Die 57-mm-Flugabwehrkanone S-60 ist eine sowjetische Flugabwehrkanone im Kaliber 57 mm, deren Entwicklung im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion begann und die einige Jahre nach dem Krieg eingeführt wurde. Die sowjetische Bezeichnung lautet , abgekürzt АЗПdie in englischsprachiger Literatur häufig anzutreffende Bezeichnung 57 mm AZP S-60 ist eine Transkription der russischen Abkürzung, und bedeutet automatische Flugabwehrkanone S-60. Mit S-60 wird auch der Flak-Komplex bezeichnet, der aus der eigentlichen Kanone, Geräten zur Feuerleitung und zusätzlicher Ausrüstung besteht.

Die Waffe fand eine weite Verbreitung in den Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages sowie Ländern der Dritten Welt und befindet sich teilweise noch heute im Einsatz. Die Waffe wurde in Polen und China in Lizenz hergestellt.

Entwicklung Der Konstrukteur Wassili Gawrilowitsch Grabin begann 1944 im Zentralen Konstruktionsbüro der Artillerie () NII-58 unter der Leitung von Lew Loktew () die Entwicklung einer Flugabwehrkanone des Kalibers 57 mm auf der Grundlage theoretischer Vorarbeiten von Michael Loginow (Михаил Николаевич Логинов). Das Geschütz sollte die vorhandenen 37-mm-Flak M1939 ablösen.

Die Erprobung eines Versuchsmusters fand 1946 auf dem Übungsplatz Dongusk () statt. Nach der Beseitigung der aufgetretenen Mängel wurde die Waffe als 1950 in die Bewaffnung der Sowjetarmee übernommen. Im gleichen Jahr begann auch die Serienproduktion. Nach Meinung westlicher Geheimdienstkreise beruhte die Entwicklung auf der deutschen Flak 5,5 cm Gerät 58. Von der Sowjetarmee während der Schlacht von Stalingrad erbeutete deutsche 5-cm-Flak 41 sollen die Konstruktion ebenfalls beeinflusst haben.

Technische Beschreibung Geschütz mini|Richtantriebe und Verschluss Das Geschütz war weitgehend konventionell aufgebaut. Es besaß ein einteiliges Rohr, unterhalb des Rohres angeordnete hydraulische Rohrbremsen und Federausgleicher sowie einen Masseverschluss. Die Munitionszuführung erfolgte über Ladestreifen, die vier Granatpatronen aufnahmen. Damit konnte die Zeit für das Nachladen auf vier bis acht Sekunden verringert werden. Das Spannen, die Patronenzufuhr, das Verriegeln des Verschlusses, die Schussauslösung und der Hülsenauswurf wurden durch eine Ladeautomatik gesteuert. Das Richten des Geschützes konnte manuell oder durch elektrische Richtantriebe erfolgen.

Visier Für den Kampf gegen Luftziele wurde das Reflexvisier AZP-57 genutzt, das eine Bekämpfung bis zu einer (theoretischen) Entfernung von 5,5 km ermöglichte. Beim Kampf gegen Erdziele kam ein Teleskopfernrohr zum Einsatz.

Lafette mini|S-60 in Marschlage, die seitlichen Holme der Lafette sind jedoch bereits ausgeschwenkt, rechts im Hintergrund ein PUASO 6-60 Das Geschütz wurde auf eine vierrädrige, kreuzförmige Lafette gesetzt. Dies ermöglichte einen seitlichen Richtbereich von 360°. In Gefechtslage wurden die seitlichen Holme ausgeschwenkt, die Stützteller unter den Holmen manuell ausgefahren und die Räder vom Boden abgehoben, bis die Lafette waagerecht stand. Der Übergang von Marsch- in Gefechtslage dauerte eine Minute, von Gefechts- in Marschlage zwei Minuten. In Ausnahmefällen konnte auch direkt aus der Marschlage, also ohne Abklappen der Holme und Ausfahren der Stützteller, gefeuert werden, allerdings war die Trefferwahrscheinlichkeit geringer.

Die Räder der Lafette waren ausgeschäumt. Dies ergab bei einem akzeptablen Fahrverhalten eine hohe Beschusssicherheit. Bei der Lafettenkonstruktion wurde eine Achsschenkellenkung verwendet. Dadurch konnte die Unterlafette tief angeordnet werden, allerdings war das Fahrverhalten des gezogenen Geschützes bei hohen Geschwindigkeiten unbefriedigend. Als Zugmaschinen kamen geländegängige Lastkraftwagen zum Einsatz. In der Sowjetarmee wurden Lkw des Herstellers Uralski Awtomobilny Sawod bzw. des Typs ZIL-131 genutzt, in der NVA Lkw G-5, später auch Lkw W-50. Bei schwierigen Geländebedingungen konnten auch Kettenzugmittel eingesetzt werden. Zulässig war eine Marschgeschwindigkeit von 60 km/h auf der Straße und 15 km/h im Gelände.

Ein fest mit der Oberlafette verbundener (und damit mitschwenkender) Schutzschild schützte die Bedienung gegen Splitterwirkung. Beim Kampf gegen Luftziele wurde der obere Teil des Schildes nach unten abgeklappt.

Munition Es wurden folgende Munitionsarten verwendet:Unterschiedliche Angaben je nach Einsatzland und Literatur möglich, übereinstimmendes Merkmal für die Munition der S-60 ist jedoch immer die Ziffernfolge 281 Panzergranatpatronen mit Leuchtspursatz und Aufschlagzünder zum Kampf gegen Erdziele: UBR-281, UBR-281U, BR-281 Splittergranaten mit Leuchtspursatz und Aufschlagzünder: UOR-281, UOR-281U, OR-281, OR-281U Manöverkartuschen: MK-281 Der Kampfsatz bestand aus 195 Splittergranaten und 5 Panzergranatpatronen.Angaben für NVA, je nach Einsatzland, Zeitraum und Literatur können Angaben abweichen

Feuerleitung mini|S-60 in Marschlage, im Hintergrund eine SON-9a mini|RPK-1 auf Lkw Ural-375D Die S-60 war eines der ersten sowjetischen Fla-Geschütze, das mit einer automatisierten Feuerleitung eingesetzt werden konnte. Dabei kam zunächst ein Kommandogerät PUASO-5 bzw. PUASO 6-60, später die Geschützrichtstation SON-9 (Bezeichnung in der NVA: GRS-9) mit einem Kommandogerät und ab den 1960er-Jahren die Feuerleitstation RPK-1 (GRAU-Index 1RL35) zum Einsatz.

Das Kommandogerät (PUASO 6-60) (, Bezeichnung in der NVA: G 6-60) diente zur optischen Zielaufklärung bzw. -begleitung. Dazu war eine 3-m-Basis D-49 vorhanden. Mit Hilfe des Kommandogerätes wurden die Winkel und Entfernung des Luftzieles ermittelt sowie der Vorhaltepunkt und die Werte für die Höhen- und Seitenrichtmaschine der Geschütze berechnet. Diese Werte wurden an die Geschütze übertragen, der Richtvorgang erfolgte automatisch. Die Besatzung der Geschütze war damit nur noch für das Nachladen und Abfeuern zuständig. Die Stromversorgung der elektrischen Richtantriebe erfolgte über ein Dieselaggregat SPO-30 in der Batterie. Für das Kommandogerät kam die gleiche Lafette wie bei der S-60 zum Einsatz. Die Richtgeschwindigkeit betrug nach der Seite 34°/s, nach der Höhe 40°/s.

Da die vorhandenen PUASO 6-60 ab Mitte der 1960er-Jahre größtenteils verschlissen waren, der Typ jedoch nicht mehr produziert wurde, wurden sie in der NVA ab 1964 teilweise durch den ungarischen Analogrechner E-2BD abgelöst. Prinzipiell war es für die gleichen Aufgaben wie das G 6-60 vorgesehen, jedoch war kein optischer Entfernungsmesser integriert. Daher mussten die bereits ausgesonderten optischen Entfernungsmesser (EM) DJA wieder in die Nutzung übernommen werden. Das E-2BD wurde außer in der DDR nur noch in Vietnam und Syrien verwendet.

Die Geschützrichtstation GRS-9 kam ab Beginn der 1960er-Jahre zum Einsatz. Durch das Radargerät erfolgte die Aufklärung des Luftraumes. Wurde ein Luftziel zur Bekämpfung erfasst, wurden Winkel und Entfernung des Luftziels im Folgebetrieb des Radargerätes ständig ermittelt und an das Kommandogerät weitergegeben, das wie oben beschrieben die Werte für die Richtantriebe der Geschütze ermittelte. Die Aufklärungsentfernung betrug 55 km, eine Zielbegleitung war bis maximal 35 km möglich. Funktional ersetzte das Radargerät die optischen Entfernungsmesser, da aus taktischen Gründen auf eine optische Zielaufklärung nicht verzichtet werden sollte, verblieben diese jedoch in der Truppe. Die Aufklärung konnte in verschiedenen Betriebsarten erfolgen. Dabei konnte entweder eine automatische Rundumsuche, eine automatische Suche in einem bestimmten Sektor oder eine manuelle Suche durchgeführt werden. Im Folgebetrieb waren eine automatische Winkelbegleitung sowie eine automatische bzw. manuelle Begleitung der Entfernung möglich. Die Störschutzmöglichkeiten waren eingeschränkt. Zum Schutz vor aktiven bzw. passiven Störungen konnte lediglich die Sendefrequenz automatisch bzw. manuell umgeschaltet werden, es standen vier Festfrequenzen zur Verfügung. Die Station befand sich auf einer zweiachsigen Lafette, als Zugmittel kamen Kettenschlepper des Typs ATS bzw. schwere Lkw zum Einsatz. Die Stromversorgung erfolgte durch ein Aggregat APG-15, das auf einem Lkw ZIL-151 transportiert wurde. Durch den Einsatz der Radarstation wurden die Gefechtsmöglichkeiten des Waffensystems entscheidend verbessert, allerdings verringerte die Vielzahl der einzelnen Bestandteile die taktische Beweglichkeit. Die Zeit für das Herstellen der Gefechts- bzw. Marschbereitschaft wurde durch das Radargerät bestimmt. Die Zeit zum Aufbau der Station betrug 18 min, die Einschaltzeit 3,5 min. Marschbereitschaft konnte in 9 min hergestellt werden. Die Marschgeschwindigkeit auf der Straße war auf 40 km/h beschränkt.

Bei der RPK-1 waren Aufklärungs- und Zielverfolgungsradar sowie der Analogrechner zur Ermittlung des Vorhaltes und der Richtwerte in der Station integriert. Die Aufklärungsreichweite lag im Bereich von 50 bis 58 km, eine automatische Zielbegleitung war bis 40 km möglich. Zusätzlich verfügte die Station über ein Fernsehvisier, das eine Zielbegleitung bei Tag und klarer Sicht ohne Radarabstrahlung ermöglicht. Ein System zur Selektion beweglicher Ziele (SBZ) erhöhte den Schutz gegen passive Radarstörungen, weitere elektronische Maßnahmen verbesserten den Störschutz gegenüber dem Vorgänger insgesamt. Zusätzliche Parameter, wie beispielsweise die Temperatur der Treibladung, konnten manuell in das Rechengerät eingegeben werden und flossen in die Berechnung des Vorhaltes ein. Damit wurde die Genauigkeit des Waffensystems verbessert. Ein Freund-Feind-Kennungssystem war ebenfalls vorhanden, Stromversorgung und ein Trainer in den Aufbau integriert. Die Ermittlung der Zieldaten und das Richten der Geschütze erfolgten wie oben beschrieben. Die gesamte Station befand sich in einem Kofferaufbau, der auf einen Lkw Ural-375D gesetzt wurde. Die Aufbauzeit lag bei 9 min, die Einschaltzeit bei 3 min, die Marschgeschwindigkeit war genauso hoch wie die der Geschütze. Alternativ konnte statt des Radargerätes ein Flakfernrohr an das Rechengerät angeschlossen werden.

Mit der RPK-1 waren folgende Einsatzverfahren möglich: Zielzuweisung nach Winkeln und Entfernung durch das Radargerät Zielzuweisung nach Seitenwinkel und Höhenwinkel durch das Fernsehvisier, mathematische Ermittlung der Entfernung Zielzuweisung nach Seitenwinkel und Höhenwinkel durch das Fernsehvisier, Ermittlung der Entfernung durch das Radargerät Kopplung des Flakfernrohrs (TSK) mit der Zielbegleitantenne.

Grundsätzlich konnte das Geschütz natürlich auch ohne automatisierte Feuerleitung, nur unter Verwendung des Reflexvisier AZP-57, eingesetzt werden. Vorteile waren die Unempfindlichkeit gegen Radarstörungen, die Unabhängigkeit von anderen Bestandteilen des Komplexes und das schnellere Herstellen der Gefechtsbereitschaft, Nachteile die verringerte Bekämpfungsreichweite und Genauigkeit, da Winkel, Entfernung und Geschwindigkeit des Luftziels manuell ermittelt werden mussten.

Varianten AK-725 Die AK-725 ist die Marineversion der S-60 und wurde ab 1958 eingeführt. Rohr und Ladeautomat wurden beibehalten, die übrigen Komponenten für den Einsatz auf See angepasst. Auf frühen sowjetischen Zerstörertypen kam die Waffe als Einzelwaffe, Zwilling und Vierling zum Einsatz.

ZIF-72 Die ZIF-72 ist eine ab Mitte der 1970er-Jahre eingeführte vollautomatische Marineversion, die auch nach Indien exportiert wurde.

ZSU-57-2 mini|Detailansicht der S-68-Kanonen einer ZSU-57-2 Die ZSU-57-2 (ЗСУ-57-2) ist eine 1950 eingeführte und auf ein modifiziertes Fahrgestell des Kampfpanzers T-54 gesetzte Zwillingsversion. Die konstruktiv veränderte Waffe wurde als S-68 bezeichnet. Die taktische Beweglichkeit wurde deutlich verbessert, Reichweite und Genauigkeit aufgrund des Fehlens elektronischer Aufklärungsmittel deutlich verringert. Ein parallel entwickelter Zwilling auf gezogener Zweiachslafette wurde nicht eingeführt. Zeitweise kamen ZSU-57-2 und S-60 gemischt in den Flak-Regimentern bzw. Flak-Abteilungen zum Einsatz.

Typ 59