mini|hochkant=1.5|Ungefähre Entwicklung der Höchstgeschwindigkeit verschiedener Motorfahrzeuge im Vergleich zu einem galoppierenden Reiter (stark idealisiert)
Unter technischem Fortschritt versteht man die Gesamtheit aller technischen Errungenschaften einer Kultur.
Durch technischen Fortschritt kann entweder eine gleiche Produktionsmenge (Output) mit einem geringeren Einsatz von Arbeit inklusive Produktionsmittel (Input) erstellt werden oder eine höhere Menge mit dem gleichen Einsatz an Produktionsmitteln und Arbeit. Neben der quantitativen Verbesserung des Input-Output-Verhältnisses gibt es auch qualitative Verbesserungen wie neue Erzeugnisse (siehe auch Chronologie der Technik).
Wie bei der biologischen Evolution werden auch beim technischen Fortschritt – auch technische Evolution genannt – die Zeitabschnitte zwischen den Entwicklungsschritten immer kürzer.Walter Franke: Geowissenschaftliche Aspekte der Technikentwicklung Verfügbarkeit von Rohstoffen und Umweltprobleme. Skript zur Lehrveranstaltung, 2014, Freie Universität Berlin, geo.fu-berlin.de (PDF; 2,1 MB) S. 2–5, 64–65.
Jegliche Entwicklungstrends, die gemeinhin als Fortschritt bezeichnet werden, haben Auswirkungen auf den soziokulturellen- und ökonomischen Wandel. Der Fortschrittsbegriff wird heute vielfach allein auf den technischen Fortschritt reduziert.Sascha Vukelic: Unternehmensidentität als Ressource. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2000, ISBN 978-3-663-07970-5. S. 83. Dies wird der ursprünglich viel weiter gefassten Bedeutung der Fortschrittsidee als „Streben nach Vervollkommnung“ jedoch nicht gerecht, da die Fortschrittsimpulse losgelöst von ethischen Fragen stattfinden und ihre Umsetzung vorrangig rein wirtschaftlichen oder politischen Interessen dient.Johannes Weyer: Technischer Fortschritt – Fluch oder Segen. online, Bundeszentrale für politische Bildung, Beitrag vom 8. März 2017, abgerufen am 5. Juni 2019. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist die Kernenergie, deren vielfältige Risiken die Anti-Atomkraft-Bewegung der Öffentlichkeit bekannt gemacht hat; oder der Missbrauch dieser Energieform für die Atombombe als Massenvernichtungswaffe.Aissa Marabou: Der technische Fortschritt. Ursachen, Wirkungen und Grenzen. GRIN Verlag, München 2014, Einleitung.
Der technische Fortschritt ist ein entscheidender Antrieb für das Wirtschaftswachstum. Während letzteres jedoch im Vergleich mit anderen (nicht marktwirtschaftlich orientierten) historischen oder rezenten Wirtschaftsformen schwer zu vergleichen ist, lässt sich die technische Entwicklung in vielfältiger Weise leicht quantifizieren: So ist etwa ein Vergleich der Zeitdauer, die für das Fällen eines Baumes bis hin zum entrindeten und entästeten Stamm mit historischen und modernen Hilfsmitteln (Stein- oder Metallaxt, Bügelsäge, Kettensäge, Holz-Erntemaschine) benötigt wird, offensichtlich.
Angesichts der globalen Umweltrisiken (die zum größten Teil Folgen technischer Entwicklungen sind), schwindender Ressourcen und der politischen und sozialen Auswirkungen der neuen Medien stellt sich die grundsätzliche Frage der Beherrschbarkeit moderner Spitzentechnologie. Die Geschichte der Technik zeigt, dass sehr viele technische Problemlösungen unvermutet neue und größere Probleme – oft an ganz anderer Stelle – entstehen lassen.Martina Heßler: Kulturgeschichte der Technik. Campus, Frankfurt 2012, ISBN 978-3-593-39740-5. S. 175–187.
Geschichte und Kritik mini|Die Dampfmaschine gilt als Symbol der Industriellen Revolution In der frühen Zeit der Menschheitsgeschichte war die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts relativ langsam, auch wenn es in größeren Zeitabständen ebenfalls zu großen Umwälzungen kam, etwa die Neolithische Revolution.
Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führten in der jüngeren Geschichte die Industrielle Revolution sowie seit Mitte der 1970er Jahre die Digitale Revolution.Vgl. hierzu Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Inhaltsverzeichnis (PDF; 230 kB)
Historisch hat es durchaus neben Zeiten mit technischem Fortschritt auch Zeiten mit technischem Rückschritt gegeben. Als klassisches Beispiel gilt der Untergang der antiken Kultur mit dem nachfolgenden Mittelalter. Allerdings streiten sich die Geschichtswissenschaftler in dieser Frage, inwieweit zum Beispiel in bestimmten Bereichen (Verbreitung der Wassermühle) der technische Fortschritt auch während des Mittelalters weiter ging.
Es ist umstritten, ob es sich bei einer Neuerung der Technik aufgrund der teilweise negativen Auswirkung auf Mensch, Natur und Gesellschaft immer um einen Fortschritt im Sinne einer allgemeinen Verbesserung für den Menschen handelt. Daher wird in der Literatur auch von technischem Wandel gesprochen.Najib Harabi: Technischer Fortschritt in der Schweiz: Empirische Ergebnisse aus industrieökonomischer Sicht. Zürich, Januar 1994, S. 18. Angesichts der vielfältigen globalen Probleme, die unzweifelhaft auch Folgen des technischen Fortschritts sind (beispielsweise Waldvernichtung, Reaktorkatastrophen, anthropogener Klimawandel usw.) sieht der Naturschutzbiologe Raymond Dasmann die Zukunft der Menschheit insbesondere durch die Tatsache bedroht, dass negative Folgen des Fortschritts im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten (siehe Kommunikatives Gedächtnis) und der Zustand der Welt von den darin lebenden Menschen für „normal“ gehalten wird. Überdies ginge uraltes, traditionelles Erfahrungswissen aus „Versuch und Irrtum“ verloren und stattdessen würden häufig Problemlösungen gesucht, die auf unerprobten Technologien beruhen.Raymond Dasmann: Toward a Biosphere Consciousness. In Donald Worster (Hrsg.): The Ends of the Earth: Perspectives on Modern Environmental History. 2. Auflage, Cambridge University Press, New York 1989, ISBN 0-521-34365-8. S. 277–288, insbesondere 277–279.
Ethnologische Untersuchungen an Gemeinschaften von „Ökosystem-Menschen“ (Wildbeuter, Hirtennomaden, Feldbauern) haben ergeben, dass vielfach komplexe soziokulturelle Mechanismen existieren, um die Tradition zu erhalten und (technischen) Fortschritt zu vermeiden – sofern keine zwingenden Gründe vorliegen. Claude Lévi-Strauss prägte dafür den Begriff der „kalten Kulturen“.Dietmar Treichel, Claude-Hélène Mayer (Hrsg.): Lehrbuch Kultur. Lehr- und Lernmaterialien zur Vermittlung kultureller Kompetenzen. Waxmann, Münster u. a. 2011, ISBN 978-3-8309-2531-6, S. 36.
Der Soziologe Johannes Weyer schreibt, dass technische Neuerungen von der heutigen Industriegesellschaft „als eine Art Sachzwang, der uns beherrscht und uns diktiert, wie wir sie zu nutzen haben“ wahrgenommen wird. Er macht jedoch darauf aufmerksam, dass die Richtung dieser Entwicklungen keinem „Naturgesetz“ folgt, sondern von politischen Entscheidungen gelenkt wird. Als Beispiel nennt er unter anderem den Elektromotor, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die meistverbreitete Antriebsform für Fahrzeuge war. Dennoch hat sich der Verbrennungsmotor durchgesetzt, der von verschiedenen Interessengruppen bevorzugt wurde. Erst in Zusammenhang mit der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte erlebt der Elektroantrieb erneutes Interesse. Welche Antriebsform sich spätestens nach dem Versiegen der Erdölvorräte durchsetzen wird und ob und wie die drängenden Zukunftsprobleme in den Bereichen Umwelt, Energie oder Verkehr gelöst werden, wird wiederum maßgeblich vom Einfluss ganz unterschiedlicher Akteure abhängen – und nicht (nur) von rationalen Überlegungen. Um hier Fehlentscheidungen zu minimieren, wurde das Instrument der Technikfolgenabschätzung geschaffen, das allerdings nur dann wirkt, wenn die Politik die Prognosen beachtet.
Einige Kritiker des technischen „Fortschritt“ sammeln sich in der politischen und philosophischen Strömung des Primitivismus.
Erscheinungsformen Die drei Haupterscheinungsformen des technischen Fortschritts sind: Automatisierung Rationalisierung und Synergieeffekte / positive Skaleneffekte
Es geht bei technischem Fortschritt aber nicht nur um die Steigerung der Arbeitsproduktivität – etwa dass eine bestimmte Anzahl Menschen immer mehr Autos herstellen können –, sondern auch um qualitative Veränderungen, um Neuerungen, Innovationen bei den erzeugten Produkten für den Verbrauch der Menschen.
mini|Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei gleich bleibenden Output mini|Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei konstantem Input
Joseph Schumpeter unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Neuerungen, die den technischen Fortschritt ausmachen: Einführung eines neuen Produktes, Einführung eines neuen Produktionsverfahrens, Erschließung eines neuen Marktes, Erschließung einer neuen Versorgungsquelle von Rohstoffen oder Halbfabrikaten und schließlich Einführung neuer Formen industrieller Organisation.
Dosi versteht unter dem technischen Fortschritt: „die Suche und Entdeckung, Imitation und Einführung neuer Produkte, neuer Produktionsverfahren und organisatorischer Erneuerungen.“G. Dosi: Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation. In: Journal of Economic Literature, 1988, S. 1120–1171.
Geigant geht davon aus, dass der Technische Fortschritt es bei der Herstellung von neuen oder verbesserten Produkten oder bei der Einführung neuer Produktionsverfahren ermöglicht, ein unverändertes Produkt zu gleich bleibenden Kosten in größerer Menge bzw. in gleich bleibender Menge zu niedrigeren Kosten herzustellen.F. Geigant, D. Sobotka, H.M. Westphal: Lexikon der Volkswirtschaft. Verlag Moderne Industrie, München 1987.
Der Technische Fortschritt führt also zu einem Produktivitätszuwachs dadurch dass der Input bei gleichbleibendem Output verringert werden kann (Abb.) oder der Output bei gleichbleibendem Input erhöht werden. (Abb.)
Technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum Nach Schumpeter findet auf Märkten ein schöpferischer Prozess der Zerstörung statt. Schöpferische Zerstörung bedeutet, dass Innovationen auf den Markt kommen, die andere Produkte vom Markt verdrängen. Durch den Wettbewerb wird dieser Prozess angefacht, da Unternehmen nach Innovationen streben, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Die Innovationen stellen einen Technischen Fortschritt dar, der zu einer Steigerung der Produktivität führt. Das ermöglicht eine Senkung der Preise und somit verbesserte Chancen im Wettbewerb. Der Technische Fortschritt ist dynamisch effizient, da aufgrund der Produktivitätssteigerung weitere Anreize zu Innovationen gesetzt werden.
Zusammen mit dem Lernkurveneffekt (d. h. Senkung der Stückkosten bei Steigerung der Produktion aufgrund von Erfahrung der Arbeitskräfte) und der Humankapitalakkumulation (zum Beispiel Steigerung des Bildungsgrades durch Fortbildung der Mitarbeiter) ist der technische Fortschritt also eine wichtige Quelle für Produktivitätssteigerung und Wirtschaftswachstum.Lutz Arnold: Wachstumstheorie. Verlag Vahlen, München 1997.
Das Wachstum aufgrund des Lernkurveneffekts oder der Humankapitalakkumulation kommt jedoch aufgrund des sinkenden Grenznutzens (unter den neoklassischen Annahmen) im Gegensatz zum Technischen Fortschritt immer an seine Grenze. Allein der Technische Fortschritt ermöglicht ein langfristiges Wirtschaftswachstum (siehe auch endogene Wachstumstheorie).
Die Bedeutung für das Wirtschaftswachstum belegen auch empirische Untersuchungen von 1994, nach denen der Beitrag des Technischen Fortschritts zum Wirtschaftswachstum je nach Berechnungsart zwischen 40 % und 60 % liegt.Najib Harabi: Technischer Fortschritt in der Schweiz: Empirische Ergebnisse aus industrieökonomischer Sicht. Zürich, 1994, S. 9.