mini|hochkant=1.6|N.-D. de La Souterraine, Westansicht mini|hochkant|N.-D.de La Souterraine, Stadteinfahrt von Süden Die ehemalige Prioratskirche Notre-Dame liegt inmitten der französischen Gemeinde La Souterraine, mit circa 5300 Einwohnern (2008), im Département Creuse, in der Région Nouvelle-Aquitaine, ungefähr 45 Kilometer südlich von Argenton-sur-Creuse und 50 Kilometer nördlich von Limoges.

Der ungewöhnliche Name La Souterraine bedeutet „Die Unterirdische“ und hatte Vorläufer, wie etwa Sosterranea und Subterranea. Er geht zurück auf ein heute unter der Kirche noch erhaltenes unterirdisches vorromanisches Sanktuarium aus dem 10. Jahrhundert, das zwei gallo-römische Brunnen und Grabstätten einer gallorömischen Nekropole beherbergt, die auf eine antike vorchristliche Kultstätte schließen lassen.

Um diese „Unterirdische“ hatte sich eine Ortschaft in Größe eines Weilers entwickelt. Über den Bauten des Sanktuariums entstand ein Kloster mit einer ersten Kirche. Ihr folgten die heute erhaltene Kirche und die Vergrößerung der Siedlung, die mit einer wehrhaften Stadtmauer umgeben war.

Die heutige Pfarrkirche Notre-Dame, an ihr wurde gut ein Jahrhundert gebaut, veranschaulicht in einem einzigen Gebäude die Übergänge der beiden großen Stilrichtungen, von der Romanik bis in die Hochgotik. Von den Konventsgebäuden an der Nordseite der Kirche ist heute nichts mehr übrig geblieben.

Historisches

Die Wurzeln von La Souterraine gehen auf das gut einen Kilometer von der Ortsgrenze entfernte Dörfchen Bridiers zurück, das in der Antike Bretum genannt wurde und damals eine gallo-römische Stadt war. Sie hatte Bedeutung erlangt durch ihre Lage am Schnittpunkt zweier Römerstraßen, derjenigen von Poitiers nach Ahun (Acitodunum) und der von Limoges nach Châteauroux. In Bridiers wurden bedeutende Artefakte aus der Römerzeit ausgegraben. In den Jahren 275 oder 276 soll Bretum von den Alemannen durch Brandschatzung gänzlich zerstört worden sein, was archäologische Brandspuren belegen. Daraufhin war Bretum lange Zeit unbewohnt. Danach errichtete man auf einer Anhöhe, nahe der ehemaligen Stadt, eine wehrhafte Burg, als Sitz der mächtigen Grafschaft von Bridiers, von der heute noch ein stattlicher Rundturm und etliche Mauerreste zeugen.

In ihrem „Schatten“ lag der Weiler von La Souterraine, der erstmals 992 als Sosterranea erwähnt wurde, später auch als Subterranea, dessen Name damals schon auf Unterirdisches hinwies.

Im Jahr 1015 schenkte Gérald de Crozant (Crozant: Ortschaft 20 km nordöstlich von La Souterraine), Vizegraf (fr. Vicomte) von Bridiers, den Mönchen der Benediktinerabtei Saint-Martial von Limoges seine Villa La Souterraine, einen Weiler, der zu Bridiers gehörte, in dem sich das vorromanische Sanktuarium befand, in der vermutlich schon frühchristliche Gottesdienste gefeiert worden sind. Über ihm war ein gemauertes Gebäude mit einem hölzernen Dachstuhl errichtet.

Die Mönche gründeten alsbald ein Priorat, geleitet von Rudolph Barthon, restaurierten zwischen 1017 und 1022 das Sanktuarium, in dem sie ihre Reliquien unterbrachten und erweiterten es mit Unterstützung der Dorfbewohner um drei Kapellen, einer zentralen Hauptkapelle in östlicher Verlängerung des alten Sanktuariums, die von zwei Seitenkapellen flankiert waren, die mit ihnen durch tonnengewölbte Übergangsräume in Verbindung standen. Wegen des Gefälles des Geländes von Westen nach Osten ragten die neuen Bauten deutlich über das Terrain hinaus. Die nördlichen, östlichen und südlichen Außenwände der Kryptaerweiterung waren die Basis der darüber errichteten ersten und der späteren heutigen Kirche.

Im August 1022 sind die Gebeine des verstorbenen Spenders Vicomte Gérald in der Krypta begraben worden, von denen sich keinerlei Spuren erhalten haben.

Über den Bauten der erweiterten Krypta wurde dann eine erste Kirche errichtet, die der „Notre-Dame de La Souterraine“ geweiht und um 1060 fertiggestellt war. Über deren Aussehen und Größe sind, bis auf das Querhaus und den Chor keine Informationen bekannt. Sie war sicher deutlich kleiner als die heutige. Auf ihrer Nordseite entstanden die Konventsgebäude des Priorats.

In den Jahren 1036 und 1037 profitierte Béraud, Sohn des Gérald, vom ersten Konflikt zwischen den Mönchen des Priorats und den Bewohnern über die Höhe ihrer Abgaben, um den Ort zurückzuerobern. Er aber hatte – dem Tode nahe – Reue und Angst vor seiner Bestrafung mit Höllenqualen. Er kehrte daraufhin in das Kloster zurück und schenkte den Mönchen weitere seiner Güter, die in die Finanzierung der Bauarbeiten investiert wurden, aber bald schon verbraucht waren.

Im Jahr 1070 spendete Geoffroi (Gottfried) de Bridiers einen Teil seiner Einnahmen für die Bauarbeiten der Mönche.

Der Graf (fr. Comte) des benachbarten Bridiers beobachtete die Aktivitäten der Mönche auf der Grenze zu seinen Ländereien besonders kritisch. Sein aggressives Verhalten führte zu Streitigkeiten und Behinderungen der Bauarbeiten, die die Mönche veranlassten, Befestigungsanlagen zu erbauen. miniatur|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 miniatur|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela Gegen Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien ein. Ihre große Blütezeit fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So formierte sich der Jakobsweg in Frankreich, aus vier Hauptrouten, begleitet von einem Netz zahlreicher Nebenrouten.

An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, und vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem mehr Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, und möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.

Das Priorat mit der Kirche Notre-Dame de La Souterraine lag auf einer der vier Hauptrouten des Jakobsweges in Frankreich, der Via Lemovicensis, von Vezelay (Burgund) nach Ostabat (vor dem Pyrenäenübergang). Die Mönche mussten gegen Ende des 11. Jahrhunderts erkennen, dass ihre gerade 40 Jahre alte Kirche den räumlichen Anforderungen einer Pilgerkirche auf einer der Hauptrouten nach Spanien kaum noch gewachsen war. Dementsprechend konnten sie auch an dem zunehmenden Spendenaufkommen der Pilger nur noch begrenzt teilhaben.

Der im Jahr 1120 begonnene Neubau der heutigen Kirche war eigentlich eine Erweiterung und Modernisierung des vorhandenen Querhauses und Chorhauptes der erst seit etwa 60 Jahren fertiggestellten ersten Kirche. Um zunächst das vorherige Gebäude unabhängig von den Störungen durch die Bauarbeiten für die Gottesdienste der Jakobspilger noch nutzen zu können, begann man mit einer ersten Ausführungskampagne der Erweiterung am neuen westlichen Ende in Richtung Osten, und zwar zunächst mit den ersten beiden Jochen, die noch gänzlich in romanischem Stil konstruiert und ausgestattet sind, und vorerst nur mit dem Stumpf des Glockenturms.

Das erste Joch des Mittelschiffs wurde mit einer hohen Pendentifkuppel innerhalb des Turmsockels überdeckt, das zweite mit einem angespitzten Tonnengewölbe und die Seitenschiffe mit Kreuzgratgewölben. Die Scheidewände besaßen noch keine durchfensterten Obergaden. miniatur|hochkant=0.7|Zeitgenössische Miniatur der Schlacht von Auray (1364)

Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die späteren Kriege des 13./14. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch und führte zu nahezu völligem Erliegen der Pilgerströme nach Spanien. In diese rückläufigen Entwicklungen der Pilgerfahrten, mit den zurückgehenden Spendeneinnahmen, fiel die Hauptbauzeit der Kirche, deren Fortschritte immer wieder an finanzielle Grenzen stießen, die sie verlängerten.

Vermutlich mit Fertigstellung des ersten Bauabschnitts vor 1170, aus den ersten beiden Jochen und einer Wand des dritten, hat man ihn hinter dem zweiten Joch provisorisch verschlossen und den Pilgern zur Feier von Gottesdiensten zugänglich gemacht. Dabei dienten die teilweise noch verbliebenen Gebäude des gerade kaum 90 Jahre alten Vorgängerbauwerks, mit seiner bedeutenden Krypta, auch weiterhin zur Verehrung der vorhandenen Reliquien. miniatur|hochkant=0.7|König Ludwig VII. von Frankreich Über den Weiterbau des Glockenturms geben die bekannten Quellen kaum Auskunft. Aus den überwiegend romanischen Stilelementen der beiden oberen Geschosse lässt sich aber vermuten, dass er noch vor Aufnahme, vielleicht aber noch während der Durchführung des nächsten Bauabschnitts erstellt worden ist. Teile der Blendarkaden am oberen Rand des dritten Geschosses, andere dekorative Elemente und der Turmhelm stammen jedenfalls aus der hochgotischen Periode des 13. Jahrhunderts.

Im Jahr 1170 begannen die Arbeiten an der zweiten Ausführungskampagne, dem dritten und vierten Joch des Langhauses, dessen romanische Hülle teilweise mit frühgotischen Stilelementen ausgestattet ist, wie etwa mit den Kreuzrippengewölben des Mittelschiffs, die durchfensterten Obergaden zuließen. Die Seitenschiffe sind aber noch alle mit romanischen Kreuzgratgewölben überdeckt. Nach dessen Fertigstellung, etwa gegen 1080/90, konnten die Gläubigen, nach vorhergehendem provisorischen Abschluss hinter dem vierten Joch, in das fast fertige Langhaus „umziehen“, an denen allerdings kaum noch Jakobspilger beteiligt waren. Die oberirdischen Teile des vorherigen Langhauses waren inzwischen aufgegeben und abgerissen worden. Die Wände des Querhauses, mit seinen Kapellen und des Chors der Vorgängerkirche wurden vom Abbruch bewahrt, bis auf die romanischen Gewölbe und Pfeiler. miniatur|hochkant=0.7|König Heinrich II. von England, Lord von Irland, um 1170 Im Jahr 1171 flammte der Zwist zwischen den Mönchen und den Bewohnern der Stadt erneut auf, bei dem es wieder um die Finanzierung des im Bau befindlichen Gotteshauses ging. Die Kleriker wollten dazu eine deftige Leibeigenensteuer einziehen. Die Stadt wurde daraufhin vom französischen König (1137–1180) Ludwig VII. (fr. Louis) genannt Le Jeune (der Jüngere) eingenommen und dieser dann von der Kirche exkommuniziert (gebannt). Er erreichte jedenfalls, dass in La Souterraine vorübergehend Ruhe einkehrte.

Im Jahr 1177 eroberten die Truppen des späteren Heinrich II. (engl. Henry), König von England (1154–1189), die Stadt. Der Kirchenschatz verschwand in seiner Kriegskasse. Auf Bitten der Mönche erließ er den Einwohnern die Abgaben und gewährte ihnen selbst erhebliche Unterstützungen zur Fortsetzung der Bauarbeiten. Im Volksmund wurde die Kirche später als „ein Werk der Engländer“ bezeichnet.

Auch diese Spenden waren wieder bald verbraucht. Die Mönche forderten daher von den Einwohnern eine außergewöhnliche Höhe ihrer Abgaben, was zur Folge hatte, dass sowohl die Bourgeoisie wie auch die Bürger dagegen Widerstand leisteten und revoltierten. Am Ostermontag 1190 wurde der Prior Raymond de Vigeois ermordet. Eine Stele auf dem heutigen Friedhof, die „Mousse Gagné“ (aufgeblasener Profit) genannt wird, präsentiert sein Bildnis. Etliche Mönche wurden verschleppt und grausam verstümmelt. miniatur|Philipp August und Richard Löwenherz treffen zusammen Im Jahr 1195 brach ein neuer Konflikt zum Thema Abgaben aus. Philipp II. August (fr. Philippe Auguste) und Richard Löwenherz König von England (1189 bis 1199) gelang eine Einigung zwischen Bewohnern und Mönchen: Die Bewohner sollten nur die Hälfte der verlangten Steuer bezahlen, dem gegenüber sollten die Mönche den Bann des Königs zurückziehen. Der daraus erzielte Geldbetrag erschöpfte sich bald wieder im Bauwerk. Daraufhin finanzierte Richard Löwenherz große Teile des Querhauses, des Chors und des Glockenturms, zu denen die Mönche einen Anteil beitrugen.