mini|hochkant|Hamed Abdel-Samad (2018) Hamed Abdel-Samad (; * 1. Februar 1972 in Gizeh, Ägypten) ist ein ägyptisch-deutscher Politikwissenschaftler und Publizist. Der Öffentlichkeit ist er vor allem als Autor islamkritischer Werke bekannt.Stefan Weidner: Von der Islamkritik zum Post-Salafismus. In: qantara.de, abgerufen am 5. Dezember 2015.
Leben Bis 2010 Abdel-Samad wurde als drittes von fünf Kindern eines sunnitischen Imams in Gizeh bei Kairo geboren. In seiner Autobiografie erwähnt er, im Alter von vier Jahren von einem 15-Jährigen und mit elf Jahren von einer fünfköpfigen Gruppe Jugendlicher auf einem Friedhof vergewaltigt worden zu sein.Cigdem Akyol: Ich bin zum Wissen konvertiert. In: taz, 8. September 2009, abgerufen am 8. Januar 2010.
Als Student war er Mitglied der radikal-islamischen Muslimbruderschaft.
1995 kam er im Alter von 23 Jahren nach Deutschland. Bald darauf heiratete er eine 18 Jahre ältere „rebellische linke Lehrerin mit Hang zur Mystik“.
Abdel-Samad studierte Englisch und Französisch an der Universität Kairo In: swr.de, 8. September 2009, abgerufen am 1. Oktober 2015 sowie Politik an der Universität Augsburg und später Japanisch in Japan. Er arbeitete als Wissenschaftler in Erfurt und Braunschweig sowie in Japan, wo er sich für Shintoismus und Buddhismus interessierte. In Japan lernte er seine spätere zweite Ehefrau kennen, deren Vater Däne und deren Mutter Japanerin ist.
Er lehrte und forschte bis Ende 2009 am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München (Dissertationsthema: „Bild der Juden in ägyptischen Schulbüchern“).Ludwig-Maximilians-Universität München: Treffer für Suchbegriff Abdel-Samad, abgerufen am 1. Oktober 2015 Die Dissertation hat er nicht abgeschlossen.Vgl. Was steht zur Wahl. Über die Zukunft der Politik. In: Neuhardenberger Gespräche zur Zeit. Herder, Freiburg 2013, S. 11.
2010–2013 mini|hochkant|Hamed Abdel-Samad, 2013 Abdel-Samad wurde von 2010 bis 2013 als Teilnehmer der 2. Deutschen Islamkonferenz vom damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière berufen. Seit November 2011 ist Abdel-Samad im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung. 2013 war er Redner auf der 2. Kritischen Islamkonferenz. Seit September 2015 ist er im Beirat der Raif Badawi Foundation for Freedom.Abdel-Samad: wurde in den Beirat der „Raif Badawi Foundation for Freedom“ berufen, eigene Angabe Abdel-Samads in: Facebook
Nachdem Abdel-Samad am 4. Juni 2013 bei einem Vortrag in Kairo der Muslimbruderschaft explizit „islamischen Faschismus“ vorgeworfen hatte und in aller Deutlichkeit geäußert hatte, „dass dieser Faschismus in der Entstehungsgeschichte des Islams zu begründen“ sei, wurden am nächsten Tag im Internet Mordaufrufe gegen ihn veröffentlicht. Am 7. Juni rief Assem Abdel-Maged, ein Führer der Gamaa Islamija und Verbündeter von Staatspräsident Mohammed Mursi, im ägyptischen Fernsehen zum Mord an Abdel-Samad auf, weil dessen Äußerungen eine Beleidigung des Propheten gewesen seien. Übliche Aufenthaltsorte von Abdel-Samad in Kairo wurden im Internet veröffentlicht. Abdel-Samad forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle öffentlich auf, den Mordaufruf schärfstens zu kritisieren und den ägyptischen Präsidenten Mursi aufzufordern, diesen ebenfalls zu verurteilen. Mahmoud Shaaban, Professor an der al-Azhar-Universität in Kairo, wiederholte den Mordaufruf. Abdel-Samad forderte in der Zeitung al-Ahram seinen Schutz durch die ägyptische Justiz. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung wandte sich über die Süddeutsche Zeitung an die ägyptische Regierung, und das Auswärtige Amt erklärte dem Geschäftsträger der ägyptischen Botschaft, die ägyptische Regierung solle Veröffentlichungen von Mordaufrufen unterbinden. Unterdessen verkündete Assem Abdel-Maged, bei den für den 30. Juni angekündigten Demonstrationen gegen Präsident Mursi seien seine Mitstreiter nicht für Gewalt verantwortlich. Abdel-Samad war derweil in Ägypten untergetaucht und berichtete sowohl von falscher Gleichsetzung der Opposition mit seiner Meinung als auch von der Unterstützung durch Andersdenkende. Weder der Präsident noch die Justiz von Ägypten reagierten auf seine Bedrohung. Schließlich forderte Außenminister Westerwelle über Facebook, die ägyptische Regierung solle gegen die Urheber des Mordaufrufs vorgehen, das Auswärtige Amt sei in direktem Kontakt mit Abdel-Samad und habe ihm konkrete Hilfe angeboten. Als die angekündigten Demonstrationen gegen Präsident Mursi stattfanden, war Abdel-Samad wieder in Deutschland und begann eine Vortragsreise. Am 7. Juli 2013 wurde wegen Straßenschlachten nach der Absetzung Präsident Mursis ein Haftbefehl auf Assem Abdel-Maged ausgestellt, der zum Mord an Abdel-Samad aufgerufen hatte.
Am 24. November 2013 wurde Hamed Abdel-Samad vor dem Al-Azhar-Park in Kairo verschleppt und zwei Tage an einem unbekannten Ort festgehalten.Islamkritiker Hamed Abdel-Samad: "Ein Wort und du bist tot". In: Spiegel Online, 20. November 2013, abgerufen am 1. Oktober 2015Publizist vermisst. In: taz.de, 25. November 2013. Die Bundesregierung forderte kurz darauf „schnellstmögliche Aufklärung“ von Ägypten.Bundesregierung fordert Aufklärung über Schicksal von Abdel-Samad. In: faz.net, 25. November 2013, abgerufen am 1. Oktober 2015 Das Auswärtige Amt bestätigte, dass es kurz vor dem Verschwinden Abdel-Samads mit diesem Kontakt hatte. Der Bruder von Abdel-Samad gab an, dieser habe ihm gesagt, er fühle sich verfolgt. Kurz darauf sei Abdel-Samad nicht mehr erreichbar gewesen. Am 26. November 2013 tauchte Abdel-Samad seinem Bruder zufolge mit Verletzungen an Auge und Kopf wieder aufEntführter Publizist Hamed Abdel-Samad wieder aufgetaucht. In: Zeit Online, 26. November 2013, abgerufen am 1. Oktober 2015Deutsch-Ägypter wieder aufgetaucht. In: welt.de, 26. November 2013Verletzter Abdel-Samad will in Deutschland sprechen. In: welt.de, 27. November 2013, abgerufen am 1. Oktober 2015 und begab sich in die Obhut der deutschen Botschaft.Mutmaßliche Entführung in Ägypten: Islamkritiker Abdel-Samad in Obhut der deutschen Botschaft. In: Spiegel Online, 26. November 2013 Es stellte sich heraus, dass er nicht durch Gegner aus politischen oder religiösen Gründen, sondern durch Bekannte wegen Geldstreitigkeiten entführt worden war.Streit um Geld: Abdel-Samad wurde von Bekannten verschleppt. In: Spiegel Online, 27. November 2013, abgerufen am 1. Oktober 2015Islamkritiker Hamed Abdel-Samad: "Ein Wort und du bist tot". In: Spiegel Online, 30. November 2013
Seit 2014 Am 14. Juli 2014 hatte Abdel-Samad im sozialen Netzwerk Facebook angekündigt, Deutschland nach neunzehn Jahren Aufenthalt zu verlassen. Als Grund nannte er unter anderem, dass Deutschland für Leute wie ihn immer ungemütlicher werde und dass daraus ein nicht mehr auszuhaltender Druck auf ihm lasten würde. Der Eintrag wurde zwar nachträglich gelöscht, doch hatten zahlreiche Blogs und Online-Zeitungen bereits die Meldung verbreitet.
Anlässlich seines Buches Mohamed – Eine Abrechnung hielt er 2015 auf Einladung der Alternative für Deutschland einen Vortrag in Dachau. Im Vorfeld kam es zu Protesten.Islamkritiker Hamed Abdel-Samad: Tumulte bei Mahnwache. In: Merkur.de, 30. Oktober 2015 Ebenfalls trat er im Oktober desselben Jahres bei der AfD-Berlin auf. Samad äußerte sich in einem Interview folgendermaßen zu seinem Auftritt: „Ich bin kein AfD-Mitglied, ich werde die AfD auch in naher Zukunft nicht wählen, weil ich mit der Ausrichtung nicht einverstanden bin. Aber gerade deshalb komme ich ja; gerade deshalb müssen wir miteinander reden. Mit wem sollen wir sonst reden, wenn nicht mit den Leuten, die anderer Meinung sind?“Hamed Abdel-Samad bei der AfD in Berlin „…weil ich die Freiheit ernst nehme.“ In: hpd.de Im Mai 2015 war er bei einer Diskussionsveranstaltung der FPÖ in Wien zu Gast.
Gemeinsam mit Ahmad Mansour erhielt er im Oktober 2015 die Josef-Neuberger-Medaille für das Engagement gegen Antisemitismus in der islamischen Welt.Erstmals Muslime geehrt. In: Jüdische Alltemeine, 29. Oktober 2015, abgerufen am 10. März 2018
2016 wurde aufgrund im Buch getroffener Aussagen gegen ihn eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt, da er Mohammed als „Massenmörder“ bezeichnet hatte. Die durch die Berliner Staatsanwaltschaft durchgeführte Vernehmung wurde von Michael Wolffsohn in der Welt und von Abdel-Samad selbst als unzulässige Einschränkung der Meinungsfreiheit kritisiert. Das Verfahren wurde wenige Monate später eingestellt.Hamed Abdel-Samad: Facebook-Post vom 11. Oktober 2016
Im September 2017 veröffentlichte Abdel-Samad auf YouTube und Facebook ein Video auf Arabisch, Deutsch und Englisch an Muslime in aller Welt, in dem er junge Muslime davor warnte, sich von Imamen für Selbstmordanschläge instrumentalisieren zu lassen. Die deutsche Ansprache erreichte in zwei Tagen mehr als 200.000, die arabische Ansprache in fünf Tagen über eine Million Zuschauer.„Junge Muslime, lasst euch nicht verführen!“, WeltN24, 13. September 2017. Im November 2017 sperrte der Kurznachrichtendienst Twitter kurzzeitig sein Benutzerkonto. Nach seinen Angaben hatten ihn ein algerischer Islamist und dessen Freunde im Netz angegriffen, weil er Bilder und Texte veröffentlicht hatte, denen zufolge der Algerier wegen Gewalt gegen religiöse Minderheiten im Gefängnis gewesen sei und nun in Deutschland Asyl beantragt habe. Facebook habe im Gegensatz zu Twitter nicht reagiert. Abdel-Samad erklärte daraufhin, seit Jahren vor Unterwanderung der sozialen Netzwerke durch Islamisten gewarnt zu haben: „Oft werden Konten von Islamkritikern auf Facebook und Twitter gesperrt und Videos von ihnen auf YouTube gelöscht, während islamistische, antiwestliche und antiisraelische Accounts, die Hass schüren, unangetastet bleiben.“ Grund sei die ideologische Ausrichtung mancher Mitarbeiter dieser Medien, die einen islamischen oder linksliberalen Hintergrund hätten.„Islamisten werden in Schutz genommen, aber Kritiker gesperrt“, In: WeltN24, 3. November 2017.Islamkritiker Abdel-Samad auf Twitter kurzzeitig gesperrt, In: General-Anzeiger, 3. November 2017.Twitter-Account des Islamkritikers Abdel Samad gesperrt – und wieder freigegeben, In: Medienmagazin pro, 3. November 2017.
Im Herbst 2020 gehörte er zu den Erstunterzeichnern des Appells für freie Debattenräume. Am 11. November 2020 gab Abdel-Samad seinen Rücktritt als Mitglied in der Islamkonferenz in Deutschland bekannt.Cicero.de: Niemand hat die Islamisten mehr hofiert als die Grünen, 11. November 2020 Allerdings gab es seit 2018 keine festen Mitgliedschaften in der Deutschen Islamkonferenz mehr.Antwort der Bundesregierung vom 5. März 2019 auf die Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Ausrichtung und Fortsetzung der Deutschen Islam Konferenz (BT-DS 19/8125)
Positionen Abdel-Samad ist der Ansicht, dass der Islam spirituelle, politische und juristische Facetten enthalte und als Gesamtkonzept nicht reformierbar sei. Wohl aber könnten Muslime ihr Denken und Handeln reformieren. Er unterstützt die reformatorisch-humanistischen Ansätze des österreichischen Theologen Mouhanad Khorchide. Zugleich wendet er ein, dass Khorchides „humanistische Lesart“ nicht mit weiten Teilen des „authentischen“ Islams vereinbar sei. Muslime sollten nicht über den Islam integriert werden, „sondern über Arbeit, Kultur, Freiheit, die Begeisterung für die Aufklärung und für die Werte der deutschen Gesellschaft.“
Er vertritt die Ansicht, dass Jungenbeschneidung aus rituellen Gründen ein illegitimer Akt sei.