mini|Logo des ECW, das ab etwa 1974 benutzt wurde Das Eilenburger Chemiewerk (ECW) war ein traditionsreicher Chemiestandort in der Stadt Eilenburg. Die Fabrik wurde 1887 vom Leipziger Industriellen Ernst Mey als Zweigwerk von Mey & Edlich zur Zelluloid-Herstellung gegründet. Seit 1889 firmierte das Unternehmen als Deutsche Celluloid-Fabrik (DCF), war ab 1926 Teil der I.G. Farben, ab 1946 Sowjetische Aktiengesellschaft und zu DDR-Zeiten ein Volkseigener Betrieb im Kombinat Buna. Im Laufe der Jahre wurden viele weitere chemische Produkte, wie Peroxide und Celluloseacetat, in das Programm aufgenommen. Seit 1936 stellte man auch PVC-Kunststoffe unter der Marke Decelith her. Nach der Wiedervereinigung scheiterte der Versuch einer Privatisierung; es folgte die Liquidation und anschließende Neugründung des Eilenburger Compound-Werkes (später Polyplast Compound-Werk), das noch heute am Standort Kunststoffe produziert. Die nicht mehr genutzten Anlagen und Gebäude wurden nach und nach abgebrochen und das Gelände für Neuinvestitionen erschlossen.
Der Transport der Waren erfolgte hauptsächlich über die Schiene, von 1892 bis 1998 besaß das Werk ein Anschlussgleis. Das Werksbahnnetz wuchs mit dem Werk und hatte 1992 eine Länge von 17 Kilometern erreicht. Neben dem Betriebsbahnhof und dem Anschlussbahnhof gab es in den späteren Jahren zudem einen Containerbahnhof. Zum Einsatz kamen vor allem Dampfspeicherlokomotiven.
Geschichte
Von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg mini|Luftbild des Werksgeländes um 1916 Im Jahre 1885 wurde im Gebiet zwischen der Stadt Eilenburg und dem 1865 eingemeindeten Kültzschau rechts der Mulde mit dem Bau einer Chemiefabrik begonnen. Eigentümer war der Leipziger Industrielle Ernst Mey, der auch Inhaber des in Leipzig-Plagwitz ansässigen Betriebs Mey & Edlich war. Am 14. Mai 1887 wurde das Unternehmen Ernst Mey & Co. „Herstellung von Wäsche aus Papier und Celluloid in Leipzig“ mit dem Zweigwerk Eilenburg in das Handelsregister eingetragen. Am 1. November 1887 wurde der Betrieb in Eilenburg aufgenommen. Damals war Cellulosenitrat zur Herstellung von Zelluloid und Lacken das einzige Produkt des Eilenburger Werks. 1888 erfolgte die Eintragung des Eilenburger Betriebs als Zweigniederlassung von Meys Leipziger Kommanditgesellschaft beim Amtsgericht Eilenburg. Bereits Ende 1889 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft. Damit einher ging die Umbenennung in Deutsche Celluloid-Fabrik AG Leipzig (DCF).
mini|Ölgemälde der DCF von Alfred Dickert, der es für das Direktorenzimmer anfertigte (um 1930, Sammlung Stadtmuseum Eilenburg) Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs das Werk in Eilenburg weiter. Hinzu kamen eine Nitrieranlage und ein Papierholländer. Mit der Imitation von Stoffen wie Perlmutt durch Zelluloid, wofür das Unternehmen unter dem Namen „Perloid“ Patent anmeldete, konnte auch der Kundenstamm vergrößert werden, zu dem nun auch Schmuck- und Musikinstrumentehersteller gehörten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Produktion zum großen Teil auf Schießbaumwolle umgestellt und während des Krieges immer weiter ausgedehnt, so dass auch in dieser Zeit weitere Neubauten realisiert wurden. So wurden ein Kraftwerk mit mechanisierter Bekohlung, eine Produktionsstätte für Salpetersäure und der Wasserturm zur Wasserversorgung der Produktion und als Löschwasserspeicher errichtet. 1915 wurde der Sitz der AG nach Eilenburg verlegt.
1924 begann man mit dem Bau des Serum-Werkes südlich des eigentlichen Werksgeländes. Schon gegen Ende der 1920er Jahre wurde die dortige Produktion wieder eingestellt. Im Laborgebäude in der Kastanienallee (zeitweise: Bartholomäusaue) 1 und 2 wurden Betriebswohnungen eingerichtet.
In den Inflationsjahren nach dem Krieg hatte die DCF kurze Zeit die Genehmigung, selbst Notgeld auszugeben. 1923 wurde die DCF durch einen rückwirkend auf 1921 abgeschlossenen Anschlussvertrag zur Tochtergesellschaft der Köln-Rottweil AG, wurde aber 1926 von der Muttergesellschaft an den I.G.-Farben-Konzern verkauft. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zwang auch die DCF zur Reduzierung der Belegschaft, dennoch blieb sie der größte Arbeitgeber der Stadt. Die DCF unterhielt mehrere Zweigniederlassungen, darunter ein Werk in Leipzig, in dem aus Rohzelluloid Gebrauchsgüter hergestellt wurden sowie die Zelluloidfabrik Oskar Schenck Nachf. im württembergischen Mengen. Die Niederlassungen Celluloidwarenfabrik Karl Standfuß in Freital bei Dresden sowie die N. V. Eerste Nederlandsche Celluloidwaren Fabriek im holländischen Hilversum, an der die DCF mit 50 Prozent beteiligt war, wurden 1931 in Folge der Weltwirtschaftskrise geschlossen. 1930 trat das Unternehmen der Celluloid-Verkaufs-Gesellschaft m. b. H. in Berlin bei, an der es 30 Prozent der Anteile hielt. 1939 gehörte die DCF zusammen mit der Dynamit AG und der IG Farben zu den Gründungsmitgliedern der Verkaufsgesellschaft für Kunststoff-Erzeugnisse m. b. H. in Frankfurt am Main, an der sie mit 37,5 Prozent beteiligt war.Geschäftsberichte der Deutschen Celluloid-Fabrik AG Eilenburg 1925 bis 1939 im Pressearchiv des ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (abgerufen am 16. April 2023)
1936 kam die Produktion eines Kunststoffs auf Grundlage von Polyvinylchlorid zur Produktionspalette hinzu. Als Handelsname wurde der Begriff Decelith als teilweises Akronym zum Betriebsnamen Deutsche Celluloid-Fabrik eingeführt. Für den Zweiten Weltkrieg ging man wieder zur Kriegsproduktion über, allerdings wurde auch Decelith weiterhin hergestellt; zusätzlich erhöhte sich die Belegschaft auf über 2500, von denen viele Fremdarbeiter und Kriegsgefangene waren. Zur Versorgung dieser Arbeiter wurde unweit des Betriebsgeländes ein Agrarbetrieb eröffnet. Den Krieg überstand das Werk im Vergleich zur Stadt, in der 90 Prozent aller Bauten zerstört wurden, bis auf einige Granateneinschläge relativ unbeschädigt, wenngleich Anlagen zerstört wurden und ausgebessert werden mussten.
Nachkriegszeit bis 1990 Ende Mai 1945 gingen das Kesselhaus und das Kraftwerk wieder in Betrieb, einen Monat später wurde die Produktion wieder aufgenommen. Nach den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens begann im August 1945 die komplette Demontage der Filmfabrik und der Schallplattenherstellung. Die Facharbeiter mussten teilweise in die Sowjetunion reisen, um die Maschinen wieder aufzubauen und neue Arbeiter einzuarbeiten. Da die DCF der I.G. Farben angehörte, war eine Gesamtdemontage vorgesehen, diese konnte jedoch durch Bemühungen des Betriebsrates abgewendet werden. In den Betriebsteilen der Zelluloid- und Decelith-Herstellung gab es daher nur Teildemontagen. Die Demontage war im September 1945 abgeschlossen. 1946 erfolgte die Umwandlung in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG), gleichzeitig änderte sich der Name in Eilenburger Celluloid-Werk (russisch ЭЙЛЕНБУРГСКИЙ ЦЕЛЛУЛОЙДНЫЙ ЗАВОД, Transliteration EĬLENBURGSKIĬ TSELLULOĬDNYĬ ZAVOD). Erstmals wurde das Werk als ECW abgekürzt. Das Werk unterstand der SAG für Mineralische Düngemittel.
mini|Der markante, ca. 40 Meter hohe Bau 501 der Celluloseacetatabteilung und die dazugehörige ESKO-Anlage (rechts) prägten das Werksgelände und den Stadtteil Ost. (Aufnahme Mitte der 1980er Jahre) Im August 1953 wurde von der sowjetischen Regierung beschlossen, die letzten SAGs, zu denen auch das ECW gehörte, an die DDR zurückgegeben. Ab dieser Zeit wurden zahlreiche Produktionslinien, zum Beispiel die große Celluloseacetat-Abteilung samt eigener Kantine, neu aufgebaut, oder in bestehenden Gebäuden errichtet.
Auch entwickelte sich nun der soziale und kulturelle Bereich. Im Februar 1953 eröffnete das ECW-Klubhaus, welches aus einem ehemaligen Sozialtrakt und Speisesaal umgebaut wurde. Es bot unter anderem den diversen Kultur- und Musikgruppen des ECW eine Heimstätte, beherbergte eine Bibliothek, einen Lebensmittelladen sowie ein Betriebsambulatorium und eine Sauna, und entwickelte sich mit seinem großen Saal zur wichtigsten kulturellen Institution Eilenburgs.Video des Eilenburger Amateurfilmclubs: "Eilenburg ECW Eilenburger Chemiewerk 1887-2007 2. Teil", am 26. November 2020 auf YouTube Später entstanden weiterhin eine Betriebskinderkrippe in der Ziegelstraße neben dem Werk und ein Betriebskindergarten an der Wurzener Landstraße. Das ECW errichtete ein eigenes Kinderferienlager an einem Badesee in Pressel. Weiterhin besaß das Werk eine Feriensiedlung direkt am Südstrand von Göhren auf Rügen.
1954 wurde das Werk aufgrund seiner Höhenlage und seiner Nähe zur Mulde besonders stark von einem Sommerhochwasser getroffen. Das Wasser stand auf dem Betriebsgelände durchschnittlich einen halben Meter hoch und zerstörte die Produktionsanlagen teilweise. Zehn Tage lang ruhte der Betrieb zwangsweise. Die Ausfälle mussten mit Sonderschichten kompensiert werden. Zum 1. Januar 1955 wurde die am Lauchberg, etwa 2 km südlich von Eilenburg-Ost stehende Produktionshalle der ehemaligen Maschinenfabrik Nestler, die 1945 zum VEB Plaste Bitterfeld kam, als Werk III dem ECW eingegliedert. Als Werk II wurde der nunmehr dem ECW unterstehende Betriebsteil in Leipzig bezeichnet, der Konsumartikel wie Kämme und Seifendosen herstellte.
Schon seit der Gründung des Werkes wurden produzierte Waren auch exportiert. Ende der 1950er Jahre nahm das ECW seine Exporttätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Diese unterlag damals jedoch einigen Beschränkungen, so war der Außenhandel Sache des staatlichen VE Außenhandelsbetriebes Chemie Export/Import Berlin. Dennoch konnte das ECW selbst Exportvereinbarungen treffen, die dann über den staatlichen Außenhandel stattfanden. Der Anteil des Exports an der Gesamtproduktion lag bis in die 1970er Jahre bei etwa 10 Prozent. Bis in die 1980er steigerte sich das Ausfuhrvolumen auf 25 Prozent, davon gingen etwa 80 Prozent in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Das ECW hatte Handelsbeziehungen zu 15 kapitalistischen Staaten und fünf Entwicklungsländern. 20 Prozent der Exporte ging in die RGW-Staaten.
1960 brachte das ECW erstmals PVC-Granulate auf den Markt. 1969 wurde das ECW als Betriebsteil dem neu entstandenen VEB Orbitaplast Gölzau eingegliedert, das hatte den Nachteil für das ECW, dass Investitionen vor allem im Stammbetrieb getätigt wurden. Am 1. Januar 1974 wurde das Eilenburger Celluloid-Werk in Eilenburger Chemie-Werk umbenannt und gleichzeitig wieder aus dem VEB Orbitaplast herausgelöst. Mit der Umbenennung wurde der Vergrößerung der Produktpalette um weitere Kunststoffe Rechnung getragen. Das ECW war wieder ein selbstständiger Betrieb im Kombinat VEB Chemische Werke Buna Schkopau, zu dem es bis 1990 gehörte. Die im ECW entwickelten Verfahren zur Herstellung von Cellulosenitrat zählten in den 1970er und 1980er Jahren zu den besten weltweit. mini|Der Nachfolgebetrieb PCW nutzt noch heute teilweise Gebäude aus der Gründungszeit der DCF (vorn). Die alten Fabrikanlagen sind repräsentative Vertreter der Industriearchitektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Niedergang und Neugründung des Compound-Werkes