mini|Die abgegangene Burg Greetsiel Die Geschichte des Burgenbaus in Ostfriesland stellt die architekturgeschichtliche Entwicklung des Burgenbaus in Ostfriesland von den Anfängen aus Holz bis zu großen Verteidigungsbauten aus Backstein dar. Sie umfasst das Gebiet der Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden.
Herrschaft und Wehrbau nahmen in Ostfriesland eine grundlegend andere Entwicklung als anderswo in Mitteleuropa. So konnte sich weder ein flächendeckendes Herrschaftssystem etablieren noch akzeptierten die Ostfriesen vor dem 15. Jahrhundert die gegenständlichen Attribute von Ritterschaft und Adel.Sonja König, Vincent T. van Vilsteren, Evert Kramer: Von Häuptlingen und Burgen. In: Jan F. Kegler, Ostfriesische Landschaft (Hrsg.): Land der Entdeckungen (= land van ontdekkingen.) Die Archäologie des friesischen Küstenraumes. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 2013, ISBN 978-3-940601-16-2, S. 283–295. Dagegen sah die ostfriesische Gesellschaftsstruktur Grundbesitz als Eigentum vor.Andreas Hülser, Reinder Reiners: Von Stadtmauern, Steinhäusern und Schanzen – Wehrbau und Befestigungsanlagen im Norden der Niederlande und in Ostfriesland. In: Jan F. Kegler, Ostfriesische Landschaft (Hrsg.): Land der Entdeckungen (= land van ontdekkingen.) Die Archäologie des friesischen Küstenraumes. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 2013, ISBN 978-3-940601-16-2, S. 313–321. Als eigenständiger Baustil hat sich dabei das Steinhaus als ostfriesische Variante des Donjon herausgebildet. Eine Recherche im Rahmen des Forschungsprojektes Manifestation der Macht ergab Hinweise auf mehr als 500 mittelalterliche Steinhäuser im Raum zwischen Weser und Ems, von denen in der Region jedoch nur wenige erhalten geblieben sind. Die meisten Burgen wurden nach dem Übergang Ostfrieslands an Preußen (1744) zerstört, andere zu Schlössern ausgebaut. Charakteristisch für Ostfriesland sind Burgen aus Backstein, die auf Warften errichtet wurden.
Geschichtliche Entwicklung Wann der Burgenbau in Ostfriesland begann, ist unbekannt. Vor- und frühgeschichtliche Verteidigungsanlagen wurden in der Region bislang nicht entdeckt. Möglicherweise waren sie unnötig, da das Land im Norden durch die Nordsee und im Süden durch weit ausgedehnte Moorgebiete geschützt war. Die Gliederung der Landschaft durch Marsch und Moor sorgte zudem für eine Kleinteiligkeit der Siedlungsgebiete, die eine flächendeckende Herrschaftsbildung nicht zuließ.Rolf Bärenfänger: Ostfriesische Verteidigung. Steinhäuser und Burgen. In: Matthias Utermann (Hrsg.): Archäologie mittelalterlicher Burgen (= Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Nr. 20). Deutsche Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit e. V., Paderborn 2008, (Print), (Internet), S. 69–76 ( PDF; 3,55 MB).
Nach der Eingliederung der Region in das Frankenreich wurde Ostfriesland ab dem 9. Jahrhundert Ziel mehrfacher Normanneneinfälle, bei denen die Bevölkerung auf sich allein gestellt war. Die Verteidigung des Landes organisierte Karl der Große, indem er in Friesland entlang der Küste und insbesondere an den Flussmündungen eine Küstenwacht einrichtete, die sich auf die Selbsthilfe der waffenfähigen und königstreuen Friesen stützte. Bis dato ist unbekannt, wo die Bewohner des Landstriches gegen die Invasoren Schutz suchten und ob dafür Verteidigungsanlagen errichtet wurden.Hajo van Lengen: Burgenbau und Stadtentwicklung. In: Rolf Bärenfänger: Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland Bd. 35 Ostfriesland. Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1415-8, S. 132. Tatsächlich gelang mit dem Sieg in der Schlacht bei Norditi im Jahr 884 die dauerhafte Vertreibung der Wikinger aus Ostfriesland, diese stellten aber eine stete Bedrohung dar. Die ostfriesischen Männer wurden dafür vom Militärdienst auf fremden Territorien freigestellt. Die Friesen entwickelten daraus den politischen Mythos, Karl der Große sei der Stifter der Friesischen Freiheit gewesen, wahrscheinlich wurde diese aber erst später gewährt. Dazu begann etwa um das Jahr 1000 herum der genossenschaftlich organisierte Deichbau, der die ostfriesischen Landesgemeinden zwischen 1150 und 1250 in einem losen Zusammenschluss verband.
mini|Siegel des Upstalsboom-Bundes (1324) mit idealisierter Darstellung friesischer Krieger Im Ergebnis konnten sich so über Jahrhunderte in Friesland keine adeligen Strukturen durchsetzen, während in Europa die Feudalherren regierten. Gegen Ende der Karolingerzeit entstand ein Verbund zunehmend von den herrschaftlichen Gruppen im Kernland des Frankenreichs abgekoppelter Bezirke, den Landesgemeinden, die sich symbolisch als die Sieben Seelande bezeichneten. In dieser antifeudalistischen Stimmung wurde der gerüstete Ritter, der sareda riddere zum Feindbild schlechthin, dem die Friesen ihr Selbstbild in einem mit Lanze oder Schwert sowie Rundschild bewaffneten Fußkrieger entgegenstellten. Dementsprechend war ihnen die Burg als Ausdruck des Feudalismus verhasst und der Bau einer solchen dem Einzelnen verboten.Hajo van Lengen: Bauernfreiheit und Häuptlingsherrlichkeit im Mittelalter. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen (Hrsg.): Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Ostfriesische Landschaftliche Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Aurich 1995, ISBN 3-925365-85-0, S. 115. Die ersten Burganlagen entstanden wohl am Rande der Landesgemeinden und wurden von diesen zur Verteidigung gegen ihre Nachbarn errichtet. Beispiele dafür sind die Olde Borg in Norden, die Schlüsselburg bei Detern und die Burg Borgholt bei Ardorf.
Die große Anzahl der Friesen mit einem eigenen Hof, die so genannten „Eigenerfden“ oder „Eigenbeerbten“,Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Diss. Münster 1999, S. 36 (repositorium.uni-muenster.de PDF; 1,8 MB). waren während der Zeit der so genannten Friesischen Freiheit dem eigenen Anspruch nach gleich in Ansehen und Person, obwohl es eine Oberschicht aus großgrundbesitzenden Bauern („potentes“) gab, die die eigentliche Macht in ihren Händen hielten.Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Diss. Münster 1999, S. 37 (repositorium.uni-muenster.de PDF; 1,8 MB). Aus ihrem Kreis entstammten meist die Consules oder Redjeven, die den Landesgemeinden vorstanden.
Ab dem 13. Jahrhundert zerfiel die Friesische Freiheit zusehends. Die Entwicklung verlief dabei in den einzelnen Landesgemeinden höchst unterschiedlich. Während einige bereits früh in die Abhängigkeit lokaler Familien gerieten, bewahrten sich andere noch ihre republikanische Verfassung. Erste Ansätze lokaler Herrschaftsausbildung und den damit einhergehenden Bau von Burgen versuchten die Landesgemeinden noch mit einem Verbot zu verhindern.Wolfgang Rüther: Hausbau zwischen Landes- und Wirtschaftsgeschichte. Die Bauernhäuser der Krummhörn vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Diss. Münster 1999, S. 27 (repositorium.uni-muenster.de PDF; 1,8 MB). So heißt es beispielsweise im Brokmerbrief, einer Rechtsquelle aus dem 14. Jahrhundert:Vgl. Wybren J. Buma, Wilhelm Ebel (Hrsg.): Das Brokmer Recht. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1965, ISBN 3-525-18151-5, S. 91 (books.google.com), gesehen am 16. April 2011.
mini|links|Turm des Steinhauses Bunderhee Vor allem in den Marschengebieten sorgte das Zusammentreffen von Handel und Landwirtschaft an Orten mit direktem Meereszugang dafür, dass einzelne Geschlechter so viel Macht anhäuften, dass sie sich bereits im 13. Jahrhundert über das Verbot des Baues von Burgen und Steinhäusern hinwegsetzen konnten. Die Besitzer der ältesten Steinhäuser waren sozial besser gestellte Personen (sog. nobiles), die jedoch zunächst keine Führungsrolle in ihren jeweiligen Landesgemeinden innehatten. Diese Familien, deren Reichtum auf bäuerlichem Wirtschaften basierte, wohnten nicht in ihren Burgen, waren aber finanziell in der Lage, diese zu erbauen und zu unterhalten. Ihre Steinhäuser standen deshalb auch nicht isoliert, sondern bildeten den repräsentativen Teil eines von Landwirtschaft und/oder Handel geprägten Gutshofes. Mit der Zeit wurde es für die wohlhabenden Familien üblich, ein Steinhaus zu besitzen, so dass es in einem Ort sogar mehrere davon geben konnte. So könnten beispielsweise in Stapelmoor bis zu fünf dieser Bauten gestanden haben. Nach und nach entwickelten sich die Bauten zu reinen Wohntürmen.
Im weiteren Verlauf des 14. Jahrhunderts sorgten Ereignisse wie etwa der Ausbruch der Pest und große Sturmflutkatastrophen für eine weitere Destabilisierung der Verhältnisse. Dabei konnten die besitzenden Familien die Schäden wohl eher verkraften als ärmere Familien und wurden so immer mächtiger.Hajo van Lengen, Erik Peters, Wolfgang Schwarz: Die Burg der Beninga zu Wirdum in Ostfriesland. Oldenburg 2003, ISBN 3-89598-921-5, S. 29. Schließlich schufen sie ein Herrschaftssystem, in dem sie als „Häuptlinge“ (hovedlinge) die Macht über mehr oder weniger weite Gebiete an sich rissen. Im Verlauf des 14. Jahrhunderts entwickelten sich unter den einzelnen Häuptlingsfamilien Fehden, die bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt wurden. Zur Finanzierung dieser Streitigkeiten diente das Kapern von Schiffen ebenso wie das gezielte Strandenlassen von Kauffahrern mittels falscher Leuchtfeuer. Bis Ende des 14. Jahrhunderts bildeten die Machtkämpfe der Häuptlingsfamilien ein lokales Problem. Nachdem die Vitalienbrüder durch den Deutschen Orden 1398 von der Ostseeinsel Gotland vertrieben worden waren, fanden sie jedoch Aufnahme bei einigen der ostfriesischen Herrscher, die sie als Streitmacht einsetzten. Die Seeräuber profitierten dabei von der Abgeschiedenheit Ostfrieslands auf dem Landwege bei gleichzeitigem Zugang vieler Häuptlingssitze zu den Seewegen vor der ostfriesischen Küste. Dadurch kam es zu erheblichen Spannungen mit der Hanse.Thomas Hill: Die Stadt und ihr Markt: Bremens Umlands- und Aussenbeziehungen im Mittelalter (12.–15. Jahrhundert). Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08068-6, S. 292. Vor allem die Städte Hamburg und Bremen sahen sich durch die Seeräuber geschädigt.Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Selbstverlag, Leer 1975, S. 79. In der Folgezeit marschierten deren Heere mehrfach in Ostfriesland ein und zerstörten mehrere Steinhäuser. Zum Schutz der eigenen Interessen errichteten die Hamburger ab 1435 in Stickhausen und Leerort Burgen.
Erst der Aufstieg der Cirksena um 1430, als Edzard Cirksena sich als Anführer eines Bundes der Freiheit durchgesetzt hatte, beendete diese von lang anhaltenden Fehden geprägte Phase, zugleich aber auch die Sonderstellung der regionalen Gesellschaftsverfassung. Ulrich Cirksena, ein Angehöriger eines der letzten einflussreichen Häuptlingsgeschlechter, wurde 1464 von Kaiser Friedrich III. in den Reichsgrafenstand erhoben und mit Ostfriesland als Reichsgrafschaft belehnt. Es gehörte zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis. Die Hamburger zogen daraufhin im Jahre 1453 ihre Garnisonen ab und übergaben ihre Burgen dem ostfriesischen Grafenhaus.
mini|Die erhaltene Vorburg in Pewsum Mit der Etablierung der Landesherrschaft der Cirksena verloren die meisten Häuptlingsburgen ihre Verteidigungsfunktion. Ihre Besitzer bildeten fortan die Ostfriesische Ritterschaft und damit den ersten Stand in der Landschaftsversammlung. Viele ließen ihre Burgen zu repräsentativen Vierflügelanlagen mit großem Innenhof umgebauen, so etwa die Burg Hinta. Andere Häuptlingsburgen zeugen vom wirtschaftlichen Niedergang ihrer Besitzer, die in der Gruppe der reicheren Bauern aufgingen. Zu nennen ist dabei die Osterburg in Groothusen, die sich zu einem großbäuerlichen Anwesen entwickelte.