Die von Josef Wieland entwickelte Governanceethik, Ethik der Governance, ist ein Konzept der Wirtschaftsethik, das an die Systemtheorie von Niklas Luhmann und den Ansatz der Neuen Institutionenökonomik in Hinblick auf die Transaktionskosten anknüpft.

Globalisierung als Rahmenbedingung Wieland konstatiert eine abnehmende Orientierung an traditionellen Werten und sieht als wesentlichen Einfluss die zunehmende Globalisierung, die sich nicht nur auf den Gütermärkten abspielt, sondern vor allem auch im Finanzsystem und in der Kommunikation. Globalisierung fordert Legitimation über nationale Grenzen hinweg. Dies gilt beispielsweise für Fragen des Umweltschutzes, der Menschenrechte und der Armutsbekämpfung. Für global agierende Unternehmen, die durch Großinvestitionen, internationale Beschaffung, Festlegung von Sozialstandards oder Standortverlagerungen wesentlichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben ausüben, gibt es jedoch keinen internationalen Ordnungsrahmen. Die rechtlichen Rahmenordnungen bleiben national bestimmt. Indem Nationalstaaten als Wirtschaftsstandorte in den Wettbewerb treten, entsteht sogar die Gefahr, dass etablierte Standards im Arbeits- oder Umweltrecht wieder verloren gehen. Die Globalisierung führt allerdings zugleich zu einer Ausweitung der Zivilgesellschaft ebenfalls über nationale Grenzen hinweg. Ein deutliches Zeichen ist die Zunahme von auch international agierenden Nichtregierungsorganisationen, die Unternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung für ihr Handeln zuweisen und eine Legitimation dieses Handelns fordern. Unternehmen reagieren auf solche Forderungen mit Konzepten wie der Corporate Social Responsibility, der Corporate Citizenship oder dem Global Compact und anderen Verhaltenskodizes. Wieland sieht in dieser Entwicklung „eine Verschiebung in der Steuerungstektonik moderner Gesellschaften“ und vertritt die These, „dass moderne Gesellschaften steuerungstechnisch Organisationsgesellschaften sind und dass Unternehmensorganisationen in Zeiten der Globalisierung, also auf unabsehbare Zeit, eine wesentliche gesellschaftliche Steuerungsaufgabe zufällt.“

Mit dieser These begründet Wieland, dass seine Überlegungen zur Wirtschaftsethik sich im Schwerpunkt auf Unternehmensethik konzentrieren. „Selbstverständlich sind auch staatliche Regeln und Ordnungen Governancestrukturen, aber aus Gründen der Konzentration und Vereinfachung der Analyse sollen sie hier systematisch nicht berücksichtigt werden.“

Begriffliche Grundlagen Governance bezeichnet die Lenkungsstruktur einer Institution. Wirtschaftsethisch relevante Institutionen können organisatorische Einheiten wie der Staat, Verbände und Unternehmen, aber auch funktionale Systeme wie der Markt, eine Rechtsordnung oder allgemein der ordnungspolitische Rahmen sein. Lenkung, d. h. Steuerung und Kontrolle, bedeutet die Festlegung eines Sollens. Governance ist daher für Wieland von vornherein „normativ aufgeladen“.

Für Wieland sind Politik und Recht, Ökonomie und Moral eigenständige Funktionssysteme mit eigenen Entscheidungslogiken und Sprachspielen, die nicht aufeinander reduzierbar sind. Jedes der Funktionssysteme hat einen eigenen Code der Kommunikation, so die Wirtschaft den Code des Geldes (Zahlen/Nicht-Zahlen), die Politik Macht, das Recht rechtmäßig, ein Unternehmen Aufwand und Ertrag und die Moral, die bei Wieland im Gegensatz zu Luhmann ein eigenständiges System bildet, den Code von gut und böse bzw. von Anerkennung (Selbstanerkennung und Fremdanerkennung). Aus diesem Grund hält Wieland ein „Primat der Ethik“ wie überhaupt den Primat eines Funktionssystems nicht für möglich. Vielmehr kommen die Funktionssysteme in einzelnen Transaktionen und Kooperationsakten als eigenständige Dimensionen simultan zur Wirkung und sind strukturell gekoppelt. Wieland spricht von „polylingualen“ Organisationssystemen. So finden in einem Unternehmen Sprachspiele aus den Bereichen Ökonomie, Technik, Recht, Kultur und Moral statt. Die Bedeutung der einzelnen Dimension hängt von der jeweiligen Entscheidungssituation ab. „Die Einheit und Integration moderner Gesellschaft, ihr gemeinsamer Sinn, liegt nicht in einer Systeme umspannenden Totalität, sondern im immerwährenden Aufscheinen und Entschwinden gelingender Simultanität systemischer und daher differenter Entscheidungslogiken in der Governance der Transaktionen einer Gesellschaft.“

Das formale Konzept der Governanceethik Wirtschaftliche Handlungen sind Transaktionen, die immer mit Transaktionskosten verbunden sind. Ziel des Wirtschaftens ist es, durch Kooperation die Transaktionskosten zu senken. Damit steht für die Koordination und Kooperation von Organisationen eine Kooperationsrente und nicht der Gewinn als Zielgröße des Handelns im Vordergrund. Indem das System der Moral immer zugleich mit dem System der Ökonomie gekoppelt vorhanden ist, wirkt die Moral durch ihren Einfluss auf Entscheidungen auch stets auf die Transaktionskosten wirtschaftlicher Handlungen und damit auf die Kooperationsrente.

Wieland benennt die Einflussfaktoren der Moral auf ökonomische Handlungen formalistisch in Form einer Funktion: Tmi = f (aISi, bFIij, cIFij, dOKKi) (a...d = –1, 0, 1; i = spezifische Transaktion; j = spezifischer Ort)

Die Kernaussage der Ethik der Governance, so wie sie in dieser formalen Schreibweise festgehalten ist, lautet: Die moralische Dimension einer gegebenen und distinkten ökonomischen Transaktion (Tm) ist eine Funktion individueller Selbstbindungsstrategien (IS), der involvierten formalen (FI) und informalen (IF) Institutionen und der relevanten Koordinations- und Kooperationsmechanismen einer Organisation (OKK). Jedes Argument dieser Funktion wird betrachtet im Hinblick auf seinen Einfluss auf eine distinkte Transaktion (i) in einem gegebenen lokalen oder globalen Kontext (j). Weiterhin gilt, dass jedes Argument dieser Funktion, also die individuellen Regimes der Selbstgovernance, die formalen und informalen Institutionen und die involvierten Organisationsstrukturen, die moralische Dimension einer Transaktion entweder positiv (a – d = 1) oder negativ (a – d = –1) beeinflussen kann. Nehmen a – d hingegen den Wert 0 an, ist damit gesagt, dass ein Einfluss zu vernachlässigen ist.

Wesentlich ist, dass Wieland in dieser formalen Betrachtung individuelle Moralvorstellungen (IS) mit institutionellen Werten als (funktional) verknüpft ansieht. Institutionen wie Unternehmen haben eine eigenständige moralische Position, die über die individuellen Moralvorstellungen der einzelnen Akteure hinausgeht. Individuelle Moralvorstellungen können auf Tugenden, rationalen Überlegungen (z. B. Nutzen) oder anderen Mechanismen (z. B. Religion) beruhen. Ein Beispiel für formale Institutionen (FI) ist das Recht. Und informale Institutionen (IF) sind kulturell verankerte Normen, wie sie beispielsweise im Bild des ehrbaren Kaufmanns zum Ausdruck kommen, aber auch die Diskurse der philosophischen Ethik. In diesem Bereich spielen auch interkulturelle Differenzen und deren Wahrnehmung eine wesentliche Rolle. Mit den Koordinations- und Kooperationsmechanismen spricht Wieland die Art und Weise an, wie die Prozesse gestaltet sind, in denen wirtschaftliche Transaktionen abgewickelt werden. Hierzu gehören Vertrauen bildende Verhaltensweisen wie pünktliche Lieferung oder Zahlung oder die Forderung an Lieferanten, auf Kinderarbeit zu verzichten. „Kooperation ist ein grundlegendes und universalistisches Phänomen menschlicher Existenz, das sich sowohl für moralische als auch ökonomische, politische oder rechtliche Reflexionen über die Verfassung und Integration einer Gesellschaft eignet.“

Indem Wieland sich auf die konkret vorhandenen moralischen Bestimmungsfaktoren ökonomischer Transaktionen konzentriert, verzichtet er auf eine der Wirtschaft externe Begründung wie sie etwa im Utilitarismus oder in einer deontologischen Ethik der Praxis vorgegeben werden. Die Governanceethik ermöglicht stattdessen einen strikten Anwendungsbezug. „Der systematische Referenzpunkt der Governanceethik ist nicht die Begründung moralischen Handelns, sondern die Erkundung und Gestaltung der individuellen, organisationalen und institutionellen Bedingungen der erfolgreichen Realisierung der moralischen Dimension einer Transaktion (Tm).“

Unternehmen sind Organisationsstrukturen, die auf Verträgen beruhen (Satzung, Kaufverträge, Arbeitsverträge etc.) Verträge können niemals vollständig sein, da künftige Ereignisse niemals vollständig antizipiert werden können. Ebenso können die künftigen Entscheidungen anderer Akteure nicht vorhergesehen werden. Entsprechend handelt ein Unternehmen unter Unsicherheit. Die Unvollständigkeit der Informationen und die Kontingenz ist der Tatbestand, der Moral erst notwendig macht. „Die Neue Organisationökonomik übersetzt die platonische Einsicht in die Irrtumsanfälligkeit des Menschen als personale, situationale und informationale Unsicherheit und als beschränkte Rationalität ökonomischer Akteure.“ Moral dient einerseits der Begrenzung ökonomischen Handelns. Andererseits ermöglicht Moral aber auch erst Kooperation, da durch das Einhalten moralischer Regeln Unsicherheit abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden kann.

Governanceethik als Tugendethik Wieland übersetzt das formale Konzept der Governanceethik in eine Tugendethik. Er „definiert ethische Tugenden als die Bereitschaft und die Fähigkeit individueller und kollektiver Akteure, die moralisch codierten Wertvorstellungen einer gegebenen Gesellschaft, ihrer Institutionen und Organisationen, durch angemessene Handlungen und Governanceprozesse vortrefflich zu realisieren.“ „Es geht darum zu zeigen, dass der Zusammenhang von moralischer Haltung mit der Entwicklung der Fähigkeit individueller und kollektiver Akteure, diese Haltung auch durch Handeln zu realisieren, den Kern der tugendethischen Qualität von Governance ausmacht.“ Dabei sieht er seine Formel auch als gedeckt durch das Denken der antiken griechischen Philosophen: „So ist es sowohl für Platon als auch für Aristoteles selbstverständlich, dass sich die individuellen Tugenden (IS) aus den Gesetzen (FI) und den tradierten Sitten der Polis (IF) herleiten und sich auf diese stützen können. Ohne FI = 1 und IF = 1 kann es auch kein IS = 1 geben. Die Sitten würden verfallen, der Staat und das Handeln würden korrumpiert. Weiterhin müssen sich die Erfordernisse der Tugenden in der Verfassung, den Regeln und Verfahren der Organisationen (OKK) der Polis und der Oikonomia niederschlagen, denn ohne eine Wohlgeordnetheit in dieser Hinsicht, wird auch die auf Wissen und Erziehung gegründete Tugend keine Wirklichkeit gestaltende Chance haben.“ Tugenden beschränken sich nicht auf die motivationale Bereitschaft, tugendhaft zu handeln, sondern beinhalten auch die Ausbildung der Fähigkeiten dazu. Auch die ursprünglich nur an das Individuum geknüpften Tugenden bedürfen eines institutionellen Rahmens, um sich zu entwickeln. Organisationen wie Unternehmen sind allerdings nicht von Natur aus moralisch. „Die Konstituierung eines kollektiven Akteurs geschieht niemals um seiner selbst willen, sondern um der damit verbundenen Interessen willen.“ Entsprechend entsteht eine moralische Haltung in einem Unternehmen oder einer anderen Organisation durch die Gestaltung der Akteure und deren moralische Einstellungen. Wieland beschreibt dies als zweistufigen (rekursiven) Prozess: „Die moralsensitive Gestaltung von Governance setzt wirksam moralische Präferenzen von Akteuren voraus, moralsensitive Governance ihrerseits ist die systematische Voraussetzung für die Wirksamkeit moralischer Präferenzen.“

„Die Ermöglichungs- und Beschränkungsfunktion von Moral ist eng verknüpft mit der Aufrichtigkeit und Genauigkeit bei der Realisierung moralischer Ansprüche.“ Ohne gelebte moralökonomische Werte verlieren Organisationen an Reputation und Glaubwürdigkeit. Beides ist notwendig, um eine langfristige Existenz sicherzustellen.

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