mini|Clemens Brentano (nach 1833) Was reif in diesen Zeilen steht ist ein Gedicht von Clemens Brentano. Es entstand um 1835Enzensberger, S. 95 Mitte und erschien im November 1837 in der erweiterten Fassung des Gockelmärchens bei Schmerber in Frankfurt am Main.Tunner, S. 421, 8. Z.v.u. Darin hatte Brentano die Verse seiner Jugendliebe Marianne von Willemer gewidmet.Tunner, S. 422 oben
Enzensberger, der „Eingang“ als Titel des Gedichts aus den Schriftenzitiert bei: Enzensberger, S. 155: „Clemens Brentanos Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Christian Brentano. Frankfurt am Main 1852/55. IX Bände“ entnommen hat, macht Angaben zur langjährigen, labyrinthischen EntstehungsgeschichteEnzensberger, S. 95–105 dieses prosodisch einmaligen Denkmals der deutschen Sprache.
Struktur Das Gedicht besteht aus sechs jambischen Dreizeilern und einem Zweizeiler.Frank, S. 57 Auf zwei VierheberFrank, S. 30 folgt ein dritter Vers mit nur drei Hebungen. Somit findet sich der im Minnesang übliche Bau des Liedes aus Auf- und Abgesang in diesem Dreizeiler wieder.
Das Gedicht schließt mit dem berühmten Zweizeiler „O Stern und Blume, …“.
Wortlaut HebungenHebung: Betonung einer Silbe oder eines Wortes. sind in der ersten Strophe kursiv gesetzt. Die Schreibung folgt Enzensberger.Enzensberger, S. 94, 4. Z.v.u.
Was reif in diesen Zeilen steht, Was lächelnd winkt und sinnend fleht, Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet, Die Schwermuth hat hindurchgeweht, Die Sehnsucht hat’s getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht, Die Armuth durch die Stoppeln geht, Sucht Aehren, die geblieben,
Sucht Lieb, die für sie untergeht, Sucht Lieb, die mit ihr aufersteht, Sucht Lieb, die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht Die Nacht durch dankend in Gebet Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht, Was Lieb erhielt, was Leid verweht, Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Interpretation Es liegen zahlreiche Untersuchungen vor. Mitunter lässt schon der Titel aufhorchen. Zum Beispiel hat Tunner ihre Arbeit mit „Die geheime heilige Geschichte des Herzens“ überschrieben. Die Autorin sieht das Gedicht als so etwas wie das lyrische Testament Brentanos an und nimmt das „reif“ im ersten Vers als formvollendet. Im Ton heiter und nachdenklich zugleich, appelliere Brentano sowohl an die Sinne als auch an den Geist des Lesers. Mit dem beschworenen Bild vom Kinde sei letztendlich Gotteskindschaft gemeint in dem Sinne: Im Gegensatz zum Sentimentalischen propagiere Brentano das Naive. Der Romantiker Brentano glaube an die kreative Kraft der Sehnsucht. Demnach gipfele das dreigeteilte Gedicht, nach der aufgegangenen Saat als Schwermut in Sehnsucht. Die Quintessenz: Erlöst werde, der suche. Im Übrigen habe dem späten Brentano nichts an Verständlichkeit gelegen. Der Leser müsse mit dem Gedicht selbst ins Reine kommen.
Rezeption Walter Benjamin: Deutsche Menschen. In: Frankfurter Zeitung, 1931–1932, Einleitung zum Brief Wilhelm Grimm an Jenny von Droste-Hülshoff, 9. Januar 1825 (GS Band 10, IV 1, S. 198). Die letzten beiden Verse des Gedichts widerspiegelten den Urgrund alles menschlichen Seins zwischen Himmel und Erde.Schulz, 466, 8. Z.v.u. Mit „Sprachmusik“ werde in dem Gedicht „Unbildliches“ artikuliert – ein Ausweis für die Berechtigung der Poesie.Schulz, S. 759, 7. Z.v.u. Riley,Helene M. Kastinger Riley: Clemens Brentano. Stuttgart 1985, ISBN 3-476-10213-0, S. 93, erster Eintrag. SchultzSchultz, S. 319 und TunnerTunner, S. 433 nennen weiter führende Untersuchungen: K. Togawa (1966), A. Bennholdt-Thommsen (Bonn 1967), Maria Schmidt-Ihms (Acta Germanica 3,1968, S. 153–165), Elisabeth Stopp (Modern Language Review, 1972, 67, S. 95–117), G.-K. Kaltenbrunner (1978), Ricarda Winterswyl (Blätter für die Deutschlehrer, 1980, 24, S. 33–38), Grete Lübbe-Grothues (Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1982, S. 262–276) und das Buch Emil Staigers (Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters, Zürich 1939).
Ausgaben [Was reif in diesen Zeilen steht] In: Clemens Brentano: Werke. Band 1. München [1963–1968], S. 618–619; Clemens Brentano: Gedichte.
Literatur geordnet nach dem Erscheinungsjahr Kurt May (Hrsg.), Walter Höllerer (Hrsg.): Hans Magnus Enzensberger: Brentanos Poetik. Hanser, München 1961 (Schriftenreihe Literatur als Kunst; zugleich: Dissertation, Erlangen, 1955); 157 Seiten. Erika Tunner: Die geheime heilige Geschichte des Herzens. Zu Clemens Brentanos Gedicht Was reif in diesen Zeilen steht. In: Wulf Segebrecht (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Band 3: Klassik und Romantik. Reclam UB 7892, Stuttgart 1984, ISBN 3-15-007892-X, S. 421–433 (Auflage 1994); 464 Seiten. Helene M. Kastinger Riley: Clemens Brentano. Stuttgart 1985, ISBN 3-476-10213-0 (Sammlung Metzler, Band 213); 166 Seiten. Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 2: Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration: 1806–1830. C. H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-09399-X; 912 Seiten. Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. 2. Auflage. Francke, Tübingen 1993, ISBN 3-7720-2221-9; 885 Seiten.Die erste Auflage erschien bei Hanser in München. Hartwig Schultz (Hrsg.): Clemens Brentano. 1778–1842 zum 150. Todestag. Peter Lang, Bern 1993, ISBN 3-906750-94-9; 341 Seiten.
Einzelnachweise „Quelle“ meint die zitierte Textausgabe.
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