Adélaïde Hautval, geborene Haas, genannt Haïdi Hautval (* 1. Januar 1906 in Hohwald; † 12. Oktober 1988 in Groslay) war eine französische Psychiaterin und Häftlingsärztin im KZ Auschwitz, die als Helferin nach der Befreiung vom Nationalsozialismus unter anderem als Gerechte unter den Völkern geehrt wurde.

Leben Hautval war die Tochter eines evangelischen Pastors. Sie absolvierte nach dem Ende ihrer Schullaufbahn an der Universität Straßburg ein Medizinstudium.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 264 f. Sie wurde 1933 mit der Dissertation „Beitrag zur Lokalisierung posttraumatischer Störungen“ zum Dr. med. promoviert.Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 166. Ihre Facharztausbildung zur Psychiaterin schloss sie 1933 ab. Danach war sie an Straßburger und Schweizer Kliniken tätig. 1938 kehrte sie nach Le Hohwald zurück, um dort eine Einrichtung für behinderte Kinder zu gründen., in: Antifaschistische Nachrichten, Ausgabe 20, 1998

Hautval wurde im April 1942 bei dem Versuch des illegalen Grenzübertritts von dem besetzten Teil Frankreichs zum so genannten Vichy-Frankreich verhaftet. In Bourges wurde Hautval in Untersuchungshaft genommen, wo sie ihren Prozess erwartete. Aufgrund von Protesten gegen die Behandlung jüdischer Mitgefangener bei der Gestapo wurde Hautval mit weiteren politischen Gefangenen in das Gefängnis Romainville überstellt.Enzyklopädie des Holocaust; Piper Verlag, München 1998, Band 2, S. 198 f. Daraufhin wurde sie gezwungen, ein Stoffband mit der Aufschrift „Amie des Juifs“ (Judenfreundin) anzulegen.Adélaïde Hautval auf den Seiten der Gedenkstätte Stille Helden

Ende Januar 1943 wurde Hautval in das KZ Auschwitz als „Judenfreundin“ deportiert und dort bald als Häftlingsärztin (Häftlingsnr. 31.802) im Krankenrevier des Stammlagers eingesetzt. Der Standortarzt Eduard Wirths teilte sie unter anderem dem KZ-Arzt Carl Clauberg zu, um diesem bei Zwangssterilisationen zu assistieren. In Eduard Wirths’ Auftrag – und im Forschungsinteresse seines Bruders Helmut Wirths – musste sie auch Gewebeproben am Gebärmutterhals entnehmen. Diese Versuchsreihe sollte der Früherkennung von Gebärmutterkrebs dienen. Hans-Joachim Lang: Die Frauen von Block 10. Medizinische Versuche in Auschwitz. Hamburg 2011, S. 144–166. Nachdem Hautval festgestellt hatte, dass weibliche jüdische Häftlinge mittels Röntgenstrahlen sowie Ovariektomien sterilisiert und Opfer medizinischer Experimente wurden, weigerte sie sich, weiter an den Versuchsreihen teilzunehmen.

Ohne Bestrafung für ihre Weigerung wurde sie daraufhin ins KZ Auschwitz-Birkenau verbracht, wo sie als Häftlingsärztin tätig wurde und Mithäftlinge unterstützte. In Birkenau sollte sie bei den medizinischen Experimenten von Josef Mengele assistieren, was sie ebenfalls ablehnte. Der Aufforderung, sich am 16. August 1943 in der Politischen Abteilung zu melden, konnte sie entgehen. Freundinnen im Häftlingskrankenbau, darunter Orli Wald, verabreichten ihr zuvor ein Schlafmittel und versteckten Hautval. Im August 1944 wurde sie nach einer Typhuserkrankung ins KZ Ravensbrück überstellt, wo sie am 30. April 1945 durch die Rote Armee befreit wurde.Gaby Rehnelt: Denke und handle getreu den klaren Quellen deines Wesens. In: buchbesprechungen – informationen 69, S. 45 (PDF)

Nach der Befreiung versorgte sie noch die kranken Häftlinge im Lager und kam Ende Juni 1945 in Paris an. Sie begann, ihre Lagererfahrungen im Konzentrationslager niederzuschreiben, und war 1946 Zeugin in mehreren Militärgerichtsprozessen gegen Angehörige des KZ-Personals. Sie war als Schulärztin in Besançon und später in einem Vorort von Paris beschäftigt. Hautval, die mit ihrer Lebensgefährtin zusammenlebte, wandte sich 1961 gegen Frankreichs Algerienpolitik.

Hautval kümmerte sich um ihre pflegebedürftige Lebensgefährtin bis zu deren Tod und nahm sich im Oktober 1988 das Leben. Die von ihr noch 1987 überarbeitete Niederschrift ihrer Lagererfahrungen erschien erstmals in französischer Sprache 1991 und 2008 als deutsche Erstausgabe unter dem Titel: Medizin gegen die Menschlichkeit. Die Weigerung einer nach Auschwitz deportierten Ärztin, an medizinischen Experimenten teilzunehmen.

Ehrungen mini|Zum Gedenken an Adélaïde Hautval wurde in Yad Vashem ein Baum gepflanzt Hautval war seit Dezember 1945 Trägerin des Kreuzes der Ehrenlegion. Sie wurde 1965 von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. – ihre Tätigkeit Juden während des Holocaust das Leben zu retten, auf der Seite von Yad Vashem In Le Hohwald wurde sie 1991 mit einem Gedenkbrunnen geehrt, auf dessen Sockel ein Satz Hautvals steht: „Denke und handle nach den klaren Wassern Deines Wesens“. In Straßburg trägt eine Straße ihren Namen.

Veröffentlichung Adelaide Hautval: Medizin gegen die Menschlichkeit. Die Weigerung einer nach Auschwitz deportierten Ärztin, an medizinischen Experimenten teilzunehmen, 2. überarbeitete und ergänzte Auflage, Karl Dietz Verlag, Berlin 2024 (zuerst 2008, Original 1991), ISBN 978-3-320-02154-2.

Literatur Israel Gutman (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust – Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Piper Verlag, München/Zürich 1998, 3 Bände, ISBN 3-492-22700-7. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, ISBN 3-548-33014-2. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Die Auschwitz-Hefte, Band 2; Hamburg, 1994; ISBN 3-8077-0282-2. Hans-Joachim Lang: Die Frauen von Block 10. Medizinische Versuche in Auschwitz. Hamburg 2011. Jan Prokop: Pionierinnen der Psychiatrie in Frankreich und Deutschland (1870–1945). Sechs ausgewählte Fallstudien. Springer, Wiesbaden 2022, ISBN 978-3-658-40008-8, S. 196–220.

Weblinks Felicitas Söhner (2017): Biographie von A. Hautval In: Biographisches Archiv der Psychiatrie (BIAPSY)

Einzelnachweise

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