miniatur|hochkant=2|Eiger, Mönch und Jungfrau in den Berner Alpen
Antwort aus der Stille ist eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Die zweite größere literarische Arbeit des Autors nach Jürg Reinhart erschien im Jahr 1937, als Frisch 26 Jahre alt war, bei der Deutschen Verlags-Anstalt mit dem Untertitel Eine Erzählung aus den Bergen. Später lehnte Frisch das Jugendwerk ab und nahm es nicht in seine Werkausgabe auf. Erst 2009 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag eine Neuausgabe mit einem Nachwort von Peter von Matt. Während die Besprechungen der Erstausgabe überwiegend freundlich waren, schlossen sich 72 Jahre später die meisten Rezensenten Frischs skeptischer Haltung zum eigenen Werk an.
Die Erzählung handelt von einem jungen Mann, der zwischen einer außerordentlichen Existenz und einer bürgerlichen Karriere zwiegespalten ist. Indem er sein Leben durch eine heroische Tat aufs Spiel setzt, die Erstbesteigung einer Bergroute, verschafft er sich Klarheit über seine Zukunft und gelangt zur Erkenntnis, dass auch das gewöhnlichste Leben wert sei, gelebt zu werden. Antwort aus der Stille ist sowohl durch Frischs eigene, im Text autobiografisch verarbeitete Lebenssituation als auch durch zeitgeschichtliche Einflüsse der 1930er Jahre geprägt. Der Stil ist noch deutlich lyrischer als in Frischs späterer Prosa. Dennoch lassen sich bereits in der frühen Erzählung Grundthemen des folgenden Werks ausmachen, so der Ausbruch aus der bürgerlichen Welt und die Sehnsucht nach einer zeitlich begrenzten Liebe ohne Konsequenzen.
Inhalt
miniatur|Blick von der Eiger-Nordwand
Dr. phil. Balz Leuthold ist Lehrer, 30 Jahre alt und befindet sich in einer Lebenskrise. Von Jugend an verachtete er das Gewöhnliche, Mittelmäßige, hielt sich selbst für außerordentlich und genial. Unklar blieb nur, in welchem Gebiet sich seine Genialität zeigen sollte. Mit dem Verlauf der Zeit erhielt sich seine Verachtung des bürgerlichen Lebens, doch zerrannen immer mehr Versuche, Außerordentliches zuwege zu bringen. Obwohl das Scheitern seines ganzen Lebensentwurfs droht, verspürt Leuthold nicht einmal Verzweiflung, bloß Leere. Zwei Wochen vor der Hochzeit mit seiner 21-jährigen Verlobten Barbara bricht Leuthold aus und fährt in die Berge. Hier will er endlich seine außergewöhnliche Leistung vollbringen: die Ersteigung eines Gipfels über den Nordgrat, an dem bislang alle anderen Bergsteiger scheiterten, viele von ihnen kamen bei Versuchen ums Leben. Die männliche Tat oder der Tod, so formuliert Leuthold seine Alternativen.
Erinnerungen an eine frühere Bergtour des damals 17-jährigen Balz mit seinem älteren Bruder werden aufgewühlt. Leuthold bereut den Entschluss, die Landschaft seiner Vergangenheit wieder aufgesucht zu haben, die ihm nun klein vorkommt. Doch bei einer Wanderung gelingt ihm für einen Moment die Rückkehr in die Kindheit, er schnitzt ein Holzschiff und spielt selbstvergessen an einem Gebirgsbach. Als er realisiert, dass er von Irene, einer 28-jährigen Dänin aus seiner Pension, beobachtet wird, bricht er verschämt ab. Von nun an ist er fixiert darauf, der scheinbar unbeschwerten, jungen Frau mit dem ständig fröhlichen Lachen zu imponieren. Er brüstet sich vor ihr mit wagemutiger Kletterei. Sie begreift den Sinn seines Ehrgeizes nicht, doch der Mann, der offenbar mit seinem Leben nicht glücklich werden kann, rührt sie.
Irene begleitet Leuthold zum Ochsenjoch, am Fuß des Nordgrats. Dort verbringen sie eine Liebesnacht im Zelt. Beide verspüren die Sehnsucht, auszubrechen und ein wirkliches Leben zu leben, ein Leben, das jeden Tag auskostet, und dennoch die Trennung einschließt, ehe es zur Gewöhnung und zum Alltag kommt. Auch Irene gesteht, dass sie ein Leben führt, das sie hinter sich lassen will: zu Hause wartet ein todkranker Ehemann auf ihre Rückkehr, dessen Gegenwart, seinen Tod vor Augen, sie nicht länger erträgt. Als Irene am nächsten Morgen aufwacht, ist Leuthold verschwunden. Nach ihrer Beichte ist er noch in der Nacht zur Gipfelbesteigung aufgebrochen.
Drei Tage bleibt Leuthold verschollen, das Wetter ist längst umgeschlagen. Einheimische Bergsteiger suchen ihn bereits, um seine Leiche zu bergen. Barbara ist angekommen und bangt an der Seite von Irene um ihren Verlobten, den sie, wie sie gesteht, nie hat lieben können. Am dritten Tag taucht Leuthold wieder auf. Er wirkt wie ein Gespenst, mehrere seiner Gliedmaßen sind erfroren. Dass er den Gipfel erreicht hat, tut er ab. Wichtiger ist, dass er die Antwort aus der Stille erhalten hat: jedes Leben sei lebenswert, auch das gewöhnliche. Selbst mit amputierten Gliedern werde er noch ein guter Lehrer und Vater sein können. Am Ende spürt er Gnade und Dankbarkeit für das Glück des Lebens.
Form
Die Erzählung Antwort aus der Stille, die einen Umfang von knapp 150 Seiten hat, war für Peter von Matt ein „kleiner Roman“.Peter von Matt: Nachwort. In: Frisch: Antwort aus der Stille (2009), S. 149. Ort und Zeit der Handlung werden nicht genannt, das Äußere tritt zurück gegenüber den innerlichen Prozessen.Alexander Stephan: Max Frisch. Beck, München 1983, ISBN 3-406-09587-9, S. 26 Dabei steht der männliche Protagonist im Zentrum der Erzählung. Zwei Frauenfiguren spielen eine Nebenrolle, ohne den Ablauf grundsätzlich zu beeinflussen.Schwenke: Was bin ich? – Gedanken zum Frühwerk Max Frischs, S. 81. Den Umschlagpunkt der Handlung, die Nacht, in der Leuthold den Aufstieg wagt, markiert eine Zeile, die nur aus Gedankenstrichen besteht.Frisch: Antwort aus der Stille (2009), S. 118. Für von Matt war „diese merkwürdige Zeile […] ein Signal, daß das was hier gesagt werden müßte, sich nicht sagen läßt.“von Matt: Nachwort. In: Frisch: Antwort aus der Stille (2009), S. 166.
Die Erzählung hat keinen kontinuierlichen Verlauf, sondern besteht zum Großteil aus einer assoziativen Reihung von Selbstgesprächen, Gedankenabläufen und lyrischen Einsprengseln.Stephan: Max Frisch, S. 28 Jürgen H. Petersen sah den frühen Frisch stark unter dem Einfluss Albin Zollingers und dessen poetisch metaphorischen Stil stehen, dabei nicht frei von epigonalen Lyrismen. Frisch selbst betonte, das Schreiben sei ihm damals „sehr leicht“ gefallen,Heinz Ludwig Arnold: Gespräche mit Schriftstellern. Beck, München 1975, ISBN 3-406-04934-6, S. 14. doch er distanzierte sich im Nachhinein von vermeintlich „falscher Poetisierung“. Sein späteres Werk zeichnete sich durch einen wesentlich knapperen, unprätentiöseren Stil aus.Jürgen H. Petersen: Max Frisch. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-13173-4, S. 28.
Interpretation
Nach Walburg Schwenke weise der Protagonist Balz Leuthold alle äußeren Kennzeichen einer bürgerlichen Existenz auf: Von Beruf Lehrer, Leutnant in der Schweizer Armee, verlobt, stehe er kurz vor der Heirat. Doch seine inneren Ziele und Sehnsüchte widerstreben dem äußeren Status: Seit seiner Jugend halte er sich für etwas Besonderes, wolle der Eintönigkeit des Lebens das Außergewöhnliche und die besondere Tat entgegensetzen. Kurz bringe Irene Leuthold von seinen Plänen ab. Ihre Zuversicht nehme ihm die Selbstzweifel, verwandle ihn. Zusammen phantasieren sie von einem unbestimmten gemeinsamen Aufbruch, malen sich ein utopisches Leben aus. Die reale Situation Irenes zerstöre die Illusion, führe Leuthold seine und die Gewöhnlichkeit aller Menschen vor Augen, einer Gewöhnlichkeit, der er nur durch die Rückkehr zum gefassten Plan entgehen zu können glaube.
Mit der Bergbesteigung überantworte sich Leuthold dem Schicksal. Zum Gradmesser seiner Zukunft werde die Natur; nicht innerhalb der Gesellschaft könne Leuthold die Antwort auf sein Leben finden, sondern außerhalb, indem er es aufs Spiel setze. Die selbstmörderische Tat reduziere den Widerspruch zwischen einer Künstler- und Bürgerexistenz auf die Alternativen Leben oder Tod, einen Fatalismus, in dem sich die Frage, ob auch ein anderes Leben möglich sei, nicht mehr stelle. Dass der Held nur knapp dem Tod entrinne, bestärke ihn in seinem Überlebenswillen, die ursprüngliche Sehnsucht nach einem besseren Leben weiche dem pathetischen Glück, überhaupt am Leben zu sein. Dem zuvor unauflöslichen Widerspruch zwischen Künstler und Bürger entkomme die Hauptfigur durch einen Reifeprozess. Der Ausgang der Geschichte – die Welt ist sinnvoll und in Ordnung, der Held muss sie bloß erkennen, „erringen“ und annehmen – wurde für Schwenke zu einer Strategie der Problemverdrängung statt der Problemlösung.Schwenke: Was bin ich? – Gedanken zum Frühwerk Max Frischs, S. 80–84.
Walter Schmitz sah den Protagonisten als unbeholfenen Sonderling im Zentrum von mehreren Gegensätzen: Jugend und Alter, Beruf und Berufung, Liebe und Ehe. Irene und Barbara seien zwei allegorische Frauengestalten, die sich zum Gesamtbild einer Person ergänzen. Leuthold versage darin, Irene durch seine Liebe zu erlösen und flüchte sich in die heldenhaft-stilisierte Bergeinsamkeit. In seiner Schwäche, das erträumte Lebensversprechen umzusetzen, fliehe er in die Bedrohung durch den Tod. Als der Totgeglaubte zurückkehre, sei ein Teil seines Selbst abgestorben: physisch seine Hand als früheres Werkzeug der Tat wie psychisch der Teil seiner selbst, der die vollständige Autonomie angestrebt hatte. Nun benötige Leuthold den Partner zu seiner Ergänzung, wobei Barbara die gleiche Reifung durchgemacht habe wie er selbst. In seinem Bekenntnis zum Lehrerberuf ordne sich der Geläuterte nicht bloß den Regeln der Gesellschaft unter, sondern werde sie in Zukunft selbst propagieren.Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 54–57.
Hintergrund
Autobiografischer Bezug
Obwohl 1937 noch vier Jahre jünger als seine Hauptfigur Balz Leuthold, befand sich Max Frisch zum Zeitpunkt der Entstehung der Erzählung in einer vergleichbaren Lebenssituation: „Eine Freundin, als wir das Heiraten erwogen, war der Meinung, daß ich nichts erlernt hätte, was man einen Beruf nennen kann, und sie hatte ja nicht unrecht; auch sagte sie nur, was ich selber dachte; aber es war ein Schock, es war zum ersten Mal die ernsthafte Vorstellung, daß das Leben mißlingen kann.“von Matt: Nachwort. In: Frisch: Antwort aus der Stille (2009), S. 153–154. Die Freundin war Käte Rubensohn, das Vorbild für die spätere Hanna aus Homo faber. Max Frischs Reaktion war die Aufgabe des Germanistikstudiums und die Hinwendung zu einer technischen Laufbahn. 1936 schrieb er sich an der ETH Zürich für ein Architekturstudium ein. Auch dieses war von Selbstzweifeln begleitet: „Mit der Zeit wurde es schwierig als Ältester unter den fast knabenhaften Studenten herumzusitzen, und aus dem Gefühl, seine Zeit verpaßt zu haben, wuchs eine Minderwertigkeitsangst“.von Matt: Nachwort. In: Frisch: Antwort aus der Stille (2009), S. 156.