Gebirgslandschaft mit Regenbogen ist ein um 1809 entstandenes Gemälde von Caspar David Friedrich. Das Bild in Öl auf Leinwand im Format 70 cm × 102 cm befindet sich im Museum Folkwang, Essen.
Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt im Vordergrund einen Wanderer auf einem von Gras bewachsenen Bergplateau, der an einem zur Seite gekippten Felsen lehnt, sich auf einen Stock abstützt und seinen Zylinder abgelegt hat. Er ist auffällig mit weißen Hosen und einem roten Hemd bekleidet, wirkt vor der durchweg braun-grauen Bildtönung als starker Kontrast. Die Kleidung ist im historischen Kontext die eines Städters. Die Berglichtung wird von Laubbäumen oder Sträuchern gerahmt, die sich zur Mitte neigen. Der Wanderer blickt in eine nicht abschätzbare Schlucht, deren Grund von Nebel bedeckt scheint. Die links und rechts aufsteigenden Berge sind mit Tannenwäldern bewachsen. In die Tiefe des Mittelgrundes staffelt sich silhouettenhaft ein Mittelgebirge mit einem zentralen hohen Bergkegel, in nächtlicher Dunkelheit ohne erkennbare Binnenzeichnung. Den Himmel bedecken dichte düstere Wolken. Durch eine Wolkenlücke leuchtet kaum erkennbar der Mond mit silbernem Licht. Über den Bergkegel spannt sich ein heller Regenbogen in den Farben Grau und Gelb.
Bild und Natur mini| Růžovský vrch (Rosenberg), vom Noldenberg gesehen Das Bild ist als Fantasieort komponiert. Dennoch lassen sich die Bildelemente durch die verwendeten Zeichnungen verschiedener Landschaften aus unterschiedlichen Zeiten zuordnen. Bei dem hohen Berg im Hintergrund handelt es sich um den 619 Meter hohen Rosenberg mit fast kreisrunde Kegelform in der Böhmischen Schweiz vom Aussichtspunkt Kanapee über dem Prebischtor aus gesehen, der auf einer Wanderung im Jahr 1808 gezeichnet wurde. Friedrich hat diesen Berg auch in dem Gemälde Der Wanderer über dem Nebelmeer verwendet. Bei den Sträuchern links und rechts ist die Herkunft, trotz vorhandener Zeichnungen, unbekannt.
Struktur und Ästhetik Die Landschaft ist mit einem überdehnten Blickwinkel erfasst. Das Schema der symmetrischen Komposition scheint mathematischen Regeln zu folgen. Der Gipfel des hohen Berges in der Bildmitte liegt im Schnittpunkt der Bilddiagonalen. Die wellige Horizontlinie teilt das Bild im Verhältnis des Goldenen Schnitts. Der Krümmung des Regenbogens antwortet ein angedeuteter Linienverlauf im unteren Teil des Bildes, so dass Vorder-, Mittel- und Hintergrund von einer Ellipsoid-Form umfasst werden. Etwa auf der Mittelachse befinden sich die Spitze des höchsten Berges und die Gestalt des Wanderers, die somit beide aufeinander bezogen sind. Die Blickrichtung des Wanderers hebt die räumliche Diskontinuität des Bildes auf und stellt die Beziehung zwischen Nähe und Ferne her,Peter Märker: Caspar David Friedrich. Geschichte und Natur. Kehrer Verlag, Heidelberg 2007, S. 111. wenngleich die Schlucht als Raumsperre gesehen werden kann. Die Komposition ist in dem für Friedrichs Gemälde typischen Dreitakt ineinander übergehender horizontaler Streifenräume angelegt, eine für die Ikonisierung der Landschaft bedeutsame Struktur.Werner Hofmann: Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit. C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46475-0, S. 154. Der Wanderer erscheint durch sein abgewandtes Gesicht als Rückenfigur, die die Räumlichkeit des Bildes verstärkt.
Bilddeutung Augenscheinlich ist in dem Gemälde, ähnlich wie beim etwa zur selben Zeit entstandenen Mönch am Meer, ein einsamer Mensch mit der übermächtigen Natur konfrontiert. Mit dieser Beschreibung erschöpfen sich die wesentlichen Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Interpretationen.
Religiöses Sinnbild In der Deutung als persönliches religiöses Bekenntnis (Helmut Börsch-Supan) lehnt sich der Wanderer an den Felsblock als Symbol des Glaubens, der hohe Berg sei in seiner Abstraktheit ein Gottessymbol hinter dem Tal des Todes, das der Wanderer durchqueren muss, um zum Ziel seines Weges zu gelangen. Der abgelegte Hut wird als Demutsgeste gesehen. Der Regenbogen wölbt sich darüber als Zeichen des Friedens.Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrich. Prestel Verlag, München 1973, S. 88. Karl-Ludwig Hoch hält die Bergdarstellung Friedrichs für eine Art Nachfolge des Bergglaubens, vor allem weil der Maler ein vertrautes Gebirge des Dresdner Umlandes ins Bild holt. Die Dominanz des hohen Bergs und die Abgründigkeit des Tals seien Sinnbild für Höhen und Tiefen des Lebens.Karl-Ludwig Hoch: Caspar David Friedrich und die böhmischen Berge. Dresden 1987, S. 82.
Motiv-Paare mini|Caspar David Friedrich: Landschaft mit See, (Böhmische Landschaft), 1810 Hubertus Gaßner reduziert die Bildidee weitgehend auf ein technisches Experiment, in dem versucht wird, Tag und Nacht als Pole und Gegensatz in einem einzigen Bild zur Einheit zu bringen, wie das der Maler später mittels unterschiedlicher Anleuchtung bei seinen Transparentbildern realisiert. Wobei hier in der paradoxen Konstruktion der Mond hinter den Wolken die Nachtbeleuchtung im Hintergrund und eine unsichtbare Sonne den Vordergrund erhelle.Hubertus Gaßner: Komposition, Hyperbeln, Symmetrien und Gitterstrukturen, rhythmische Folgen, Bildpaare und Serien. In: Caspar David Friedrich: Die Erfindung der Moderne. Ausstellungskatalog Essen/Hamburg, 2006/2007, S. 279 ff. Helmut Börsch-Supan erkennt dann doch in der Gebirgslandschaft mit Regenbogen nur den Abend eines Bildpaares, zu dem die Landschaft mit See als der Morgen gehöre. Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen. Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 309. Peter Märker findet für dieses Bildpaar auch noch historisch intendierte Bedeutungsschichten. Beim Abendbild sind das die Aneinanderreihung von Gegenwart und Zukunft, das Gebirge als Symbol sowohl des vergangenen mittelalterlichen als auch des zukünftigen Christentums.Peter Märker: Caspar David Friedrich. Geschichte und Natur. Kehrer Verlag, Heidelberg 2007, S. 112.
Tageszeit und Regenbogen Diskutiert werden zu dem Bild neben der Datierung hauptsächlich die dargestellte Tageszeit. Meist ist eine nächtliche Landschaft favorisiert.Sigrid Hinz: Caspar David Friedrich als Zeichner. Diss., Greifswald 1966, S. 90. Die Naturerscheinung auf dem Gemälde irritierte bereits Friedrichs Zeitgenossen, wie den Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, der von einem Regenbogen sprach, der „wie eine Conditor-Arbeit“ aussehe. Erstmals erkannte 1931 Heinz Köhn einen MondregenbogenHeinz Köhn: Deutsche Romantik im Folkwang Museum. In: Pantheon VII, 1931, S. 112. und wird damit bis heute oft zitiert. In anderen Interpretationen ist dieser Regenbogen durch „die tiefstehende Sonne vor schwarzem Gewitterhimmel“ erzeugt.K. Köhn: Museumsberichte, Folkwang-Museum Essen. Wallraf-Richartz-Jahrbuch XII/XIII (1943), S. 328 f. Helmut Börsch-Supan erklärt die Widersprüchlichkeit in den Beleuchtungsverhältnissen damit, dass das Bild als Nachtbild angelegt war und dann um einen Regenbogen symbolisch bereichert wurde, als Ausdruck der Versöhnung des Menschen mit Gott. Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen. Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 309. Wieland Schmied vermutet in der unwirklichen Inszenierung die Stunde zwischen Tag und Nacht, in der der Mond hinter den Wolken zu ahnen ist, aber noch verspätetes Sonnenlicht den Wanderer erreicht. Die Botschaft des Bildes sei: auch mitten im Leben ist der Tod an unserer Seite, nur einen Schritt weit von uns entfernt.Wieland Schmied: Caspar David Friedrich. Zyklus, Zeit und Ewigkeit. Prestel Verlag, München 1999, S. 7.
Theologie mini|hochkant|Gottes Segen über Noah und seine Söhne; der Regenbogen als Zeichen des Bundes Wird der Regenbogen hier nicht als Naturphänomen, sondern als religiöses Symbol gesehen, stellt sich die Frage der theologischen Interpretation. So wie Friedrich den hohen Berg in der Ferne arrangiert hat, wie auch in dem Bild Kreuz mit Regenbogen (1816), ist wohl der Verweis auf Gott gemeint, im alttestamentlichen Sinn der Berg als Ort der Gottesbegegnung. Nach den Äußerungen des Malers zum Regenbogen bezieht er sich offenbar auf das Alte Testament, 1. Buch Mose , in dem der Regenbogen ein Zeichen des Bundes ist, den Gott mit Noah und den Menschen schloss, als Zeichen des Friedens zwischen Mensch und Gott.
Bild der Verlassenheit mini|hochkant|Caspar David Friedrich: Catharina Dorothea Sponholz, um 1798 Die im Vordergrund dargestellte Gestalt wurde schon früh als ein Selbstbildnis des Malers erkannt.Herbert von Einem: Caspar David Friedrich. Berlin 1938. Identifiziert sei der Maler durch den runden Kopf und das blonde Haar.Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrich. Gefühl als Gesetz. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2008, S. 120. Diese Ansicht ist bis heute unwidersprochen. In der Interpretation gilt das Augenmerk auch der auffällig roten und weißen Kleidung des Mannes. Friedrich kleidete sich stets in ein dunkles Tuch.
Philosophische Interpretation mini|hochkant|Friedrich Wilhelm Schelling Otto von Simson verweist mit seinem Deutungsansatz auf die Komposition der „Schwelle“ und versucht das dargestellte „Schwellen“-Erlebnis mit den Begriffen der Existenzialontologie Martin Heideggers zu verdeutlichen. Der Mensch sei wie beim Mönch am Meer als unendlich Kleines der Unermesslichkeit des Kosmos den Mächten der Natur auf einer engen Schwelle seiner irdischen Existenz ausgesetzt.Otto von Simson: Der Blick nach Innen. C. D. Friedrich, Spitzweg, L. Richter, W. Leibl. Berlin 1986, S. 17.
Joseph Leo Koerner bezieht sich in seiner Auseinandersetzung mit der Gebirgslandschaft mit Regenbogen auf die Philosophie Schellings, wonach der Zwiespalt des Subjekts und des Objekts des Menschen im Kunstwerk überwunden wird. Mit Verweis auf die geometrische Anlage des Bildes sei die strukturale Symmetrie des Regenbogens der Idealisierung des Subjekt-Objekt-Dualismus des menschlichen Erlebens zuzuordnen.Joseph Leo Koerner: Caspar David Friedrich. Landschaft und Subjekt. München 1998 (zuerst engl. 1990), S. 125 f. Mit der Rückenfigur als Selbstbildnis des Künstlers erscheine die ganze dargestellte Natur als Bild des inneren Erlebens des Künstlers von Ich und Welt.
Anregung Karl Ludwig Hoch hält es für möglich, dass Friedrich in der Darstellung der Nachtszene thematisch von populärer zeitgenössischer Literatur beeinflusst sein konnte.Karl-Ludwig Hoch: Caspar David Friedrich und die böhmischen Berge. Dresden 1987, S. 83. Dafür kämen in Frage der Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen von Ludwig Tieck,Alfred Anger (Hrsg.): Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen. Studienausgabe. Stuttgart 1999, ISBN 3-15-008715-5. der Aufsatz Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft von Gotthilf Heinrich von SchubertGotthilf Heinrich Von Schubert: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. Ulan Press, 2012. und der Gedichtzyklus Hymnen an die Nacht von Novalis.Novalis: Hymnen an die Nacht. Hymnen, Lieder und andere Gedichte. Anaconda Verlag, 2006.
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