mini|Secale cereale mini|Roggenfeld
Roggen (Secale cereale), von althochdeutsch rocko bzw. mittelhochdeutsch rocke, neuhochdeutsch mit „-gg-“ seit Gottsched,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 604.Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 450 (zu rockenmel: Roggenmehl). ist eine in den gemäßigten Breiten verbreitete Getreideart aus der Familie der Süßgräser (Poaceae). Er liefert auch auf leichteren oder sandigen Böden und an kühleren oder feuchten Standorten noch gute Erträge. In Europa wird häufig Winterroggen angebaut, während Sommerroggen eine untergeordnete Bedeutung hat.
Regional wird Roggen auch nur Korn genannt.
Das Korn des Roggens wird für Nahrungsmittel, besonders für Roggenbrot, aber auch für Futter- und Genussmittel oder als Nachwachsender Rohstoff genutzt. Teilweise wird auch die noch grüne Pflanze (Grünroggen) als Futtermittel in Form von Schrot oder Silage verwendet. Das bei der Getreideernte zurückbleibende Stroh dient vorwiegend zur Einstreu in Viehställen.
Beschreibung mini|Gekeimte Roggenkörner mini|Roggenblüte mini|Roggenkörner mini|Winterroggengarben Vegetative Merkmale Der Roggen ist eine einjährige Pflanze, die meist in Büscheln wächst und 1 bis 1,5 (bis 3) Meter hoch wird. Jeder Halm trägt 4 bis 5 (bis 8) kahle Knoten. Die Blattscheiden sind bis zum Grund offen, glatt und kahl oder zerstreut behaart. Die Ligula ist ein 0,5 bis 1 Millimeter hoher kahler, kragenförmiger, häutiger Saum. Die Blattspreiten sind 10 bis 30 Zentimeter lang und 5 bis 10 Millimeter breit. Die Blattspreite hat am Grunde 2 schmale, den Halm umgreifende Öhrchen.
Generative Merkmale Der Roggen besitzt eine 5 bis 20 Zentimeter lange (ohne Grannen gemessen), etwa 10 Millimeter breite, vierkantige, zur Blütezeit leicht überhängende Ähre. Sie trägt 2 Reihen von einzeln und wechselständig an den Knoten der Ährenspindel angeordneten, sitzenden Ährchen. Die Ährchen sind zweiblütig und mit einem Achsenfortsatz über dem oberen Blütchen. Die Ährchen sind (ohne die Grannen) 10 bis 16 Millimeter lang. Die Hüllspelzen sind einnervig, untereinander gleich und 8 bis 12 Millimeter lang, gekielt, spitz oder in eine 3 Millimeter lange Granne auslaufend. Die Deckspelzen sind 5-nervig, 8 bis 15 Millimeter lang und laufen in eine bis 10 Zentimeter lange, gerade und raue Granne aus. Sie sind auf dem Kiel mit kurzen steifen, kammartig abstehenden Haaren besetzt. Die zweinervigen Vorspelzen sind fast so lang wie die Deckspelzen. Die 3 Staubblätter haben Staubbeutel, die 10 bis 12 Millimeter lang sind. Die Tausendkornmasse (Masse von 1000 Körnern) beträgt bei Roggen 28 bis 50 Gramm.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 14.
Ökologie Der Roggen ist einjährig, meist winterhart (Winterroggen), seltener sommerannuell (Sommerroggen) und eine Langtagpflanze. Er ist ein Intensivwurzler, seine Wurzeln reichen bis 1 Meter tief. Bei einer frei stehenden Pflanze können die Wurzeln eine Länge von 80 Meter und die Wurzelhaare eine Oberfläche von 400 Quadratmetern erreichen. Niedergedrückte Halme können sich durch einseitiges Wachstum eines Knotens schnell wieder aufrichten.
Blütenbiologisch handelt es sich um einen windblütigen „Langstaubfädigen Typ“. Der Pollen ist relativ groß und schwer. Die Blüten werden durch einen Anstieg des Turgors in den Schwellkörpern geöffnet und danach innerhalb einer halben Stunde durch ein Absinken des Turgors wieder geschlossen. Oft öffnen sich viele Blüten gleichzeitig, d. h. in „Pulsen“. Durch sehr schnelles Wachstum schieben sich zunächst die Staubfäden und nach Öffnung der Staubbeutel dann auch die federigen Narben aus der Blüte heraus. Die Blüten sind selbststeril, aber Nachbarbestäubung ist möglich. Die Blütezeit liegt zwischen Mai und Juli.
Der Roggen ist eine Allergiepflanze: Roggenpollen gelten als die stärksten Allergieauslöser unter den heimischen Gräsern.
Die Früchte sind Karyopsen, Samen und Fruchtschale sind miteinander verwachsen. Das Roggenkorn ist nicht fest von den Spelzen umschlossen, bei alten Sorten ist die Gefahr groß, dass die Körner zur Reifezeit bei leichter Berührung aus den Ähren fallen. Fruchtreife ist von Juli bis August. Die Zeit von der Samenkeimung bis zur Fruchtreife beträgt beim Winterroggen etwa 280 bis 320 Tage.
Systematik Es können zwei Unterarten unterschieden werden: Secale cereale subsp. cereale Secale cereale subsp. ancestrale
Schädlinge mini|Roggen mit Mutterkorn verunreinigt Von den Getreidearten wird der Roggen am meisten von dem stark giftigen Mutterkornpilz Claviceps purpurea befallen. Nach der Infektion der Blüten entsteht an Stelle eines Getreidekorns in der Roggenähre die als Mutterkorn bezeichnete längliche, kornähnliche und bis zu vier (bis sechs) Zentimeter lange Dauerform (Sklerotium) des Mutterkornpilzes.
Schädlich können auch Nematoden (z. B. das Stängelälchen Ditylenchus dipsaci) sein. Sie rufen die Stockkrankheit hervor. Dabei bilden sich keine Halme oder Ähren. Fritfliege (Oscinella frit) und Gelbe Weizen-Halmfliege (Chlorops pumilionis) sind weitere Schädlinge. Oft treten auch Schneeschimmel (Griphosphaeria nivalis) und Getreide-Mehltau (Erysiphe graminis) auf. Wirtschaftlich bedeutende Schäden werden durch Gelbrost (Puccinia striiformis), Braunrost (Puccinia triticina) und Schwarzrost (Puccinia graminis) hervorgerufen. Der Roggenstängelbrand (Urocystis occulta) erzeugt Längsstreifen auf Halmen, Blättern und Spelzen. Seltener kommt die Halmbruchkrankheit vor, hervorgerufen durch Cyclosporella herpotrichoides.
Geschichte Nach Hans Joachim Conert wird Secale vavilovii als unmittelbarer Vorfahre des Roggens angenommen. Diese Art ist ein Selbstbefruchter. Als sie in Gebiete gebracht wurde, wo auch Secale montanum vorkommt, kam es zu einer Introgression und so könnte der einjährige, zähspindelige, fremdbefruchtende Roggen (Secale cereale subsp. cereale) entstanden sein.
Der Roggen war im Orient ein Wildgras. Seine Samen wurden in die Weizen- und Gerstenfelder eingeschleppt (Wind, Tiere) und breiteten sich allmählich im Saatgut aus.Gordon Hillman: On the origins of domestic rye: Secale cereale: the finds from Aceramic Can Hasan III in Turkey. In: Anatolian Studies, Band 28, 1978, S. 157–174
In den 1970er Jahren wurden Roggenkörner und -ährenspindeln an zwei Stellen in steinzeitlichen Schichten (ca. 6600 v. Chr.) in Nordsyrien (Tell Abu Hureyra) nachgewiesen. Ansonsten fehlen Hinweise auf die Nutzung von Roggen aber fast völlig, bis er in archäologischen Funden in Europa, die aus der Zeit von ca. 1800–1500 v. Chr. stammen, wieder erscheint. Möglicherweise wurde er als Verunreinigung im Weizen-Saatgut nach Europa eingeschleppt und erst hier gezielt kultiviert (siehe auch Sekundärgetreide).Daniel Zohary, Maria Hopf: Domestication of plants in the Old World. 3. Auflage. University Press, Oxford 2000, S. 75. In Deutschland tauchen Roggenkörner in archäologischen Ausgrabungen erst im 6.–5. Jahrhundert v. Chr. (also in der Hallstattzeit) aufUdelgard Körber-Grohne: Nutzpflanzen in Deutschland: Kulturgeschichte und Biologie. Verlag Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0481-0. und damit erst 3000–3500 Jahre nach dem Beginn der Ackerbaukultur (Bandkeramik). Die Römer kannten Roggen, Plinius der Ältere bezeichnet ihn aber in seiner um 79 n. Chr. verfassten Naturalis historia (Buch 18, Stichwort 40) als minderwertig und magenschädlich, nur geeignet, um in Notzeiten den Hungertod abzuwehren.
Weil ihm Winterfröste, Krankheiten, Trockenheit und Nährstoffmangel weniger anhaben können als dem anspruchsvollen Weizen, hat sich der Roggen im rauen Klima Mittel- und Nordeuropas durchgesetzt und wurde zum einzigen Brotgetreide der Slawen, Kelten und Germanen. Über 1200 Jahre war der Roggen in Deutschland die wichtigste Brotfrucht und wurde oft schlicht „das Korn“ genannt. Die lateinische Bezeichnung des Roggens bzw. des RoggenkornsVgl. etwa Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 225 („Siligo – ruckenkorn, germanum, tyfa, sytus, silighyh“ = Secale cereale L., „anscheinend auch andere Nährgräser“). war Siligo.
Da Roggen nicht nur Kälte und Feuchtigkeit besser widersteht als Weizen, sondern zudem auch kein mühsames Entfernen der Spelze nötig ist („Nacktgetreide“), stellte der Wiener Historiker Michael Mitterauer die These auf, dass der zunehmende Roggenanbau seit der Eisenzeit maßgeblich zum langfristigen Aufstieg des nordalpinen Europa beitrug, insbesondere nachdem in der Spätantike die Importe aus dem Mittelmeerraum zeitweise kollabierten. Da Roggen sich kaum zu Brei verarbeiten lässt, führte dies auch zum Aufstieg des Brots als Grundnahrungsmittel. Die zum Mahlen des Roggens beständig nötige Energie habe, so die These, im Mittelalter den Ausbau von Mühlen vorangetrieben, wovon auch die Entwicklung anderer Gewerbe profitiert habe. Für die schweren, feuchten Böden des nördlichen Europa seien wiederum schwerere Pflüge und kräftigeres Vieh nötig gewesen, die wiederum Verkehr (Zugtiere) und Großgüterwirtschaft befördert hätten. Mitterauer sieht damit im Roggen mittelbar einen wesentlichen Faktor für den „Sonderweg Europas“, der später zu dessen weltweiter Vorherrschaft führte.Berthold Seewald: Erst der Roggen machte Europa zum Abendland. In: Welt, 22.02.2021. Artikel bezieht sich v. a. auf: Michael Mitterauer: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. 4. Aufl., Beck, München 2004; sowie: Hansjörg Küster: Am Anfang war das Korn. Eine andere Geschichte der Menschheit. Beck, München 2013. Auch jüngere Forschungsergebnisse betonen, dass Roggen im mittelalterlichen Mitteleuropa eine der wichtigsten Kulturpflanzen war und dass die Ausweitung des Roggenanbaus durch Düngung eine Rolle in gesellschaftlichen Veränderungen gespielt haben könnte. Die weniger risikobehaftete Ernährung kann wachsende soziale Hierarchien und Ungleichheiten im Mittelalter begünstigt haben. Die Praxis der Düngung trug zudem zum Übergang von kleinen Einzelgehöften zu größeren Dorfgemeinschaften und Städten bei, vor allem auf Geestlandschaften Norddeutschlands.
Neben seiner Bedeutung für die Brotherstellung wurde das zähe Stroh des Roggens in großem Umfang zur Herstellung von Wellerhölzern verwendet, die als Bauelemente in traditionellen Fachwerkhäusern eingesetzt werden.
Seit den 1980er Jahren werden neben den klassischen Populationssorten auch Hybridsorten gezüchtet, die eine bessere Krankheitsresistenz, höhere Erträge (Heterosis-Effekt) und eine geringere Auswuchsneigung aufweisen. Frühe Hybridsorten waren durchweg wegen der geringeren Pollenausschüttung anfälliger für Mutterkorn. Mittlerweile ist diese Eigenschaft sehr stark sortenabhängig, und die Züchter haben die Pollenausschüttung von Hybridsorten stark verbessert, so dass nicht mehr gesagt werden kann, dass Hybridsorten anfälliger gegen Mutterkorn seien als Populationssorten.
Eine moderne Kreuzung aus Weizen und Roggen, die Triticale, vereint mehrere positive Eigenschaften beider Arten.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mäßig feucht), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).
Anbau
mini|Roggenähre