Über die Ursachen der Industriellen Revolution ist sich die Wissenschaft nicht einig. Die Frage wird meist als aus zwei Teilfragen bestehend behandelt. Die erste Frage lautet, warum die industrielle Revolution in Großbritannien begann anstatt in einem anderen Land. Die zweite Frage lautet, warum die Industrielle Revolution nicht früher oder später stattfand.Joel Mokyr: Editor's Introduction: The New Economic History and the Industrial Revolution. In: derselbe (Hrsg.): The British Industrial Revolution: An Economic Perspective. 2. Auflage. Westview Press, 1999. (PDF; 344 kB)

Warum Großbritannien? In Bezug auf diese Frage sind sich Historiker zunehmend einig, dass mehrere Faktoren zwar ursächlich, aber nicht zwingend notwendig waren. Die Faktoren lassen sich nach Joel Mokyr (1999) in sieben Kategorien einteilen: Geographie, Technologische Kreativität, Soziale Institutionen, Politik, Nachfrage vs. Angebot, Internationaler Handel und Wissenschaftskultur.

Geographie Geographische Vorteile Großbritanniens gegenüber anderen Ländern werden von einigen Historikern als Ursache aufgefasst. So wurden einerseits Ressourcenreichtum (Kohlevorkommen) und Ressourcenarmut (Abholzung knapper Waldflächen und Holznot führte zur Nutzung neuer Energiequellen wie Kohle) Großbritanniens als Ursachen bezeichnet. Wahrscheinlicher jedoch führten Ressourcenverteilungen lediglich zu einer Verzerrung nationaler Technologiepfade (Großbritannien spezialisierte sich als kohlereiche Nation auf die Dampfmaschine, während die kohlearme Schweiz sich der Uhrenherstellung und der Ingenieurwissenschaft widmete). Geographische Faktoren können kaum als notwendige oder hinreichende Bedingungen angesehen werden. Großbritannien war aufgrund der Insellage relativ gut vor Invasionen (die letzte fand 1066 statt) geschützt und konnte gleichzeitig die Transportmöglichkeit der vergleichsweise billigen Küstenschifffahrt nutzen. Irland schien jedoch von ähnlichen Umständen nicht profitiert zu haben, auch in den Niederlanden führte ihr gutes internes Transportwesen nicht zur Industriellen Revolution. Geographische Unterschiede konnten daher erst im Zusammenspiel mit Technologie ihr Potenzial entfalten. England und Frankreich waren bezüglich natürlich vorhandener Binnenschifffahrtswege ähnlich ausgestattet, rechnete man jedoch Kanäle hinzu, hatte England mehr als doppelt so viele Wasserwege pro Quadratkilometer Landfläche und sogar dreimal so viele pro Einwohner. Seine Ausstattung mit Kohle und Eisenerz ist als Erklärung ähnlich problematisch, da Großbritannien diese Rohstoffe in nicht unerheblichen Mengen ergänzend aus Schweden und Spanien importierte. Auch basierte die Industrielle Revolution vor allem auf dem Rohstoff Baumwolle, der vollständig importiert werden musste. Zudem verfügte der direkte Nachzügler Großbritanniens, Belgien, zwar über Kohle- und Eisenressourcen, der zweite Nachzügler, die Schweiz, jedoch überhaupt nicht. Letzten Endes waren die unterschiedlichen Energiequellen zu insignifikanten Kosten handelbar und untereinander substituierbar (kohlearme Nationen wie die Niederlande und Irland nutzten Torf als Brennstoff; gebirgige Regionen nutzten Wasser-, flache Windkraft).

Ein subtilerer Zusammenhang zwischen Geographie und technologischem Fortschritt ist die Idee, dass kleine geographische Unterschiede selbstverstärkende Kettenreaktionen zur Folge hatten. Großbritanniens Nutzung der Kohle als Energiequelle richtete das Augenmerk auf bestimmte technologische Erfindungen oder Methoden, wie Pumpen, Schachtförderung und Exploration, die dann auch anderen Industriezweigen zugutekamen. Ähnlich brachte die Schifffahrt positive Externalitäten mit sich, etwa in Sägewerken, der Zimmerei, der Instrumentenfertigung und der Segelmacherei. Auch diese Erklärungen stoßen sich jedoch an bestimmten Tatsachen, beispielsweise, dass die Niederlande als bedeutende Seefahrernation kein industrieller Vorreiter war.

In den letzten Jahren haben einige Historiker den Ansatz von Eric Jones übernommen, der argumentierte, die Industrielle Revolution sei eine Kulmination eines mehrere Jahrhunderte langen Prozesses der Modernisierung. Großbritannien war laut Bruce M.S. Campbell, dem einflussreichsten Historiker der britischen Agrargeschichte des Mittelalters, bereits im 13. Jahrhundert eine funktionierende Marktwirtschaft. Gregory Clark zeigte, dass die britische Landwirtschaft im Mittelalter so produktiv war und dass Getreidemärkte ebenso gut funktionierten wie am Vorabend der Industriellen Revolution. Graeme Snooks (1994) bekräftigte, dass Großbritannien schon Ende des 17. Jahrhunderts eine fortgeschrittene Wirtschaft hatte. Laut MacFarlane (1978) begann die britische Moderne bereits im späten Mittelalter. Großbritannien sei zu Beginn der Industriellen Revolution daher längst keine traditionelle und statische Gesellschaft mehr gewesen. Diese Perspektive ruft jedoch wiederum Schwierigkeiten hervor. Die niederländische Wirtschaft befand sich vor der Industriellen Revolution in einem ähnlichen Zustand wie Großbritannien; die Schweiz jedoch kaum. Dennoch folgte die Schweiz Großbritannien ziemlich schnell, dagegen waren die Niederlande eines der letzten industrialisierten westeuropäischen Länder.

Technologische Kreativität Während Dampfmaschine und Baumwoll- und Textiltechnik aus Großbritannien stammten, wurden viele Erfindungen der Industriellen Revolution in anderen Ländern getätigt, allen voran in Frankreich, wie der Jacquardwebstuhl, die Chlorbleichung, das Leblanc-Verfahren, das Einkochen, die Langsiebpapiermaschine, die Gasbeleuchtung oder das mechanisierte Flachsspinnen. Joel Mokyr argumentiert, dass Großbritannien zwar keinen absoluten Vorteil bei fundamentalen Durchbrüchen („Makroerfindungen“) hatte, wohl aber einen komparativen Vorteil bei schrittweisen Verbesserungen dieser Durchbrüche („Mikroerfindungen“) aufwies. Zeitgenössische Quellen deuten darauf hin: 1829 schrieb der britische Geologe John Farey, das vorherrschende Talent der Engländer und Schotten sei die Anwendung und Perfektionierung neuer Ideen, Ausländer seien hingegen darin besser, sich nicht vorhandene Dinge auszudenken. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz bemerkte 1670: „Es ist uns Teutschen gar nicht rühmlich, daß, da wir in Erfindung grossentheils mechanischer, natürlicher und anderer Künste und Wissenschaften die Ersten gewesen, nun in deren Vermehr- und Besserung die Letzten seyn.“ Mokyr stützt seine Hypothese mit der Beobachtung, dass Großbritannien ein Nettoimporteur von „Makro-“ und ein Nettoexporteur von „Mikroerfindungen“ war. Am Vorabend der Industriellen Revolution hatte das Land zudem kein besonders effektives Bildungssystem. Von knapp 500 zwischen 1700 und 1850 geborenen Angewandten Wissenschaftlern und Ingenieuren verfügten etwa zwei Drittel nicht über ein Universitätsstudium. Diese Menschen dürsteten jedoch nach technischem und pragmatischem Wissen darüber, wie Dinge herzustellen und billig und haltbar zu machen waren. Die meisten lernten über persönliche Beziehungen mit Meistern, in Bibliotheken, Wanderlehrern, und Mechanics’ Institutes. Mitte des 19. Jahrhunderts hatten über tausend technische und wissenschaftliche Vereine mindestens 200.000 Mitglieder. Dieses System brachte einige der hervorragendsten angewandten Ingenieure der Menschheitsgeschichte hervor. Solange kein tiefes Verständnis von Physik oder Chemie erforderlich war, wurde die Kreativität britischer Experimentierer und Bastler in keinem Land übertroffen. Instrumentenbauer wie Jesse Ramsden, Edward Nairn, Joseph Bramah und Henry Maudslay, Uhrmacher wie Henry Hindley, Benjamin Huntsman und John Kay of Warrington, Ingenieure wie John Smeaton, Richard Roberts und Marc I. Bunuel, Eisenverarbeiter wie die Darbys, Crowleys und die Crawshays, Chemiker wie John Roebuck, Alexander Chisholm und James Keir leisteten laut Mokyr zur Industriellen Revolution neben den berühmteren Richard Arkwright, Henry Cort, Rookes Evelyn Bell Crompton, James Hargreaves, Edmond Cartwright, Richard Trevithick und James Watt einen wichtigen Beitrag.

Soziale Institutionen Häufig wird vorgebracht, Großbritannien habe die „richtige Gesellschaft“ für eine Industrielle Revolution gehabt. Gesellschaften lassen sich nach ihrer Wertehierarchie unterscheiden. Erfolgskriterien führen zu Zugang zu politischen Ämtern, in Gentlemen’s Clubs und zur Respektierung durch ihrerseits gesellschaftlich angesehenen Menschen. Ökonomischer Erfolg ist häufig mit solchem Prestige korreliert, allerdings sei in Bezug auf wirtschaftlichen Erfolg entscheidend, ob Reichtum eine Folge von Prestige (Adel), oder Prestige eine Folge von Reichtum ist. Harold Perkin (1969) datiert die Entstehung einer der Industriellen Revolution förderlichen Gesellschaft auf die mit der 1660 beginnenden Stuart-Restauration einhergehenden sozialen und politischen Umwälzungen zurück. Nach dem Englischen Bürgerkrieg sei der Einfluss des Reichtums auf den Status enger geknüpft worden, wobei sich Status nicht nur auf politische Macht bezog, sondern auch auf Einladungen, Ehepartner und Bildungschancen der Kinder, Militärränge und Wohnort. Die Soziale Mobilität erhöhte sich. Thomas Robert Malthus bemerkte 1820, dass nun Geschäftsleute in den Genuss der Freizeit und des Luxus von Grundbesitzern kommen konnten. Es sei jedoch nicht Reichtum alleine, der Entrepreneurship, Risiko, lange und harte Arbeitszeiten sowie Geduld motivierte, sondern der auf Arbeit beruhende Reichtum mit dem dadurch zu erreichenden umfassenderen Statusgewinn. So wurde der Schneidersohn Richard Arkwright nicht nur sehr vermögend, sondern auch geadelt. Die britische Gesellschaft sei deutlich materialistischer gewesen als andere Länder Westeuropas, so Perkin.

Jedoch ist nicht geklärt, ob die Korrelation zwischen Reichtum und Status in Großbritannien tatsächlich größer war als etwa den Niederlanden, die ebenfalls bereits urbanisiert, kapitalistisch und bourgeois waren, so dass Perkins Ansatz zumindest keine hinreichende Bedingung für die Industrielle Revolution in Großbritannien war. In Frankreich konnten im 18. Jahrhundert Adelstitel käuflich erworben werden, und viele Adelige gehörten zur noblesse de robe.

Der Wirtschaftswissenschaftler Gregory Clark (2007) vertritt die Theorie, dass der Malthusianischen Ökonomie inhärente Faktoren die Kultur (vielleicht auch die Gene) der Menschen veränderten. Die Malthusianische Ökonomie insbesondere Englands belohnte Eigenschaften wie Fleiß, Geduld, Lesefähigkeit und Gewaltlosigkeit. Die durch einen darwinistischen Prozess („survival of the richest“) evolvierte englische Oberschicht verbreitete diese Eigenschaften durch Sozialen Abstieg, der sich aus den höheren Sterberaten und der geringeren Fertilität der unteren sozialen Schichten ergeben habe.Gregory Clark: A Farewell to Alms. A Brief Economic History of the World. Princeton University Press, Princeton 2007.

Douglass North vertritt einen institutionsökonomischer Erklärungsansatz: Er führt den Vorsprung Englands auf das Patentwesen zurück, das in Großbritannien bereits seit 1624 existiert, in Frankreich und dem restlichen Kontinent jedoch erst nach 1791 eingeführt wurde. Laut North erhöhten Patente die Rendite von Innovationen und damit den technologischen Fortschritt.