mini|hochkant=1.3|Die Lithografie Sturm auf die Kartoffelstände zeigt eine wütende Menschenmenge, die Kartoffelhändler attackiert. Vinzenz Katzler (1823–1882), um 1847 in Wien

Als Kartoffelrevolution wird die Hungerrevolte bezeichnet, die sich zwischen dem 21. April und 22./23. April 1847Das Ende der Kartoffelrevolution wird entweder auf den 22. oder 23. April 1847 datiert. Nach der Darstellung des zeitgenössischen Schriftstellers Adolf Streckfuß (1823–1895) sollen zwar noch am 23. April 1847 aufständische „Vorstädter“ durch die Stadttore eingedrungen sein, dabei aber Berlin von dem Militär bereits besetzt vorgefunden haben, sodass sie keine Plünderungen mehr gewagt hätten. Vgl. hierzu: Wilfried Löhken: Die Revolution 1848, Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. In: Berliner Geschichte(n). Band 2. Edition Hentrich, Berlin 1991, S. 17. Laut dem Historiker Ilja Mieck „wiederholten“ sich am 23. April die „Zwischenfälle“ der vorangegangenen Tage. Vgl. hierzu: Ilja Mieck, Preußen von 1807 bis 1850, Reformen, Restauration und Revolution. In: Handbuch der Preußischen Geschichte, hrsg. v. Otto Büsch. Bd. 2. Bern 1992, S. 3–292, hier S. 226. Der Historiker Manfred Gailus spricht hingegen von einer „zweitägigen Berliner Kartoffelrevolution (21./22. April)“. Vgl. hierzu: Hungerunruhen in Preußen. In: Manfred Gailus und Heinrich Volkmann (Hrsg.), Der Kampf um das tägliche Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770–1990. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994, S. 176–199, hier S. 181. in der preußischen Hauptstadt Berlin ereignete.

Auslöser waren Missernten infolge der Kartoffelfäule, die auch die Große Hungersnot in Irland sowie Hungerkrisen und erhöhte Lebensmittelpreise in anderen Ländern Europas verursacht haben. Weitere Gründe lagen im sozialen Elend größerer Teile der Stadtbevölkerung. Die Revolte, die sich auch gegen die verbreiteten Betrugsmethoden der Berliner Bäckereien und Fleischereien richtete, wurde durch den Einsatz des Militärs niedergeschlagen. Wie der kurz zuvor eröffnete erste Vereinigte Landtag Preußens gehört auch die Kartoffelrevolution zur Vorgeschichte der Berliner Märzrevolution von 1848.

Begrifflichkeit und Einordnung Die Bezeichnung Kartoffelrevolution wurde bereits von den Zeitgenossen geprägt. Sie wurde jedoch davor und danach auch für andere Unruhen verwendet, so etwa 1844 in Newcastle in der Gegend von Limerick oder 1872 in Tarnow bei Lemberg. In seinem Werk Berliner März 1848 bezeichnete auch der Schriftsteller Adolf Streckfuß (1823–1895) die Revolte mit diesem Begriff.Adolf Streckfuß: Berliner März 1848. Das Neue Berlin, Berlin 1948, S. 22. Er geht darauf zurück, dass die Hunger- und Sozialrevolte mit der Plünderung von Kartoffelständen begann, wird den Geschehnissen jedoch kaum gerecht, da die Aufständischen nicht nur Kartoffelstände attackierten. Der Protest erfasste auch Bäckereien und Fleischereien sowie „Lokalitäten und Statussymbole der wohlhabenden Berliner Bürger“ (Rüdiger Hachtmann).Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, S. 83.

Die Kartoffelrevolution war eine von 193 bekannten Hungerunruhen, die den Deutschen Bund im Jahr 1847 erschütterten. 65 Prozent dieser Aufstände fanden auf preußischem Boden statt, nur dessen westliche Provinzen blieben davon weitgehend verschont.Manfred Gailus: Hungerunruhen in Preußen. In: derselbe und Heinrich Volkmann (Hrsg.), Der Kampf um das tägliche Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770–1990. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994, S. 176–199, hier S. 176–177. Manfred Gailus schätzt, dass sich in den deutschen Staaten 1847 zehntausende Personen an Hungerunruhen aktiv beteiligten. In der Berliner Kartoffelrevolution vermischten sich verschiedene Protestformen: Der anfängliche „Marktkrawall“ entwickelte sich zu einer umfassenderen Attacke auf Lebensmittelgeschäfte.Manfred Gailus: Hungerunruhen in Preußen. In: Manfred Gailus, Heinrich Volkmann (Hrsg.), Der Kampf um das tägliche Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770–1990. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994, S. 176–199, hier S. 182. Während die Proteste, so der Politikwissenschaftler Wilhelm Bleek, in einwohnerreichen (und durch Zuzug schnell wachsenden) Städten wie Berlin und Stuttgart Züge einer „gewalttätigen Machtprobe mit der Obrigkeit und den Wohlhabenden“ annahmen, beschränkten sich die Geschehnisse in Kleinstädten häufig auf eine „Umverteilung“ von Lebensmitteln.Wilhelm Bleek: Der Vormärz. Deutschlands Aufbruch in die Moderne. Beck, München 2019, S. 278. In den deutschen Staaten bildeten Lebensmittelunruhen zwischen 1840 und 1850 die „Hauptform“ der Sozialproteste. Vergleichbare Hungerkrisen lassen sich nur in den 1790er Jahren und 1816/1817 feststellen.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 139.

Ursachen Für das Zustandekommen der Berliner Kartoffelrevolution waren drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens fiel die Kartoffel- und Getreideernte von 1846 in Preußen durchschnittlich um 30–50 Prozent geringer aus als in den Vorjahren.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 306. Bereits im Jahr 1845 war der in Nordamerika vorkommende Kartoffelschädling Phytophthora infestans nach Europa eingeschleppt worden. Im selben Jahr verursachte dieser Pilz in den westlichen Provinzen Preußens große Schäden auf den Feldern. Die östlichen Provinzen waren aufgrund der Witterungsverhältnisse nur vereinzelt betroffen.Hans-Heinrich Bass: Natürliche und sozioökonomische Ursachen der Subsistenzkrise Mitte des 19. Jahrhunderts – eine Diskussion am Beispiel Preußens. In: Bernd Herrmann (Hrsg.): Beiträge zum Göttinger Umwelthistorischen Kolloquium 2009–2010, Universitätsverlag, Göttingen 2010, S. 141–156, hier S. 150. In Irland, das wegen seiner regenreichen Sommermonate und gemäßigten Winter besonders anfällig war, löste der Pilz die sogenannte Große Hungersnot aus. Die Kartoffelknollen verfaulten häufig noch in der Erde. Im Jahr 1846 kam in Preußen zum Ausfall der Kartoffelernten noch der schlechte Ertrag auf den Roggen- und Weizenfeldern hinzu.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert: Ein Kontinent im Umbruch – 1815–1914. DVA, München 2018, Kapitel Die „hungrigen Vierziger“ und ihre Folgen. Hierfür waren die außergewöhnlich schlechten Wetterbedingungen verantwortlich: Starkregen im April und anschließende Trockenheit. Im Rheinland ging der Roggenertrag 1846 um etwa 50, in Schlesien sogar um 60 Prozent zurück.Hans-Heinrich Bass: Natürliche und sozioökonomische Ursachen der Subsistenzkrise Mitte des 19. Jahrhunderts – eine Diskussion am Beispiel Preußens. In: Bernd Herrmann (Hrsg.), Beiträge zum Göttinger Umwelthistorischen Kolloquium 2009–2010, Universitätsverlag, Göttingen 2010, S. 141–156, hier S. 150–151.

Zweitens reagierten die preußische Regierung und die Stadtverwaltungen nur unzureichend auf den Ernteausfall. Zur Vorbeugung sozialer Unruhen hatte man in allen deutschen Residenzstädten – abgesehen von Stuttgart und Berlin – frühzeitig Getreidevorräte aufgekauft.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 306. Die preußische Regierung beauftragte erst im Januar 1847 den im Agrarhandel unerfahrenen Geheim-Sekretär Liedke damit, russisches Getreide aufzukaufen. Daraufhin erwarb er Ware, die sich als minderwertig herausstellte. Bereits bei der Ankunft im Hafen von Stettin wurde offensichtlich, dass das Getreide verdorben war. Der noch essbare aus dem russischen Getreide gemahlene Ladungsteil wurde durch die Zugabe von Gersten- und Maismehl gestreckt. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung ihrerseits hatte zwar schon im Oktober 1846 in einer Petition den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. darum gebeten, den Export von Getreide, Kartoffeln und Spiritus zu verbieten. Der preußische Innenminister Ernst Albert von Bodelschwingh antwortete jedoch darauf, dass die Petition ohne Wissen des Berliner Magistrats eingereicht worden war. Wegen dieses Formfehlers sei sie nicht an den König weitergegeben worden.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 323–324. Die aus dieser Situation resultierende Verknappung der Lebensmittel in der Stadt ließ im April 1847 die Preise für Roggen um das Doppelte und für Kartoffeln um das Drei- bis Fünffache ansteigen. 1846 kosteten fünf Pfund Kartoffeln einen Silbergroschen, Ende Januar 1847 schon drei, im April fünf Silbergroschen. Die Summe entsprach dem halben durchschnittlichen Tagesverdienst der meisten Berliner.Oliver Ohmann: 1847 tobte in Berlin eine Kartoffel-Revolution. In: B.Z., 20. November 2018. In der Folge waren wirtschaftlich schwächere Gruppen der Stadt mehr noch als zuvor von Hunger und Unterernährung betroffen.Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, S. 82.

Drittens standen dieser Entwicklung auf den Märkten kaum ausgeprägte Kontrollmöglichkeiten des Staates gegenüber. Ein Polizeierlass von 1846 hatte den Berliner Bäckern vorgeschrieben, ihre Preislisten von einem Revier-Polizei-Leutnant kontrollieren zu lassen. Dementsprechend waren de jure Preise für bestimmte Brotgrößen einzuhalten. Tatsächlich ließen sich diese Vorschriften jedoch nicht flächendeckend von der Marktpolizei durchsetzen. In vielen Fällen umgingen die Berliner Bäcker daher die Vorschriften, indem sie etwa minderwertiges Material verwendeten oder Gewichtsfälschungen vornahmen. Die in Jahrzehnten angesammelte Unzufriedenheit der Marktkäufer über diesen alltäglichen Missstand entlud sich schließlich in der Kartoffelrevolution.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 311–312.

Die genannten Probleme vermengten sich mit der allgemein prekären sozialen Lage größerer Teile der Bevölkerung. Zahlreiche Familien siedelten vom Land in die Großstadt um. Das so entstehende Überangebot an Arbeitskräften drückte die Löhne in Berlin. Gleichzeitig verlängerten sich die Arbeitszeiten auf häufig 17 Stunden am Tag. Kinderarbeit war Teil des Alltages. Bereits minimale Preisschwankungen genügten, um Hunger in der Stadt zu einer Massenerscheinung werden zu lassen.Wilfried Löhken: Die Revolution 1848. Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. Edition Hentrich, Berlin 1991, S. 13. Eine Finanz- und Gewerbekrise führte 1847 zu Massenentlassungen im Berliner Textil- und Maschinenbausektor. Die Zahl der Arbeitslosen nahm nochmals weiter zu.Wilfried Löhken: Die Revolution 1848. Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. Edition Hentrich, Berlin 1991, S. 15.

Die Unruhen

Ausbreitung im Stadtgebiet In der Forschung ist umstritten, wo die Kartoffelrevolution genau ihren Ausgangspunkt nahm. Die Schwierigkeiten hierbei bestehen in der großräumigen Verteilung der Unruhe im Stadtgebiet und der zahlreichen Aktionen voneinander unabhängiger Gruppen. Am Morgen des 21. April 1847 kam es etwa zeitgleich an acht Marktplätzen der Stadt zu Ausschreitungen. Zentren dieser ersten Unruhen waren meist die äußeren Stadtteile Berlins, vor allem die Friedrichstadt, die Rosenthaler Vorstadt und der Bereich östlich des Alexanderplatzes.Manfred Gailus: Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847–1849. Göttingen 1990, S. 307.