mini|Macer Floridus, De viribus herbarum (14. Jahrhundert) Macer floridus, auch De viribus herbarum (genannt auch De virtutibus herbarum; lateinisch für „Von der Heilkraft der Kräuter“), ist ein von Odo Magdunensis (= Odo von Meung)Cyrill Resak (Hrsg.): Odo Magdunensis, der Verfasser des „Macer Floridus“, und der deutsche Leipziger Macer-Text. Medizinische Dissertation Leipzig 1917. verfasstes, früher Aemilius Macer namensgebend zugeschriebenes, Lehrgedicht über die gebräuchlichsten Heilkräuter in der Form der lateinischen Hexameter. Es entstand um 1065Gundolf Keil: Odo von Meung. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1064.Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: ‚Macer floridus‘. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 13 (dort datiert auf die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts) und 877. in Westfrankreich, wurde in viele Sprachen übersetzt bzw. übertragen und galt im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum als Standardwerk der Kräuterheilkunde. Als Autorname wurde meist „Macer“ verwendet. Eine deutschsprachige Version entstand um 1220 im ostmitteldeutschen, vermutlich thüringisch-obersächsischen Raum und gelangte im 14. und vor allem im 15. Jahrhundert in den gesamten deutschsprachigen Raum.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 59 und 82–83.
Inhalt Odo von Meung (französisch Odo de Meung, latinisiert Odo Magdunensis) aus Meung an der Loire (französisch Meung-sur-Loire) in der Nähe von Orléans war vermutlich ein Kleriker bzw. Mönch, vielleicht auch ein Arzt,Max Manitius: Odo von Meung (Macer). In: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Band 2: Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat. München 1923, S. 539–547, hier: S. 541. der Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek hatte. Er beschrieb im zweiten Drittel des 11. JahrhundertsBernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 24–27. in einer ersten Fassung 60 Pflanzen und nannte auch deren (humoralpathologische Primärqualitäten. Als Quellen dienten ihm die Texte von Plinius dem Älteren, Pedanios Dioskurides, Galenos, aber auch von dem im 9. Jahrhundert lebenden Benediktiner und Botaniker Walahfrid Strabo, einem Schüler von Hrabanus Maurus, und anderen Schriftstellern bzw. Gewährsleuten (etwa Hippokrates). Etwas später entstand eine weitere Fassung mit 2269 Hexametern und insgesamt 77 behandelten Pflanzen, wobei die Ergänzungen (unter anderem mit Kapiteln über Gewürze) dem, einer Drogenkunde Ibn al-DschazzarsGundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen. Supplement 2). Shaker, Aachen 2015, S. 23–24 und 39–40. entstammenden, Liber graduum (genannt auch Liber de gradibus) vom Übersetzer Constantinus Africanus aus der Schule von Salerno sowie einem von Gargilius Martialis verfassten Kräuterbuch entnommen sind.William C. Crossgrove: Zur Datierung des „Macer Floridus“. In: Josef Domes, Werner E. Gerabek, Bernhard Dietrich Haage, Christoph Weißer, Volker Zimmermann (Hrsg.): Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung: Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 585), Göppingen 1994, S. 55–63.Bernhard Schnell, William C. Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 11, 22–24, 26, 60–63 und 66–80.
Im Gegensatz zu dem bekannten Werk Liber de cultura hortorum von Walahfrid, das in kunstvoller Weise neben der Heilkunde auch den Gartenbau behandelt, ist Odos Werk ein reines pharmakographisches Lehrgedicht nach den Vorbildern Vergil (Georgica) und Lukrez (De rerum natura). Obwohl Odo den Namen Walahfrids nennt und alle 24 Pflanzen des Hortulus übernimmt, kritisiert er diesen bspw. im Kapitel zum Liebstöckel deutlich. Lediglich das Kapitel zum Fenchel weist Ähnlichkeiten auf. Auch Plinius wird in den Kapiteln zur Weißen Nieswurz und zum Eisenkraut kritisiert, in letzterem sogar der Zauberei bezichtigt, obwohl im Kapitel zum Kreuzkraut eine Art Zauberei bei Zahnschmerzen direkt aus der römischen Quelle übernommen wird.
Wirkung Mittelalter mini|Macer-Ausgabe mini|Manuskript aus dem späten 15. Jahrhundert mit den „Vätern der Medizin“: Neben Hippokrates, Avicenna, Aristoteles, Galenos, Albertus Magnus und Dioskurides ist unten rechts auch ein „Macer“ abgebildet. Erstmals erwähnt wird der Macer floridus bzw. das Werk De viribus herbarum um 1100 in De scriptoribus ecclesiasticis von Sigebertus Gemblacensis. Um diese Zeit lag die Endfassung mit 77 Kapiteln bereits vor. Strittig ist, wann genau die kürzere Urfassung entstanden ist. Hier lässt sich ein recht breites Zeitfenster von etwa 840 (Entstehung des Hortulus) und 1100 (Nennung in De scriptoribus ecclesiasticis) angeben. Für diese Urfassung liegen Handschriften aus dem 12. Jahrhundert vor. Später durchgesetzt hat sich aber alleine die erweiterte Fassung. Hinzu kommt, dass das Werk in der Überlieferung neben zwei Titeln auch zwei Autoren aufweisen kann – neben Odo nämlich noch Aemilius Macer aus Verona, einen Freund von Vergil, Ovid und Vitruv, der 16 v. Chr. in Asien gestorben ist. Im Mittelalter nahm man an, dass sich das Gedicht zumindest auf einen Macer und dessen verschollenes Werk De herbis bezieht. Dies ist die Ursache für den bekannteren, auch heute noch geläufigen Titel Macer floridus, aufgefasst als Verfassername auch Macer Floridus geschrieben, doch erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts (explizit 1527 in einem Basler Druck und in einer in Handschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) wurde Macer floridus dem Aemilius Macer zugeschrieben, der gemäß DahlmannHellfried Dahlmann: Über Aemilius Macer (= Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Jahrgang 1981, Nummer 6). Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 1981, ISBN 3-515-03554-0, S. 30. als Verfasser von De herbis aber wohl nicht in Frage kommt.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 28–29. Die Autorenschaft Odos ist unbestritten, seit William C. Crossgrove 1994 die Urfassung des Gedichtes erforschte und klar belegen konnte, dass es von einem Kleriker in der Tradition der Klostermedizin verfasst wurde.
Seit dem 12. und in deutschsprachigen Schriften seit dem frühen 13. Jahrhundert galt der Name „Macer“ (als Werktitel oder Autor) laut Bernhard Schnell als Inbegriff des Wissens um die Heilkraft der Kräuter und geradezu als Synonym für die Gattung „Kräuterbuch“. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren auch in den Niederlanden Macer-Texte verbreitet, ebenso im mittelalterlichen Frankreich, Italien und auf der iberischen HalbinselThomas M. Capuano: Medieval Iberian Vernacular versions of the Herbal called Macer Floridus. In: Manuscripta. Band 35, 1991, S. 182–202. in Katalonien und (als Macer herbolario) Kastilien.Bernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 21, 28–30, 38–40 und 206–207. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde der Inhalt des Macer in andere Texte übernommen. Als älteste Beispiele gelten die Gesundheitslehre Regimen sanitatis Salernitanum und von Vinzenz von Beauvais die Enzyklopädie Speculum naturale.Max Manitius: Odo von Meung (Macer). In: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Band 2: Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat. München 1923, S. 539–547, hier: S. 546. Im ausgehenden Mittelalter war der Macer floridus im deutschsprachigen RaumRudolf Blum: Urform und Quelle des deutschen Macer. In: Mitteilungen zur Geschichte der Medizin, der Naturwissenschaften und der Technik. Band 34, 1935, S. 1–14.Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Werner Dressendörfer, Gundolf Keil: Älterer deutscher ‘Macer’ – Ortolf von Baierland: ‘Arzneibuch’ – ‘Herbar’ des Bernhard von Breidenbach – Färber- und Malerrezepte: Die oberrheinische medizinische Sammelhandschrift des Kodex Berleburg. Farbmikrofiche-Edition mit Einführung zu den Texten, Beschreibung der Pflanzenabbildungen und der Handschrift. München 1991 (= Codices illuminati medii aevi. Band 13).Vgl. auch Walter Lawrence Wardale (Hrsg.): Albrecht van Borgunnien’s Treatise on Medicine ([Hans-]Sloane Ms. 3002, British Museum). Edinburgh / Glasgow / London / New York u. a. 1936 (= St. Andrews University Publication. Band 38). weit verbreitet, wurde möglicherweise auch im SchulunterrichtNikolaus Henkel: Deutsche Übersetzungen lateinischer Schultexte. Ihre Verbreitung und Funktion im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters. Band 90). München/Zürich, ISBN 3-7608-3390-X, S. 279.Susanne Baumgarte: Der Kommentar zum ‚Speculum grammaticae‘. Ein Beispiel für Schulkommentierung im 14. Jahrhundert. In: Klaus Grubmüller (Hrsg.): Schulliteratur im späten Mittelalter (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 69). München 2000, S. 165–241, hier: S. 201. verwendet und lag in etwa jeder zweiten nennenswerten Bibliothek vor. Die im Mittelalter verbreitetsten medizinischen Handbücher, der Bartholomäus und das Arzneibuch des Ortolf von Baierland nennen „Macer“ als höchste Autorität der pharmakographischen Literatur.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. 2003, S. 86. mini|Spanische Macer-Ausgabe (1518) Übersetzt wurde das Werk in zahlreiche Volkssprachen wie Englisch,Gösta Frisk: A Middle English translation of Macer Floridus De viribus herbarum (= Essays and Studies on English Language and Literature. Band 3). Upsala/Kopenhagen/Cambridge MA 1949. Spanisch, Dänisch (in altdänischer Sprache durch Henrik Harpestraeng), Französisch und Italienisch. Die wohl älteste Rezeption ist eine am Ende des 12. Jahrhunderts entstandene, in zwei Textzeugen überlieferte, ÜbersetzungMoritz Steinschneider: Die hebraeischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte des Mittelalters, meist nach handschriftlichen Quellen. Kommissionsverlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin 1893, S. 808–809. aus dem Lateinischen ins Hebräische.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. 2003, S. 37–38. Der englische Geschichtsschreiber Heinrich von Huntingdon nutzte das Lehrgedicht bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, ebenso wie für sein verschollenes Gedicht De herbis,Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. 2003, S. 33–34. als Hauptquelle für seinen Anglicanus ortus.
Deutscher Macer