Die deutsche Cricket-Nationalmannschaft vertritt Deutschland auf internationaler Ebene in der Sportart Cricket. Das Team wird vom Deutschen Cricket Bund (DCB) geleitet und ist seit 1999 assoziiertes Mitglied im International Cricket Council (ICC). Damit gehört es zur zweiten Reihe der Nationalmannschaften und gilt, hinter den Vollmitgliedern England und Irland sowie den assoziierten Mitgliedern Italien, Niederlande und Schottland traditionellerweise als eine der stärkeren Nationalmannschaften Europas. Deutschland verfügt seit 2019, wie alle ICC-Mitglieder, über vollen T20I-Status. Bisher konnte sich die Mannschaft noch nicht für ein internationales Turnier qualifizieren.

Geschichte Anfänge des Cricket in Deutschland Die Geschichte des Cricket in Deutschland beginnt 1858, als Einwanderer aus England und den Vereinigten Staaten mit dem Berlin C.C. den ersten Cricketclub in Berlin gründeten.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 7. Homburg in der damaligen Landgrafschaft Hessen-Homburg war ein frühes Zentrum des Cricket in Deutschland; es wurde von wohlhabenden Engländern ausgeübt, welche die Bäder besuchten. 1865 fand ‘A Grand Cricket Match’ zwischen „Frankreich“ und „Deutschland“ statt, dessen Spieler aber ausschließlich Engländer waren. Charles William Alcock war der Organisator dieses Spieles und „Frankreichs Kapitän“.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 8. 1874 wurden die ersten deutschsprachigen Handbücher zum Cricket in Karlsruhe herausgegeben und einige Jahre später erschien in Leipzig Cricket von W. G. Grace in englischer Sprache.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 9. 1883 gründeten englische Studenten, die Cricket und Fußball spielten, mit dem Per Berliner Cricket-Club von 1883 den ersten Cricketverein in Deutschland und in den folgenden sechs Jahren entstanden Cricketabteilungen bei vier Berliner Fußballvereinen.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 12. 1890 besuchte mit einer Auswahl aus Kopenhagen erstmals eine ausländische Cricket-Mannschaft Berlin, ein Jahr später gründete sich der Verband Deutsche Fußball- und Cricket Bund (DFuCB) in Berlin als Alternative zum Bund Deutscher Fußballspieler (BDF). Die meisten englischen Fachbegriffe blieben auch unter deutschsprachigen Cricketspielern erhalten, mit Ausnahme von Schlagmann (Batsman), Ballmann (Bowler), Schiedsrichter (Umpire), Schreiber (Scorer), Torhalter (Wicket-Keeper) und Abfänger (Slip).Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 14.

1901 unternahm der Preußen-Club als erster deutscher Cricket-Klub eine Tour nach Kopenhagen. Ein Jahr später löste sich der DFuCB wieder auf. 1911 besuchte mit dem Leicestershire County Cricket Club erstmals ein englisches Cricketteam Deutschland. Es trug im August in Berlin vier Spiele gegen Union CC, Victoria CC, Preußen CC und Deutschland aus, wobei letzteres als Länderspiel gewertet wurde. Bis auf den Engländer Tom Dutton, dem Kapitän Deutschlands, bestand die Mannschaft aus Berlinern. Alle vier Spiele endeten für die Gäste in einem Innings-Sieg. In diesen Spielen tat sich vor allem der All-rounder Felix Menzel hervor.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 21 ff. Nachdem die Berliner Cricketliga 1913 erstmals 14 Mannschaften umfasste, wurde der erste, reine Cricket-Verband Deutscher Cricket Bund (DCB) gegründet. Während des Ersten Weltkrieges musste der DCB jedoch seine Arbeit einstellen, obschon die Berliner Cricketliga nach der Absage 1914 in den Kriegsjahren 1915, 1916 und 1918 ausgetragen werden konnte. Der Spielbetrieb wurde aber durch das Wegbrechen der Beziehungen zum Vereinigten Königreich, den Kriegseinsatz mehrerer Spieler und den Verschleiß der Ausrüstung erschwert.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 28f.

Zwischenkriegsjahre Nach Kriegsende hatte der Sport mit der Anwesenheit britischer Truppen im Rheinland eine schnelle Rückkehr nach Deutschland. In den Zwischenkriegsjahren begannen Clubs aus Dänemark, England und den Niederlanden erstmals mit Touren nach Deutschland.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 33ff.

Als Folge der Machtergreifung der NSDAP im Januar 1933 und der anschließenden Gleichschaltung wurde der DCB wie alle anderen deutschen Sportverbände in die Sportdachorganisation des NS-Staates zwangseingegliedert. Innerhalb des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen war er dem Fachamt 2 untergeordnet, der auch für Fußball und Rugby Union zuständig war. Cricket galt fortan offiziell als „undeutsch“ und „dekadent“. Zu dieser Zeit wurden „männliche“ Sportarten wie Fechten gezielt gefördert, während Cricket als „weibisch“ klassifiziert wurde. In seinem Essay Raffles and Miss Blandish schilderte George Orwell die Situation des Cricket im NS-Staat wie folgt: the Nazis were at pains to discourage cricket, which has gained a certain footing in Germany before and after the last War.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 45ff. („Die Nazis bemühten sich, Cricket zu verhindern, das in Deutschland vor und nach dem letzten Krieg sicher Fuß gefasst hatte.“)

In dieser Zeit war es vor allem der politisch nicht aktive Felix Menzel, der sich um die Förderung des Cricket in Deutschland bemühte und britische Cricketspieler anregte, das Spiel auf dem Festland zu fördern. Er schlug ein internationales Turnier vor, zu dem der Marylebone Cricket Club (MCC) eine Trophäe stiften sollte. Damit war er einer der ersten, der eine Art „Cricket World Cup“ vorschlug. Das Turnier würde in England vom MCC und Mannschaften vom Kontinent wie Belgien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden ausgespielt. Es würde zwar der MCC gewinnen, er müsste den Cup jedoch beim nächsten Mal verteidigen, führte er weiter aus.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 53ff.

Nachkriegsjahre und Neubeginn Nach dem Krieg waren die meisten Pitches in Deutschland zerstört, doch mithilfe der British Army konnte der Sport abermals wiederaufgebaut werden. Anfang der 1960er Jahre verstärkten Studenten der Freien Universität Berlin aus Indien, Pakistan und den West Indies die British Berlin League.Coldham: German Cricket: A Brief History. S. 71. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 verließen die meisten Cricketspieler Berlin, das bis dahin die Hochburg des Cricket in Deutschland gewesen war, worauf nur noch ein Cricketclub in der Stadt übrig blieb. Gegen 1980 hatten indische und pakistanische Studenten den Sport wieder in Deutschland angesiedelt, wobei Deutsche ebenfalls Cricket spielten. 1988 erfolgte die Neugründung des DCB.

Obschon der Deutsche Cricket Bund erst 1991 angeschlossenes Mitglied (affiliate member) des International Cricket Council (ICC) wurde, trug Deutschland bereits 1989 seine ersten beiden Länderspiele der Nachkriegszeit gegen Dänemark aus, die es beide verlor. Ein Jahr später wurde Westdeutschland beim European Nations Cup auf eigenem Boden Fünfter. 1991 besuchte es Österreich. Das erste internationale Turnier, an dem Deutschland teilnahm, war der European Cricketer Cup in Guernsey 1990. An dem Turnier nahm es als Westdeutschland teil und erreichte das Play-off um den fünften Platz gegen die Schweiz. Die zweite Auflage 1992 in Worksop gewann die Mannschaft; sie durfte deshalb gegen den MCC im Lord’s Cricket Ground antreten und erzielte ein Remis. Der englische Fußball-Nationalspieler Gary Lineker spielte in dieser Begegnung für den MCC, erzielte aber nur einen Run, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, dass er gegen Deutschland „immer einen“ erziele.

Den ersten European Nations Cup richtete Deutschland 1993 in Berlin aus und drang bis ins Finale vor, das es gegen Frankreich mit vier Wickets verlor. Im Jahr 1995 nahm die Mannschaft am European Nations Cup in Oxford teil und beendete das Turnier hinter Portugal auf dem zweiten Platz. Im darauf folgenden Jahr war der DCB wieder Gastgeber des Turnieres, die Mannschaft kam jedoch nicht über die Vorrunde hinaus. 1997 trat der DCB dem Kontinentalverband European Cricket Council (ECC) bei. Im selben Jahr scheiterte Deutschland erst im Finale gegen Frankreich mit einem Run Unterschied. Der französische Batter David Bordes erlief trotz Schädelbruchs den letztlich entscheidenden Run Leg Bye. Der Wisden Cricketers’ Almanack nahm dieses Spiel in seiner 2000er Ausgabe in die Liste der 100 besten Spiele des 20. Jahrhunderts auf.

Seit 1998 nimmt Deutschland regelmäßig an der European Cricket Championship teil, seit 2000 in der zweiten Division. Bei der Erstteilnahme 1998 wurde es Siebter unter zehn Teilnehmern. Für das damals noch ICC Trophy genannte Qualifikationsturnier für den Cricket World Cup war Deutschland, nachdem es 1999 assoziiertes Mitglied (associate member) des ICC geworden war, erstmals 2001 in Kanada startberechtigt. Die Mannschaft kam unter Kapitän Abdul Hamid Bhatti nach einem Sieg gegen Gibraltar sowie Niederlagen gegen Namibia und Nepal aber nicht über die Vorrunde hinaus. Im Juni 2001 besuchte der Marylebone Cricket Club Deutschland für sechs Spiele, darunter eines gegen die Nationalmannschaft, das der MCC mit 13 Runs gewann.

Bei den European Division 2 Championship der Jahre 2000 und 2002 erreichte Deutschland jeweils den zweiten Platz. 2004 hatte es einen schwächeren Turnierverlauf und wurde Dritter. Zwei Jahre später erreichte Deutschland dasselbe Ergebnis, diesmal hinter Jersey und Norwegen, womit es sich für die Division Five der World Cricket League 2007–09 qualifizierte. 2007 besuchten die Deutschen England und spielten in West Yorkshire gegen County Clubs. Die ICC World Cricket League bildete seit 2007 mit mehreren Divisionen die Qualifikation für den Cricket World Cup. Deutschland erreichte in der Division Five 2008 in Jersey den siebten Platz unter zwölf Teilnehmern, nachdem es nur knapp den Halbfinaleinzug, und damit den Verbleib in der World Cricket League verpasst hatte. In der zweiten Division der European Championship wurde es Fünfter. Bei der Cricket-Europameisterschaft 2008 hatte das Team einen schwachen Turnierverlauf und erreichte nur den fünften Platz in der zweiten Division. Im Juni desselben Jahres besuchte der MCC Deutschland für vier Spiele, wobei der Gastgeber das letzte Spiel in Berlin mit 65 Runs gewann. 2010 erreichte Deutschland wieder einen guten zweiten Platz in der zweiten Division.

In der ersten Division der Cricket-Europameisterschaft 2011, die wieder direkt in die Weltmeisterschaftsqualifikation eingebunden war, erreichte Deutschland den zehnten Platz, womit es in dieser Division verblieb. 2012/2013 erreichten die Deutschen den siebten Platz, womit sie in die zweite Division abstiegen. Dort, 2014/2015, erspielten sie sich den sechsten Platz und verblieben Divisionsgleich. 2016 gewann Deutschland die zweite Division und stieg damit in die erste Division auf. In der folgenden Ausgabe 2017, die als Teil der Qualifikation für die World Cricket League 2017–19 diente, konnte die Mannschaft erstmals die erste Division auf europäischer Ebene unter Kapitän Rishi Pillai für sich entscheiden. Bei der Division Five der World Cricket League verpassten sie dann hinter Jersey und Vanuatu auf Grund einer schlechteren Net Run Rate das Halbfinale und wurden letztendlich Fünfter.

Weitere Entwicklung mini|Die deutsche Cricket-Nationalmannschaft 2012

Ab 2013 war Steven Nox Bundestrainer der Herren-Nationalmannschaft. Seit 2015 erlebt das Cricket in Deutschland ein gesteigertes Interesse, vor allem Dank Asylbewerbern aus Cricketnationen wie Afghanistan und Pakistan, die ihren Sport und ihre Leidenschaft mitbringen. Im April 2018 gewährte der Weltverband ICC allen seinen Mitgliedern vollen T20I-Status. Demzufolge werden alle T20I-Matches zwischen Deutschland und anderen ICC-Mitgliedern seit dem 1. Januar 2019 als volle T20I anerkannt. Im September 2018 qualifizierte sich Deutschland in Gruppe A der ICC World Twenty20 Europaqualifikation für die regionalen Finals des Turnieres.