Das Institut für Zeitgeschichte München – Berlin (IfZ) ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung insbesondere der deutschen Zeitgeschichte mit Sitz in München und Berlin.

Zielsetzung Zentrale Aufgabe des Instituts ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte, wobei in seiner Anfangszeit die Epoche der nationalsozialistischen Herrschaft im Mittelpunkt stand.

Publikationen Vierteljährlich gibt das Institut seit 1953 die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) heraus, welche als eine der wichtigsten Fachzeitschriften der deutschen Geschichtsforschung gilt. Neben der seit 1961 erscheinenden Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ist das IfZ auch der Urheber weiterer Reihen wie Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Studien zur Zeitgeschichte, Biographische Quellen zur Zeitgeschichte oder Zeitgeschichte im Gespräch. Ferner ist das Institut Herausgeber einiger umfangreicher Editionen zeitgeschichtlicher Dokumente, dazu gehören unter anderem die Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, Die Tagebücher von Joseph Goebbels und die Edition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, die sukzessive auch auf Englisch erscheint (The Persecution and Murder of the European Jews by Nazi Germany, 1933–1945). Seit 2016 wird das German Yearbook of Contemporary History publiziert.

Dokumentation Obersalzberg

mini|hochkant=0.72|Dokumentation Ober­salz­berg Am 30. April 1952, genau sieben Jahre nach Hitlers Suizid in Berlin, wurde die Ruine seines Sommerdomizils, des Berghofs, im Einvernehmen mit der amerikanischen Besatzungsmacht gesprengt und danach das Gelände wieder aufgeforstet. Trotzdem wurde der Ort zu einer Pilgerstätte von Rechtsradikalen und NS-Nostalgikern.

Der Obersalzberg wurde erst 1996 von den Amerikanern an den Freistaat Bayern übergeben. Unter Leitung des damaligen bayerischen Finanzministers Kurt Faltlhauser (CSU) wurde ein Zweisäulenkonzept entwickelt: einerseits die Errichtung eines Dokumentationszentrums zur Zeit des Nationalsozialismus, andererseits die Belebung des konventionellen Tourismus an dieser Stelle, um die Präsenz Rechtsradikaler zu unterbinden.

Das IfZ wurde mit der Errichtung einer wissenschaftlich fundierten Dauerausstellung beauftragt, der Dokumentation Obersalzberg, die als „Lern- und Erinnerungsort“ unweit des Berghof-Grundstücks sowohl einen Gegenpol zur kommerziellen Nutzung des Standorts setzen sollte als auch für Aufklärungsarbeit und Seminare genutzt werden sollte. Die bayerische Staatsregierung entschied sich für das Areal neben dem Kempinski Hotel Berchtesgaden. Die Dokumentation Obersalzberg konnte am 20. Oktober 1999 eröffnet werden. Geschichte der Dokumentation Obersalzberg. In: obersalzberg.de.

2005 wurde ein Erweiterungsbau mit Seminarräumen eröffnet, 2006 wurde ein neuer Ausstellungsraum in der Bunkeranlage des ehemaligen um Hitlers Gästehaus erweiterten Hotels Platterhof für Wechselausstellungen fertiggestellt. Der Grundstein für eine erneute Erweiterung wurde Ende Oktober 2017 gelegt, im September 2023 wurde der Neubau eröffnet. Seitdem ist die neue Dauerausstellung „Idyll und Verbrechen“ zu sehen.

2008 wurde vom IfZ – als Ergänzung zur Dokumentation Obersalzberg – auch am Gelände des ehemaligen Berghofs eine Hinweistafel errichtet.

Neuauflage von Hitlers Mein Kampf

Anfang 2016 stellte das IfZ seine kommentierte Neuausgabe von Hitlers Mein Kampf vor, die von Horst Möller initiiert und von Christian Hartmann und seinem Team, das die Historiker Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger und Roman Töppel umfasste, erarbeitet worden war. Sie erreichte binnen 13 Monaten sechs Auflagen und Verkaufszahlen von 85.000 Stück. Die Publikation war bereits im Vorfeld Subjekt heftiger Kontroversen, wobei das IfZ als Argument anführte, es wolle mittels kritischer Kommentare dem Hitler-Kult entgegenwirken. Die Bayerische Staatsregierung entzog dem Projekt im Jahr 2013 ihre Unterstützung.

Die beiden Bände umfassen rund zweitausend Seiten und 3.700 Fußnoten, sie wiegen fünf Kilogramm. Von der Kritik wurde die Publikation mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Es gab einerseits Lob: „Die buchgestalterischen Probleme, die sich aus den Textmengen in unterschiedlicher Typografie ergeben, sind bravourös gelöst“, andererseits zeigte sich Ernüchterung: „dass nichts bislang Unbekanntes über Hitlers Intentionen, deren Ursprünge und Entwicklung zu berichten ist, dass nichts Neues zum Programm und zur Ideologie der ‚Bewegung‘, gar über die Genesis des Judenmords an den Tag gebracht wurde“, so Wolfgang Benz in der Zeit.Wolfgang Benz: „Juden“: Siehe „Giftgas“. In: Die Zeit. 14. Januar 2016, abgerufen am 6. Mai 2026 (Artikelanfang frei abrufbar). Jeremy Adler kritisierte die Edition in zwei Essays der Süddeutschen Zeitung, in Interviews und in seinem Buch Das absolut Böse. Zur Neuedition von Mein Kampf massiv. Adler schrieb: „Das absolut Böse lässt sich nicht edieren.“ Die antisemitischen Aussagen würden ungenügend kommentiert und somit die Judenfeindlichkeit von Mein Kampf bekräftigt. Jürgen Kaube reagierte auf Adlers Kritik in der FAZ mit den Worten: „Das absolut Böse kann nicht unkommentiert bleiben.“ Die Edition nannte Kaube „eine gedruckte historische Vorlesung über ,Mein Kampf', die in die Binnenstruktur der autobiographischen und politischen Verlogenheit ebenso eindringt, wie sie den völkischen Gedankensumpf analysiert, aus dem sie sich entwickelte, samt der furchtbaren Wirklichkeit, zu der die Phrasen führten.“ Saul Friedländer hebt in seinem Geleitwort zu Adlers Buch hervor, dass die IfZ-Edition, anstatt judenfeindliche Aussagen zu widerlegen und aufklärend zu wirken, zahlreiche Vorurteile bestätigt, die bis heute mit antisemitischen Ressentiments einhergehen. Zu den Befürwortern der Ausgabe gehört der britische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw.

2016 erhielten die Editoren den Wissenschaftspreis des Stifterverbandes „Gesellschaft braucht Wissenschaft“. Ihnen wurde beschieden, „eine große Lücke in der Forschung über den Nationalsozialismus in Deutschland“ geschlossen zu haben. „Die Publikation zeigt Hitlers Falschaussagen und Verdrehungen auf, korrigiert sachliche Fehler und erläutert den zeitgenössischen Kontext.“

Gutachten Schon in den Gründungsjahren war das IfZ beratend für Behörden, Justiz und zivilgesellschaftliche Organisationen tätig. Insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren unterstützten IfZ-Wissenschaftler Behörden und die Justiz mit Sachverständigengutachten über Funktionsweise, Strukturen oder Personal des NS-Regimes bei der Verfolgung von NS- und Kriegsverbrechen. Die Zahl solcher IfZ-Gutachten lag bis 1958 bei durchschnittlich 150 im Jahr. Seit 1958, als die Prozesse gegen das Personal der Konzentrations- und Vernichtungslager und der Einsatzgruppen geführt oder vorbereitet wurden, stieg die Zahl der Aufträge auf bis zu 600 im Jahr an. Von den mehr als 9000 Gutachten, die das IfZ bisher für Gerichte, Behörden und Ministerien erstellt hat, bezogen sich die meisten auf den Zeitraum von 1933 bis 1945.Horst Möller: Das Institut für Zeitgeschichte 1949–2009. In: Horst Möller, Udo Wengst: 60 Jahre Institut für Zeitgeschichte. München 2009, S. 10. Am bekanntesten sind jene Expertisen, die Anfang der 1960er Jahre für den Frankfurter Auschwitz-Prozess entstanden und die später als Bücher veröffentlicht und vielfach wieder aufgelegt wurden.

Im Zuge des zweiten, vom Bundesrat initiierten Verbotsverfahrens gegen die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) vor dem Bundesverfassungsgericht wurde das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) um ein Gutachten zur Frage der Wesensverwandtschaft der NPD mit dem historischen Nationalsozialismus gebeten.

Im Jahr 2017 machten der Historiker Götz Aly und René Schlott publik, dass das IfZ durch negative Gutachten die Publikation zweier Standardwerke der Holocaust-Aufarbeitung in deutscher Sprache verhindert bzw. verzögert hatte: 1953 lehnte das Institut ab, Gerald Reitlingers The Final Solution zu veröffentlichen, „weil – so steht es im Protokoll – das die Pläne zu einer eigenen umfassenden Geschichte des Nationalsozialismus ‚stören‘ würde“, so Aly.Alan Posener: „Deutsche Zeithistoriker verteidigten Deutungshoheit“. In: Die Welt. 26. Oktober 2017, abgerufen am 6. Mai 2026. Die mehrfach angekündigte Geschichte des Nationalsozialismus ist freilich nie erschienen. 1964 wurde in einem Gutachten für den Verlag Droemer Knaur die Übersetzung von Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden negativ beurteilt – weil Hilberg nur „die technisch-organisatorische Seite der Judenausrottung“ behandle, deren „wesentlichste Fakten“ dem „deutschen Publikum vertraut“ seien.Joachim Käppner: Im Schatten. Das Institut für Zeitgeschichte verstand sich immer als Ort der Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Jetzt aber geht es auch um Aufklärung in eigener Sache. In: Süddeutsche Zeitung. 21./22. Oktober 2017, S. 3. 1980 wurde eine Anfrage des Verlages C.H. Beck, ebenfalls Hilbergs Werk betreffend, negativ beschieden, woraufhin auch dieser Verlag die Publikation ablehnte.Bernhard Schulz: Nationalsozialismus: Großer Bogen um den Holocaust. Warum wurde Hilberg nicht gedruckt? Zur Kontroverse um das Münchner Institut für Zeitgeschichte. In: Der Tagesspiegel. 26. Oktober 2017, S. 24, abgerufen am 6. Mai 2026. In der Folge lehnten auch weitere Verlage, wie Rowohlt und Suhrkamp, die Publikation ab.

Gleichwohl fertigte das IfZ für interne Zwecke eine partielle Übersetzung von Hilbergs Buch an und nutzte es in seinen Gutachten für die Auschwitzprozesse. Die Vernichtung der europäischen Juden erschien 1982 in kleiner Auflage beim Berliner Verlag Olle & Wolter und erst 1990 in einer Taschenbuch-Ausgabe.

Archiv und Bibliothek Neben der eigenen Forschungs- und Publikationstätigkeit stellt das Institut mit Archiv und Bibliothek wichtige Arbeitsmittel für andere Forscher zur Verfügung. Mit über 220.000 Medieneinheiten gehört die Bibliothek des IfZ inzwischen zu den „führenden Fachbibliotheken der Zeitgeschichte“.Horst Möller: Das Institut für Zeitgeschichte 1949–2009. In: Horst Möller, Udo Wengst: 60 Jahre Institut für Zeitgeschichte. München 2009, S. 84. Daneben sammelt das IfZ auch persönliche Aufzeichnungen von Privatpersonen aus der NS-Zeit, „Liebesbriefe, Tagebücher oder Schriften, die Familienstreitigkeiten dokumentierten zum Beispiel“.Theresa Krinninger: Nachlässe der Großeltern – Wie Opas Tagebuch Geschichte wird. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Juni 2017, abgerufen am 6. Mai 2026.

Der langjährige Leiter des Archivs, Werner Röder, war zusammen mit Herbert A. Strauss Herausgeber einer der wichtigsten Veröffentlichungen zur Emigrationsgeschichte, dem Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933.