Fahrangst, auch als Amaxophobie bezeichnet, ist die Angst vor dem Auto oder vor dem Autofahren im Verkehr. Darunter leiden insbesondere Fahrer, manchmal auch Beifahrer. Die Angst bezieht sich auf bedrohlich gedachte Situationen im Straßenverkehr, etwa auf der Autobahn oder beim Befahren unbekannter Strecken.Beschreibung der Fahrphobie bei G. Alpers: Autofahrphobie. Horror auf Rädern. In: Psychologie heute. H. 2006, S. 52f. Die Gedanken drehen sich um Katastrophen, es wird befürchtet, einen Unfall zu verursachen, andere zu verletzen oder zu töten. Die Betroffenen reagieren beim Versuch, solche Situationen trotz ihrer Angst aufzusuchen, mit heftigen körperlichen Symptomen.Beschreibung der Symptome bei W. Goede: Panik hinterm Steuer. Wie man Fahrängste in den Griff bekommt. In: daz Deutsche Angstzeitung. S. 4ff. Daher vermeiden sie die bedrohlichen Situationen. Schließlich werden auch sehr harmlose Situationen mit Angst betrachtet, etwa Wohnstraßen, und das Fahren wird ganz eingestellt.

Das totale Vermeiden führt zu einem Verlust an Mobilität, Lebensqualität und Selbstbewusstsein. Diese schweren Formen von Fahrangst werden auch als Fahrphobie bezeichnet und sind als Krankheit mit entsprechendem Therapiebedarf zu betrachten.W. Goede: Panik hinterm Steuer. Wie man Fahrängste in den Griff bekommt. In: daz Deutsche Angstzeitung. S. 4ff. Wissenschaftlich gesehen gehört die Fahrangst zu den spezifischen Ängsten (Phobien), wie z. B. Spinnenangst. „Die Befürchtungen richten sich primär auf die von den Situationen und Objekten ausgehenden Gefahren und Bedrohungen z. B. Angst vor Flugzeugabsturz, Angst vor Verletzungen durch Hunde, Angst vor Unfällen bei Autofahrphobien.“J. Angenendt u. a.: Angststörungen. In: M. Berger (Hrsg.): Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München/Jena 2000, S. 579.

Angst vor dem Auto, Angst vor dem Autofahren Fahrangst kann sich sowohl auf das Auto selbst als auch auf das Autofahren beziehen, also erscheinen als: Angst vor dem Auto als unberechenbarer Maschine, die schwer zu durchschauen und zu kontrollieren ist und macht, was sie will – plötzlich abwürgt, scharf bremst, davonrast oder schleudert. Die Betroffenen fürchten, dass nicht sie das Auto fahren, sondern das Auto mit ihnen fährt. Im Gefolge der unkontrollierbaren Fahrmanöver könne es, so ihr Albtraum, zu Unfällen kommen. Angst vor dem Autofahren in bedrohlich bewerteten Situationen, etwa im dichten, schnellen Großstadtverkehr, auf städtischen Autobahnen, Bundesstraßen außerhalb von Ortschaften mit viel Verkehr, Fahrten auf unbekannten Strecken, bei schlechter Witterung oder nachts. Die Betroffenen empfinden sich im Verkehrsfluss bedrängt und von vielen Informationen überfordert. Sie fühlen sich gehetzt und bedrückt, spüren den Zwang, eine Entscheidung zu treffen und gleichzeitig Hilflosigkeit. In der Hektik fürchten sie, den Überblick zu verlieren, sich mehr oder weniger zufällig und dann vielleicht falsch zu entscheiden, in eine Unfallsituation zu geraten. Daraus entsteht schwerer Stress, gefolgt von starken körperlichen Symptomen. Anschließend werden solche Stellen immer häufiger angstvoll gemieden. Der Würzburger Psychologe G. Alpers hat mit Kollegen in den USA Autofahr-Phobikerinnen und Kontrollprobandinnen bei Fahrten auf der Autobahn untersucht. Dabei wurde der Cortisolspiegel vor und während der Fahrten festgestellt. Cortisol gilt zusammen mit Adrenalin als klassisches Stresshormon. Ergebnis: Der Cortisolspiegel der Phobikerinnen verhielt sich zunächst wie bei der Kontrollgruppe. Etwa eine Stunde vor der Fahrt stieg er an, blieb hoch, sackte dann aber im Verlauf der Autobahnfahrt ab. Alpers spricht von einer „vorausschauenden Angst“.G. Alpers, J. Abelson, F. Wilhelm, W. Roth: Salivary Cortisol Response During Exposure Treatment in Driving Phobics. In: Psychosomatic Medicine. 65, Juli/August 2003, S. 679ff.

Wer von Ängsten beim Autofahren betroffen ist, schränkt sein Fahren immer mehr ein, bis zur völligen Vermeidung. Durch das Vermeiden verstärkt sich die Angst – ein Teufelskreis entsteht. Die Betroffenen fürchten sich dann nicht nur vor der realen Situation (Auto zu fahren im dichten Verkehr oder auch nur in Wohnstraßen), sondern vor den quälenden Auswirkungen der eigenen Angst („Angst vor der Angst“). Da die Betroffenen von ihrer Umgebung oft nicht verstanden werden, ziehen sie sich zurück und verschweigen ihren Zustand.

Ängste beim Fahren als Teil einer anderen Phobie Neben der spezifischen Fahrangst gibt es einige andere Phobien, die sich auf verschiedene Lebensbereiche erstrecken, aber auch das Autofahren massiv einschränken können: u. a. Panikattacken, Agoraphobie, Soziale Phobie, Klaustrophobie, Höhenphobie, Traumatisierung nach einem Unfall.K. Müller: Autofahren ohne Angst. Hogrefe, Bern, 2021 (2. Auflage), S. 17ff. Dabei existiert das Auto oder das Autofahren im Verkehr als Hintergrund oder Bühne für allgemeine Ängste. Diese Ängste beeinträchtigen nicht nur das Autofahren und seine Sicherheit, sondern das gesamte Leben (Familie, Arbeit, Freizeit). Diese Ängste haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Befindlichkeit der Betroffenen und ihre Lebensqualität. Daher müssen sie im Regelfall therapeutisch behandelt werden.Angststörungen. S. 13.

Das Autofahren eignet sich besonders gut als Bühne oder als Auslöser für solche Ängste und spitzt diese regelrecht zu. Auslösende Faktoren für Ängste beim Autofahren können sein: die Enge im Auto, die Dichte des Verkehrs, hohe Geschwindigkeit, der Druck, unter der Beobachtung anderer schnelle, fehlerfreie Entscheidungen mit vielleicht gravierenden Folgen treffen zu müssen, Drängeleien, gefährliche Streckenführung oder Witterung und überhaupt die Unfallgefahr.

Zu den unspezifischen Fahrängsten gehören: soziale Fahrangst bzw. soziale Angst, darunter Prüfungsangst, Angst vor Beifahrern oder Fahrern oder anderen Verkehrsteilnehmern. Sie ist die Angst vor sozial belastenden Situationen im Verkehr, z. B. durch kritische Äußerungen anderer, böse Blicke, herabsetzende Gesten, Hupen. Menschen mit sozialer Angst bzw. sozialer Fahrangst reagieren auf solche Ereignisse übertrieben, sie zucken zusammen, sind schuldbewusst und verzweifeln, wenn jemand hupt. Sie versuchen, solche Situationen zu vermeiden, oder reagieren mit großer Angst, wenn sie wieder in eine derartige Lage geraten. Unfallangst bzw. posttraumatische Belastungsstörung. Sie entsteht aufgrund der übermäßigen Belastung durch Unfälle. Die Betroffenen leiden an quälenden, wiederkehrenden Erinnerungen an das Unfallgeschehen, an Konzentrationsstörungen, Schlafmangel und Schreckhaftigkeit. Sie verlieren sich in fruchtlosen Grübeleien und Schuldgefühlen und fürchten überall neue, schwere Unfälle. Solche Situationen werden nun vermieden. Clemens, Hack u. a. unterscheiden die posttraumatische Belastungsstörung von den Angststörungen, die sich zusätzlich nach einem Unfall entwickeln können. Sie nennen diese Ängste „Reiseängste“, ein Begriff, der gut zum Begriff der Fahrängste passt: „Es handelt sich dabei um eine Gruppe phobischer Ängste, die sich beispielsweise in der unangemessenen Angst, einen erneuten Unfall zu erleiden oder überhaupt am Verkehr teilzunehmen, manifestieren können. Bestimmte unfallassoziierte Situationen lösen dann körperliche und psychische Angstreaktionen aus. Wenn der Unfall z. B. an einer Kreuzung passiert ist, kann der Betroffene später mit heftigem Zittern, Schweißausbrüchen, Verkrampfungen und panikartigen Ängsten reagieren, wenn er sich einer Kreuzung nähert.“K. Clemens, E. Hack, J. Schottmann, H. J. Schwab: Psychische Störungen nach Verkehrsunfällen – Implikationen für das Personenschadenmanagement. In: DAR, Rechtszeitschrift des ADAC. Heft 1/2008, Seite 9 ff. Angst vor Panikattacken in räumlichen Situationen, aus denen die Flucht schwierig wäre, z. B. im Supermarkt, in Warteschlangen, bei Reisen im Bus oder im Auto.Beschreibung bei S. Schmidt-Traub: Panikstörung und Agoraphobie. Hogrefe, Göttingen 2000, S. 20 ff. Beim Autofahren werden dann Situationen gefürchtet, aus denen man beim Auftreten von Panikattacken nicht schnell genug flüchten könnte, etwa Schnellstraßen, Tunnel, Brücken, breite Straßen mit dichtem, schnellem Verkehr, wo man selbst in der Mitte oder links fährt, der Weg bis zur nächsten Ausfahrt sehr weit ist, Autobahn und hohe Geschwindigkeit. Solche Situationen werden gemieden oder nur mit großer Angst aufgesucht. Man nennt diese Angst Agoraphobie.

Verbreitung der Fahrängste Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung der Verbreitung der Fahrängste in der Bevölkerung. Bis eine solche Untersuchung vorliegt, kann die Zahl der Fahrängstlichen nur vermutet bzw. grob geschätzt werden. Offensichtlich ist aber, dass wesentlich mehr Frauen als Männer unter Fahrangst leiden.W. Goede schätzt das Verhältnis Frauen zu Männern etwa 6 zu 1. W. Goede: Panik hinterm Steuer. Wie man Fahrängste in den Griff bekommt. In: daz Deutsche Angstzeitung. S. 4.

Über die Verbreitung der spezifischen Fahrangst wissen wir wenig. Angenendt u. a.J. Angenendt u. a.: Angststörungen. In: M. Berger (Hrsg.): Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München/Jena 2000, S. 578f. zählen bei ihrer Zusammenfassung der spezifischen Phobien auch die phobischen Ängste vor dem Autofahren zu den Ängsten, die „am weitesten verbreitet sind“. Wissenschaftler am Universitätsklinikum Münster und an der Universität Würzburg sprechen von den „drei häufigsten Phobien“, zu denen die Angst vor dem Autofahren zähle.Dazu gehöre die Angst vor Spinnen, vor Höhe und vor dem Autofahren. Innovative Therapie: UKM-Ärzte erforschen die Behandlung von Phobien in der „virtuellen Realität“. In: Informationsdienst Wissenschaft. Pressemitteilung des Universitätsklinikums Münster. 4. Dezember 2009. Bei einer Forsa-Umfrage 2016 gaben neun Prozent der Befragten an, Angst beim Autofahren zu haben. Umgerechnet wären das ca. sechs Millionen Menschen in Deutschland.CosmosDirekt (2020) www.cosmosdirekt.de/autoversicherung/angst-vorm-autofahren/

Was die Ängste beim Fahren als Teil einer anderen Phobie betrifft, gibt es fundierte Schätzungen. Aufgrund der wissenschaftlich erforschten Häufigkeit der vorgenannten Phobien und dass sich diese Ängste überwiegend auch auf das Autofahren erstrecken, schätzt K. Müller hier die Häufigkeit hier auf ca. drei bis vier Millionen Betroffene.K. Müller: Autofahren ohne Angst, Hohegrefe, Bern, 2021 (2. Auflage), S. 32–37

Die Lebenszeithäufigkeit der Angststörungen Panikstörung bzw. Agoraphobie, die ja meistens zusammen auftreten, wird auf ca. 5 % geschätzt.J. Angenendt u. a.: Angststörungen. In: M. Berger (Hrsg.): Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München/Jena 2000, S. 571. Diese Zahl sagt aus, wie viel Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens kurzzeitig oder chronisch an dieser Angststörung erkranken. Das durchschnittliche Alter, in dem die Angststörungen Panikstörung bzw. Agoraphobie beginnen, liegt bei über 25 Jahren.Angststörung. Heft 35 2004, S. 13. Das heißt, dass die meisten Betroffenen den Führerschein und die erste Fahrerzeit noch ohne Ängste erleben. Die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik Deutschland beträgt etwa 82 Millionen.Statistisches Jahrbuch 2009. 2 Bevölkerung, S. 28ff. Bezogen auf diese Zahl gibt es grob geschätzt etwa 4 Millionen Menschen, die zeitweilig an Panikattacken bzw. Agoraphobie leiden.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Angststörungen und Ängsten beim Autofahren. Dieser Zusammenhang ist offenkundig bei solchen Ängsten wie Agoraphobie. Die meisten Agoraphobiker, so steht zu vermuten, werden auch Ängste beim Autofahren haben.B. Bandelow: Das Angstbuch. Rowohlt, Hamburg 2004, S. 61: „Zahlreiche Agoraphobiker haben Angst vor dem Autofahren.“ Der Zusammenhang ist noch nicht genauer erforscht, schon gar nicht in Zahlen.