fakultäten, Theologische“. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1982, ISBN 978-3-11-019098-4. S. 363–366.
(siehe auch: Religionen der Eskimo-Völker und Religion der Aleuten)
Subarktis Kulturen
mini|Anishinabe-Delegation, ca. 1871 – ca. 1907 Die Subarktis umfasst riesige boreale Waldgebiete und Waldtundren von Zentralalaska bis zum Sankt-Lorenz-Strom. Bewohnt wurde dieses Gebiet von zwei Sprachgruppen: den Nord-Athapasken und den Nord-Algonkin. Die wohl bedeutendsten Stämme waren die beiden Algonkin-Völker Anishinabe und Cree. Der Wald bot den Indianern reichlich Nahrung: Waldkaribus, Waldbisons, Hirsche und Elche. Entlang der Flüsse und der Küsten wurde rege Fischfang betrieben. Das Sammeln von Beeren, Ahornsirup, essbaren Gräsern, Stauden und Wurzeln deckte den Vitaminbedarf.
Die subarktischen Indianer lebten in unterschiedlichen Behausungen, die von Stangenzelten über giebelförmige Holzhütten bis hin zu kuppelförmigen Wigwams reichten. Die verstreut lebenden kleinen Gruppen kannten weder übergeordnete Stammesverbände noch feste Siedlungen. Die Macht war nicht in bedeutendem Maße auf eine Person zentralisiert.
Religionen