Philine Fischer (geb. Franke; verh. Fischer-Sannemüller; * 1. Februar 1919 in Leipzig; † 22. Januar 2001 ebenda) war eine deutsche Opernsängerin (Sopran), die auch als Oratorien- und Konzertsängerin hervortrat. In Halle avancierte sie zur Primadonna und trug maßgeblich zur Händel-Renaissance der 1950er Jahre bei. Sie interpretierte vierzehn Händel-Opern, womit sie bis heute zur Weltspitze gehört. Insgesamt sang sie 85 Opernpartien. Fischer war Seniorin der Musikerfamilie Fischer-Sannemüller-Krumbiegel.
Leben Herkunft und Gesangsstudium mini|Wohnadresse ab 1919 (Robert-Volkmann-Straße 3, Leipzig-Reudnitz) Philine Fischer wurde 1919 als eine von drei Töchtern des Bibliothekars Arno Franke (1888–1953), der in der Deutschen Bücherei in Leipzig arbeitete, und dessen Frau Elisabeth Franke, geborene Walther (1889–1956), geboren.Wolfgang Lange (Aufzeichnung): Garderobengespräch mit Philine Fischer. In: Theater der Zeit. 8/1983, S. 27–30, hier: S. 27.Sabine Knopf: Fischer, Philine geborene Franke, verheiratete Fischer-Sannemüller - Leipziger Frauenporträts. leipzig.de, 2023, abgerufen am 30. Dezember 2023. Sie entstammte einem christlichen Elternhaus,Marianne Tosetti: Beglückende Begegnung unter Händeis Porträt. NZ-Gespräch mit Volkskammerkandidatin Philine Fischer. In: Neue Zeit, 7. Oktober 1963, Jg. 19, Ausgabe 234, S. 6. in dem Hausmusik gepflegt wurde. Zur Förderung der dialektfreien Sprache und Bewegung besuchte sie ab dem zehnten Lebensjahr gemeinsam mit einer Schwester die von Martel Schmidt geleitete „Schule für Wort, Klang und Bewegung“.Manfred Rätzer: Porträtiert: Eine grosse Haendel-Sängerin. Gespräch mit Kammersängerin Philine Fischer anlässlich ihres 75. Geburtstages. In: Händel-Hausmitteilungen 3/1994, S. 46–51, hier: S. 46. Als 15-Jährige nahm sie an einer Eignungsprüfung am Alten Theater Leipzig teil, wo ihr musikalische Begabung attestiert wurde.
Nach der Schule absolvierte sie von 1936 bis 1941 mit einer Freistelle ein Gesangsstudium am Landeskonservatorium der Musik zu Leipzig.BMG (Hrsg.): SBZ-Biographie. Berlin 1964, S. 89. Dieses begann sie bei der Gesangslehrerin Ilse Helling-Rosenthal, sie wechselte dann aus Unzufriedenheit zu Fritz Polster. Später wurde sie von der Kammersängerin Erna Westenberger unterrichtet, die sie von ihrem Engagement in Leipzig kannte. Noch während ihres Studiums, ab 1938,Personelles: Geburtstage. In: Theater der Zeit. 4/1989, S. 68. trat sie als Oratoriensängerin in Erscheinung u. a. sang sie in Haydns Schöpfung und Strauss’ Deutscher Motette. In Leipzig arbeitete sie u. a. mit ihren ehemaligen Lehrern, dem Thomaskantor Karl Straube, dem Geiger Walther Davisson und dem österreichischen Komponisten Johann Nepomuk David zusammen. Nach der Geburt ihrer Tochter 1941 holte sie an der Städtischen Oper Berlin ihre Reifeprüfung als Opernsängerin nach.Manfred Rätzer: Porträtiert: Eine grosse Haendel-Sängerin. Gespräch mit Kammersängerin Philine Fischer anlässlich ihres 75. Geburtstages. In: Händel-Hausmitteilungen 3/1994, S. 46–51, hier: S. 47.
Beginn der Opernkarriere Ungefähr zehn Jahre lang war sie, bestärkt durch ihren ersten Mann, einem Kirchenmusiker und Straube-Schüler, als Oratorien- und Konzertsängerin tätig.Wolfgang Lange (Aufzeichnung): Garderobengespräch mit Philine Fischer. In: Theater der Zeit. 8/1983, S. 27–30, hier: S. 28. Eine gemeinsame Konzertreise führte sie nach Schweden. Ihre erste Matthäus-Passion interpretierte sie 1940 in der Jakobskirche in Stettin. 1942 wurde Fischer bei einer szenischen Aufführung von Bachs Kaffeekantate von einem Künstleragenten entdeckt. Er bot ihr Engagements in Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt am Main an, was Fischer aufgrund der anhaltenden alliierten Luftangriffe auf deutsche Großstädte ausschlug. Ihr Bühnendebüt als Micaela in Bizets Carmen führte sie 1944 als Opernsängerin für eine Spielzeit an das Oldenburgische Staatstheater.Kutsch/Riemens: Großes Sängerlexikon. Bd. 2. 4. Aufl. München 2003, S. 1476.
Bei Kriegsende zog sie mit ihren Töchtern nach Leipzig, wo sie für ein hallesches Unternehmen Muffe nähte. Nach zwei Wochen in Leipzig meldete sie sich auf eine Annonce und sang am 2. August 1945 im ersten Nachkriegskonzert des Gewandhausorchesters und GewandhauschoresWolfgang Langner: Der Gewandhauschor zu Leipzig. Von den Anfängen bis 2000. Sax-Verlag, Beucha 2005, ISBN 3-934544-72-X, S. 121. unter Gewandhauskapellmeisters Hermann Abendroth in der Thomaskirche zu Leipzig das Sopransolo in dem Händel-Oratorium Messiah. Dort anwesend waren auch Intendant Hans Schüler, Generalmusikdirektor Paul Schmitz und Kammersängerin Margarete Bäumer, die sie für das Ensemble der Oper Leipzig gewinnen wollten. Zunächst zögerte Fischer, nahm dann aber wegen des Weggangs Abendroths nach Weimar 1946 ihre Tätigkeit in Leipzig auf.
Engagement an der Oper Leipzig mini|Wohnadresse 1948 (Fechnerstraße 15, Leipzig-Neustadt) Bis 1952 war Fischer als Solistin an der Oper Leipzig engagiert, die seinerzeit in der Interimsspielstätte im Haus Dreilinden residierte. Als Aushilfsorchester für die Oper fungierte das Leipziger Sinfonie-Orchester,Fritz Hennenberg: 300 Jahre Leipziger Oper. Geschichte und Gegenwart. Langen Müller, München 1993, ISBN 3-7844-2432-5, S. 104f. mit dem sie solistisch zusammenarbeitete.Steffen Lieberwirth (Hrsg.): Mitteldeutscher Rundfunk – die Geschichte des Sinfonieorchesters. Im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks verfasst von Jörg Clemen. Kamprad, Altenburg 1999, ISBN 3-930550-09-1, S. 97. Kapellmeister Helmut Leo bereitete sie gleich zu Beginn auf das Ännchen in Webers Freischütz vor,Wolfgang Lange (Aufzeichnung): Garderobengespräch mit Philine Fischer. In: Theater der Zeit. 8/1983, S. 27–30, hier: S. 29. der von dem Göttinger Regisseur Hanns Niedecken-Gebhard inszeniert wurde.Karin Zauft: Porträtiert. Kammersängerin Philine Fischer zum 80. Geburtstag. In: Händel-Hausmitteilungen. 1/1999, S. 43–47, hier: 44. Im Anschluss trat sie als Marie in Smetanas Verkaufter Braut auf. Insgesamt war sie in Leipzig an ca. 25 Opern beteiligt. Hervorzuheben ist insbesondere ihre Rolle 1947 als Euridyke in Glucks Orfeo ed Euridice, welche die erste Inszenierung der international bekannten Choreografin Mary Wigman darstellte.Fritz Hennenberg: 300 Jahre Leipziger Oper. Geschichte und Gegenwart. Langen Müller, München 1993, ISBN 3-7844-2432-5, S. 141. Außerdem hatte Fischer 1949 die Hauptrolle in der Uraufführung der Oper Die Laune des Verliebten nach Goethe von Erwin Dressel inne.
Hallesche Primadonna Der hallesche Theaterregisseur Heinz Rückert, vormals Oberspielleiter in Leipzig,Personelles. In: Theater der Zeit. 5/1984, S. 68. holte sie 1952 in die Saalestadt. Obwohl das Haus kleiner war als Leipzig, fühlte sich Fischer von den dort auf sie wartenden Händel’schen Herausforderungen angezogen. Sie wurde an den Städtischen Bühnen Halle engagiert und trat bei den regelmäßig stattfindenden Händel-Festspielen auf. Sie erarbeitete sich einen internationalen Ruf als Interpretin der Solopartien in den Opern des Barockkomponisten. In ihrem Nachschlagewerke von 1956 schrieben ihr Herbert A. Frenzel und Hans Joachim Moser einen „jugendlich dramatischen Sopran“ zu.Frenzel/Moser (Hrsg.): Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Berlin 1956, S. 173. Für Karin Zauft sang sie „mit bestechender Klarheit, äußerst präzise im Stimmansatz, mit einer prägnanten, ausdrucksvollen Deklamation. Dabei verfügte sie über einen enormen Stimmumfang, der sowohl in den höchsten Koloraturpassagen als auch in einer voluminösen Mittellage zum Tragen kam.“Karin Zauft: „Wir haben den Stein ins Rollen gebracht“. Zum 100. Geburtstag von Philine Fischer am 1. Februar 2019. In: Mitteilungen des Freundes- und Förderkreises des Händel-Hauses zu Halle 2/2019, S. 60–63, hier: S. 61f. Insgesamt sang sie in Halle (und Lüdenscheid) 14 Händel-Partien. Zu ihren Sängerkollegen in Halle gehörten u. a. Rolf Apreck, Werner Enders, Margarete Herzberg, Kurt Hübenthal, Hellmuth Kaphahn und Günther Leib.Manfred Rätzer: Porträtiert: Eine grosse Haendel-Sängerin. Gespräch mit Kammersängerin Philine Fischer anlässlich ihres 75. Geburtstages. In: Händel-Hausmitteilungen 3/1994, S. 46–51, hier: S. 49. Im Jahr 1953 übernahm sie die Titelrolle in der in Vergessenheit geratenen Oper Deidamia. Höhepunkte ihrer Arbeit in Halle waren die Inszenierungen von Radamisto (1955) und von Poro (1956).Karin Zauft: Philine Fischer (1919–2001). In: Händel-Hausmitteilungen. 1/2001, S. 3–6, hier: S. 4. Das Opernensemble war u. a. Gast an der Hamburgischen Staatsoper und der Deutschen Staatsoper Berlin.Heino Lüdicke: Lebendige Händel-Aufführung. „Porös“ als Gastspiel des Landestheaters Halle in der Staatsoper. In: Neue Zeit, 17. Oktober 1957, Jg. 13, Ausgabe 243, S. 4.
Mit ihrem Wirken begründete Fischer die „Händel-Renaissance“ in Halle mit, wobei sie eng mit dem Regisseur Heinz Rückert, dem Generalmusikdirektor Horst-Tanu Margraf und Bühnenbildner Rudolf Heinrich zusammenarbeitete. Sie waren vom realistischen Musiktheater Walter Felsensteins geprägt. Fischer berichtete: „Uns ging es darum, die nach Kriegsende herrschende große Theaterbegeisterung breiter Kreise der Bevölkerung […] auszunutzen, um den normalen Opernbesucher auch für die Schönheit der Händel-Oper zu begeistern. Wir wollten, daß die Händel-Oper nicht nur von einem elitären Publikum, sondern auch vom Mann auf der Straße verstanden wird. Das Singen in deutscher Sprache, die Verdeutlichung des Inhalts und Gehalts der Arien durch deren Durchtextierung erleichterte dem Publikum das Verständnis der Handlung.“ Für die Musikwissenschaftlerin Karin Zauft (2019) „verkörperte [Philine Fischer] die Generation des Aufbruchs, der neuen Wege und der Hingabe an die verpflichtende moralische Mission des Theaters – nicht nur der Händel-Oper“.Karin Zauft: Philine Fischer (1.2.1919–22.1.2001). In: Magazin der Händelfestspiele (2019), S. 36. Auch im Ausland wurde ihre Arbeit gewürdigt, etwa von Everett Helm sowie den Händelforschern Otto Erich Deutsch und William C. Smith.Everett Helm: Händel-Festspiele in Halle. In: Fono Forum. 6/1959, S. 8f.; Otto Erich Deutsch: Notes from Abroad: Germany. In: The Musical Times. 96 (1955) 1351, S. 491f.; William C. Smith: Notes from Abroad: Germany. In: The Musical Times 97 (1956) 1362, S. 434f.; William C. Smith: News from Abroad: Handel Festival at Halle. In: The Musical Times. 98 (1957) 1374, S. 447f. 1967 sang Fischer als Agrippina in der durch Renate Oeser inszenierten gleichnamigen Oper ihre letzte Händel-Partie.
Fischer hielt sich in der DDR politisch zurück.Krumbiegel/Prokop: Jauchzet, frohlocket: Du musst kein Schwein sein. Kassel 2004, S. 21. Dennoch war sie Mitglied des Zentralvorstandes der Gewerkschaft Kunst im FDGB und wurde im Oktober 1963 auf Vorschlag des Kulturbundes als NachfolgekandidatinPräsidium der Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik (Hrsg.): Die Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik, 4. Wahlperiode. Staatsverlag der DDR, Berlin 1964, S. 681. in die Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik gewählt.
Rezeption in der bildenden Kunst Porträt von Fritz Freitag