mini|Philipp Gottfried Schaudt (?).Nach einem Medaillon auf der „Furtwanger Uhr“ (um 1785) mini|Himmelsglobus der „Münchner Uhr“ mit dem Schriftzug „Phil. Gottfr. Schaudt“ auf dem Äquatorialring Philipp Gottfried Schaudt (* 11. Oktober 1739 in Onstmettingen; † 21. Juni 1809 ebenda) war ein deutscher Schulmeister und MechanikusUnter einem Mechanikus verstand man seinerzeit einen Mechaniker, der nicht nur über gute handwerklich-praktische Fähigkeiten verfügte, sondern auch theoretische, d. h. mathematische Kenntnisse besaß. Er führte eine eigene Werkstatt, konnte komplizierte mechanische Aufgaben lösen und war bei Bedarf imstande, eigene Werkzeuge herzustellen..

Schaudt war der kongeniale Mitarbeiter des schwäbischen „Mechanikerpfarrers“ Philipp Matthäus Hahn. Ohne Schaudt, der zeit seines Lebens nie von seinem Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb fortzogOnstmettingen war ein armes, verkehrsungünstig gelegenes Dorf auf der westlichen Schwäbischen Alb im protestantischen Herzogtum Württemberg. Es war in drei Himmelsrichtungen vom katholischen Fürstentum Hohenzollern-Hechingen umschlossen, was zu erheblichen Einschränkungen im sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und technischen Austausch führte., wäre es Hahn nach eigenem Bekunden nicht möglich gewesen, die von ihm konstruierten Rechenmaschinen und astronomischen Uhren in die Realität umzusetzen.

Ab der ersten Hälfte der 1770er Jahre löste sich Philipp Gottfried Schaudt zunehmend von den Vorgaben seines einstigen Lehrmeisters Hahn. Er baute eigenständig komplizierte mechanische Apparaturen, darunter eine astronomische Uhr, die er 1790 in Frankfurt am Main anlässlich der dortigen Kaiserwahl zum Kauf anbot.

Hahns bzw. Schaudts Apparaturen werden von mehreren deutschen Museen als Musterbeispiele deutscher Uhrmacherkunst des ausgehenden 18. Jahrhunderts ausgestellt.

Quellen Über Philipp Gottfried Schaudts Leben ist relativ wenig bekannt. Unser Wissen stützt sich im Wesentlichen auf die jährlichen Kirchen- und Schulvisitationsprotokolle der Jahre 1763–1791Sie werden im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Bestand A281, Büschel 83) sowie im evangelischen Pfarramt Onstmettingen aufbewahrt., auf SynodusprotokolleSie werden im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart aufbewahrt. sowie auf TagebuchnotizenMartin Brecht, Rudolf F[riedrich] Paulus (Hrsg.): Die Kornwestheimer Tagebücher 1772–1777. Berlin/New York (de Gruyter) 1979, ISBN 3-11-007115-0; Martin Brecht, Rudolf F[riedrich] Paulus (Hrsg.): Die Echterdinger Tagebücher 1780–1790. Berlin/New York (de Gruyter) 1983, ISBN 3-11-008910-6. und autobiographische Skizzen Philipp Matthäus Hahns († 2. Mai 1790)Z. B. Philipp Matthäus Hahn: Beschreibung mechanischer Kunstwerke. 1. u. 2. Teil. Mit einer autobiographischen Vorrede. Stuttgart (Mezler) 1774; Nachdruck: Stuttgart (Lithos) 1991, ISBN 3-88480-013-2..

Problem der Zuschreibung Die wenigsten von Schaudt gefertigten Rechenmaschinen und Uhren sind so gekennzeichnet, dass sie Auskunft über ihren Konstrukteur geben. Daher muss die Urheberschaft des Entwurfs indirekt ermittelt oder sogar erschlossen werden: Findet sich in der Primärliteratur, allen voran in Philipp Matthäus Hahns Tagebüchern und Briefen, kein Anhaltspunkt dafür, dass eine Apparatur von Hahn konstruiert wurde, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Schaudt ihr Konstrukteur war. Gestützt wird eine solche Einschätzung durch konstruktive Eigenheiten, die Hahns Apparaturen nicht aufweisen.

Herkunft Philipp Gottfried Schaudts männliche Vorfahren lassen sich in den Onstmettinger Kirchenbüchern bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. 1525 wird der Familienname im Onstmettinger Herdstättenverzeichnis erstmals in der Schreibung „Schut“ erwähnt. Schaudts Vorfahren stellten 130 Jahre lang die Schulmeister und, mit wenigen Ausnahmen, auch die Provisoren (= Hilfslehrer oder Lehrgehilfen) von Onstmettingen.

Leben Elternhaus, Erziehung, Ehe Philipp Gottfried Schaudt war das vierte von zehn Kindern des Provisors Georg Philipp Schaudt und dessen Ehefrau Anna-Margaretha Weidlen. Philipp Gottfried war das erste Kind des Ehepaars, welches das Erwachsenenalter erreichte. Als Philipp Gottfried zehneinhalb Jahre war, starb sein Vater. Die Erziehung wurde von Philipp Gottfrieds Großvater mütterlicherseits, dem Onstmettinger Schulmeister Weidlen, fortgesetzt. Am 30. August 1763 heiratete Philipp Gottfried Schaudt die knapp zwei Jahre ältere Justina (auch: Justine) Conzelmann (1737–1822), die Tochter eines Richters und Zollers (= Zolleinnehmer). Aus der Ehe gingen fünf Kinder – allesamt Jungen – hervor. Bis auf den Drittgeborenen, über dessen Beruf nichts bekannt ist, wurden alle Söhne Pfarrer, Schulmeister oder Provisoren.

Freundschaft mit Philipp Matthäus Hahn Im Alter von 17 Jahren freundete sich Schaudt mit dem ein Monat jüngeren Philipp Matthäus Hahn (1739–1790) an. Dessen Vater, ein pietistischer Pfarrer, war 1756 nach Onstmettingen versetzt worden.

Schaudt und Hahn verband eine ausgeprägte naturwissenschaftliche Neugier und technische Begeisterung. Gemeinsam schliffen die jungen Männer Glas, bauten Sprachrohre, Fernrohre, Mikroskope und Sonnenuhren. Als Hahn ab Herbst 1756 in Tübingen Philosophie studierte und nur noch die vorlesungsfreien Zeiten in Onstmettingen verbringen konnte, saßen die beiden Freunde ganze Nächte zusammen, zerlegten Uhren, bauten mechanische Apparaturen und beobachteten den Sternenhimmel.

Provisor, Schulmeister, Mesner Im Alter von 16 Jahren (1755) nahm Philipp Gottfried Schaudt unter seinem Großvater, dem Schulmeister Weidlen, den Schuldienst als Provisor auf. 1761 tauschten Schaudt und Weidlen altersbedingt die Rollen: Der 21-jährige Schaudt wurde Nachfolger seines Großvaters als Schulmeister von Onstmettingen; der 77-jährige Weidlen unterstützte seinen Enkel anfangs als Provisor.

In den jährlichen Kirchen- und Schulvisitationsprotokollen, die der örtliche Pfarrer – von 1764 bis 1770 war dies Philipp Matthäus Hahn – als sein Vorgesetzter anfertigte, wurde Schaudt regelmäßig bestätigt, gute Schulgaben zu besitzen, einen untadeligen Lebenswandel zu führen, im Schul- und Mesneramt fleißig zu sein, gute Schulzucht zu halten und die Kirche und das sakrale Gerät reinlich zu halten. 1771 wurde Schaudt als einer der tüchtigsten Schulmeister in der ganzen Prälatur Bebenhausen bezeichnet.

In allen Visitationsberichten ab 1779 wurden Schaudts gute Rechenkenntnisse hervorgehoben, die für einen Schulmeister des ausgehenden 18. Jahrhunderts keineswegs selbstverständlich waren. Mehrfach wurde auch vermerkt, dass Schaudt ein guter Organist sei.

Nur 1787 wurde Schaudt vorgehalten, sich im vergangenen Winter öfter im Wirtshaus aufgehalten zu haben, „als man gerne sehen kann“. Tatsache war, dass Schaudt „gute Kenntnisse in der Chirurgie“ besaß, welche er an der Tochter des Wirts anwandte, die „einen offenen Schaden am Fuß“ hatte.

Ab 1791 erregte Schaudt Anstoß, weil er dem Branntwein zusprach, „den er für ein nöthiges Labsal seines Alters“ hielt, aber angeblich „auch in geringerer Quantitaet nicht ertragen“ konnte (1804). Der Alkoholkonsum beeinträchtigte Schaudts öffentliche Aufgaben allerdings in keiner Weise. 1797 attestierte man Schaudt sogar, dass „seine Schule immer vor andern sich auszeichnet.“

Uhrmacher und Mechanikus Ab etwa 1765 ließ sich Schaudt von den in Onstmettingen lebenden, gehörlosen Schmieden und Uhrmachern Johann Sauter (1723–1786) und Paulus Sauter (1732–1794) zeigen, wie man in Messing und Stahl arbeitet. Durch eigene Übung verfeinerte Schaudt seine Fertigkeiten, traute sich aber nicht zu, Hahns Konstruktionszeichnungen einer astronomischen Uhr umzusetzen. Erst auf Hahns Zureden ließ sich Schaudt um 1766 auf den Bau der Uhr ein. Die ersten Erfolge beflügelten ihn.Im Kirchenvisitationsprotokoll von 1768 bestätigte Philipp Matthäus Hahn, dass Schaudt „das Uhrmachen von sich selbsten gelernt“ habe. Als Schaudt die Uhr 1767 fertiggestellt hatte, ließ sich Hahns und Schaudts Landesherr, der württembergische Herzog Carl Eugen, die Uhr in Tübingen vorführen. Carl Eugen gab Hahn eine Anerkennungsprämie von 300 Gulden – das Zehn- bis 15-Fache des Preises einer Kuh – und bestellte obendrein für die herzogliche öffentliche Bibliothek in seiner Residenz Ludwigsburg eine größere, prunkvollere astronomische Uhr – die sogenannte „Ludwigsburger Weltmaschine“. Für diesen Auftrag wurde Schaudt 18 Monate lang (Anfang 1768 bis Juli 1769) von seinem Amt als Schulmeister freigestellt.

1769 baute Schaudt für den Fürsten aus dem benachbarten Hohenzollern-Hechingen eine kleine astronomische Uhr, die dem Erstlingswerk von 1766 bis 1767 sehr ähnlich war und deren Erlös Hahn seinem Freund Schaudt zukommen ließ.Vgl. Philipp Matthäus Hahn: Kurze Beschreibung einer kleinen beweglichen Welt-Maschine. Faksimile-Neudruck der wiederentdeckten Ausgabe Konstanz, Lüdolph, 1770. Herausgegeben von Reinhard Breymayer. Mit einem Geleitwort von Alfred Munz. Tübingen: Noũs-Verlag Thomas Leon Heck, 1988, ISBN 3-924249-03-2. – Diese kleine Welt-Maschine befindet sich heute im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart. Vgl. im Verzeichnis der Werke das nach seinem zeitweiligen Standort „Salemer Kaminuhr“ genannte Kunstwerk.

Schaudt übte seine mechanischen Arbeiten jahrzehntelang aus, ohne darüber seine öffentlichen Ämter zu vernachlässigen. Ab 1774 lehnte Schaudt lediglich das sogenannte Abdanken ab, das heißt das Aussprechen von Dank an die Teilnehmer von Hochzeiten und Beerdigungen für deren Anwesenheit. Schaudt begründete dies damit, dass die Leute es nicht mehr hören wollten. 1778 vermerkte der Pfarrer, dass Schaudt „seine Uhren-Kunst einträglicher“ sei.

Als Schulmeister verdiente Schaudt etwas mehr als 200 Gulden im Jahr. Das reichte gerade, um eine fünfköpfige Familie zu versorgen. Seit 1770 zählte Schaudts Familie jedoch sieben Köpfe. Wie viele seiner Berufskollegen musste auch Schaudt einem Nebenerwerb nachgehen, um seine Familie über die Runden zu bringen. Schaudt verlegte sich auf das Reparieren von Uhren, ab spätestens 1784 auch auf das Anfertigen von Werken für Kirchen-, Stand- und Sackuhren.Laut Kirchenvisitationsprotokoll von 1777 beschäftigte Schaudt für das Uhrenmachen einen Gehilfen, der ihm Handlangerdienste leistete.

Im März 1770 wurde Philipp Matthäus Hahn nach Kornwestheim, 1781 nach Echterdingen versetzt. Trotz seiner drängenden Bitten an Schaudt, ihm zu folgen, lehnte dieser beharrlich ab. Schaudt war lediglich ein paar Mal zu Besuch bei Hahn in Kornwestheim. Der Zusammenarbeit zwischen Hahn und Schaudt tat der Wegzug Hahns keinen Abbruch. 1774 fertigte Schaudt z. B. zwei Rechenmaschinen und um 1785 eine Doppelglobusuhr („Furtwanger Uhr“) nach Hahns Vorgaben.

Allerdings betrieb Hahn in Kornwestheim und später in Echterdingen eine mechanische Werkstatt, in der zwei seiner Brüder, sein Schwager und mehrere von auswärts kommende Uhrmachergesellen Hahns einfachere Konstruktionen (vor allem Waagen und Uhren) verwirklichten. Möglicherweise als Reaktion auf den dadurch verursachten Auftragsrückgang von Seiten Hahns, aber auch weil Schaudt ein kluger, eigenständig denkender Kopf war, begann Schaudt schon bald nach Hahns Wegzug aus Onstmettingen Hahnsche Konstruktionsideen weiterzuentwickeln. Heute wird die Konstruktion von fünf astronomischen Uhren mit großer Wahrscheinlichkeit Philipp Gottfried Schaudt zugeschrieben (Einzelheiten: siehe Abschnitt „Werke“ in diesem Artikel): die „Münchner Uhr“ (1770? oder später), eine astronomische Wanduhr (1772) und die „Globusuhren Darmstadt 1 und 2“ (um 1774 bzw. um 1785) – möglicherweise auch eine von Schaudt nach Oberschwaben verkaufte astronomische Uhr (vor 1790).